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Daniel Goldstein © Grietje Mesman

Sprachlupe: In der Kürze lauern Stürze

Daniel Goldstein /  Platz ist Geld, darum sparen Medien gern da und dort ein Wort ein, wenn man den Ausdruck trotzdem versteht. Das klappt nicht immer.

In der Kürze liegt die Würze – doch die kann einem Gericht auch schaden, und sogar einem gastronomischen Loblied. So jüngst geschehen, als der Restaurantführer «Guide Michelin» seine Sterne vergeben hatte, darunter an ein Luzerner Lokal. Gemäss einem Pressebericht heisst die ausgezeichnete Küchenchefin Michèle Meier und «beschert der Stadt Luzern seit zehn Jahren wieder Sterne». Wie dürfen wir das verstehen? Der Wortlaut lässt vermuten, sie habe der Leuchtenstadt schon ganz früher einmal Sterne beschert, dann nicht mehr, aber wiederum seit zehn Jahren.

Mit gutem Willen kann man den Satz auch gelten lassen, wenn nicht Meier, sondern eine andere Koryphäe des Kochlöffels für den längst verblichenen Sterneregen gesorgt hatte und nach einer Durststrecke das Jahrzehnt der Meier’schen Sterne anbrach. Aber noch mehr guten Willen brauchen wir, um dem Satz jene Aussage abzuringen, die vermutlich beabsichtigt ist: dass nämlich die sternelose Durst- oder besser Hungerstrecke selber zehn Jahre dauerte und erst jetzt zu Ende gegangen ist.

Gut abgehangene «News»

Um diese Erlösung auf Anhieb spürbar zu machen, hätte ein einfaches Wörtchen vor der Zeitangabe «seit zehn Jahren» gereicht: «erstmals». Obwohl erst diese Einordnung der Meldung einen besonderen Nachrichtenwert verleiht, fehlt sie heutzutage bei «seit» oft – besonders dann, wenn Nachrichten als «News» möglichst schnell ins Internet gejagt werden. Das ist paradox, denn etwas, das «seit zehn Jahren» geschieht, lässt sich schlecht als «Neuigkeit» verkaufen. Aber vielleicht ist die Leserschaft schon so geneigt, alles neu zu finden, was am Bildschirm aufblitzt, dass sie sich «erstmals» automatisch dazudenkt.

Derlei Verkürzungen fallen mir in der Mediensprache schon länger auf. Eine meiner ersten «Sprachlupen» galt 2009 dem Spatenstich und dem längeren Hebel. Es war schon damals selten geworden, dass Prominente den «ersten Spatenstich» taten, um eine Baustelle zu eröffnen: Ein gewöhnlicher Spatenstich musste reichen, und vielleicht blieb es ja sowieso der einzige, weil der Rest mit Maschinen erledigt wurde. Zusammen mit dem Handwerk mag auch die Erfahrung verloren gegangen sein, dass ein längerer Hebel vor allem dann einen Vorteil bringt, wenn er ein Hebelarm ist und an seinem anderen Ende ein kürzerer Hebelarm sitzt, den ein armer Widersacher drückt.

Aus Lob wird Tadel

Auch wenn solche Verkürzungen selten wirklich zu Missverständnissen führen, haben sie doch ihre Tücken. Aus einem beabsichtigten Lob kann sogar Tadel werden, so in diesem Fall, durchaus kein Einzelfall: «Allein die detaillierte Erklärung, dass die alten Griechen ihre Statuen bemalt haben und warum sie von späteren Generationen ‹gereinigt› wurden, ist gescheit und unterhaltend.» Das stand in einer Besprechung des gewichtigen Werks «Das Farbenbuch» und kann eigentlich nichts anderes bedeuten, als dass der ganze Rest des Buchs weder gescheit noch unterhaltend ist, oder wenigstens nirgends beides zugleich. Stünde aber «Allein schon …», so dürfte man sich ohne viel Rätselratens darauf freuen, im «Farbenbuch» noch viele andere gescheite und unterhaltende Dinge zu finden. Und wenn Sie sich soeben gefragt haben, ob die alten Griechen später gereinigt wurden, dürfen Sie nur schon das unterhaltsam finden.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Zum Infosperber-Dossier:

Portrait_Daniel_Goldstein_2016

Sprachlupe: Alle Beiträge

Daniel Goldstein zeigt, wie Worte provozieren, irreführen, verharmlosen – oder unbedacht verwendet werden.

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