Sprachlupe: Falsche Freunde in Personalindustrie

Daniel Goldstein /  Manager heissen nicht nur englisch, sie reden auch gern so – jedenfalls halbwegs, wenn sie Fachwörter ins Deutsche transportieren.

Der Standort Bern zeichne sich durch «seriöses Business» aus. So warb einst der regionale Wirtschaftsförderer. Sicher hatte er recht – aber als Mekka unseriöser Geschäfte wird sich kaum eine Gegend anpreisen, jedenfalls nicht offen. Oder hat man je von Schweizer Banken dies gehört: «Herbei, ihr Hinterzieher!»? Bern indessen «steht für ethisches Wirtschaften und nicht für Gewinnmaximierung».
So weit, so gut. Nun steht der Wirtschaftsförderer aber vor der Herausforderung, mit der Maxime «seriöses Business» auch eine gehörige Menge an «serious business» zu generieren. Das tönt zwar fast gleich, ist aber etwas anderes – wie so oft, wenn ein englisches (oder sonst fremdsprachiges) Wort eine gleichlautende deutsche Entsprechung hat. Weichen die Bedeutungen voneinander ab, so redet man von falschen Freunden: Das Wort gibt sich vertraut, führt einen dadurch aber in die Irre.
Mit «serious business» ist nämlich nichts darüber gesagt, ob die gemeinten Geschäfte seriös oder anrüchig seien. Vielmehr bezieht sich jene Ernsthaftigkeit, um die es im Englischen geht, auf die Substanz: Das Business – wenn wir es auf Deutsch so nennen wollen – soll Gewicht haben und richtig Geld bringen. Da ist keine Liebhaberei gemeint und auch keine Eintagsfliege. Hingegen spielt es keine Rolle, in welcher Industrie es angesiedelt ist.

Industrien ohne Fabriken

Industrie? Auch da lauert ein falscher Freund: Auf Deutsch ist eine Industrie immer «etwas mit Fabriken», oder in der Sprache der Ökonomen etwas aus dem sekundären Sektor, jenem der Güterverarbeitung. Auf Englisch aber kann auch ein Ausschnitt aus dem primären oder dem tertiären Sektor eine «industry» sein, also aus der Urproduktion wie Landwirtschaft oder aus den Dienstleistungen wie Tourismus.
Im Deutschen – dazu gehören auch Fremdwörter – reden wir zunächst einmal von Branchen. Wird Landwirtschaft oder Tourismus als Industrie bezeichnet, so liegt entweder eine gedankenlose Übernahme aus dem Englischen vor oder aber eine bewusste Kritik daran, dass in diesen Branchen heute oft industriell gearbeitet wird. Also daran, dass mit Pflanzen, Tieren und Menschen so umgegangen wird wie mit Maschinen (oder vielleicht sogar weniger sorgfältig, weil der Verschleiss weniger schnell sichtbar wird).

Der Personalchef als Leibkoch

Solchem Tun könnte es noch Vorschub leisten, wenn Personalcomputer und Personaltrainer so eingesetzt würden, wie es diese gelegentlich anzutreffenden «deutschen» Wörter vermuten lassen: Da würde Personal mit dem Computer optimiert und dann einem entsprechenden Trainer zugeführt. Dabei sind sowohl der «personal computer» als auch der «personal coach» gerade nicht zu industriellem Einsatz bestimmt, sondern zum persönlichen. Das Missverständnis funktioniert übrigens auch in umgekehrter Richtung: Als sich einst das Kind eines Personalchefs zum Austauschjahr in den USA anmeldete, befürchtete die Gastfamilie, da komme ein verwöhntes Leckermaul, sei doch der Papa «personal chef», also Leibkoch.
Zum Glück aber arbeitete der Vater nicht in der «gourmet industry». Auch wenn er in der «legal industry» tätig wäre, könnte das falsch verstanden werden. Nämlich als Beteuerung, er betreibe nicht etwa irgendein illegales (oder gar unseriöses) Geschäft. Das soll ja in der gemeinten Branche, nämlich der Juristerei, durchaus vorkommen. Ist in einem Bericht aus Amerika etwa zu lesen, gegen eine Schweizer Bank sei ein «legales Verfahren» eingeleitet worden, so ist es rechtlich, gesetzlich, gerichtlich. Ob diese Behelligung legal ist oder aber rechtsmissbräuchlich, müsste im Verlauf des Verfahrens zutage treten.
— Zum Infosperber-Dossier «Sprachlupe»
«Falsche Freunde» 1
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«Falsche Freunde» 3
«Falsche Freunde» 4


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Der Autor ist Redaktor der Zeitschrift «Sprachspiegel» und schreibt für die Zeitung «Der Bund» die Kolumne «Sprachlupe», die auch auf Infosperber zu lesen ist. Er betreibt die Website Sprachlust.ch.

Zum Infosperber-Dossier:

Portrait_Daniel_Goldstein_2016

Sprachlupe: Alle Beiträge

Daniel Goldstein zeigt, wie Worte provozieren, irreführen, verharmlosen – oder unbedacht verwendet werden.

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