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Daniel Goldstein © Grietje Mesman

Sprachlupe: Es lohnt sich, Putins Rede zu lesen

Daniel Goldstein /  Die Ukraine braucht einen guten Schuss russischer Staatlichkeit, um auf den Präsidenten nicht als Bedrohung zu wirken.

Es ist selten, dass gewaltbereite Machthaber ihre wirklichen Ziele so deutlich offenlegen, wie es Russlands Präsident Putin am 21. Februar getan hat, als er die von ostukrainischen Abtrünnigen ausgerufenen «Volksrepubliken» anerkannte. Dank dem Berliner «Tagesspiegel» liegt die Rede auch auf Deutsch vor. Putin richtet sich «natürlich auch an unsere Landsleute in der Ukraine» und macht sogleich klar, dass er damit die ganze Bevölkerung meint: die Ukraine sei «ein integraler Bestandteil unserer eigenen Geschichte, Kultur und unseres spirituellen Raums». Dass sie sich überhaupt abspalten konnte, führt er auf das von Lenin gewährte Sezessionsrecht der Sowjetrepubliken zurück, das «nicht nur ein Fehler, sondern wie man sagt, viel schlimmer als ein Fehler» gewesen sei.

Die Fortsetzung des – einem französischen Minister zugeschriebenen – Zitats liess Putin unerwähnt: «nämlich ein Verbrechen». Aber so sieht er es: Lenin habe Russland mit den «oft willkürlich gebildeten Verwaltungseinheiten … einen Teil seiner eigenen historischen Territorien entrissen» und namentlich den (jetzt umkämpften) Donbass «buchstäblich in die Ukraine hineingepresst». Spöttisch fährt der Präsident fort: «Und jetzt haben ‹dankbare Nachkommen› Lenin-Denkmäler in der Ukraine abgerissen. Sie nennen es Entkommunisierung. Wollen Sie die Entkommunisierung? Nun, wir sind sehr zufrieden damit. Aber wir dürfen nicht, wie man so schön sagt, auf halbem Weg stehen bleiben. Wir sind bereit, Ihnen zu zeigen, was eine echte Entkommunisierung für die Ukraine bedeutet.»

Mit strafendem Arm nach Odessa

Dass der ganze Weg «heim ins russische Reich» bedeute, sagte er nicht, und auch nicht, was es für den Schritt von der Bereitschaft zum «Zeigen» noch brauchen würde. Aber er kündigte ein Eingreifen weit über den Donbass hinaus an einer Stelle deutlich an: «Wir kennen ihre Namen und werden alles tun, um sie zu bestrafen, sie zu finden und vor Gericht zu stellen», sagte er über die Brandstifter des Gewerkschaftshauses, in dem 2014 in Odessa Dutzende prorussischer Demonstranten ums Leben kamen.

Mit Angriff nachgedoppelt

Diese Analyse wurde am Mittwoch geschrieben – in der Annahme, bis zum «Sprachlupe»-Termin am Samstag würden den Worten noch nicht so deutliche Taten folgen. Ich habe den Text, inklusive Titel und Vorspann, unverändert gelassen. Auch Putins Ansprache vom frühen Donnerstag zum Beginn seiner «Militäroperation» ist beim «Tagesspiegel» in deutscher Übersetzung zu lesen.        D. G.

Jene Ereignisse sind tatsächlich ein besonders düsterer Teil des Sündenregisters, das Putin dem «Marionettenregime» in Kiew vorhielt. Die Vorwürfe mangelhafter Demokratie und grassierender Korruption sind zwar nicht unberechtigt, klingen aber aus berufenem russischen Mund geradezu grotesk, so auch dieser: «In der Ukraine gibt es einfach kein unabhängiges Gericht.» Schwerer wiegt die Benachteiligung der weit verbreiteten russischen Sprache, als «Derussifizierung und Zwangsassimilierung» überzeichnet.

Als Beleg für die «externe Kontrolle» der Ukraine führt der Präsident insbesondere deren Zusammenarbeit mit der Nato an, die sich immer mehr als Bedrohung Russlands erweise. Da US-Planungsdokumente «die Möglichkeit eines so genannten Präventivschlags gegen feindliche Raketensysteme vorsehen», sagt er voraus: «Die Ukraine wird als Sprungbrett für diesen Schlag dienen.» Als Vorbeugung sieht er seinen Vorschlag, die Nato möge ihre Ost­erweiterungen zurückrollen. Da dies «ignoriert» werde, kündigt er «Gegenmassnahmen» an, und zu den angedrohten Sanktionen meint er, diese würden selbst ohne Vorwand kommen, um «die Entwicklung Russlands zu unterdrücken».

Lenins Fehler korrigieren

Wenige Stunden nach seiner Rede erteilte Putin seinen Truppen den – nunmehr offiziellen – Marschbefehl Richtung Donbass. Gerade wenn der russische Präsident sein Land durch eine nahende Nato wirklich bedroht sieht, kann er es dabei nicht bewenden lassen, sondern muss eine aus seiner Sicht genügende Kontrolle über die Ukraine anstreben – ganz abgesehen von seiner Berufung auf die historische Zusammengehörigkeit. Das Rad der Geschichte auf einen angeblich richtigen Stand zurückzudrehen, ist ein beliebter Anspruch von Politikern, die mit dem heutigen Stand der Dinge unzufrieden sind.

Dass sich Putin mit der Unabhängigkeit der Ukraine nicht abgefunden hat, zeigt indirekt ein verklausulierter Satz über Lenins «Geschenk an die Nationalisten» – eben das Sezessionsrecht als Mittel, ihnen die gefährdete junge Sowjetunion beliebt zu machen: Der heutige Präsident sagt dazu, «dass die Erwägungen der aktuellen politischen Situation … keinesfalls die Grundlage für die Grundprinzipien der Staatlichkeit bilden dürfen und können». Verbunden mit seiner mehrfach wiederholten Geringschätzung der ukrainischen Staatlichkeit drängt sich der unausgesprochene Schluss auf, nur im Verbund mit Russland lasse sich in der Ukraine Staat machen.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Zum Infosperber-Dossier:

Portrait_Daniel_Goldstein_2016

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Daniel Goldstein zeigt, wie Worte provozieren, irreführen, verharmlosen – oder unbedacht verwendet werden.

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11 Meinungen

  • am 24.02.2022 um 21:01 Uhr
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    Die Bolschewiken – Lenin und andere – haben, um eine scheinbar freie und auf Gleichberechtigung der Völker beruhende Vielvölkersowjetunion vorzugaukeln, alle möglichen autonomen Regionen und Republiken gegründet, auch Wolgadeutsche und Juden hatten da ihre eigenen Republiken. Die Sowjetukraine war ein solches Gebilde – weder wirklich historisch, autonom noch gleichberechtigt. 1939 / 45 wurden diesem Gebilde die ehemals k.u.k. dann seit 1918 polnischen Gebiete Galizien und die Bukowina zugeschlagen, 1946 die Karpatenukraine des besiegten Ungarn, dann kam Chruschtschows Geschenk, die Krim. Dieses Gebilde wurde nach dem Zerfall der Sowjetunion in eine Eigenstaatlichkeit, die es dort so nie gab, wohl aber immer Gruppierungen, die besonders im Russischen Bürgerkrieg 1918 – 1922, Unabhängigkeit für gewisse Gebiete erreichen wollten, entlassen. Die Probleme, die sich daraus naturgemäß ergaben, wurden nie auch nur ansatzweise für die einzelnen Ethnien und Sprachgruppen befriedigend gelöst. Stattdessen gab es ein wechselhaftes Oligarchenregime mit verschiedenen Marionetten, westlichen und russischen verdeckten Interventionen – ein gordischer Knoten leider. Vielleicht war ja letztlich wieder einmal Lenin schuld.

    0
  • am 24.02.2022 um 21:28 Uhr
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    Im Artikel werden wichtige Stellen zum Thema «Ukraine» aus Putins Rede ausgelassen. Zitat: «…Gleichzeitig sehen unsere Pläne nicht die Besetzung ukrainischer Gebiete vor. Wir haben nicht die Absicht, jemandem etwas mit Gewalt aufzuzwingen.» «Bei den heutigen Ereignissen geht es nicht darum, die Interessen der Ukraine und des ukrainischen Volkes zu verletzen. Es geht darum, Russland selbst vor denen zu schützen, die die Ukraine als Geisel genommen haben und versuchen, sie gegen unser Land und seine Bevölkerung einzusetzen.»
    Soviel zur Ergänzung wenn behauptet wird, Putin habe sich mit der Unabhängigkeit der Ukraine nicht abgefunden.

    1
    • am 24.02.2022 um 22:47 Uhr
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      Ihr Zitat stammt aus der zweiten, unmittelbar vor dem Angriff gehaltenen Rede Putins, die im Kästchen erwähnt, aber nicht näher behandelt wird.

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    • am 25.02.2022 um 16:09 Uhr
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      Es wird mir bei mehrfachem Lesen Ihres Einwands nicht klar, ob Sie mit den zitierten Stellen auf weitere zynische Lügen Putins hinweisen wollen, oder ob Sie tatsächlich sagen wollen, Putin beweise in diesen Tagen, dass er die Unabhängigkeit der Ukraine respektiere und keineswegs mit Gewalt ihr etwas aufzwingen wolle, sondern nur den Willen und die Interessen des ukrainischen Volkes verwirkliche, indem er die gewählte Regierung mit Bomben und Panzern vertreibe und eine nicht gewählte Regierung ersetze?

      3
  • am 25.02.2022 um 11:50 Uhr
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    Der Text der Rede ist beim «Tagesspiegel» übrigens hinter einer Bezahlschranke, also NICHT wirklich «veröffentlicht». (Und ich werde diesem Blatt ganz sicher kein Geld für seine wertewestliche Propaganda zahlen…) Dagegen kann man ihn beim «Anti-Spiegel» von Thomas Röper kostenlos nachlesen – wie viele andere Informationen über russische Medien und Politik, die dort eben nicht «seitenverkehrt» wiedergegeben werden wie in diversen deutschen «Spiegeln».
    Sie analysieren zwar Putins «historischen Hintegründe» aus der Rede zur Begründung der Anerkennung der Donbass-Republiken, und über die Interpretatin historischer Ereignisse kann man natürlich immer trefflich streiten. Noch besser als über juristische Fragen, zu denen man von zwei Juristen bekanntlich drei sich widersprechende Antworten bekommt…
    Tatsächlich bestehen nicht nur historische Bande zwischen der Kiewer Rus und Russland, sondern auch familiäre: Im Vielvölkerstaat SU haben so viele Russen und Ukrainer untereinander geheiratet, dass es buchstäblich Millionen familiärer Beziehungen gibt: Die von Putin beschworene Verbindung ist also nicht historisch, sondern Realität. Allein deshalb hat nicht nur Putin, sondern sogar das ukr. Präsidialamt gestern betont, dass RU in der Ukraine nur militärische und keine zivilen Ziele angreife. Während die Asow-Faschisten (denen Baerbock und Habeck die Hände schüttelten) zur Zeit genau DAS wieder und immer noch tun. Sie haben hunderte Flüchtende aus Mariupol sogar als Geiseln genommen!

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    • am 25.02.2022 um 20:22 Uhr
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      Die Bezahlschranke geht erst nach 30 Tagen Probezeit herunter. Wer sie vermeiden will, muss sich nur rechtzeitig abmelden. Nebenbei: Was ist das für ein Wertesystem, in dem etwas nur dann «wirklich veröffentlicht» ist, wenn man es kostenlos bekommt?

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  • am 25.02.2022 um 14:20 Uhr
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    «Die Ukraine braucht einen guten Schuss russischer Staatlichkeit, um auf den Präsidenten nicht als Bedrohung zu wirken.»
    «Einen guten Schuss» – wahrlich eine prächtige Formulierung!

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  • am 26.02.2022 um 00:36 Uhr
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    Guten Tag, vielen Dank an die vielen Autoren hier, die wichtiges Wissen zu diesem Kkonflikt einbringen. Ich kann zu diesem nichts wirklich Neues einbringen. Aber eines ist klar: Diejenigen im Westen, die nun aufheulen, haben nie etwas dafür getan, dass
    > die Türkei (als NATO-Mitglied!) für ihren Angriffskrief gegen Kurdistan/ Nordsyrien sanktioniert würde. Istanbul als Austragungsort des Europa League-Finals 2022!!! Ein Skandal!
    > dass Israel für seine Besatzung der Golanhöhen und weiten Teilen Palästinas sanktioniert würden
    > dass Marokko für seine Besetzung der Westsahara (eigenständige Republik Sahara) sanktioniert würde
    > dass die USA für die Besetzung Teile Guantanamos sanktioniert würde
    Die Liste würde sich noch unendlich Fortsetzen. Und letztendlich sei in Erinnerung gerufen, dass sich der deutsche Präsident vor Kurzem in Namibia nicht zu realen Entschädigungszahlungen für ihren brutalen Völkermord, zu dem sich Deutschland auch erst kürzlich verantwortlich zeigte, ohne jedoch das Wort Völkermord anzuerkennen, bereit erklären konnte.
    Jetzt heulen sie umso lauter.

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  • am 26.02.2022 um 07:50 Uhr
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    Die Sprach-Beobachtungen Daniel Goldsteins können fortgesetzt werden seit der Kriegserlärung Putins am Morgen des 24. Februars: Eigentlich dürfte ich es gar keine Kriegserklärung nennen, denn in der Ukraine findet gegenwärtig gar kein Krieg statt, wie man vielleicht als Opfer der NATO-Medien glaubt, sondern eine «Spezoperation zum Schutz von Donezk und Lugansk». Es wird auch keine Gewalt angewendet, es wird nur die Ukraine «entnazifiziert». Eine Spezoperation wurde, laut Putin, unvermeidlich, wenn das brüderliche ukrainische Volk die Möglichkeit bekommen soll, die mit «dekorativen Wahlen» an die Macht gekommene «Bande von Drogensüchtigen und Nazis» zu ersetzen durch eine legitime Regierung nach seinem freien (putinfreundlichen) Willen. Vor aller Augen beweisbar liegt ja die Tatsache, dass die ukrainische Armee seit 8 Jahren im Donbass einen «Genozid» verübt – die OSZE-Beobachter haben einfach weggeschaut, wenn sie davon nichts bemerkt haben, nur gegenseitige Verletzungen des Waffenstillstands. Alle hier erwähnten Worthülsen werden in jeder Rede Putins oder Lavrovs, in jeder Nachrichtensendung auf dem Ersten Kanal, wiederholt, mechanisch wie vom Fliessband. Irgendwann werden sie hängenbleiben bei den naiven TV-Konsumenten.

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  • am 26.02.2022 um 10:57 Uhr
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    Zuerst wünsche ich natürlich allen Menschen Frieden und Freiheit!
    Ich habe auch grosse Bedenken, dass das militärische Eingreifen Russlands die Lösung bringen kann.
    Grundsätzlich bezweckt Waffeneinsatz das Töten von Menschen für einen «übergeordneten» Zweck.
    Und diesem «übergeordneten Zweck» ist ein eher verborgener Zweck nochmals übergeordnet. Mit der Überlegung, WER bei jedem Krieg gewinnt, kommen wir den eher verborgenen Zwecken auf die Spur.
    Die alte Taktik des Teilen-und-herrschens, spielt immer mit, wir sehen jetzt, wie sich die angeblich gebildete Gesellschaft durch versimpelnde Propaganda aufteilen lässt.
    Dabei wird leider vergessen, dass das böse Töten zu «übergeordneten Zwecken» bereits 2014 begonnen hat! Es war der Putsch gegen den damaligen Präsidenten. Das Töten besorgten gedungene Scharfschützen, welche gleichermassen Demondtranten wie regimtreue Polizisten ermordeten. Die Auftraggeber handelten offensichtlich im Einverständnis mit der damaligen US-Administration, wofür es Dokumente gibt. Poroschenko verhinderte dann im Einverständnis der US-NATO-etc die Untersuchung des politischen Mordens, was auf eine Verbindung zur Täterschaft hinweist.
    Was Russland als Bedrohung empfinden muss, ist dieses medial erzeugte Vergessen des eigentlichen Beginns des Tötens für diesen obskuren «übergeordneten» Zweck. Der Krieg gegen die Ukraine begann 2014!

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  • am 26.02.2022 um 18:37 Uhr
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    Die unabhängige Internetzeitschrift Novaja Gaseta meldet heute, dass die staatliche Medienaufsicht angeordnet hat, unter Androhung der Blockierung des Internetzutritts, die Bezeichnung «Krieg» oder «Invasion» für die Spezoperation zu vermeiden. Ausserdem seien die Falschmeldungen über zivile Opfer zu löschen, da die russischen Streitkräfte grundsätzlich keine zivilen Objekte angreifen, und die Entschuldigung des Chefredaktors und Friedensnobelpreisträgers D. Muratov gegenüber den Ukrainern sei ebenfalls zu löschen.

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