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Daniel Goldstein © Grietje Mesman

Sprachlupe: Anstelle des Gebrauchs zu lesen

Daniel Goldstein /  «Nicht dafür bestimmt, mangels Wissen benutzt zu werden.» So gewarnt, werden Sie nichts benutzen, das Sie für etwas anderes halten.

«Dieses Gerät ist nicht dafür bestimmt, durch Personen mit eingeschränkten physischen, sensorischen oder geistigen Fähigkeiten oder mangels Erfahrung und/oder mangels Wissen benutzt zu werden, es sei denn, sie werden durch eine für ihre Sicherheit zuständige Person beaufsichtigt oder erhielten von ihr Anweisung, wie das Gerät zu benutzen ist.» Diese furchterregende Warnung reichte schon beinahe aus, mich dauerhaft vor dem Gebrauch des soeben erstandenen Haushalthelfers abzuschrecken, dabei ist es nicht einmal ein elektrischer.

Obendrein brachte mich die deutsche Formulierung arg ins Grübeln, denn eine ihrer Aussagen lautet: «Dieses Gerät ist nicht dafür bestimmt, … mangels Erfahrung … benutzt zu werden.» Man soll es also bleiben lassen, wenn einen die Neugier antreibt, auch einmal so ein Ding zu benutzen, mit dem man keine Erfahrung hat. Nun war mir das Gerät an sich durchaus vertraut, nur hatte ich noch nie zuvor ein aufklappbares Modell gesehen, geschweige denn besessen. Indessen beruhigte mich der Blick auf einige landesübliche Sprachen unter den acht Übersetzungen: Da wurde vor dem Erfahrungsmangel an sich gewarnt, nicht vor seinem Reiz zum Abenteuer. Vielleicht würde also meine bescheidene Vorbildung reichen.

Mit Serviervorschlag-Aroma

Vorsichtshalber beschloss ich, mich zuerst einmal zu stärken. Womöglich deshalb hatte mir derselbe Laden eine runde Plastikdose geschenkt, auf deren Deckel gross stand: KRÄUTER. In kleinerer Schrift nachgereicht: Frischkäse. Dazu noch die Marke und drei Hinweise auf Bio-Qualität, ferner die Abbildung eines kugeligen weisslichen Häufchens, davor etwas Schnittlauch und Petersilie sowie ganz im Vordergrund eine ungeschälte, dicke Knoblauchzehe und daneben, in kleinster Schrift: Serviervorschlag.

Da ich gerade keinen Besuch hatte, verzichtete ich auf diese appetitliche Präsentation, strich mir etwas von der Masse auf ein Knäckebrot und biss beherzt hinein. Kräuter zu schmecken, war mir nicht vergönnt, dafür aber stach der Knoblauch wacker hervor. Er mache 3% des Geschenks aus, entnahm ich der Dosenseite – was im Reich der Geschmäcker, dieser illiberalen Demokratie, locker für die absolute Mehrheit ausreicht. Dazu noch Knoblauch pur zu kredenzen, würde also kaum zur Verfeinerung des Frischkäses beitragen, eher zur optischen Einstimmung oder Warnung.

Dermassen abgehärtet, wagte ich einen Versuch mit meiner mechanischen Neuerwerbung. Dazu steckte und schaltete ich zuerst mein Bügeleisen ein, weil man es anders als einen Backofen noch guten Gewissens vorheizen darf. Gekauft wurde es vor längerer Zeit, einzig von der Warnung begleitet, nur Wechselstrom anzuschliessen. Es ist für die Reise gedacht und daher wie mein neuer Risikoapparat aufklappbar. Hat man das Einschnappen verfehlt, so kann man sich schon beim Vorheizen leicht die Finger verbrennen. Doch selbst das galt offenbar früher nicht als Gefahrenquelle. Während sich das heimtückische Plätteisen nun aufheizte, führte ich mein ahnungslos angeschafftes Ärmelbrett seiner Bestimmung zu. Wir haben das alle drei gut überstanden.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Zum Infosperber-Dossier:

Portrait_Daniel_Goldstein_2016

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Daniel Goldstein zeigt, wie Worte provozieren, irreführen, verharmlosen – oder unbedacht verwendet werden.

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