Kommentar

Kunsthaus Zürich: Neue Konzepte nach Bührle-Debakel

Erich Schmid* ©

Erich Schmid /  In der Leitung des Zürcher Kunsthauses kommt es zum doppelten Wechsel. Das ist eine Chance für eine Neuausrichtung.

Der Ökonom Philipp Hildebrand hat am 1. Juli das Präsidium der Zürcher Kunstgesellschaft übernommen, und im Oktober löst die Belgierin Ann Demeester, die einst bei Jan Hoet assistiert hatte, den bisherigen Direktor ab. Hildebrand meinte, sie sei ein wichtiger Grund, weshalb er sich für dieses Amt zur Verfügung gestellt habe. Die neue Konstellation verspricht Änderungen, im Falle von Bührle mehr Transparenz und beim Ausstellungskonzept eine Abkehr vom konservativ-musealen Kunstkonsum.

Der Spaltung entgegenwirken

«Wir leben in einem Zeitalter der Konfrontation», sagte Hildebrand im ersten Mediengespräch. Wo er hinblicke, in Wirtschaft, Politik, Gesellschaft, Kultur, Technologie und Medien sehe er eine zunehmende Spaltung und Teilung. Man könne «nur zutiefst besorgt sein». Die Kunst werde immer mehr zu einem Spiegelbild der Spaltung in unserer Gesellschaft. Auf der anderen Seite räume dies auch Chancen ein. Das Kunsthaus Zürich solle zu einem gesellschaftlichen Begegnungsort werden, der den sozialen und politischen Austausch und die konstruktive Diskussion fördert, um der zunehmenden Spaltung entgegenzuwirken und den Zusammenhalt der Gesellschaft zu stärken.

Wie sich dieses Ziel konkret realisieren liesse, war erst andeutungsweise zu erfahren. Sicherlich hat Ann Demeester, die dem Kunsthaus ein neues Gesicht geben soll, ihre entsprechenden Vorstellungen, obschon sie vor allzu grossen Erwartungen warnte, man könne in einem Museumsbetrieb nicht alles aufs Mal ändern. Es brauche Zeit.

Will man die Zielsetzungen Philipp Hildebrands, die sich anscheinend mit denen von Ann Demeester decken, umsetzen, bedeutet dies allerdings eine Abkehr vom Konzept des alten Direktors Christoph Becker, der auf grosse Namen und grosses Publikum setzte, ganz ähnlich wie die nach Quoten, Klicks und Likes jagenden Medien und Online-Plattformen. Namen, Klicks und Quoten sind die einfachste Methode, Publikum zu generieren, die aber auf Gefälligkeit ohne grosse Anregungen beruht. Man geht ins Kunsthaus, wird überwältigt von brav aneinander gereihten Kunstwerken und darf staunen, um sich dazwischen in grossen Hallen klein und verloren vorzukommen, und ganz am Ende hat man gegen Eintrittsgeld Kunst konsumiert. Das kann mitunter angenehm sein und vom grauen Alltag ablenken. Aber die Kunst, ist sie wirklich Kunst, will mehr sein als Ablenkung, Quote und Tourismusmagnet. Sie will nicht zum wertschöpfenden Konsumgut degradiert werden. Kunstwerke sind «Gegenstände für den geistigen Gebrauch».

SammlerInnen bestimmen, wie die Werke gehängt werden

Und hier beginnen die Herausforderungen von Hildebrand und Demeester. Sie wollen die Kunstwerke stellvertretend für den Zustand der Gesellschaft in einen Dialog zueinander setzen. Das wäre, wenn es gelingt, im Zusammenhang mit der herrschenden Weltanschauung, wonach es grosse Namen und grosse Persönlichkeiten sind, die die Welt bestimmten oder veränderten, beinahe subversiv und keine leichte Aufgabe bei den gegebenen Voraussetzungen. 80 Prozent der Exponate im Kunsthaus Zürich sind an Sammlungen von Leuten gebunden, die entweder grosse Namen haben oder diese mit Leih- oder Schenkungsverträgen vergrössern und verewigen wollen. Sammlerinnen und Sammler bestimmen, wie ihre Werke gehängt werden müssen und in den meisten Fällen, dass sie zusammenbleiben sollen, um ihrem Namen mehr Gewicht zu geben. Da stellt sich die Frage, wie die neue Leitung die Werke von den SammlerInnen und ihren Vertragsvorgaben lösen will. Denn ohne Loslösung dürfte es schwierig werden, die Kunstwerke einander frei gegenüberstellen zu können. Aber vielleicht gelingt es ja, den einen Sammler oder die andere Sammlerin vom übergeordneten Museumsinteresse zu überzeugen. Die Bührle-Stiftung als die bedeutendste und schwierigste im Kunsthaus Zürich zeigte sich in dieser Hinsicht resistent. 

Bührle: Es gäbe genügend Druckmittel

Dabei gäbe es gerade bei ihr genügend Druckmittel, sich durchzusetzen. Sie ist gebunden, ihre Werke in Zürich zu zeigen. Also könnte man dieser Stiftung Zugeständnisse abringen, die in Richtung Schenkung gehen. Aber da das Kunsthaus selbst Mitglieder im Bührle-Stiftungsrat hat, bleiben solche Forderungen aus, obschon die Sammlung, würde das Kunsthaus sich weigern, sie auszustellen, kaum andere Aussichten hätte, als die Werke im Depot zu lagern. In diesem Sinne haben Stadt und Kanton mit dem Konstrukt aus Verstrickungen zwischen Kunsthaus und Sammlung Bührle nicht nur schlecht verhandelt, sondern sich auch noch Altlasten eingehandelt, die noch lange nachwirken dürften.  

Die Provenienzen der Sammlung Bührle müssen nun – nachdem Stadt, Kanton, Stiftung Bührle und das Kunsthaus ihre unabhängige Erforschung versäumt hatten – im Nachhinein, da die Werke bereits hängen, «professionell untersucht» werden. Dabei könnte es zu Restitutionen kommen, wenn die Untersuchung ergeben sollte, dass es im Zusammenhang mit Rückgaben Handlungsbedarf gebe, meinte Hildebrand. Unter seiner Leitung könne er sich nichts anderes vorstellen, als dass die Kunstgesellschaft dies unterstützen würde. Das Problem sei aber, dass die Werke «nicht unser Eigentum sind». Sie gehörten der Bührle-Stiftung. Somit bräuchte es «im Extremfall dann möglicherweise ein Urteil der eidgenössischen Aufsicht über die Stiftung», sagte Philipp Hildebrand dazu abschliessend. 

Am Ende des Mediengesprächs stellte der Schreibende die Frage, ob es unter der neuen Leitung dabei bleiben werde, dass die von Zürich ausgegangene künstlerische Antikriegsbewegung im 1. Weltkrieg, «Dada», und die während des Nationalsozialismus als starke antifaschistische Kraft hervortretende «konkrete Kunst» weiterhin marginalisiert würden, während das Kunsthaus der Bührle-Sammlung im Neubau ein ganzes Stockwerk zur Verfügung stelle? – Die Antwort war: die Frage sei sehr interessant.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine. Erich Schmid ist Autor und Filmemacher. Sein Film «Adolf Muschg – der Andere» läuft zurzeit in den Schweizer Kinos. Er lebt und arbeitet im Wohn- und Atelierhaus von Max Bill in Zumikon.
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6 Meinungen

  • am 7.07.2022 um 14:35 Uhr
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    «Obschon die Sammlung, würde das Kunsthaus sich weigern, sie auszustellen, kaum andere Aussichten hätte, als die Werke im Depot zu lagern. In diesem Sinne haben Stadt und Kanton mit dem Konstrukt aus Verstrickungen zwischen Kunsthaus und Sammlung Bührle nicht nur schlecht verhandelt, sondern sich auch noch Altlasten eingehandelt, die noch lange nachwirken dürften.» Dies ist eine typische No-Win-Situation zu Lasten der grossen Öffentlichkeit! Gebt endlich einmal Ruhe und geniesst den Wert der Bührle-Sammlung! Es genügt nun wirklich mit diesen Diffamierungen!

    «Die Provenienzen der Sammlung Bührle müssen nun – nachdem Stadt, Kanton, Stiftung Bührle und das Kunsthaus ihre unabhängige Erforschung versäumt hatten – im Nachhinein, da die Werke bereits hängen, «professionell untersucht» werden.» – Wie lange wollt Ihr denn noch untersuchen? Offensichtlich haben die Stadt Zürich und die Schweiz die Bührle-Sammlung gar nicht verdient!….

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  • am 7.07.2022 um 15:42 Uhr
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    Philipp Hildebrand macht sich also laut Erich Schmid Sorgen über die «Spaltung unserer Gesellschaft». Keine Probleme scheinen ihm andere Arten von Spaltung zu bereiten. Am 4.05.22 war von Heinrich Frei im Infosperber zu lesen: «Hildebrand ist Vice Chairman von BlackRock, dem weltweit grössten Vermögensverwalter. Laut ICAN, der Internationalen Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen, ist BlackRock auch der viertgrösste Investor in Unternehmen, die nukleare Massenvernichtungswaffen produzieren. Im Jahr 2020 soll BlackRock 44’792 Millionen US-Dollar in die Atomwaffenindustrie investiert haben, 2021 seien es 40’711 Millionen US-Dollar gewesen.» Nach dem Bührle-Debakel bleibt das Thema «Waffenproduktion» dem Kunsthaus Zürich mit der Wahl des neuen Präsidenten also erhalten. Die Dreistigkeit, mit der die Zürcher Kunstgesellschaft diesen Zusammenhang offenbar noch nicht mal als Stilfrage erkennen will, ist verblüffend. Und dass das am Medienanlass offenbar kein Thema war, auch.

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    • am 9.07.2022 um 12:10 Uhr
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      Vielen Dank, Herr Egloff, für diese Information. «Sie [die Kunst] will nicht zum wertschöpfenden Konsumgut degradiert werden. Kunstwerke sind ‹Gegenstände für den geistigen Gebrauch›».
      Wenn unter dem Stichwort «Kunstinvestment» im Netz allenthalben Larry Fink, CEO Black Rock, mit „Einer der größten Wertbewahrer ist Kunst“ zitiert wird, meint er da wohl das geistige Wertebewahren?
      Wieviele Milliarden von Black Rock im Kunstinvestment verwaltet werden, durch welche Kunst vom Spiegel der von Hildebrand monierten gesellschaftlichen Spaltung und Teilung zu deren Mittel gemacht wird, konnte ich nicht herausfinden.

      0
  • am 7.07.2022 um 18:25 Uhr
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    „Themenbezogene Interessenbindung des Autors: Keine“. Na ja, geschätzter Herr Gasche, im Sinne der von Ihnen so oft bemühten „Transparenz“ wäre es noch schön gewesen, wenn angemerkt worden wäre, dass sich Schmid in zahlreichen Beiträgen als militanter Kritiker der Bührle-Sammlung profiliert hat, teils mit – um es mal so auszudrücken – ziemlich gewagten Behauptungen. Die Frage, weshalb das alles erst nach über 70 Jahren aufgeköchelt wird, bleibt allerdings unbeantwortet.

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    • am 7.07.2022 um 19:02 Uhr
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      Eine klare Meinung zu haben, ist kein Interessenkonflikt. Bei den Interessenkonflikten geben wir finanzielle Interessen und Auftragsarbeiten oder sonstige Engagements für eine involvierte Seite an.

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    • am 9.07.2022 um 12:14 Uhr
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      Aber dass der Autor im Max-Bill-Haus wohnt, einem der wichtigsten Vertreter der Konkreten Kunst, für deren verstärkte Präsenz im Kunsthaus sich eben dieser Autor einsetzt, ist schon ein hübsches Detail, nicht?

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