Kommentar

kontertext: Renoirs «La petite Irène» ist eine Überlebende

Felix Schneider © zvg

Felix Schneider /  In der Diskussion um die Sammlung Bührle geht es um die Frage, wie weit man Kunst und Geschichte trennen kann.

Eines der berühmten Bilder in der Sammlung von Emil Bührle wurde von Auguste Renoir 1880 gemalt und trägt den Titel «La petite Irène». Das Porträt der 8-jährigen Pariser Bankierstochter Irène Cahen d’Anvers, ein Auftragswerk, wurde, wie der Audioguide zu erzählen weiss, «zum Inbegriff eines gelungenen Kinderbildes, worin der Künstler raffinierte Kleidung und Haarpracht mit dem unschuldigen Blick der Kindheit verband. Besonders bestechend ist der Kontrast zwischen den flüssig gemalten roten Haaren und dem getupften Blattwerk im Hintergrund einerseits und den fein gearbeiteten Gesichtszügen des Mädchens andererseits.» Die detailreiche, ergreifende Darstellung des Gesichts wird von zahlreichen Kommentatoren in Verbindung gebracht mit der Tatsache, dass Renoir als Porzellanmaler begonnen hatte. Emil Bührle hat das Bild 1949 für 240’000 Franken von der Porträtierten selbst gekauft. Grosse Kunst, Schönheit pur, legaler Handel – alles in Ordnung also?

In der Ordnung schon, aber diese Ordnung ist nur ein Firnis über der Unordnung.  

Von Istanbul über Paris…

Irène, Tochter einer grossen jüdischen Bankierfamilie, heiratete 1891 Moïse de Camondo, den Erben eines sehr reichen und mächtigen, europäischen, ebenfalls jüdischen Bankhauses, das von Istanbul nach Paris expandiert hatte. Das Ehepaar hatte zwei Kinder, den Sohn Nissim und die Tochter Béatrice, die ihrerseits zwei Kinder bekam. Irène trennte sich nach wenigen Jahren von Moïse, trat zum Katholizismus über und heiratete einen italienischen Grafen. Der mondäne und sportliche Moïse interessierte sich nicht für die Bank, er war Autorennfahrer, Reisender, Antiquitätensammler – und Verehrer von Frankreich, dem Land der Aufklärung und der ersten Judenemanzipation. Er war für die französische Kunst und Kultur ein grosszügiger Mäzen und eifriger Fürsprecher. Sein prächtiger Wohnpalast am Parc Monceau ist bis heute ein Ausdruck seiner Frankreichliebe und seines Fortschrittsglaubens. Das Interieur ist ein perfekt inszeniertes Palais des französischen 18. Jahrhunderts mit seltenen Kostbarkeiten – kombiniert mit dem Komfort der neuen Zeit wie Lift, Badezimmer und moderner Küche.  

Der Sohn Nissim, der erste in Frankreich geborene Camondo, verstand sich als Patriot und Jude, er betrachtete es als Ehre, im ersten Weltkrieg Frankreich zu dienen, und war Mitte zwanzig, als er 1917 fiel. Für die Eltern war das die Katastrophe ihres Lebens. Moïse, nunmehr der letzte Camondo, sammelte weiter, aber nicht mehr für seinen Sohn, sondern für den französischen Staat, dem er seine Kollektion vermacht hat. Sein «Hôtel» ist heute ein Museum.

… nach Auschwitz

Moïse starb 1935. Im Unterschied zu Irène erlebte er den Fortgang der Tragödie nicht: Irènes und Moïses Tochter, deren Mann und ihre beiden Kinder – Irènes Enkel – wurden in Auschwitz ermordet. Zwei der vier Ermordeten litten vorher im Durchgangslager Drancy, die beiden anderen wurden von ihrem Schlepper vor dem Übertritt nach Spanien verraten. Die Bewunderung der Camondos für Frankreich hatte von Istanbul über Paris nach Auschwitz geführt. Auch Irènes jüngere Schwester Elisabeth, ebenfalls von Renoir porträtiert («Rose et bleu», heute in São Paulo), starb während der Deportation nach Auschwitz.

Renoirs Bild von Irène aber wird 1940 vom Einsatzstab Rosenberg beschlagnahmt. Der britische Schriftsteller Edmund de Wal schreibt in seiner Familiengeschichte «Camondo»: «Göring sucht sich das Bild für seine private Sammlung in Karinhall aus. Emmy Göring hat eine Schwäche für die Impressionisten, und dieses Mädchen ist bezaubernd.» Das Bild erhält jetzt einen arisierten Namen: «La Petite Fille au Ruban Bleu». Nach der Kapitulation hängt es 1946 in einer Pariser Ausstellung von französischen Meisterwerken, die man in Deutschland gefunden hatte. Irène, nun die Erbin der Camondos, beansprucht das Porträt, erhält es zugesprochen und verkauft es an Emil Georg Bührle, den Waffenlieferanten der Nazis. Sie braucht das Geld, denn sie verspielt ihr Vermögen in Spielsalons.

Kontaminierte Kunst?

Ihre Geschichte bleibt den Kunstwerken nicht äusserlich. Die Geschichte von Irène, den Camondos und des Bildes hat das Bild selbst verändert. Die Rede von der «Petite Irène» erscheint heute noch anmassender als früher. Ihr Blick ist nicht mehr unschuldig, sondern melancholisch. Die raffinierte Schönheit wurde morbide und utopisch. Sie nimmt den Untergang vorweg.

Nicht nur Bührles Kunstsammlung ist kontaminiert. Die Kunst ist kontaminiert. Das lässt sich im alltäglichen Kunstbetrieb lange verleugnen und verharmlosen. Bei Bührle aber sind die Gegensätze, die da aufeinanderprallen, so scharf, dass der Verleugnungsprozess gestört wird: Diese schreckliche Verkörperung der widerlichsten deutschen Traditionen vom Militarismus des Kaiserreichs bis zum Nationalsozialismus! Dieses skrupellose, gewinnbringende Geschäft mit dem Tod! Dieser vom Elend profitierende Kunstmarkt! – und, auf der anderen Seite: diese grossartige Kunst, gerade der Impressionismus mit seiner Suche nach Schönheit, seiner Feier des Lichts, seiner ästhetischen Fortschrittlichkeit. Und diese verwirrende Kunstsinnigkeit des Bührle – der Kerl hat etwas verstanden von Malerei!

Im Dezember 1970 trugen Demonstranten ein Transparent durchs weihnachtliche Zürich: «Völkermord finanziert Kunsthaus». Ein Foto davon ist im Dokumentationssaal der Ausstellung zu sehen. Es hält das Bewusstsein vom Zusammenhang zwischen Mord und Kunst wach.

Rodins Radikalität

Am Ende der Bührlesammlung sollte das Höllentor von Rodin mit seinen fallenden, taumelnden, verlorenen Menschen stehen. Wenn es bei Dante, dessen «Göttliche Komödie» eine Inspirationsquelle für Rodin war, noch einen Ausgang aus der Hölle und einen Aufstieg ins Paradies gab, so ist Rodins Höllentor geschlossen. Kein Ausgang aus der Hölle. Hermann Göring hatte den Abguss des Höllentors, der heute vor dem Kunsthaus steht, 1942 für das geplante Führermuseum in Linz bestellt. Doch die Niederlage Nazideutschlands kam ihm zuvor. Die Alliierten verkauften das Tor dann an Bührle, der es der Stadt Zürich schenkte. Rodin: «Die Werke der Kunst sagen zwar alles, was man über den Menschen sagen kann, machen aber ausserdem begreiflich, dass es noch etwas gibt, das man nicht erkennen kann. Man findet in ihnen immer etwas, das schwindlig macht.» Über den gemarterten Leibern und irren Seelen sitzt im Höllentor Rodins Denker. Er verkörpert keinen Trost, deutet aber vielleicht eine Möglichkeit an – nämlich den Schwindel auszuhalten. Und vielleicht denkt er ja auch schon darüber nach, wie man verhindern könnte, überhaupt in die Hölle zu geraten.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Felix Schneider, geboren 1948 in Basel. Studium (Deutsch, Französisch, Geschichte). Von Beruf Lehrer im Zweiten Bildungsweg und Journalist, zuletzt Redaktor bei SRF 2 Kultur. Hat die längste Zeit in Frankfurt am Main gelebt, ist ein halber «Schwob».

Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe von Autorinnen und Autoren. Sie greift Beiträge aus Medien auf und widerspricht aus politischen, journalistischen, inhaltlichen oder sprachlichen Gründen. Die Gruppe ist dabei, sich neu zu konstituieren. Zurzeit schreiben regelmässig Silvia Henke, Mathias Knauer und Felix Schneider. 
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2 Meinungen

  • am 1.02.2022 um 11:47 Uhr
    Permalink

    Oft ist es komplizierter als es scheint. Danke Herr Schneider, dass Sie das aufzeigen.

    0
  • am 1.02.2022 um 18:25 Uhr
    Permalink

    Nach der Lektüre dieses Beitrags stellt sich noch drängender die Frage, weshalb sich das Kunsthaus und die Stadt Zürich je auf Bührle und seine Sammlung einlassen konnten. Jetzt sind sie auch befleckt und wissen anscheinend noch immer nicht, wie sie mit dieser Sache umgehen sollen.

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