Kommentar

Die sprachliche Verluderung in den Medien nimmt zu

Christian Müller © zvg

Christian Müller /  Meinungen werden nicht nur mit Argumenten, sondern auch mit dem Sprachgebrauch beeinflusst. Journalisten sollten das ernst nehmen.

Ein Freiheitskämpfer war ein Held. Ein Widerstandskämpfer war ein Held. Ein Mitglied der (französischen) Resistance im Zweiten Weltkrieg war ein Held. Ein Guerillero war, zu Zeiten Che Guevaras, noch ein Held und ist heute schon bald ein Krimineller. Der Terrorist schliesslich ist der Inbegriff des Bösen schlechthin. Und dies, obwohl sie alle das gleiche taten und tun: Sie wehren sich gegen die «geltende Ordnung», gegen die politische Macht – unter «illegaler» Anwendung von Gewalt.

Bewusste Kommentierung erfolgt mit Argumenten, unbewusste – und oft viel wirkungsvollere – Kommentierung und damit Beeinflussung der öffentlichen Meinung erfolgt bereits mit der geeigneten Wortwahl.

Victor Klemperer, der jüdische Professor für Sprach- und Literaturwissenschaft, der dank seiner arischen Frau den Zweiten Weltkrieg in Deutschland (als Hilfsarbeiter in einer Fabrik) überlebte, hat 1947 zum Thema Wortgebrauch ein Buch geschrieben: LTI, Lingua Tertii Imperii, die Sprache des Dritten Reiches. Es ist so etwas wie ein Standardwerk zum gewollten Missbrauch der Sprache geworden und müsste Pflichtlektüre für alle Journalistinnen und Journalisten sein.

Nicht nur die Nazis operierten gezielt mit Wörtern

Wer nun meint, das Thema «Meinungsbildung durch die Wortwahl» sei nur eines für die Geschichtsbücher, der irrt. Auch heute werden gewisse Wörter – fahrlässig oder absichtlich – immer öfter gebraucht und bewirken ganz neue Beurteilungen und Anschauungen. Darf ich zwei Beispiel nennen?

Von der fahrlässigen Wortwahl…

Das Beispiel der Fahrlässigkeit zuerst. Wer hört nicht hundertmal am Radio, dass da oder dort wegen einer niedergegangenen Lawine oder eines Erdrutsches eine Strasse gesperrt ist. «Verantwortlich ist der starke Schneefall der letzten Tage», heisst es dann etwa, oder «verantwortlich waren die starken Regengüsse der letzten Woche». Verantwortlich? Kann der Regen eine Verantwortung übernehmen? Der starke Regen war die Ursache des Erdrutsches, ja, aber der Regen ist für gar nichts «verantwortlich».

Gedankenlose Sprachverluderung, könnte man denken und darüber hinwegsehen. Aber Achtung: Mehr und mehr hört und liest man jetzt auch solches : «Verantwortlich (für die Schrumpfung des Bruttoinlandprodukts im zweiten Quartal) waren die Exporte» (NZZonline vom 4.9.2012). Oder «Sind Rohwarenbörsen für Afrikas Hunger verantwortlich?» (NZZ vom 27.6.2008). Verantwortlich? Die Exporte? Die Börsen? Für den Hunger in Afrika?

Der falsche Gebrauch des Wortes «verantwortlich» führt zu falschen Schlüssen. Verantwortlich heisst neuerdings so etwa gleichviel wie «gottgewollt»: der Regen, der Schnee, die Exporte, die Börsen. Da kann man eben nichts machen. Verantwortlich am Debakel der UBS war die Subprime-Krise; da kann man nichts machen. Nein und nochmals nein! Das ist Unsinn! Verantwortlich waren die Bankmanager. Der Verweis auf den Markt oder die Märkte, die für etwas «verantwortlich» seien, ist reine – fahrlässige oder auch bewusste – Augenwischerei. Nur ein Mensch kann Verantwortung übernehmen, Verantwortung wahrnehmen und – zum Beispiel für die falsche Einschätzung einer Gefahr oder konkret für die Libor-Manipulationen – verantwortlich gemacht werden. Eine Schneelawine aber ist höchstens die Ursache einer verschütteten Strasse.

Gerade auch in der heutigen Zeit mit all den Krisen ist die Frage nach der Verantwortung eminent wichtig. Das Wort «verantwortlich» darf nicht einfach zum Synonym von «ursächlich» werden, von «gottgewollt» oder «naturgegeben» oder gar von «zufällig». Eine Verantwortung wahrnehmen basiert auf menschlicher Beurteilung und Entscheidung. Die Manager und die Politiker übernehmen Verantwortung, tragen Verantwortung, und auf ihrer Verantwortung soll man sie auch behaften.

… zur bewussten Wortwahl

Aber auch der bewusste, gezielte – inhaltlich wertende – Worteinsatz gehört scharf beobachtet. Ein Beispiel: Israel benannte die von ihm 1967 besetzten Gebiete westlich des Jordans – zu deutsch: Westjordanland – schon kurz nach dem Sechstagekrieg neu mit Judäa und Samaria, eine Bezeichnung, die ausserhalb Israels niemand verstand und die auch in Israel selber keineswegs gebräuchlich war. Etwa ab 1977 mit der Machtübernahme der Likud-Partei wurde die Bezeichnung Judäa und Samaria für das Westjordanland im allgemeinen Sprachgebrauch aber bewusst forciert und ist heute in Israel Standard. Erwähnt sei etwa der sogenannte «Levy Report», der von Netanyahu im Januar 2012 in Auftrag gegebene und im Juli 2012 veröffentlichte «Report on the Legal Status of Building in Judea and Samaria». Judäa und Samaria sind in der Bibel erwähnte Gebiete (David war ihr König). Damit wird bereits über die Wortwahl subtil der – behauptete – «historische Anspruch» Israels auf dieses Gebiet suggeriert.

WWW – Wörter wandeln Werte

Ob Zeitung, Radio, Fernsehen oder Internet / Social Media: Information und Kommentierung basieren auf der Sprache und mithin auf Wörtern. Schon mit der Wortwahl wird, öfter als gedacht, auch gewertet. Ob von einem Widerstandskämpfer in Afghanistan gesprochen wird oder von einem Terroristen, ist eine Differenz. Wörter wandeln Werte. Die Wortwahl ist eine Waffe. Eine, wie die Geschichte lehrt, äusserst gefährliche sogar. Man schaue besonders den Politikern, den Managern und den Journalisten deshalb genau auf die Finger und aufs Maul.

Siehe auch den neueren Beitrag «Die «Tagesschau» macht Irreführung mit Wörtern mit»


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3 Meinungen

  • am 9.09.2012 um 21:33 Uhr
    Permalink

    dieser Prozess beginnt unbemerkt und endet in der Neusprache gemäss George Orwell in 1984. Wir sind in vieler Hinsicht auf dem Weg dorthin.

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  • am 10.09.2012 um 17:03 Uhr
    Permalink

    Darf ich Christian Müller bitten, mit gleicher Akribie wie bei «verantwortlich» einmal das Wort «Aktivist» zu sezieren – ich danke heute schon.

    Anwort:

    Ein Aktivist ist ein Mensch, der sich nicht nur um die eigenen Brötchen kümmert, sondern von der ihm zur Verfügung stehenden Zeit und Energie einen substanziellen Anteil für Anliegen der Gemeinschaft investiert und der dies, im Gegensatz zum Widerstandskämpfer, absichtlich in aller Öffentlichkeit tut.

    Da die Idee und die Bereitschaft, Zeit und Energie für gemeinschaftliche Interessen und nicht nur zum kurzfristigen eigenen Nutzen einzusetzen, in krassem Gegensatz zum Zeitgeist des Egoismus und Neoliberalismus stehen, wird das Wort „Aktivist“ auch in den (der neoliberalen Oberschicht gehörenden) Medien mehr und mehr im pejorativen Sinn gebraucht. Negativ wird der Begriff „Aktivist“ vor allem dann gebraucht, wenn ein Mensch sich erlaubt, sich für Ideen und Entwicklungen einzusetzen, die den herrschenden Pressure-Groups zuwiderlaufen: für Umwelt und Ökologie gegen die Lobby der Öl- und Energiewirtschaft, für mehr soziale Gerechtigkeit gegen die neokonservative Unternehmerschaft, für eine Besteuerung der Spekulation z.B. durch die Einführung der Tobin Tax gegen die Allmacht der Grossbanken, für die Befreiung des Gazastreifens gegen die Politik Israels und seiner Paten in den USA, um einige Beispiele zu nennen. Nur wenn sich Aktivisten gegen diktatorische Tendenzen in Ländern einsetzen, die nicht nach der Geige der USA tanzen (z.B. in Russland oder China), werden sie in den (westlichen) Medien als mutige und unterstützungswürdige Bürgerrechtler gelobt.

    Auch hier gilt: den Sprachgebrauch genau beobachten.

    Christian Müller, 11.9.2012

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