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Für Sharon Holland, Präsidentin der Dachorganisation der US-Nonnen, ist der Bericht «ermutigend». © RNS

Kehrtwende: Vatikan lobt aufmüpfige US-Nonnen

Barbara Marti /  Der Vatikan lobt die US-Nonnen für ihre engagierte Glaubensverkündigung. Vor sechs Jahren drohte er noch mit Disziplinarmassnahmen.

Die vatikanische Ordenskongregation hatte 2008 im Auftrag des früheren Papstes Benedikt XVI. Ermittlungen gegen katholische Nonnen in den USA eingeleitet. Betroffen waren nur Nonnen, die nicht in einem Kloster leben. Das ist in den USA die Mehrheit der Nonnen. Die Ordenskongregation warf ihnen vor, die offizielle katholische Lehre nicht mehr zu vertreten und nicht mehr nach deren Regeln zu leben. Die Rede war von «Verweltlichung» und einem «feministischen Geist».

«Ermutigender» Bericht
Geleitet wurde die «Visitation» von der US-amerikanischen Ordensfrau Mary Clare Millea, Generaloberin der Kongregation der Apostel vom Heiligsten Herzen Jesu. Der Untersuchungsbericht, der kurz vor dem Jahresende veröffentlicht worden ist, lobt die Orden der Nonnen für ihre engagierte Glaubensverkündigung und ihre Sozial- und Bildungsarbeit. Die Arbeit der Nonnen stimme mit den Leitlinien von Papst Franziskus im «Dienst an den Armen und den Randgruppen» überein. Konkrete Kritik oder Disziplinarmassnahmen gibt es im Bericht keine. Es heisst lediglich, dass die Nonnen sicherstellen müssen, dass ihre «spirituelle Praxis und ihr Dienst» in Einklang mit der katholischen Lehre steht. Sharon Holland, Präsidentin der Dachorganisation der Frauenorden in den USA (LCWR), sagte, der Bericht sei von einem «ermutigenden und realistischen Ton» geprägt.
Nonnen ohne Ordenstracht
In den USA gibt es derzeit schätzungsweise 60’000 Ordensschwestern. Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil haben viele ihre Ordenstracht (Habit) abgelegt und das Kloster verlassen. Sie engagieren sich in Wissenschaft, Politik und NGO-Organisationen für den katholischen Glauben. Einzelne sind in Organisationen aktiv, die Reformen innerhalb der katholischen Kirche verlangen.
Die Untersuchung betraf 341 Orden mit insgesamt 50’000 Ordensfrauen. Betroffene Nonnen befürchteten, dass der Vatikan sie in die Klöster und unter den Habit zurückbringen wolle. Der Untersuchungsbericht wurde vor zwei Jahren, kurz vor dem Amtsverzicht von Papst Benedikt XVI., abgeschlossen und die endgültige Version Ende 2014 veröffentlicht. Der neue Papst Franziskus gilt im Unterschied zu seinem Vorgänger als toleranter gegenüber der pluralistischen Linie vieler US-Ordensfrauen.
Zweites Verfahren hängig
In einem zweiten Verfahren hat der Vatikan 2009 eine Untersuchung gegen die Dachorganisation der US-Frauenorden eingeleitet. Die «Leadership Conference of Women Religious» vertritt etwa 80 Prozent der US-Nonnen. Die Glaubenskongregation des Vatikans wirft ihr vor, feministische Veranstaltungen zu unterstützen und zentrale Punkte der katholischen Lehre zu wenig zu vertreten: das Männerpriestertum, die Ablehnung der Homosexualität und den Vorrang der katholischen Lehre. Diese Untersuchung ist noch nicht abgeschlossen. Vor zwei Jahren entschied der Vatikan zudem, dass die LCWR sich nicht mehr selber verwalten darf. Er setzte drei Bischöfe ein, um die Dachorganisation ideologisch wieder auf Vatikan-Kurs zu bringen.

Siehe


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Die Autorin ist Redaktorin und Herausgeberin der Online-Zeitschrift «FrauenSicht»

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