Telegram Zensur

Die staatlichen Einschränkungen des freien Internetverkehrs haben 2025 weltweit stark zugenommen. Technische Innovationen ermöglichen immer zielgenauere Überwachung und Zensur. © Mehaniq / Depositphotos

Russland unterdrückt den freien Internetverkehr am stärksten

Pascal Derungs /  2025 gab es 212 von Regierungen auferlegte Internetausfälle in 28 Ländern. Fast 800 Millionen Menschen waren davon betroffen.

Die von Russland verursachten Internet-Störungen waren letztes Jahr sowohl hinsichtlich des Ausmasses als auch der technischen Raffinesse beispiellos. Das konstatiert eine breite Recherche von «TOP10VPN», einer Plattform unabhängiger Anbieter von geschützten VPN-Servern.

Im Gegensatz zu den kürzeren, ereignisbedingten Ausfällen, die anderswo zu beobachten waren, habe Russland Abschaltungen nachhaltig und systematisch getätigt. Sie hätten zu landesweiten Blackouts geführt, ergänzt durch selektive Drosselung des Datenflusses und gezielte Protokollstörung, schreiben die Rechercheautoren.

Mindestens 12 weitere Länder, darunter Venezuela, Indien, Irak und Albanien, haben im Jahr 2025 ebenfalls weitreichende Blockaden und Behinderungen des digitalen Informationsflusses durchgesetzt. (In dieser Statistik erscheint die kürzliche, landesweite Internetsperre durch das iranische Regime nicht, weil sie erst Anfang Januar 2026 erfolgte).

Die Regierungen verschleiern Internetbehinderungen zunehmend

Von Regierungen auferlegte Internetausfälle haben in der Regel die Form von vollständigen Internet-Blackouts oder Social-Media-Blockaden.

Immer häufiger werde aber die Zensurtaktik der Internet-Drosselung eingesetzt. Dabei wird die Geschwindigkeit des Datenflusses so drastisch reduziert, dass alles, was über die grundlegende textbasierte Kommunikation hinausgeht, unbrauchbar wird. Dies macht Aktivitäten wie Live-Streaming-Proteste oder die Dokumentation von Menschenrechtsverletzungen effektiv unmöglich.

Besondere Erwähnung erhält der sogenannte «16 KB Curtain», der den Zugriff auf westliche Websites drosselt, indem nur die ersten 16 Kilobyte Daten geladen werden. Dies mache moderne Webdienste effektiv unbrauchbar, wahre aber den Anschein eines offenen Internetzugangs. So würden Regierungen versuchen, die politischen Risiken offizieller Verbote und einer Totalabschaltung zu vermeiden.

Regierungen setzen vermehrt auf Zensur durch Technologie

Internet Service Provider (ISP) und Mobilfunkbetreiber verfügen über diverse technische Methoden, um Einschränkungen des Datenverkehrs durchzusetzen, wenn ihnen das von Regierungen befohlen wird. Insgesamt sei 2025 weltweit eine starke Entwicklung in Richtung präventiver Zensur und Internetbeschränkung feststellbar, konstatiert die Recherche von «TOP10VPN».

Technische Methoden der Internetzensur

  • Abschaltung ganzer Netzwerke
    Die komplette oder teilweise Abschaltung eines nationalen Telekommunikationsnetzes ist die Holzhammermethode. Wo Behörden die volle Kontrolle über die Netzwerkinfrastruktur ausüben, kann dies über einen «Internet-Kill-Switch» erfolgen. Die UNO hat die Verwendung solcher Ein-Punkte-Shutdown-Mechanismen ausdrücklich verurteilt.
  • Manipulation des Border Gateway Protocol (BGP)
    BGP ist das Protokoll, das Datenpaketen ermöglicht, von ihrer Quelle zu ihrem Ziel zu gelangen. Jedes mit dem Internet verbundene Netzwerk gibt kontinuierlich bekannt, an welche IP-Adressen es den Datenverkehr weiterleiten kann. Durch gezielte Eingriffe in diesen Informationsfluss können die IP-Adressen von ausgewählten Benutzern oder Regionen effektiv aus dem Internet «verschwinden».
  • Blockierung von IP-Adressen
    Websites und Social Media Apps werden auf Servern gehostet, die jeweils durch eine IP-Adresse identifiziert sind. Der Zugang zu diesen Adressen kann gezielt blockiert werden, um jeglichen Datenverkehr zu unterbinden.
  • Filterung des Domänennamensystem (DNS)
    Domain-Namensinformationen, wie z.B. «infosperber.ch» sind in DNS-Datenbanken gespeichert und dort mit den zugehörigen IP-Adressen verbunden. Diese Zugehörigkeiten können manipuliert werden, sodass im Netz falsche oder irreführende Reaktionen erfolgen. Anstatt einer Verbindung erhält der Benutzer Fehlermeldungen.
  • «Deep Packet Inspection» (DPI)
    DPI analysiert den Inhalt von Datenpaketen, die über ein Netzwerk reisen. Erscheinen bestimmte Stichworte oder Bildinhalte, löst das automatische Zensurfunktionen. So können Behörden bestimmte Dienste, Anwendungen oder Arten von Inhalten blockieren oder drosseln, wie zum Beispiel beim Video-Streaming oder Voice over Internet Protocol (VoIP). Das geschieht durch «Middleboxen», zwischengeschaltete Geräte, die vor allem in der chinesischen Internetzensur eine zentrale Rolle spielten, hält die TOP10VPN-Recherche fest.
  • Blockierung von Netzwerkprotokollen
    Regierungen können auch die Konnektivität einschränken durch Zugriff auf bestimmte Protokolle wie zum Beispiel TCP/IP-Portnummern. Dieser Ansatz wird häufig verwendet, um Messaging-Plattformen, E-Mail-Dienste oder andere Kommunikationstools zu blockieren oder zu drosseln, was die Fähigkeit der Benutzer, gegenseitig Informationen auszutauschen, einschränkt.

Social-Media zunehmend im Visier von Internetzensoren

Nicht nur Dienste des World Wide Web (www), sondern vermehrt auch Social Media Plattformen erleiden Eingriffe von Regierungsseite. Am stärksten und häufigsten betroffen war laut der Recherche von «TOP10VPN» die Plattform X (ehemals Twitter), gefolgt von Telegram, Tiktok, Whatsapp und Facebook. Etwas seltener wurden Instagram, Snapchat, Signal und Youtube zum Ziel von Behinderungen.

Russlands Zermürbungskrieg gegen Whatsapp-Benutzer

Der Umgang Russlands mit Whatsapp im Jahr 2025 zeige exemplarisch, in welche Richtung sich Zensurstrategien entwickelten, schreibt «TOP10VPN». Anstatt ein sofortiges, totales Verbot zu implementieren, was politische Proteste und Umgehungstaktiken hätte auslösen können, hätten die Behörden zur Strategie der Zermürbung gegriffen. Sie hätten darauf abgezielt, die Nützlichkeit der Plattform stillschweigend zu untergraben und die Benutzer zu zermürben.

Ab Mitte August hätten die russischen Regulierungsbehörden begonnen, die von Whatsapp verwendeten technischen Protokolle selektiv einzuschränken, zuerst bei Voice over IP (VoIP) -Anrufen und Videofunktionen. So konnten die Beamten die Massnahmen als technische oder regulatorische Anpassung deklarieren und eine Zensur leugnen.

Die Einschränkungen seien ungleichmässig eingeführt worden, zuerst bei mobilen Verbindungen, erst später auch bei Desktop-Zugriffen. Diese gestaffelte Implementierung habe eine inkonsistente Servicequalität geschaffen und gleichzeitig die Sichtbarkeit eines landesweiten Blackouts verhindert. Doch faktisch sei in den letzten Wochen des Jahres 2025  Whatsapp für die meisten Nutzer in Russland funktional komplett unbrauchbar geworden.

Diese Progression veranschauliche eine Verschiebung der Zensurstrategie, weg von Abschaltungen hin zu «Soft Blocking». Die Grenze wischen Drosselung und direkten Abschaltungen werde verwischt. Dies mache die Zensur schwieriger zu erkennen, zu messen und zu bekämpfen.

Internetzensur verursacht enorme wirtschaftliche Schäden

Abschaltungen und Drosselungen des Internetverkehrs beschneiden nicht nur die Informationsfreiheit massiv, sie verursachen auch gewaltige gesamtwirtschaftliche Schäden. Immer grössere Teile des Geschäfts- und Handelsverkehrs laufen mittlerweile über Onlinekanäle. Die Rechercheure  von «TOP10VPN» schätzen die weltweiten Einbussen durch Internet-Shutdowns für 2025 auf 19,7 Milliarden US-Dollar, was eine Steigerung von 156 Prozent im Vergleich zum Vorjahr darstelle.


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