Doha

Das Emirat Katar (im Bild die Hauptstadt Doha) gibt sich nach Aussen gerne weltoffen. Die FIFA hilft dabei. © pixabay

Fussball-WM: Katar fordert Rücksicht auf homophobe Kultur

Tobias Tscherrig /  An der Fussball-Weltmeisterschaft 2022 in Katar dürfen Fans in den Stadien auch Regenbogenfahnen zeigen. Das ist Augenwischerei.

Seitdem die finanz- und prestigeträchtige Fussballweltmeisterschaft für das Jahr 2022 von der FIFA nach Katar vergeben wurde, hagelt es Kritik. Erst Anfang Mai 2020 wurde bekannt, dass die Stimmen von drei FIFA-Fussballfunktionären gekauft worden waren. Drei Stimmen für Katar, die ausschlaggebend gewesen sind: Ohne sie wäre das Turnier wohl in den USA ausgetragen worden.

Neben der Korruption bei der Abstimmung im FIFA-Exekutivausschuss führen unter anderem auch die fehlende Fussballtradition des Emirats; die Hitze, die eine Verschiebung der WM auf den Winter nötig machte sowie die brutalen und ausbeuterischen Arbeitsbedingungen auf den Baustellen der Stadien, die bereits zahlreiche Todesopfer forderten, zu internationaler Kritik. Ausserdem verhaftete das Emirat mehrmals Journalistinnen und Journalisten, die über die prekären Arbeitsbedingungen von Gastarbeiterinnen und Gastarbeitern berichten wollten. Ihre Ausrüstung und das entstandene Material wurden beschlagnahmt.

Und nicht zuletzt ist Katar ein autokratisches Regime, das sich nach Aussen zwar gerne als moderner arabischer Staat präsentiert, im Inneren aber die Menschenrechte mit Füssen tritt und zu den Grosssponsoren des militanten Islamismus gehört.

FIFA bringt den weltoffenen Anstrich

Neben all diesen bedenklichen – aber längst bekannten – Tatsachen findet die WM 2022 noch dazu in einem Land statt, das gleichgeschlechtliche Liebe grundsätzlich unter Strafe stellt und mit bis zu fünf Jahren Gefängnis bestraft. 1996 bekam das zum Beispiel auch ein US-Bürger zu spüren: Er wurde mit einer sechsmonatigen Haftstrafe und 90 Peitschenschlägen bestraft.

Bereits 2019 hat der Cheforganisator der Fußball-WM 2022 in Katar, Hassan Al Thawadi, Besucher dazu aufgefordert, auf die Kultur des islamischen Landes Rücksicht zu nehmen. «Es gehört nicht zu unserer Kultur, öffentlich Zuneigung zu zeigen, unabhängig von der sexuellen Orientierung. Und wir bitten die Menschen, das zu respektieren.» Der ehemalige FIFA-Chef Sepp Blatter schlug bereits 2010 in eine ähnliche Kerbe: Er empfahl homosexuellen Fussballfans, bei einer Teilnahme in Katar auf Sex zu verzichten – eine diskriminierende Äusserung, für die er sich später entschuldigen musste.

In der Zwischenzeit kam ein minimales Zugeständnis von den Veranstaltern aus Katar. Sie erklärten gegenüber der FIFA, dass man die Regeln und Richtlinien des Weltfussballverbandes in den Stadien respektieren werde – wie auch immer diese aussehen würden. Entsprechend solle auch das Zeigen von Regenbogenfahnen in den Stadien erlaubt sein. Aber: Weil die Kultur von Katar Teil dieser Welt sei, werde erwartet, dass diese akzeptiert werde. Oder mit anderen Worten: Homosexuelle Menschen dürfen ihre Anliegen in den Stadien nach aussen tragen, was dem Emirat dank der weltweit übertragenen TV-Bilder einen weltoffenen Anstrich ermöglicht. Sobald sie sich aber in der Öffentlichkeit zu Zärtlichkeiten hinreissen lassen, werden sie verfolgt und bestraft.

Ein zynisches Vorgehen, das an die Kosmetik der WM in Brasilien erinnert: Bevor die Weltpresse in Brasilien eintraf, säuberten Polizei und Sicherheitskräfte noch schnell ein paar Problembezirke. Über 150’000 Bewohnerinnen und Bewohner der Armenviertel wurden vertrieben und in weit entfernte Gebiete umgesiedelt – um die Sicherheit der Fussballtouristen zu gewährleisten und der Welt ein schönes, aufgeräumtes Brasilien zu zeigen.

«Warme Haltung» und Strafe Gottes

Zurück zu Katar: So weltoffen sich das Emirat nach Aussen gibt, so konservativ und rückständig präsentiert es sich im Inneren. Zwar sind die Rechte von Frauen auf dem Vormarsch, daneben gilt aber die Scharia als Hauptquelle der Gesetzgebung – was sich negativ auf die Einhaltung von Menschenrechten auswirkt.

Die Widersprüchlichkeit von Katar ist auch bei den Medien zu sehen. Viele davon präsentieren sich in ihren englischsprachigen Ausgaben als weltoffen und modern, publizieren in den arabischsprachigen Formaten aber ganz andere Inhalte.

Als Beispiel die regierungsnahe Zeitung «Al Sharq»: Die lokale Journalistin Na’ima ‘Abd al-Wahhab al-Mutawa’a, die gleichzeitig als Medienberaterin des Auswärtigen Amtes von Katar arbeitet, veröffentlichte darin den Text ««Haltet abweichende Ideen weg von euren Kindern». Sie schreibt unter anderem: «Ein wichtiges Thema, das inzwischen schon als Phänomen bezeichnet werden kann und über das man nicht länger schweigen darf, ist die warme Haltung, die in vielen sozialen Netzwerken der Homosexualität entgegengebracht wird – besonders bei Snapchat. Eine Haltung, die von der natürlichen Ordnung abweicht, die Allah für Männer und Frauen vorgesehen hat. Das führt dazu, dass wir in unserer Gesellschaft junge Männer sehen, die aussehen wie Frauen, und junge Frauen, die aussehen wie Männer.»

Laut der Journalistin gebe es «nicht ein einziges Computerspiel für Kinder, das nicht abweichende und perverse Bilder» enthalte. «Denkt daran, dass Gott die Mitglieder dieser Gruppe bestraft und ihre Städte zerstörte mit dem Blinken seines Auges.»

Fussball-Kolonialismus in Reinform

Selbst der langjährige Fussball-König Sepp Blatter bezeichnete die Vergabe der Weltmeisterschaft nach Katar im Jahr 2014 als «Fehler». Davor verteidigte er die Entscheidung der WM-Vergaben nach Russland und Katar aber vehement und im Stile eines Kolonialherrn: «Es ist meine Philosophie, die Expansion des Fussballs voranzutreiben. Ich fing vor über dreissig Jahren als Entwicklungsbeauftragter bei der FIFA an. Das bin ich bis heute geblieben. […] Manche verkraften es einfach nicht, wenn ausnahmsweise andere zum Zuge kommen. […] Wenn man diese Strategie konsequent weiter denkt, dann wären die nächsten Gebiete, die wir erobern müssten, China und Indien.»

Die FIFA lieferte bereits bei der Vorstellung des Bewerbungsdossiers von Katar weitere Floskeln: «Und selbstverständlich werden die Fans aus der ganzen Welt nach dem faszinierenden Erlebnis der arabischen Gastfreundlichkeit Katar mit einem völlig neuen Verständnis für den Nahen Osten verlassen.» Und: «Die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft in dieser Region auszutragen wäre damit auch ein wichtiger Beitrag zur Völkerverständigung, ganz im Sinne des FIFA Slogans ‹For the Game; For the World›.»

FIFA: Ein gemeinnütziger Verein?

«Für das Spiel; für die Welt»: Wohl kaum. In Brasilien verschwendete die Regierung elf Milliarden an öffentlichen Geldern. Für Stadien, die nach der WM in private Hände fielen und an deren Standorte oft nicht einmal ein vernünftiger Fussballclub existiert. Zusätzlich erhielt die FIFA von der Regierung Steuergeschenke in der Höhe von 194 Millionen Euro und fuhr während der WM einen Milliardengewinn ein. Und das, obwohl Brasilien eigentlich in Bildung, Gesundheitswesen und in eine nützliche Infrastruktur investieren sollte.

Die FIFA ist nicht einfach der weltverbessernde, völkerverständigende Verein, für den sie sich gerne ausgibt. Menschenrechte, Probleme der einheimischen Bevölkerung, Leichen auf Stadion-Baustellen, Korruption und diktatorische Verhältnisse scheinen ihr egal, solange der Profit stimmt. Das sah man zuletzt in Brasilien und Russland – und nun in Katar.


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2 Meinungen

  • am 28.12.2020 um 04:52 Uhr
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    Bei einem solchen Artikel kriegen Extremisten Schnappatmung.
    In deren Ideologie gilt ein solcher Vorwurf als «antisemitischer, islamophober Neokolonialismus», als «White Supremacy», der «weisse Vorherrschaft / Überlegenheit gegenüber den People of Color (PoC)».

    Siehe auch: Critical Whiteness Studies (kritische Weißseinsforschung).

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  • am 29.12.2020 um 08:31 Uhr
    Permalink

    Pressefreiheit ist eine wunderbare Sache. Nur bevor man so etwas schreibt, sollten man sich richtig informieren. Ich, als deutscher Staatsbürger, lebe und arbeite seit 13 Jahren in Qatar. Bis jetzt hat mich noch nie jemand in die Ketten gelegt!
    Was die Arbeitsbedingungen auf FIFA Baustellen betrifft, haben die höchsten Sicherheitsstandards, viel höher als auf deutschen Baustellen, wo ich auch 16 Jahre vor Qatar gearbeitet habe. Statistische gesehen gab es hier weniger Unfälle als auf deutschen bestellen. Alle Stadiums werden von größten internationalen Firmen gebaut, auch europäische firmen sind beteiligt. Es gab eine öffentliche Ausschreibung und die Baupreise sind deutlich hoher als in Deutschland. Wenn es Ausbeutung geben sollte, dann sollten man die schuld bei Baufirmen suchen und nicht bei Qatar. Die Unterkünfte und drei Mahlzeiten am Tag werden hier von Arbeitgeber kostenlos gestellt. Die Löhne sind verglichen mit Europaeschen Markt niedrig aber die Kaufkraft, in dessen Heimatlenden 10-mal höher als die von Arbeiter die in Deutschland arbeiten. Die Lebensbedingungen bzw. Unterkünfte der Arbeiter die auf FIFA Projekten arbeiten haben höheren Standards als die von den deutschen Plantagen und Fleischindustrie Arbeiter. Dort werden die Menschen ausgebeutet!
    Deswegen zuerst vor der eigenen Haustür saubermachen und dann auf die andere mit dem Finger zeigen!

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