Kommentar

Schulbildung für Mädchen: Afghanische Tragödie

Gudrun Harrer © zvg

Gudrun Harrer /  Man kann die vom wirtschaftlichen Zusammenbruch des Landes am Leben bedrohten Afghanen nicht einfach ihrem Schicksal überlassen.

Obwohl sich die öffentliche Aufmerksamkeit derzeit völlig auf die Ukraine richtet, ist es den Taliban gelungen, Afghanistan zumindest kurz in die internationale Berichterstattung zurückzubringen. Die afghanische Tragödie war diesmal als Farce inszeniert: Seit Wochen verkündeten die neuen und alten Herren in Kabul, dass ab März auch Mädchen ab der sechsten Schulstufe wieder in den Unterricht dürfen. Viele der Schülerinnen waren schon in ihren Klassen – und die Medien standen bereit, darüber zu berichten –, als das Retour-Kommando kam. Die Bilder von Tränen, die sonst hinter verschlossenen Türen fliessen müssen, gingen um die Welt.

Sogar einige offizielle Stimmen in Kabul reagierten peinlich berührt: Es seien nur «technische» Fragen offen, sobald sie gelöst seien, werde der Schulbeginn nachgeholt. Und wenn man gar nichts anderes hat, macht man es eben an der «angemessenen» Kleidung für Frauen fest, dem simpelsten Marker dafür, wie islamisch ein Land angeblich sein soll.

Der Hintergrund ist jedoch natürlich komplexer: Der Befehl zum Stopp ging offenbar von der ideologischen Taliban-Zentrale Kandahar aus, der Kabul – wo unter anderem jene Taliban sitzen, die jahrelang mit den USA in Doha verhandelten – zu pragmatisch geworden ist. Dieser latente Machtkampf zeigte sich bereits in den ersten Wochen nach der Machtübernahme im August, als es an die Regierungsbildung ging. Auch damals setzten sich die Ultras durch.

Das Dilemma für die internationale Gemeinschaft wird damit noch grösser. Heute findet eine Uno-Geberkonferenz statt, deren Ziel es ist, 4,4 Milliarden US-Dollar für humanitäre Hilfe aufzustellen. Die Frage der Grundrechte – wie das Recht auf Ausbildung – von Mädchen und Frauen spielt eine fundamentale Rolle bei der Bereitschaft, auf einer minimalen Basis mit den Taliban zusammenzuarbeiten, auch wenn sie weiter nicht als rechtmässige Regierung anerkannt werden.

Man kann nicht die vom wirtschaftlichen Zusammenbruch des Landes am Leben bedrohten Afghanen und Afghaninnen einfach ihrem Schicksal überlassen. Ausgerechnet die USA, die durch ihren schlecht vorbereiteten Abzug die Katastrophe mitverursacht haben, bestrafen Afghanistan für ihr eigenes Versagen: Von sieben Milliarden US-Dollar an eingefrorenen afghanischen Geldern gab US-Präsident Joe Biden die Hälfte für die Entschädigung von Opfern der Terroranschläge von 9/11 frei. Unter den Attentätern war kein Afghane.

Dieser Artikel ist zuerst im «Standard» erschienen.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine. Gudrun Harrer ist leitende Redakteurin des österreichischen «Standard» und unterrichtet Moderne Geschichte und Politik des Nahen und Mittleren Ostens an der Universität Wien.
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Weiterführende Informationen

Zum Infosperber-Dossier:

afghanistan

Nach dem Nato-Krieg in Afghanistan

Von 2001 bis 2021 führte die Nato unter Führung der USA in Afghanistan einen «Krieg gegen den Terror».

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2 Meinungen

  • am 31.03.2022 um 10:02 Uhr
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    Solche Art von «Ressourcentransfers» hat in den USA Tradition.

    Eine meiner ersten Investitionen als Student, eine Obligation der Pan-Am, wurde von der US-Regierung unter «Chapter 11» schlicht als «wertlos» klassiert, d.h. die Schuld der Pan-Am auf meine Kosten erlassen. In einem «normalen» Land, wäre das bei Fortbestand der Gesellschaft wohl als Diebstahl eingestuft worden.

    Immerhin ist mein ständiger Auftrag an die Bank, welche meine Pensionskassengelder verwaltet, von US-Investitionen abzusehen.

    Dass Russland jetzt verlangt, dass seine Gaslieferungen in Rubel bezahlt werden müssen, ist bei solchen Handelspartnern verständlich.

    De Gaulle hat damals versucht, seine $-Papierscheine gegen Gold aus Fort Knox einzutauschen. Nixon hat darauf den Gold-Exchange-Standard abgeschaft und, wie schon früher GB, beschlossen Schulden nur noch mit Papierscheinen seiner eigenen Druckerei zu bezahlen.

    So hat eben Europa den Vietnamkrieg …&&… über die Anhäufung von $-Reserven finanziert.

    2
    • am 2.04.2022 um 14:11 Uhr
      Permalink

      PS: man müsste wohl noch anfügen, dass die Goldreserven der ostafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft (Uganda, Kenya, Tanzania) nach erreichen der Unabhängigkeit in die Bank of England «rapatriiert» wurden und dass Frankreich mit den Währungsreserven der Sahelstaaten ähnlich gehandelt hat. Geld als Waffe des Neokolonialismus ist also nichts neues. Neu ist nur, dass Russland, und wohl auch China, dieses Spiel nicht weiter finanzieren wollen.

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