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Das Industriegebiet Weda Bay im Osten Indonesiens. © Wufei Yu für «Grist»

Indonesien: Die Schattenseiten des Nickel-Booms

Daniela Gschweng /  Die Energiewende braucht Nickel, Indonesien produziert es. Arbeitsrechte, Gesundheit und Umwelt bleiben dabei auf der Strecke.

Ohne Metalle geht nichts in der Energiewende. Für E-Autos, Batteriespeicher, Sonnenkollektoren und Windräder braucht die Welt vor allem Lithium, Kobalt und Nickel. Von Lithium und Kobalt ist bekannt, dass sie oft unter unter umweltschädlichen und menschenrechtlich fragwürdigen Bedingungen gewonnen werden. Das scheint sich bei Nickel zu wiederholen.

Der weltweit grösste Nickelproduzent ist Indonesien, gefolgt von den Philippinen. Besonders viel nickelhaltiges Erz gibt es auf Sulawesi. Seit 2020 gilt in Indonesien ein Exportverbot für Nickelerz, weil das Land sein Erz selbst aufbereiten und einen grösseren Anteil der Wertschöpfung behalten will. Auf entlegenen Inseln im Osten Indonesiens sind grosse Industrieparks entstanden.

Mal wieder: Knochenarbeit in der Fremde

Der indonesische Nickel-Boom wird massgeblich von chinesischen Unternehmen getragen. Sie bringen das Know-how mit, das Indonesien für die Herstellung von Nickelroheisen benötigt. Zehntausende chinesische Arbeitsmigranten arbeiten fern ihrer Familien unter extremen Bedingungen in Schmelzöfen und Raffinerien. Viele stammen aus strukturschwachen Regionen Chinas. Indonesien ist für sie oft der einzige Ausweg, weil in China immer mehr Stahlwerke schliessen. Die Löhne für den Einsatz in Indonesien sind zwei- bis dreimal so hoch wie zuhause.

«W.H. Wong», über den das US-Magazin «Grist» in einer Reportage berichtet, ist einer von ihnen. Er stammt aus der Provinz Shanxi. Der Reporter zeichnet ein tristes Bild, als er Wong dort besucht: graue Kamine, leere Strassen, geschlossene Läden. Im Vergleich zu Indonesiens Nickelminen wirkt es dort aber beinahe lebhaft.

Für die Reise zu seinem Arbeitsplatz im Weda Bay Industrial Park auf den Nordmolukken braucht Wong 36 Stunden, so abgelegen ist der Ort. Bevor er anfing, dort zu arbeiten, hatte er wie viele Chinesen nicht einmal einen Pass besessen. In Weda Bay führt Wong in 12-Stunden-Schichten ein Team aus neun chinesischen und 16 indonesischen Arbeitern. Ein Einsatz dauert sechs Monate, danach hat er zwei Wochen frei.

Wegen «kultureller Unterschiede»: eingesperrt am Arbeitsplatz

Indonesische Beschäftigte arbeiten meist zu noch schlechteren Konditionen, mit geringerem Lohn, und haben noch weniger Alternativen auf dem Arbeitsmarkt. Meist leben sie in schnell errichteten Hütten in den nahegelegenen Dörfen, die den Zustrom kaum verkraften. Es mangelt an Infrasturkur. Dörfer und Strassen ertrinken in Müll.

Das Rückgrat der Energiewende ist weitgehend unsichtbar. Die chinesischen Arbeiter leben in der Regel in Wohnungen innerhalb der Anlagen. Ihre Bewegungsfreiheit ist stark eingeschränkt. In einem anderen Industriepark, Morowali, dürfen sie die Anlage nur für zwei Stunden täglich verlassen – wegen «kultureller Unterschiede», wie der Betreiber gegenüber «Grist» erklärt. Bis vor Kurzem seien chinesischen Beschäftigten routinemässig die Pässe abgenommen worden, berichtet «Grist». Es gibt Berichte über Zwangsarbeit.

Das Rückgrat der Energiewende lebt gefährlich

Zu Beginn jeder Schicht spricht Wong über Sicherheitsvorschriften, ein Dolmetscher übersetzt für seine indonesischen Mitarbeiter. Die Arbeit ist hart, die Arbeitsbedingungen sind gefährlich, Unfälle häufig. Verbrennungen und Atemwegserkrankungen gehören zum Alltag.

An Weihnachten 2023 gab es einen grösseren Unfall. Im Industriepark Morowali explodierten Chemikalien, als bei einer Reparatur heisse Schlacke überlief. 21 Arbeiter starben. Der Unfall machte Wong betroffen. «Das hätte ich sein können», sagt er. Das Unglück lenkte den Blick erstmals auf die mangelhaften Sicherheitsstandards und die fehlende Kontrolle in einer schell wachsenden Industrie.

Viel geändert habe sich seither nicht, berichtet ein anonymer Vertreter der UN-Organisation ILO (International Labour Organisation). Lokale und internationale gemeinnützige Organisationen hätten versucht, die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Es gab Treffen mit der indonesischen Regierung und dem Nickel-Konzern Tsingshan. Versuche, Arbeits- und Umweltstandards zu verbessern, kommen aber nur schleppend voran.

Zwar gebe es nun ein Abfallmanagement, das die Müllmengen im Gebiet um die Anlagen aber nicht bewältigen könne, schreibt «Grist». Ein Programm zur Verbesserung der Arbeitssicherheit wurde gar nicht erst begonnen, weil die Finanzierung aus den USA im Zuge von Elon Musks Sparprogramm «Doge» gestrichen worden sei.

Umwelt- und Gesundheitsschäden – trotz Milliardeninvestitionen

Ausserhalb der Industrieparks zeigen sich die Folgen der rasant wachsenden Nickelindustrie. Ein interner Umweltbericht des Industriegebiets Morowali, den «Grist» einsehen konnte, zähle zahlreiche Atemwegserkrankungen bei den Angestellten und der Bevölkerung in der Nähe auf. Viele Dörfer sind durch die Zuwanderung stark gewachsen. Trotz Milliardeninvestitionen verfügen sie aber oft weder über ein Abwassersystem noch über sauberes Trinkwasser. Viele Kinder seien unterernährt, sagt einer der Autoren, der anonym bleiben möchte wie alle, mit denen «Grist» gesprochen hat. Das «SRF» berichtete im Februar 2025 über Abholzungen, Umweltverschmutzung und die Schädigung von Küstengebieten.

Trotz der Entwicklung, die der Morowali-Komplex für die abgelegene Gegend bedeute, sei die lokale Bevölkerung «sehr besorgt über die Umweltrisiken» einer geplanten Erweiterung. Beziehe man sie nicht ein, könne der Widerstand «enorm» sein, warnt der Report.

Was offenbar bis in die Politik vorgedrungen ist. Indonesiens Umweltministerium stellte laut «Grist» im Juni 2025 «schwere Verstösse» fest und leitete ein Verfahren wegen Wasser- und Luftverschmutzung sowie unerlaubter Bautätigkeit ein. Die Betreiber des Industrieparks Morowali betonen hingegen ihre Gesetzestreue. Indonesien plant weitere Anlagen.


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