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2019 ergoss sich der Schlamm eines Rückhaltebeckens im brasilianischen Ort Brumadinho über alles, was sich in seinem Weg befand. © public-domain Felipe Werneck/Ibama

Brumadinho-Katastrophe: Vale zahlt sechs Milliarden Franken

Daniela Gschweng /  Vor zwei Jahren tötete der Dammbruch einer Eisenerzmine in Brasilien hunderte Menschen und verursachte eine Ökokatastrophe.

Es war eines der grössten Industrieunglücke Brasiliens: 2019 brach der Damm eines Abraumbeckens einer Eisenerzmine bei der Stadt Brumadinho. Eine Schlammlawine begrub mehrere Ortschaften unter sich und tötete 272 Menschen, elf werden noch immer vermisst. Der giftige Schlamm zerstörte das Ökosystem des Flusses Paraopeba, das sich bis heute nicht erholt hat.

Der Bergbaukonzern Vale muss nun 37,7 Milliarden Real (6,3 Milliarden Franken) an den Bundesstaat Minas Gerais bezahlen. Es sei «die grösste Entschädigung» die jemals in Lateinamerika bezahlt worden sei, feierte Romeu Zema, der Gouverneur des Bundesstaats, das Abkommen, das am 4. Februar abgeschlossen wurde.  

Das letzte Wort zur Brumadinho-Katastrophe ist damit noch nicht gesprochen. Noch offen ist ein Verfahren gegen mehrere Mitarbeiter von Vale und der brasilianischen Tochter des TÜV Süd, die wegen Todschlags angeklagt sind. TÜV Süd hatte den Damm noch kurz vor dem Unglück geprüft und als sicher eingestuft. Bis das Verfahren abgeschlossen ist, kann es dauern, die brasilianische Justiz ist für langwierige Prozesse bekannt.

Brumadinho könnte sich wiederholen

Das Wiedergutmachungsabkommen und das noch laufendende Verfahren dürften von Seiten der Bergbauunternehmen aufmerksam beobachtet werden. Denn eine Katastrophe wie in Brumadinho könnte sich wiederholen.

Rückhaltebecken wie in Brumadinho gibt es in Brasilien viele, vor allem in Minas Gerais, wo intensiv Bergbau betrieben wird. Um Eisenerz aus dem Gestein zu lösen, wird Wasser eingesetzt; das Resultat ist giftiger Schlamm, der in Abraumbecken gepumpt wird. Sind sie voll, wird der Damm immer wieder erhöht. Das Risiko eines Dammbruchs wird so Stück für Stück erhöht. Der Damm von Brumadinho war zehnmal aufgestockt worden, bevor er brach.

Brasiliens Bergbau sitze auf einer tickenden Zeitbombe, sagt Susanne Friess, die für das christliche Hilfswerk Misereor in der Region arbeitet. Nur drei Jahre vor Brumadinho hatte es ein ähnliches Unglück ganz in der Nähe gegeben, bei dem 19 Menschen starben. Auch der gebrochene Damm beim Ort Mariana gehörte Vale.

Friess Lesart der Ereignisse: In beiden Fällen habe der Betreiber Bescheid gewusst und nichts getan. Wegen der in Brasilien ausgeprägten Verquickung von Bergbau und Politik sei es schwer, Kontrollen durchzusetzen oder Regulierungsgremien zu schaffen. Der Bergbausektor sei daran naturgemäss wenig interessiert, erklärte Friess im «Echo der Zeit»:

Bei den Betroffenen kommt nur ein Bruchteil an

Das Abkommen zur Brumadinho nur zwei Jahre nach der Katastrophe vermeide einen Rechtsstreit, der gut zehn Jahre hätte dauern können, kommentierte das Gericht. Opferorganisationen sind dennoch nicht damit zufrieden. Betroffene kritisieren, dass sie zu keinem Zeitpunkt in die Verhandlungen einbezogen oder auch nur angehört worden waren.

Von der Entschädigung kommt nur ein Bruchteil bei den Betroffenen an. Von insgesamt 37,7 Milliarden Real fliessen lediglich 9,2 Milliarden in ein Sozialprogramm zur Unterstützung der Betroffenen in Brumadinho. Viele haben Angehörige oder ihr ganzes Hab und Gut durch den Dammbruch verloren.

Genutzt werden soll die Summe statt dessen für Projekte des Bundesstaats Minas Gerais, wie den Ausbau der Metro in der Hauptstadt Belo Horizonte, Krankenhäuser oder Strassenbau. Er fürchte, das Geld werde in den Händen von Leuten enden, die mit der Tragödie nichts zu tun hätten, sagte Marconi Machado, der durch den Dammbruch seinen Neffen verloren hat, gegenüber dem «Guardian».

Opfer hoffen weiter auf Gerechtigkeit

«Solche Verbesserungen für die Bevölkerung sollten mit Steuergeldern finanziert werden. Und nicht mit dem Geld der Opfer», findet auch Vagner Diniz, der durch die Katastrophe zwei erwachsene Kinder verloren hat, gegenüber der «Deutschen Welle» (dw). Nur die betroffenen Gemeinden sollten darüber entscheiden dürfen, wohin das Geld fließt.

Die Verträge seien unterschrieben, ändern lasse sich daran nun nichts mehr, so der Tenor der Betroffenen. Sie versuchen zu erreichen, dass zumindest ein möglichst grosser Teil der Entschädigung bei den Leidtragenden ankommt. Und sie hoffen weiter auf Gerechtigkeit bei den noch anstehenden Prozessen.

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