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Die Politik ging stillschweigend davon aus, dass Frauen im Homeoffice auch die Kinder betreuen. © pab

«Mutti wird es zu Hause schon richten»

Barbara Marti /  Mit bezahlter und unbezahlter Arbeit erhalten Frauen in Corona-Zeiten ein System, das sie benachteiligt. Das muss nicht so bleiben.

Die bezahlte Arbeit von Kassiererinnen im Supermarkt oder Pflegerinnen im Spital und im Altersheim gilt seit Corona als systemrelevant. Von den tiefen Löhnen ist jetzt endlich die Rede. Doch die ebenfalls systemrelevante unbezahlte Arbeit von Frauen war auch während Corona lange Zeit kein Thema in der Politik. «Implizit wurde bei jeder Entscheidung vorausgesetzt, dass Mutti es schon macht zu Hause», sagte Grünenchef Robert Habeck in der ARD-Talksendung von Anne Will. Wenn man Kitas, Grundschulen und so weiter schliesst, müsse zum Beispiel irgendjemand kochen. «Möglicherweise haben das Bundeskabinett und auch die Landesregierungen gedacht, das macht der Vater. Aber wahrscheinlich haben sie gar nicht darüber nachgedacht. Irgendeiner wird es schon machen.»

Unbezahlte Arbeit ist systemrelevant

Diesen blinden Fleck in der Politik kritisiert auch der Schweizer Ökonom Reiner Eichenberger. Die Mehrfachbelastung von Frauen zu Hause habe in der Corona-Krise grossen Schaden angerichtet, sagte er im «Tages-Anzeiger»: «Sie waren zwei Monate eingesperrt, mussten sich um die Kinder kümmern, den Haushalt schmeissen, den Mann ertragen und oft noch selber arbeiten. Sie sind wahrhaft systemrelevant und Heldinnen. Ich kenne kein Papier des Bundesrates, das solche gesellschaftlichen Auswirkungen thematisiert.»
Die unbezahlte Arbeit der Frauen ist systemrelevant, sagt auch Karin Nordmeyer von der Uno-Frauenorganisation «UN Women»: «Die Art und Weise, wie Familien und die Wirtschaft funktionieren, basiert auf dieser unbezahlten Arbeit.» Trotzdem bewerte die Gesellschaft die Produktion von Gütern höher als die Sorge um die Menschen, sagte sie in der «Tageszeitung»: «Und letztlich greifen nun die alten Strukturen, auch wenn wir dachten und hofften, schon weiter zu sein: Die einen haben Körperkraft, Macht und Geld, die anderen machen die meiste Arbeit. Zeit, darauf hinzuweisen, haben sie deshalb leider selten.»

Unbezahlte Arbeit ist Milliarden wert

In vielen Ländern gingen Politikerinnen und Politiker beim Lockdown vermutlich ohne gross nachzudenken davon aus, dass Eltern – mehrheitlich die Frauen – zu Hause im Homeoffice arbeiten und zusätzlich Kinderbetreuung und Hausarbeiten erledigen. Grosseltern und Kitas fielen ja weitgehend aus. Nur wenige weisen darauf hin, wie wichtig die unbezahlte Arbeit ist. «Das grösste Problem liegt bei der unbezahlten Care-Arbeit», sagte Susanne Vincenz-Stauffacher, Nationalrätin und Präsidentin der FDP-Frauen Schweiz, kürzlich in der «Neuen Zürcher Zeitung». Ihr Wert sei riesig und man müsse dies endlich benennen und beziffern. Feministische Ökonominnen machen das seit Jahrzehnten, ohne bei der Politik auf Gehör zu stossen. Zuletzt hat die feministische Ökonomin Mascha Madörin den Wert der unbezahlten Arbeit in der Schweiz pro Jahr auf 248 Milliarden Franken geschätzt. Das sind fast 35 Milliarden mehr als alle Ausgaben von Bund, Kantonen und Gemeinden.

«Das System muss nicht so bleiben»
Für die Zeit nach Corona sollte die unbezahlte Arbeit in der Politik eine wichtigere Rolle spielen. Doch ist das Gegenteil zu befürchten. Die Kosten der Krise werden vermutlich mit Sparmassnahmen bezahlt. Damit besteht die Gefahr, dass Frauen noch mehr Arbeit unbezahlt erledigen müssen. Ein Muster, das aus der Finanzkrise 2008 und von früheren Krisen bekannt ist. In der Talksendung von Anne Will prophezeite Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung, dass Frauen nun eine «entsetzliche Retraditionalisierung erfahren» und «wieder so richtig die Heimmütterchen» werden. «Spiegel»-Kolumnistin Margarete Stokowski ist optimistischer. Corona mache Ungerechtigkeiten sichtbarer und deshalb Frauen wütender. Und Wut sei eine nicht zu unterschätzende Kraft für Veränderungen: «Die Arbeit von Frauen ist systemrelevant, aber das System muss nicht so bleiben, wie es ist.»
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Hören Sie dazu den «Echo der Zeit»-Bericht vom 7. Juni:
«Italien und der «Circolo degli ragazzi»

Weiterführende Informationen


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine. Barbara Marti ist Redaktorin und Herausgeberin der Online-Zeitschrift «FrauenSicht».

Zum Infosperber-Dossier:

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Gleiche Rechte für Frauen und Männer

Gleichstellung und Gleichberechtigung: Angleichung der Geschlechter – nicht nur in Politik und Wirtschaft.

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2 Meinungen

  • am 7.06.2020 um 16:00 Uhr
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    Genau aus diesem Grund braucht es ein Grundeinkommen! Gäbe es für jeden erwachsenen Menschen ein Grundeinkommen von Fr. 2000.- und für jedes Kind bis 18 ein Kindergeld von Fr. 800.-, was über einen Abzug von 25% von jedem Erwerbseinkommen finanziert würde, so würden jene, die ein Erwerbseinkommen erzielen automatisch jene finanzieren, die eben ihre Arbeitskraft «gratis» der Gesellschaft zur Verfügung stellen. (Das Grundeinkommen erhalten alle, auch jene die Erwerbseinkommen erzielen, unter dem Strich würde das GE somit von all jenen finanziert, die über Fr. 8000.- verdienen. Bei Fr. 8000.- wäre es neutral, Leute deren Einkommen darunter liegt, profitieren.)

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  • am 11.06.2020 um 09:26 Uhr
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    @Weidmann: Gute Idee! Dieser Vorschlag ist nicht kostenneutral, weil das Durchschnittseinkommen der CH (2016) CHF 6502.– betrug. Ist das gewollt? Wer finanziert den Rest? Wieso soll das Grundeinkommen nicht mitversteuert werden? – Trotz meinen Fragen: Das Grundeinkommen an Personen ist viel zielführender wie alle Unternehmensunterstützungen, die wir heute vornehmen, weil diese den Konsum ankurbeln und damit die Umweltschäden vergrössern statt verkleinern.

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