Hulda Zwingli

Eine Aktivistin der Gruppe «Hulda Zwingli» fragt sich, ob der Anteil der Künstlerinnen im Kunsthaus Zürich höher als 5 Prozent ist. © instagram @huldazwingli

In Schweizer Museen ist die Kunst vorwiegend männlich

Céline Stegmüller / swissinfo.ch /  Kunst von Frauen ist in Museen und im öffentlichen Raum nur selten zu sehen. Doch es gibt hoffnungsvolle Ansätze, dies zu ändern.

Künstlerinnen sind in Schweizer Museen markant untervertreten. Das hat eine repräsentative Umfrage von swissinfo.ch und RTS vor zwei Jahren deutlich gemacht. Seither hat sich in den Kulturinstitutionen bezüglich Gleichstellung nur wenig getan. Wer derzeit eines der grossen Schweizer Museen besucht, kann im Kunstmuseum Bern Werke von August Gaul, im Zentrum Paul Klee von Adolf Wölfli und im Kunsthaus Zürich von Gerhard Richter sehen.

Wenn es um Werke von Künstlerinnen geht, ist das Kunstmuseum Basel im Moment die erste Adresse: Nach Sophie Taeuber-Arp ist dort Kara Walker zu sehen, bevor sie im Herbst von Camille Pissarro, Tacita Dean und Ruth Buchanan abgelöst wird. Von den sieben grössten Kunstmuseen der Schweiz ist das Haus in Basel das einzige, das in den letzten zwei Jahren ein egalitäres Programm präsentiert hat, mit sieben Einzelausstellungen von Frauen und elf von Männern – zwei davon als Kollektiv.

Zum Zeitpunkt der Umfrage erklärten mehrere Museen die Unterrepräsentation von Frauen in ihren historischen Sammlungen und Ausstellungen mit dem erhöhten Zeitaufwand, der erforderlich sei, um Werke von Künstlerinnen zu finden, die oft im Schatten ihrer Väter oder Ehemänner gestanden seien. Doch die von Corona diktierte Zwangspause hat der Sache der Frauen in den Museumshallen nicht geholfen. Stattdessen konzentrierten sich die Einrichtungen darauf, die Verbindung zu ihrem Publikum aufrechtzuerhalten, indem sie virtuelle Führungen auf Youtube oder Interaktionen mit dem Museumsteam in sozialen Netzwerken anboten.

Viele kleine Schritte

Dennoch hat sich nach der Umfrage von swissinfo.ch und RTS einiges getan: Institutionen und Akteurinnen und Akteure des Kultursektors haben das Thema aufgegriffen, die Debatte wurde angestossen und der öffentliche Druck auf die Kunstmuseen hat zugenommen. Konkrete Veränderungen sind jedoch eher bescheiden: Das reine Frauenprogramm des Musée des Beaux-Arts in Le Locle im Jahr 2019 war ein einsamer Leuchtturm im Sturm.

In Zürich hat ein Kollektiv anonymer Künstlerinnen und Künstler begonnen, die Diskriminierung von Künstlerinnen in den Medien und in Kunstgalerien aufzudecken. Besonderes Augenmerk wird auf Bereiche gelegt, in denen öffentliche Gelder ausgegeben werden, wie zum Beispiel der Erwerb von Werken für den öffentlichen Raum der Stadt oder für den Neubau des Kunsthauses in Zürich.

Dieses Künstlerkollektiv, dessen Aktion an die Protestbewegung der Guerrilla Girls in den USA erinnert, ist unter dem symbolträchtigen Namen Hulda Zwingli in den sozialen Netzwerken präsent. Dort dokumentiert Hulda Zwingli zum Beispiel Spaziergänge durch die Stadt Zürich und fragt: «Wo finde ich hier Kunst von Frauen?»

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Hulda Zwingli spaziert durch Zürich und fragt sich, wo sie Kunstwerke
von Frauen finden kann.

In der Westschweiz hat die Kunsthistorikerin Marie Bagi den Verein Espace Artistes Femmes gegründet, um die Anerkennung von Künstlerinnen zu fördern. Der Raum ist vorerst nur virtuell zugänglich, wird aber im November in Lausanne Realität werden.

«Jetzt, wo es einen gewissen Druck gibt, sehen wir mehr Einzelausstellungen und Anfragen für Frauen als Museumsleiterinnen», sagt Chus Martinez, Direktorin des Kunstinstituts der Fachhochschule Nordwestschweiz. «Dies sollte nicht nur ein Trend sein, sondern die Gesellschaft sollte nachhaltige Veränderungen fordern. Quoten sind meiner Meinung nach von grundlegender Bedeutung, solange diese Entscheidungen nicht selbstverständlich sind», so Martinez.

Die Förderung der Gleichstellung der Geschlechter im Kulturbereich wurde auch in die Botschaft über die Kulturförderung für den Zeitraum 2021-2024 aufgenommen, welche die Schweizer Regierung Anfang 2020 verabschiedet hat. In einem ersten Schritt geht es darum, vertiefte statistische Daten zu erheben. Eine von Pro Helvetia in Auftrag gegebene Vorstudie hat kürzlich bestätigt, dass die Ungleichheiten nicht auf die Wände der Museen beschränkt sind. Die Schweizer Kulturstiftung hat auch «Start Diversity»-Workshops ins Leben gerufen, um u.a. die Gleichstellung der Geschlechter innerhalb der Institutionen zu fördern.

Die vom Bundesamt für Kultur BAK an die Museen vergebenen Mittel enthalten vorerst aber keine Gleichstellungsklausel. «Das BAK gibt keine zusätzlichen Richtlinien zur Geschlechterrepräsentation für diese Beiträge an Museen heraus», sagt BAK-Direktorin Isabelle Chassot. Dies sei jedoch ein Thema für die Zukunft, welches die Behörde wieder aufgreifen werde, sobald die ersten Daten vorlägen. «Sie werden es mir ermöglichen, die Realität in den Museen besser zu verstehen», so Chassot.

El Prado hat seine Sammlung überarbeitet

Die Sichtbarkeit von Künstlerinnen ist ein Thema, das auch zahlreiche andere Länder bewegt. In Kanada hat die National Gallery of Canada zwei Stellen zur Förderung der Diversität geschaffen. In Spanien hat das Nationalmuseum El Prado seine Sammlung überarbeitet, um mehr Werke von Künstlerinnen zu zeigen. Sie sind jedoch immer noch in der grossen Minderheit (13 Frauen gegenüber 130 Männern). Das Baltimore Museum of Arts schliesslich erwarb im Jahr 2020 ausschliesslich Werke von Frauen.

Nach 14 Jahren Forschung, Restaurierung und Ausstellungen hat die 2009 in Florenz gegründete Organisation Advancing Women Artists, eine NGO zur Förderung von Künstlerinnen, ihre Tätigkeit soeben mit der Identifizierung von 2000 Werken abgeschlossen, die in den Katakomben italienischer Museen lagern.

In Frankreich gründete Camille Morineau, ehemalige Kuratorin des Centre Pompidou, 2014 AWARE, eine Vereinigung, deren Ziel es ist, Künstlerinnen des 19. und 20. Jahrhunderts mehr Sichtbarkeit zu verschaffen.

Neue Qualitäten

Aber bald schon dürfte es nicht mehr möglich sein, die Karte der Unsichtbarkeit auszuspielen. Wird der Diskurs dann zur Frage der Qualität zurückkehren? «Wir müssen unsere Augen und Sinne auf neue Qualitäten einstellen. Wir dürfen nicht nachahmen, was der weisse Mann für Qualität hält, aber es liegt an den weissen Männern zu verstehen, was unsere Qualitäten sind», erwidert Chus Martinez. «Wir können sagen ‹diese Frauen haben nicht die Qualitäten, die wir suchen›, oder wir können sagen ‹dieser Mann hat die Werte und Qualitäten, die wir anbieten, nicht verstanden.›»

Die Tatsache, dass mehrere Museen inzwischen von Frauen geleitet würden – zuletzt erfolgte die Berufung von Ann Demeester an das Kunsthaus Zürich – sei ein gutes Zeichen, löse das Problem aber nicht, sagt die Professorin. «Können sie die Änderungen, die sie vornehmen wollen, selbst vornehmen, oder fühlen sie sich von Strukturen vereinnahmt, die diese Änderungen niemals akzeptieren werden? Es geht nicht nur darum, Männer zu ersetzen und Frauen in bestimmte Positionen zu berufen, das ist erst der Anfang. Man muss auch sehr vorsichtig sein, wenn es um die Entscheidungsprozesse im Verwaltungsrat geht.»

Ausstellungen von Künstlerinnen in Schweizer Museen 2021

  • Kunstmuseum Luzern:
    Vivian Suter – Restrospektive (6.11.2021—13.2.2022)
  • MCBA Lausanne:
    Sandrine Pelletier –The Crystal Jaw (18.6.—29.8.2021)
    Aloïse Corbaz — La folie papivore (22.10.2021—23.1.2022)
  • Kunstmuseum Basel:
    Kara Walker — A Black Hole Is Everything
    a Star Longs to Be (5.6.—26.9.2021)
  • Aargauer Kunsthaus:
    Sammlung im Fokus: Sophie Taeuber-Arp in unbekannten Fotografien (27.3—24.10.2021)
  • Kunstmuseum St. Gallen:
    Martina Morger — Lèche Vitrines (17.9.2021—6.3.2022)
    Marie Lund (30.10.2021—27.3.2022)
  • Muzeum Susch:
    Laura Grisi — The Measuring of Time (5.6.—5.12.2021)
  • Kunstmusem Solothurn:
    Kathrin Sonntag — ichduersiewirihrsie (19.6—12.9.2021)
  • Musée des Beaux-Arts Le Locle:
    Mauren Brodbeck — Anima (8.5—26.9.2021)
    Anastasia Samoylova — Grand Canyons (8.5—26.9.2021)
    Ester Vonplon — Flügelschlag (8.5—26.9.2021)
  • Kunsthalle Zürich:
    Lorenza Longhi — Minuet of Manners (12.6—5.9.2021)
  • Museum Haus Konstruktiv Zürich:
    Dora Maurer (10.6—12.9.2021)
  • Museo villa dei Cedri Bellinzona:
    Aoi Huber Kono — Acqueforti, acrilici, arazzi (29.7—5.9.2021)

Dieser Beitrag ist auf swissinfo.ch erschienen. Übertragung aus dem Französischen: Renat Kuenzi


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

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Zum Infosperber-Dossier:

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Gleiche Rechte für Frauen und Männer

Gleichstellung und Gleichberechtigung: Angleichung der Geschlechter – nicht nur in Politik und Wirtschaft.

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2 Meinungen

  • am 26.08.2021 um 11:38 Uhr
    Permalink

    ‹In Schweizer Museen ist die Kunst vorwiegend männlich›
    Kunst hat kein Geschlecht. Nur die Menschen, welche hinter den Personen stehen, die wiederum Kunst produzieren, haben eines. Da zeigt sich, die Kunst von Männern ist anders als die von Frauen. Ich mag Kunst von Frauen überwiegend nicht, weil ich emotionalisierende Kunst nicht mag, und so geht es wahrscheinlich vielen nicht nur Männern.
    Es hat jedenfalls keinen Zweck über Geschlechterrelationen zu spekulieren, wenn man die inhaltlichen Konsequenzen nicht betrachtet. Wenn das Publikum Frauenkunst aus künstlerisch verständlicher Sicht nicht mag, dann ist das eben so.

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  • am 26.08.2021 um 14:19 Uhr
    Permalink

    Die meisten Museen enthalten Werke aus früheren Zeiten, reflektieren also deren Werthaltung.

    So what ? Niki de Saintt-Phall ist immerhin auch bei uns nicht ganz unbekannt, selbst wenn Jean Tinguely in Neyruz vor Jahren die 1.Augustrede hielt.

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