Sabrina Soussan

Kurzzeit-CEO bei Dormakaba, Sabrina Soussan. © ZVG

Geschlechterparität bei diesem Tempo erst im Jahr 2078 erreicht

Fausta Borsani /  Der Frauenanteil in Kadern ist seit 2018 in der Schweiz nur um einen Prozentpunkt gestiegen. Fallbeispiele aus dem Kanton Zürich

Red. Die Autorin ist Agrarökonomin, schreibt für bionetz.ch und ist Inhaberin der Ustermer Unternehmensberatung Fausta Borsani GmbH mit Fokus auf Nachhaltigkeitsthemen.

Wenn der Anteil der Frauen unter den Kadern Schweizer Firmen weiterhin so langsam zunimmt, wird die Geschlechterparität hier bestenfalls in zwei bis drei Generationen – im Jahr 2078 – Realität. Im Folgenden einige konkrete Fälle von börsenkotierten Unternehmen des Zürcher Oberlands und des Glattals.

Es war eine Seltenheit und wurde vom Aktionariat freudig begrüsst. Der Schliesstechnikkonzern Dormakaba in Wetzikon und Rümlang hatte vom April 2021 bis November 2021 erstmals eine Frau an seiner Spitze. Nach Bekanntmachung des Abgangs der Chefin Ende November 2021 nach nur neun Monaten verloren die Dormakaba-Aktien rund 13 Prozent an Wert. Nach dem überraschenden Rücktritt von Sabrina Soussan kommt die neunköpfige Konzernleitung wieder komplett ohne Frauen aus. Im Verwaltungsrat sind immerhin zwei Mitglieder von zehn weiblich: Stephanie Brecht-Bergen und Christine Mankel. Ironie der Geschichte: Dormakaba unterzeichnete am 8. März 2022 die Grundsätze der Vereinten Nationen zur Stärkung der Frau in Unternehmen. Und CEO Heng Lee erklärte dann feierlich: «Wir werden in Sachen Gleichstellung der Geschlechter in unserem Unternehmen und unserer Wertschöpfungskette weiter voranschreiten und über unsere Fortschritte berichten». Frau fragt sich natürlich: Weiter voran- oder zurückschreiten?

Wir untersuchen noch sechs weitere Fallbeispiele, nämlich alle börsenkotierten Unternehmen des Zürcher Oberlands und des Glattals. Am fortschrittlichsten ist es beim Riechstoffhersteller Givaudan mit Sitz in Dübendorf. Aber selbst dort sind nur drei der neun Verwaltungsratsposten weiblich besetzt: Lilian Biner, Ingrid Deltenre und Sophie Gasperment. Unter den sieben Geschäftsleitungsmitgliedern findet sich eine Frau: Anne Tayac.

Das regionale Schlusslicht bildet Elma Electronic, der Wetziker Hersteller von Elektronikkomponenten. Verwaltungsrat und Geschäftsleitung bestehen aus fünf beziehungsweise zwei Männern.

Crealogix mit Sitz in Bubikon, ein weltweit agierendes Unternehmen für digitale Banking-Technologie, beschäftigt im Management eine Frau: Corinna de Maddalena. Die Human-Resources-Frau ist eine von notabene siebzehn Geschäftsleitungsmitgliedern. Der fünfköpfige Verwaltungsrat liegt vollständig in Männerhand.

Auch im vierköpfigen Verwaltungsrat des Schwerzenbacher Klimatechnikers Meier Tobler sind Frauen derzeit nicht vertreten. Wenigstens im Siebener-Gremium der Geschäftsleitung sitzt mit Madhura Judex eine Frau.

Leicht besser ist es um Belimo, den Hinwiler Hersteller für Antriebs-, Ventil- und Sensorlösungen, bestellt. Dort gehören zwei Frauen dem Kader an: Elena Cortona bekleidet einen der sieben Posten in der Konzernleitung, während Sandra Emme im sechsköpfigen Verwaltungsrat amtet.

Ein ähnliches Verhältnis findet sich beim Pfäffiker Verkabelungsspezialisten Huber+Suhner. Dessen Geschäftsleitung besteht aus sechs Personen, darunter eine Frau: Patricia Stolz. Im Verwaltungsrat befindet sich mit Monika Bütler eine Frau unter den sechs Mitgliedern.

Eine ernüchternde Bilanz: Alle börsenkotierten Unternehmen im Zürcher Oberland und Glattal werden von männlichen CEOs geführt. Im Management und Verwaltungsrat sitzen total zwölf Frauen und 88 Männer. Mit einem Anteil von 12 Prozent weiblichen Führungskräften liegt die Region unter dem gesamtschweizerischen Durchschnitt von 17 Prozent, gemäss dem letztjährigen «Gender Intelligence Report» der Hochschule St. Gallen und der Organisation Advance.

Trotz jahrelanger Bemühungen, den Frauenanteil in Schweizer Führungsetagen zu erhöhen, bleiben diese nach wie vor weitestgehend in Männerhand. Überall, wo es um Macht und Geld geht, bilden Frauen ärgerlicherweise immer noch die grosse Ausnahme. Einige Ursachen: familienfeindliche Strukturen, mutlose Unternehmen, Vorurteile gegenüber Frauen und eine Kultur des Kampfes. Dazu passt, dass Frauen nach wie vor schlechtere Erfahrungen im Arbeitsalltag machen. Bei Frauen ist die Wahrscheinlichkeit grösser als bei Männern, dass ihre Kompetenz in Frage gestellt und ihre Autorität untergraben wird. Und im CCDI Careers Survey 2021 gaben weibliche Führungskräfte an, dass sie härter arbeiten müssen als ihre männlichen Kollegen, um gleiche Chancen auf Beförderungen und Lohnerhöhungen zu haben.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Fausta Borsani ist Inhaberin der Ustermer Unternehmensberatung Fausta Borsani GmbH mit Fokus auf Nachhaltigkeitsthemen. Sie unterstützt Firmen, Nicht-Regierungs-Organisationen und öffentliche Institutionen bei Kommunikation, Dialog und Strategiefindung. Sie lebt in Uster.
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Zum Infosperber-Dossier:

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Gleiche Rechte für Frauen und Männer

Gleichstellung und Gleichberechtigung: Angleichung der Geschlechter – nicht nur in Politik und Wirtschaft.

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3 Meinungen

  • am 5.06.2022 um 12:31 Uhr
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    Geschlechterparität im VR als Ziel, 1/3 Frauen als nächste Etappe. Ich stelle fest, dass in Verwaltungsräten nach aussen Offenheit bekundet wird, vermehrt Frauen aufzunehmen. Doch die heute noch häufig vertretene Altersgruppe bei den VR-Männern (60 plus) greift auf ihr männliches Netzwerk zurück, zumal ein VR-Mandat nach der Pensionierung attraktiv ist.
    Wie ich die Türe aufstossen kann, bleibt ein Rätsel; interessierte, qualifizierte Frauen gibt es.-

    2
  • am 5.06.2022 um 12:41 Uhr
    Permalink

    «Überall, wo es um Macht und Geld geht, bilden Frauen ärgerlicherweise immer noch die grosse Ausnahme.»
    Frage: Ist das jetzt ein Beitrag für «auch Frauen können kapitalistisch» oder was soll das?
    Wenn es auf dem Markt zu wenig Frauen hat für kapitalistische Abzocker Stellen, was bringen da Aufrufe nach mehr Frauen? Warum sind Frauen wie in diesen Artikel geschildert so schnell wieder weg?

    0
  • am 5.06.2022 um 13:40 Uhr
    Permalink

    Leider bleibt bei den Ursachen etwas unerwähnt. Nämlich der von den Frauen selbst beeinflusste Mangel an weiblichen Fachkräften in technischen Berufen. Das schränkt die Möglichkeiten für den Aufstieg erheblich ein.

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