Die Liberalen? Einfach die besten!

Christian Müller © aw

Christian Müller /  Parteipolitik im Feuilleton? Für die NZZ kein Problem. Der neue Feuilleton-Chef René Scheu zeigt, wie.

Tageszeitung. Die Samstag-Ausgaben werden aufmerksamer gelesen als die Ausgaben unter der Woche, so wird gemutmasst. Die Leserinnen und die Leser haben am Samstag ja mehr Zeit. Also ist es nur logisch, dass die Chefs der Redaktionen ihre – besonders zu beachtende – Schreibe eben an den Samstagen ins Blatt setzen. Am heutigen Samstag, dem 13. August, in der NZZ zum Beispiel: Chefredaktor Eric Gujer auf der Frontseite. Natürlich zu Russland. «Die Logik der Abschreckung». Russland provoziert die NATO, also muss der Westen Geld in die Hand nehmen und aufrüsten.

Aber auch der neue NZZ-Feuilleton-Chef René Scheu weiss sich gut zu platzieren. Am heutigen Samstag zum Beispiel auf der Aufschlagseite des Feuilletons. Und, wen wundert’s, am Tag der Zürcher Street Parade, natürlich zum Thema Diskriminierung.

Ein paar Sätze daraus:

«Diskriminiert fühlen sich in der verwöhnten Wohlstandswelt weiterhin die Frauen – und längst auch die Männer. Die Homosexuellen, die Bisexuellen, die Asexuellen, die Transsexuellen – und auch die Heterosexuellen. Die Ausländer – und die Inländer. Die Muslime, die Christen, die Agnostiker – und die Atheisten. Die Alten – und die Jungen. Die arbeitenden Mütter, die arbeitenden Hausfrauen, die arbeitenden Väter, die Alleinstehenden, die Verheirateten – und die Familien. Die Armen, der Mittelstand – und oberen ein Prozent. Die Vegetarier, die Veganer, die Frutarier – und die Omnivoren. Die Velofahrer, die Autofahrer, die ÖV-Benutzer – und die Fussgänger. Die Prädikate lassen sich kumulieren, und die Liste beansprucht keine Vollständigkeit.

Für die Deutung der Problemlage bieten sich verschiedene Optiken an. Der Sozialdemokrat nimmt sämtliche Klagen beim Wort und fordert noch mehr staatliche Antidiskriminierungspolitik in allen Lebensbereichen. Der Konservative beklagt derweil eine neue Kultur der Dekadenz, zieht sich in sein Schneckenhaus zurück und beobachtet von da aus das Ende der bürgerlichen Gesellschaft. Und der Liberale will zuerst einmal verstehen, was genau geschieht: Wie kommt es, dass sich die Bewohner der egalitärsten Gesellschaften der Moderne immer stärker als Opfer einer diffusen Diskriminierung sehen?»

So einfach ist es also: Der Sozialdemokrat reagiert auf die eine Art einfältig, der Konservative reagiert auf die andere Art einfältig, nur der Liberale reagiert intelligent: «Der Liberale will zuerst einmal verstehen, was genau geschieht.»

Haben wir, die Leserinnen und Leser der NZZ, diese Art von politischer Propaganda nötig?


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine. Der Autor ist Mann, heterosexuell, verheiratet, omnivor, dem Mittelstand angehörend. Und er fühlt sich – entgegen René Scheus Beobachtung – nicht diskriminiert.

Zum Infosperber-Dossier:

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6 Meinungen

  • am 13.08.2016 um 15:28 Uhr
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    Es ist schon traurig, wie selbst in der NZZ versucht wird, uns mit solch plumper Meinungsmanipulation zu beeinflussen. – Und vermutlich leider mit guter Ausbeute!
    "Der Westen pflegt die Menschenrechte, vermeidet zivile Opfer und schützt vor Despoten» heisst es im Editorial von E. Guyer. Dabei hören wir täglich von mit Drohnen erfolgreich abgeschossener feindlicher Menschen irgendwo auf der Welt, und wir lesen von über Millionen von zivilen Opfern von amerikanischer Kampftätigkeit seit dem Ende des 2. Weltkrieges. Und wir können auch lesen, wie Saddam zu seiner Zeit von den Amerikanern aufgebaut worden ist. – Damit soll wohl in unserer Demokratie vorgesorgt werden, dass die richtigen Ansichten verankert werden und keine unliebsamen Meinungen aufkommen.

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  • am 13.08.2016 um 17:50 Uhr
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    "Die Velofahrer und die Frauen» sind an allem schuld. Warum die Velofahrer? Warum die Frauen? Was will uns der neue Feuilleton-Redaktor mittteilen? Dass man liberal sein muss, weil die Liberalen die Einzigen sind, welche niemanden diskriminieren? Weit gefehlt! Die Liberalen diskriminieren die Konservativen, die Sozialdemokraten die Liberalen und die Konservativen die Sozialdemokraten…………
    Noch Fragen?

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  • am 13.08.2016 um 23:59 Uhr
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    Es zeigt sich langsam, dass Herr Scheu nicht als Feuilleton-Chef gewählt wurde, um für eine gute Kulturberichterstattung zu sorgen, sondern weil er die richtige Gesinnung vertritt. Darum ist er von den Freunden der NZZ auf diesen Posten gehievt worden. So wird auch das Feuilleton zum strategischen Kampfplatz der rechten Meinungsmache.

    Nun schreibt er einen Artikel, worin zum Ausdruck kommt, dass sich Scheu diskriminiert und als Opfer fühlt, da nicht alle Menschen so perfekt sind wie er selber. Scheu wünschte sich einen Menschen ohne Eigenschaften, der glatt und reibungslos funktioniert, sich ins Getriebe der Gesellschaft eingliedert und Demütigungen still und leise über sich ergehen lässt. Den Menschen so haben zu wollen, wie man ihn sich wünscht, kann jedoch nicht die Meinung eines Liberalen sein, denn Liberale verdammen eigentlich utopische Vorstellungen.

    Wer den Menschen ohne Eigenschaften fordert, kann dies nur von einem überlegenen Standpunkt des Verwöhnten aus tun, und das ist derjenige des privilegierten Rechtsbürgerlichen, der mit einer mittelmässigen Leistung viel Geld scheffeln, sich politische Meinungen kaufen, Diskriminierungen produzieren und alle unter ihm als verwöhnt abkanzeln kann. Dieser Rechtsbürgerliche hat die Macht, sich als Liberalen hinzustellen, obwohl er im Grunde gerade eine antiliberale Position vertritt. Dies manifestiert sich nämlich oft in der Abwehr gegen linke Anliegen, wenn er die eigenen Privilegien gefährdet sieht.

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  • am 15.08.2016 um 08:39 Uhr
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    Scheu verweist völlig richtig darauf, dass Gleichheit, Gerechtigkeit und umgekehrt Diskriminierung in keiner Weise evidente Größen sind und dass die streitenden Konfliktparteien sich diese Wörter entsprechend ihrer kurzfristigen Interessenlage zurechtmodeln.
    Thomas Läubli z.B. bildet sich ein, «Rechtsbürgerliche» seien gegenüber «Linksbürgerlichen» privilegiert – eine Behauptung, die ihm pro domo leicht aus der Feder fließt, die sich aber nur schwer argumentativ erhärten ließe.
    Selbstaufklärung der Linken würde zunächst einmal heißen: einsehen, dass moralische Ansprüche nie evident sind und ein hohes Maß an disziplinierter argumentativer Auseinandersetzung erfordern.

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  • am 18.08.2016 um 20:38 Uhr
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    Wenn das so weiter geht mit der NZZ, warte ich auf den Artikel «NZZ – ein Nachruf».

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  • am 7.11.2016 um 21:25 Uhr
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    Guten Tag, Herr Möller, ich habe in meinem Kommentar nur herausgearbeitet, dass sich Herr Scheu in einen performativen Selbstwiderspruch hineinmanövriert, wenn er sich als Diskriminierter über eine «Alldiskriminierung» beklagt. Die Aussage, dass Rechtsbürgerliche privilegiert seien, dient hier dem Aufweis, dass jene, die sich auf der rechten Seite liberal nennen, oft nur ihr Eigeninteresse gegen alle anderen verfolgen und durchsetzen, somit getarnte Antiliberale sind und gar nicht von einem neutralen (eigenschaftslosen) Standpunkt aus operieren. Damit zielt Ihre argumentative Auseinandersetzung an meinem zentralen Punkt vorbei.

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