Katharina Fegebank.Bild.15.10.2021

«Bild»-Zeitung vom 15. Oktober 2021: «Geht es nach den Grünen, wird in Zukunft nicht nur die deutsche Sprache ‹durchgegendert›. Bald soll es auch bei der Produktion von Autos und in der Unfallforschung ‹geschlechtsinklusiv› zugehen!» © springer

«Bürgermeisterin will die ‹Crash-Tests› gendern»

Bernd Hontschik /  So reagierte die «Bild»-Zeitung, als eine Senatorin forderte, die Unfallforschung solle die weibliche Anatomie berücksichtigen.

Red. Der Autor dieser Kolumne, Bernd Hontschik, ist Chirurg und Publizist.

Unfallforscher, Autoversicherer und der ADAC monieren seit Jahren, dass bei Crash-Tests überwiegend Dummys benutzt werden, die 1,78 Meter gross und 78 Kilogramm schwer sind. Das entspricht nämlich dem sogenannten 50-Prozent-Mann. Die Anatomie von Frauen ist aber ganz anders. Frauen sind leichter, kleiner und anders proportioniert. Daher haben Frauen ein um 30 Prozent höheres Risiko, schwere und tödliche Verletzungen bei Autounfällen zu erleiden. Die Pedale und die Sicherheitssysteme werden der weiblichen Anatomie nicht gerecht. Als die Hamburger Zweite Bürgermeisterin und Senatorin für Wissenschaft, Forschung und Gleichstellung, Katharina Fegebank, vor kurzem eine alle Geschlechter umfassende Unfallforschung forderte, wurde sie von der Bild-Zeitung lächerlich gemacht, sie wolle Crash-Tests «gendern». Befassen wir uns also einmal mit der bedauernswerten Rolle, die Frauen in der Medizin spielen, als Ärztinnen und als Patientinnen. 

Erste Medizinprofessorin 1913

Als Ärztinnen haben Frauen die Medizin inzwischen längst erobert, aber nur auf den ersten Blick. Noch auf dem 26. Deutschen Ärztetag wurde es abgelehnt, Frauen zum Medizinstudium zuzulassen. Frauen sollten sich ihren Aufgaben als Gattinnen, Mütter und Führerinnen des Haushaltes widmen und nicht «auf dem steinigen und dornenvollen Feld der ärztlichen Praxis nach Schätzen graben». Das war 1898. Heute sind knapp zwei Drittel der Medizinstudierenden Frauen, und im medizinischen Berufsalltag stellen Frauen etwa die Hälfte. Auffällig ist dem gegenüber der immer noch verschwindend geringe Anteil von Frauen in Führungspositionen. Da unterscheidet sich die Medizin nicht von der übrigen Gesellschaft. 

Als Patientinnen haben es Frauen in der Medizin richtig schwer, wenn sie überhaupt wahrgenommen werden. Noch immer werden Pharma-Studien fast nur mit männlichen Probanden durchgeführt. Die Medikamente nehmen aber auch Frauen ein, mit zum Teil ganz anderen Wirkungen – das ist häufig gefährlich. Noch immer werden viele Operationen künstlicher Gelenke mit Implantaten vorgenommen, die an der männlichen Anatomie entwickelt worden sind. Trotzdem werden Frauen diese Gelenke eingebaut, auch wenn sie nicht passen und Komplikationen verursachen. Noch immer werden Symptome von Krankheiten wie Herzinfarkt, Depressionen oder Diabetes an Männern erforscht, noch immer werden Behandlungsleitlinien überwiegend von Männern geschrieben – das ist häufig tödlich. Und noch immer werden Krankheiten, die fast nur Frauen betreffen, ignoriert und nicht wie jede andere Krankheit behandelt. Ein Beispiel ist das Lipödem. 

Das Lipödem ist eine angeborene, schmerzhafte und behindernde Fettverteilungsstörung an Beinen und Armen mit drei Stadien, die schon vor über 80 Jahren von Allen und Hines an der Mayo-Klinik in Rochester beschrieben worden sind. Das Lipödem betrifft nur Frauen. Diese quälen sich mit Kompressionshosen, Lymphdrainagen und Schmerzmitteln durchs Leben. Sie müssen zu allem Überfluss auch noch ertragen, als zu dick oder gar fett abgefertigt zu werden, obwohl das Lipödem mit Adipositas überhaupt nichts zu tun hat. Es gibt für das Lipödem keine kausale Behandlung. In Frage kommt einzig und allein die Fettabsaugung. Erst seit 2020 und nur für Frauen im Stadium 3 kann die Fettabsaugung zu Lasten der Krankenkasse verordnet werden. Tausende von Frauen müssen weiterhin einige Zehntausend Euro auf den Tisch plastischer Chirurginnen und Chirurgen blättern, weil sie nicht so lange warten können, bis sie im katastrophalen Stadium 3 angekommen sind. 

Ich bin ganz sicher: Wäre das Lipödem eine Männerkrankheit, dann wäre die operative Behandlung längst eine selbstverständliche Leistung der Krankenkassen. 

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Diese Kolumne erschien am 23. Oktober 2021 in der «Frankfurter Rundschau».


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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4 Meinungen

  • am 26.10.2021 um 11:13 Uhr
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    ‹die Unfallforschung solle die weibliche Anatomie berücksichtigen.›
    Die Anatomie ist geschlechts- nicht genderbezogen, Anatomie ‹gendert› nicht.
    Gender ist die subjektive, soziokulturelle Spiegelung von Geschlecht und hat weder eine biologische, noch eine psychische Dimension.
    ‹Noch immer werden Pharma-Studien fast nur mit männlichen Probanden durchgeführt.›
    Die Pharmaindustrie gehört zur Wirtschaft, nicht zur Medizin. Die Medizin ist seit Beginn geschlechtsspezifisch, aber auch immer genderneutral. Bereits an der ersten Medizinischen Universität im 9. Jhd. in Salerno lehrte eine Professorin die Frauenheilkunde und schrieb das erste Lehrbuch dieses Faches.
    Gleichberechtigung schliesslich gilt nur im politischen und sozialen Kontext, nicht im Medizinischen, nicht im Biologischen und nicht im Psychischen. Medizin muss immer geschlechtsspezifisch, darf nicht gleichstellend geschlechts-, muss aber genderneutral sein.
    Wer das genotypische Geschlecht, eine immer zweiwertige Universaleigenschaft der Biosphäre, mit der nur beim Menschen angesiedelten Persönlichkeitseigenschaft Gender verwechselt, dem fehlen elementare biologische und anthropologische Kenntnisse.

    1
  • am 26.10.2021 um 20:51 Uhr
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    Die europäischen Gesellschaften haben ein Wohlstandsniveau erreicht das schwierig ist zu toppen.
    Aber, ich geben dem Schreiber recht, es ist nicht gerecht, dass Frauen nicht die gleichen Rechte haben diesbezüglich. Wie man das ändert, sehe ich in dieser politischen Landschaft aber nicht. Die Kosten sind bereits sehr hoch im Bereich Sozialem. Das war der Grund übrigens wieso ich den Vaterschaftsurlaub abgelehnt habe. Ich denke, wir müssten grundsätzlicher diskutieren. Auf dieser Schiene wird das nichts. Leider!

    1
    • am 28.10.2021 um 10:34 Uhr
      Permalink

      ‹Aber, ich geben dem Schreiber recht, es ist nicht gerecht, dass Frauen nicht die gleichen Rechte haben diesbezüglich.›
      Frauen sind in den westlichen Industriestaaten inzwischen überprivilegiert, nicht nur gleichgestellt. Oder haben Sie Belege für Ihre Behauptung?

      0
  • am 28.10.2021 um 04:28 Uhr
    Permalink

    Von der Bildzeitung kann man nichts anderes erwarten. An der täglichen Redaktionsbesprechung darf man nur teilnehmen wenn man mit mindestens 2 Promille Blutalkohol unterwegs ist und auf dem Weg zur Besprechung mindestens 2 rote Ampeln und drei Ausländer überfahren hat.

    0

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