Die Bearbeitung des Bodens ist der Kern der Landwirtschaft, alles andere nur Mantel © Beatrix Mühlethaler

Die Bearbeitung des Bodens ist der Kern der Landwirtschaft, alles andere nur Mantel

Die Schweizer Landwirtschaft - existiert nicht

Jakob Weiss / 14. Feb 2020 - Wer die Nahrungserzeugung verstehen will, muss trennen zwischen ökologischer Bodenbearbeitung und Agrarwirtschaft.

Das Wort Landwirtschaft (die der Bundesrat mit seiner neusten politischen Vorlage wieder einmal reformieren und umweltfreundlicher machen will) ist viel zu gross, als dass unter seinem weitschweifigen Dach eine zielgerichtete Diskussion möglich wäre. Es ist ähnlich, wie wenn wir „über Gott und die Welt“ reden – uferlos. Auch ohne Gott. Doch im Unterschied zum Ansinnen, Lösungen für die Situation der Welt zu diskutieren, auf das sich niemand ohne Einschränkung einlassen würde, reden wir über das begrenzt erscheinende Thema Landwirtschaft völlig selbstverständlich und häufig. Es gibt sogar eine Landwirtschaftspolitik. So, als wäre das Wort ein Begriff und das damit Bezeichnete etwas Fassbares. Dabei ist selbst den Disziplinen der Agrarwissenschaft nicht mehr klar, was ihr verbindender Gegenstand ist.

Vom Bio-Rüebli bis zur Agrarsubvention – alles im gleichen Topf

Von einer trügerischen Gewissheit muss man Abschied nehmen. Die unzähligen unter dem Titel „Landwirtschaft“ vereinten Sachgebiete, Perspektiven, Meinungen und Studien sind klar auseinanderzuhalten, anstatt sie gedanklich stets in den gleichen Suppentopf zu werfen. Nur in einem enger definierten Rahmen kann man die der Landwirtschaft zugerechneten Probleme sachlich richtig verorten, beurteilen und beheben.

Mit der Landwirtschaft in Verbindung gebracht werden so unterschiedliche Dinge wie die laufende Trinkwasserinitiative, die umstrittene Qualität von Nahrungsmitteln, das Wohl der Nutztiere oder die für die Landwirtschaft aufgewendeten Steuergelder. Es kann sich aber auch um demografische Fragen handeln (Besiedlung des ländlichen Raums), um Umweltmassnahmen (Moorgebiete, Bergwälder, touristisch wichtige Landschaften) und nicht zuletzt um die nationalpolitisch wichtige Frage der Selbstversorgung mit Nahrungsmitteln.

In sämtlichen heutigen Diskussionen über die Landwirtschaft fischt jeder und jede Fakten oder Umstände selektiv aus dem grossen Kochtopf unterschiedlicher Sachgebiete heraus, um eigene Argumente plausibel erscheinen zu lassen oder die der Gegner zu widerlegen. Gut genährte Ideologien sind das Resultat und zugleich der Antrieb, sich erneut mit ausgewählten Häppchen aus dem Topf zu bedienen. Ein erster und entscheidender Schritt zur Klärung dieser agrarbabylonischen Verwirrung ist die Unterscheidung von Kern-Landwirtschaft und Mantel-Landwirtschaft.

Die Kern-Landwirtschaft ist zuständig für die eigentliche Bodenbewirtschaftung. Dabei geht es um das Gedeihen der Pflanzen- und Tierwelt, samt ihrer zugehörigen Mikroorganismen, Insekten, des Wasserhaushalts, der Lichtverhältnisse und anderem mehr. Kurzfassungen dafür heissen Natur, Lebensraum oder Biodiversität. Diese Kern-Landwirtschaft darf man etwas altmodisch das bäuerliche Arbeitsfeld nennen. Und dieses Feld ist zwingend von der Biologie und Ökologie her zu denken.

Bodenbewirtschaftung ist Biologie, nicht Ökonomie

Gute Bodenbewirtschaftung kann nicht durch ökonomische Überlegungen gesteuert werden, welche für Begriffe wie Fruchtbarkeit oder für natürliche Geländeformen und das lokale Klima kein Sensorium haben. Ergänzend muss für landwirtschaftsferne Menschen gesagt sein, dass nachhaltige Bodenbewirtschaftung ohne Nutztiere nicht funktioniert. Die weltweit noch geförderte Massentierhaltung ist selbstverständlich mehr als nur eine Schweinerei, doch die vegane Lösung dieses Problems schüttet das Rind mit der Gülle aus.

Eine sich nachhaltig mit Nahrungsmitteln versorgende Welt braucht das sorgfältig begleitete Zusammengehen pflanzlicher und tierischer Lebenswelten. Quälmast, Enthornung, Kurzlebigkeit sowie auch Überdüngung oder landschaftliche Verödung sind nicht in erster Linie Probleme bäuerlicher Tätigkeit, sondern die Konsequenz des ökonomischen Zugriffs auf die Landwirtschaft. Deshalb: Jede Betrachtungsweise oder Bewertungsabsicht, die nicht primär von der Biologie und Ökologie ausgeht, führt nicht zu Nachhaltigkeit in der bodenverhafteten Kern-Landwirtschaft.

Weites Feld um den Kern: Die Mantel-Landwirtschaft

Der grosse Rest rund um die Kern-Landwirtschaft herum, der fast alle Agrargespräche dominiert und diese so unübersichtlich wie widersprüchlich macht, hat höchstens indirekt mit dem Kern zu tun. Es handelt sich um den heterogenen Bereich der Mantel-Landwirtschaft: Futtermittelimporte, Landmaschinentechnik, Grossverteiler, bäuerliche Einkommen, Pestizide im Grundwasser, hohe Tierbestände, Margen bei Nahrungsmitteln, Saatgutmonopole, Suizidrate unter Landwirten, internationale Abkommen, Milchpreis, Hagelversicherungen, vermeintliche Konsumentenwünsche und weitere Parameter. Diese äusseren Dinge bestimmen zwar das heutige Berufsleben der Bauern und Bäuerinnen. Doch sie alle dürften nicht als Entscheidungsfaktoren beigezogen werden, wenn es darum geht, wie gute Bodennutzung aussehen muss.

Die Mantel-Dinge, man kann sie zusammenfassend auch als die in der UFA-Revue propagierte Fenaco-Landwirtschaft bezeichnen, sind in der Tat volkswirtschaftlich und gesamtgesellschaftlich auszuhandeln. Dafür bleibt die Kern-Landwirtschaft mit ihren biologischen Anforderungen der grundlegende Bezugspunkt. Doch dieser Kern darf nicht länger das zu formende Zielobjekt sein, welches wechselnden Ansprüchen in Bezug auf Ernährungsstile und Kostenvorstellungen zu genügen hat. Denn es ist ein schlechter Witz, einem Bergbauern oder irgend einem mit dem Boden arbeitenden Menschen zu sagen, er solle flexibel auf den Markt reagieren und innovativ sein.

Agrarpolitik darf den Kern nicht zersetzen

Für SkifahrerInnen lassen sich Schneekanonen einschalten, um die kommerzielle Nutzung der Alpen zu erweitern. Für das landschaftsprägende Abfressen der Alpweiden (und Skipisten) im Sommer gibt es hingegen nichts Vernünftigeres als milch- und mistgebende Raufutterverzehrerinnen. Heute wird die kommerzielle Optik von Tourismus und Gewerbe ganz selbstverständlich auf den gesamten Boden der Landwirte angewendet. So als könne man dessen Bewirtschaftung, ob am Berg oder im Mittelland, ob mit Tieren oder Pflanzen, in einer Kosten-Nutzen-Rechnung erfassen und je nach Erfolg Teile davon ein- oder ausschalten. Bauern, die weniger „wertschöpfend“ sind als Chalets, Skilifte oder Strassen: weg mit ihnen. „Klimakillerin“ Kuh: ausschalten. Neue Bilanz: Welt gerettet.

Man muss wohl die Ausmarchung über die Mantel-Landwirtschaft vorläufig immer noch Agrarpolitik nennen. Aber auf die konkrete Gestaltung einer im echten Sinn nachhaltigen Kern-Landwirtschaft dürfte sie keinen Einfluss mehr haben. Für den Entwicklungsprozess hin zu einer guten Bodenbewirtschaftung – eine, die vom Mantel geschützt wäre anstatt von ihm erstickt zu werden – sind nur biologische und allenfalls agrarsoziologische oder agrarhistorische Wissensbeiträge erwünscht. Ökonomische Studien haben auf Acker und Wiese, im ureigenen Kern der Landwirtschaft, nichts zu suchen. Warum?

Ökonomische Begriffe überwuchern biologische Prozesse

Es ist die Begrifflichkeit der Ökonomie, welche den Komplex Landwirtschaft in die heutige Sackgasse geführt hat. Im Sog des wirtschaftlichen Fortschritts nach dem Zweiten Weltkrieg hat man das biologische Wachsen von Pflanzen und Tieren der populären Wachstumsvorstellung von Geschäften, Firmen und Konzernen untergeordnet.

Die dabei begangenen Verwechslungen bestimmen nicht nur das Agieren landwirtschaftlicher Organisationen und Interessensgruppen, sie haben auch das Bundesamt für Landwirtschaft erfasst: Im aktuell gültigen Konzept für die Agrarforschung ist nicht mehr von Landwirtschaft die Rede – das Wort wurde ersetzt durch ein krudes Wirtschaftsmodell rund um den Begriff „Ernährungssystem“. Und nicht nur die grenznahe Bevölkerung findet, Lebensmittel hätten wie andere Konsumgüter stets billiger zu werden.

Das Primat der Ökonomie selbst im Bereich natürlicher Gegebenheiten, wie sie für die Kern-Landwirtschaft konstituierend sind, ist der kapitale und vom Fortschritt überblendete Fehler, der uns mehr als nur landwirtschaftsbezogene Probleme verursacht. Der Irrtum bleibt gut verborgen hinter dem vital wirkenden Wort Wachstum. Im Unterschied zur Industrie wachsen Pflanzen und Tiere aber nur bis an ihre genetisch gegebenen Grenzen.

Was immer mit Natur gemeint ist, sie kann nicht grösser werden, auch nicht effizienter oder konkurrenzfähiger. Gegen wen oder was müsste denn eine Hektare Ackerboden im Wettbewerb antreten? Wie hoch sollten Obstbäume in den Himmel wachsen? Welche Effizienz verlangen wir von Regenwürmern und Schmetterlingen? Oder, um diese Fragen auf die landwirtschaftliche Praxis zu beziehen: Muss eine Kuh eine Hochleistungskuh sein und das Saatgut eine vom Konzern gelieferte hybride Superzüchtung, damit Landwirte glücklich sind?

Pflanzen und Tiere wachsen anders als die Wirtschaft

Anders als die Ökonomie kennt natürliches Leben auch das Absterben und Ruhephasen. Zyklen anstelle von linearem Fortschreiten. Mit dem Sterben weiss die liberale Wirtschaftsvorstellung, die einem vermeintlichen Wachstumszwang unterliegt, nicht umzugehen. Die Natur kann es. Bauern müssen es können – Stagnation, Sterbens- und Verwesungsprozessen gehören zur Essenz ihrer täglichen Arbeit.

Trotzdem verlangt unsere Gesellschaft von den Landwirten, also von den Pflegefachleuten eines vielfältig gedeihenden Bodens, wettbewerbsfähiger, innovativer, effizienter, marktorientierter zu werden. Ohne zu merken, dass solche Ansprüche die ökologischen – auch dem Absterben verpflichteten – Grundlagen guter Bodenbewirtschaftung zerstören. Ökonomisches Vokabular dürfte seine Geltung nur für das Geschehen in der Mantel-Landwirtschaft beanspruchen.

Die Sprache bestimmt das Denken

Der selbstverständlich gewordene Ökonomiesprech hat sich aber längst auch der Kern-Landwirtschaft bemächtigt. Ein Ausdruck wie „Ökokapital“ ist ein sprechendes Beispiel dafür. Wörter und Sprechweisen drücken unsere Wahrnehmungs- und Denkweise aus. Auch genaueste Ökobudgetierung bleibt dem unfortschrittlichen Sterben gegenüber ratlos und wirkt sich via „effiziente“ Bodenbearbeitung ruinös auf die davon abhängige Pflanzen- und Tierwelt aus. Fruchtbarer Erdboden ist kein planetarer Supermarkt, keine ausbeutbare Kohlen- oder Kupfermine. Acker und Wiese sind auch nicht Schauplatz eines kompetitiven Sportanlasses mit in Aussicht gestellten Podestplätzen. Deshalb wirken die von der heutigen Politik angeordneten Massnahmen, darunter auch die umstrittenen Direktzahlungen, wie Botox-Kuren oder Doping: letzten Endes verheerend.

Den Bauern den Boden unter den Füssen weggezogen

Die ökonomische Sicht hat nicht nur den lebendigen Boden aus den Augen verloren. Sie hat auch die Bauern über Jahrzehnte von ihrer eigentlichen Arbeit entfremdet. Heute müssen sich Landwirte wirtschaftlich und kurzfristig bewähren. Sie werden aufgefordert, in „Nischen“ und mit „Innovationen“ den finanziellen Erfolg zu suchen. So bieten sie Lamatrekking an oder ziehen eine Straussenfarm auf, wo früher Kühe weideten. Andere suchen sich oder der Frau einen Nebenerwerb, um den Betrieb halten zu können.

Niemand möchte den nach heutigen Massstäben Erfolgreichen den Erfolg missgönnen. Nur: Damit wird die gesamtlandwirtschaftliche Situation nicht verbessert. Es wird im Gegenteil die Täuschung bestätigt, dass es mit wirtschaftlich opportunen Massnahmen kurzfristig gelingen kann, wenn auch eher zufällig, ein erfolgreicher Landwirt zu sein.

Die landwirtschaftliche Ausbildung leistet diesem Missstand Vorschub. Sie bildet, dem Zeitgeist gehorchend, künftige Bodenbewirtschafter zu Sportlern in zunehmend artfremden Disziplinen aus. Neu sind Big-data-Spezialisten mit Robotern im Anmarsch. Zwar wird die Multifunktionalität bäuerlicher Arbeit immer noch gelobt, doch sie wird mono- bzw. money-theoretisch gesteuert. Im Gerangel des alles überdeckenden Mantels kommt deshalb kein noch so tapferer Landwirt nach oben, ohne vom Boden abzuheben – oder in die Politik zu wechseln.

Die Illusion von 60 Prozent Selbstversorgung

Wie weit das Missverständnis Landwirtschaft gediehen ist, erkennt man auch am hochgehaltenen Mythos der Selbstversorgung. Die jährlichen Angaben zum Selbstversorgungsgrad, als Auftrag in Art. 102 und Art. 104 der Bundesverfassung festgehalten, liegen stets bei etwa 60 Prozent (also rund 40% importierte Nahrungsmittel). Die Zahl variiert je nach Berücksichtigung der im Ausland beanspruchten Agrarflächen und in Bezug auf die einzelnen Nahrungsmittelarten.

Sie ist so oder so eine Falschinformation. Denn eine Vollrechnung, welche den Verbrauch an Fremdenergie berücksichtigt, der zur Erzeugung von Nahrungsenergie benötigt wird, zeigt rasch, dass unsere Selbstversorgung null Prozent beträgt oder sogar eine negative Energiebilanz aufweist. In Anlehnung an kalorienfreie Getränke kann man beschönigend von Zero-Landwirtschaft sprechen. Oder plakativ für feste Nahrungsmittel: Wir essen (eingekauftes, nichterneuerbares) Erdöl anstelle von (durch Fotosynthese gratis verarbeitetem) Sonnenlicht.

Nahrungserzeugung erfordert sprachliche Klärung

Erst nach einer Herauslösung des Kernbereichs und der Auftrennung des weiten Feldes Landwirtschaft kann man auf die fundamentale Frage eingehen, was es braucht, um eine zukunftsträchtige Land-Bewirtschaftung bzw. Nahrungsmittelerzeugung möglich zu machen. Ohne diese Klärung liegen ökonomische Fehlrechnungen und Mythen wie dichter Bodennebel über den natürlichen Bedürfnissen von Wiesen und Äckern.

Der Name Landwirtschaft hat eine unglaublich täuschende Kraft. Aber es gibt keine Seelenverwandtschaft zwischen Kern- und Mantel-Landwirtschaft. Man muss endlich mit ihrer Auftrennung beginnen und mit der sprachlichen Umdeutung vertrauter Rede. Eine Sprechhülse wie Nachhaltigkeit wird nur dann zum vollen Wort, wenn verseuchte Wörter und Begriffe aus dem Bereich der Bodenbewirtschaftung verschwinden. So, wie auch das Grundwasser von Pestiziden zu befreien ist. Ein Kalb ist kein „Produkt“. Der Boden ist keine ökonomische „Ressource“. Und der Bauer ist kein „Dienstleister“ für flüchtige Wünsche einer Konsumgesellschaft.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine. Jakob Weiss hat nach dem Geografiestudium zwanzig Jahre lang in kleinbäuerlichen Verhältnissen gearbeitet und eine Dissertation über die Situation der Bauern und Bäuerinnen im Kanton Zürich geschrieben. 2017 erschien sein Buch "Die Schweizer Landwirtschaft stirbt leise. Lasst die Bauern wieder Bauern sein" (Orell Füssli Verlag).

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12 Meinungen

Der Artikel ist hart, aber wichtig und richtig.
Ganz allgemein fehlen das Grundwissen um (Kern-)Landwirtschaft und die bösen Folgen von Mantel Landwirtschaft. Und vor allem unsere Politiker sollten sich da zuerst ein Grundwissen aneignen, bevor sie Entscheide fällen und Vorschriften erlassen. z.B. Zahlungen an ein exaktes Datum binden und es dann witterungs oder reifebedingt nicht haltbar ist.
Ein interessanter Artikel über Portugal und die Bemühungen um Reaktivierung ist
unter  www.tamera.org nachzulesen.
Aber es beginnt schon
Elisabeth Schmidlin, am 14. Februar 2020 um 13:45 Uhr
Was für ein erfrischender Text! Da wird das, was uns ernährt, in treffenden Bildern vom Kopf auf die Füsse gestellt, auf die Erde und in die Natur, zu der wir als Lebewesen gehören, und wenn wir uns noch so gescheit fühlen und als etwas ganze Spezielles ohne sie auskommen zu können.
Eine Bemerkung zur «Ökonomie», die Jakob Weiss als Begriff für alles braucht, was mit einer auf Profit konzentrierten Wirtschaft zusammenhängt: Ich erinnere daran, dass Aristoteles mit «Ökonomie» die Kunst des guten Haushaltens bezeichnete. So gesehen umfasst ökonomisches Verhalten auch das, was Weiss mit nachhaltiger Bodenbewirtschaftung meint – unbegrenztes Wachstum (der Profite) gehört genau nicht dazu.
Billo Heinzpeter Studer, am 14. Februar 2020 um 13:47 Uhr
Danke für diese entscheidende Klärung ! – Gerade im Blick auf die bevorstehenden Abstimmungen die Agrarwirtschaft betreffend ist diese Unterscheidung wesentlich.
Gertrud Bernoulli, am 14. Februar 2020 um 14:34 Uhr
In welcher Welt leben Sie? In unserem kapitalistischen System ist alles Ökonomie. Da kann man die Landwirtschaft genauso wenig herausnehmen, wie die Tourismusindustrie oder die Grossverteiler. Die Bauern sind Opfer des kapitalistischen Profitzwang, oder sie sind Täter davon, und dann heissen sie Agrarmultis. Wer in der Landwirtschaft «nur» die Biodiversität sucht, der vergisst die andere Hälfte, die genau diese Biodiversität vernichtet.
Paul Jud, am 14. Februar 2020 um 16:51 Uhr
Je mehr Worte ich lesen muss, um von etwas überzeugt zu werden, umso sicherer bin ich, dass der Wort-Erfinder und -Verbraucher unsicher ist in seinem Anliegen, oder sich keiner Missbilligung aussetzen will. Ein kurz und bündiges Fazit könnte mich vielleicht bewegen auf eine Seite zu stehen. Jedenfalls eine persönliche Meinung von Herrn Jakob Weiss würde mir mehr gefallen bezüglich der beiden zur Abstimmung gelangenden Initiativen, als soviel «wissenschaftliche» Definitionen. Ich selber bin für sauberes Trinkwasser, gegen Subventionen an Chemie-Bauern, rsp deren Grossabnehmer und für Neu-Verteilung des Bodens zur Selbstversorung im eigenen Bio-Permakultur-Garten.
Carlos Werner Schenkel, am 15. Februar 2020 um 10:07 Uhr
Jeder meint er müsse den Bauern vorschreiben was zu tun sei, denn die Bauern machen ja eh alles falsch. Alles muss selbstverständlich formularisch dokumentiert werden. Wenn der Bauer vor lauter Dokumentationsarbeit nicht mehr seiner eigentlichen Arbeit nachkommen kann interessiert das niemanden. Wenn nur alle Statistiker und verordnenden Beamten zufriedengestellt sind.
curdin roner, am 16. Februar 2020 um 07:25 Uhr
Jakob Weiss nimmt für sich in Anspruch, Begriffe zu klären, er erweckt den Eindruck, Objektivität in ein Thema zu bringen, mit einem Text voller Ideologie und ohne jeden Lösungsansatz.
Der Begriff «Landwirtschaft» sei ein grosser Kochtopf, aus dem einfach jeder nach Belieben Argumente fischen könne, die ihm passen, schreibt er. Damit trifft er einen guten Punkt: Das Thema Landwirtschaft sitzt dermassen im Zentrum aller aktuellen Diskussionen über Nachhaltigkeit, Wirtschaftsordnungen, Gesundheit und auch Sozialpolitik, es kann auf so verschiedenen Ebenen diskutiert werden, dass es tatsächlich einfach ist, für jede Position ad hoc ein paar passende Argumente zu finden.
Wenn Weiss nun aber «Landwirtschaft» unterteilt in «Kern-» und «Mantellandwirtschaft», dann eröffnet er einfach zwei neue Suppentöpfe, in denen ebenfalls nur im Trüben gefischt werden kann. Davon, dass der Mensch nicht erst in den letzten Jahrzehnten, sondern schon von Anfang an Nutzpflanzen und Nutztiere nach ökonomischen Kriterien und Gesichtspunkten geformt hat, ist keine Rede. Davon, dass die technologische Entwicklung gerade manches heutige Problem der Landwirtschaft entschärfen oder lösen könnte, auch nicht.
Die Einigkeit, dass angesichts des Klimaproblems auch die Landwirtschaft schrittweise neu ausgerichtet werden muss, scheint mir relativ gross zu sein. Diese Diskussionen mit altmodischen Feindbildern zu führen, scheint wenig erfolgversprechend.
Roland Wyss-Aerni, am 16. Februar 2020 um 09:08 Uhr
Ich widerspreche dem artikel nicht, sondern ergänze ihn.
Der autor sieht im bauern den ökologen. Der zweck der landwirtschaft sei die pflege des ökosystems boden. Da wo wir mit unserer landwirtschaft heute stehen muss man ihm wohl recht geben.
Das war aber nicht immer so. In den jahrtausenden, in denen unser ökosystem noch nicht an seine belastbarkeitsgrenzen gestossen war, war der zweck der landwirtschaft nicht die ökologie, sondern die nahrungserzeugung. Ökologisches verhalten war mittel zum zweck. Anders ging es früher nicht, man konnte den boden noch nicht chemisch vergewaltigen. Es dürfte noch sehr sehr lange dauern, bis eine sicht wie sie der autor vertritt hegemonial wird.
Christian von Burg, am 16. Februar 2020 um 12:50 Uhr
Obwohl ich täglich eine bis zwei Zeitungen lese, erreichen Sie mich mit diesem Artikel nicht.
Das ist einfach nur als Feedback gemeint, ohne sonstige Kritik zum Inhalt. Ich habe schlicht aufgehört weiter zu lesen, weil es ist einfach zuviel Text, zu abstrakt für mich.

Es gibt so viele andere Themen auf dieser Welt die auch Aufmerksamkeit verdienen.
A. Stefanoni, am 17. Februar 2020 um 14:57 Uhr
Vielen Dank für diese interessante Sicht. Ein Detail: Der Selbstversorgungsgrad ist folgendermassen definiert: Inlandproduktion an Nahrungsmitteln / Verbrauch von Nahrungsmitteln * 100.
Da auch ein Teil der Inlandproduktion exportiert wird, ist der Anteil der verbrauchten Nahrungsmittel, der aus der Inlandproduktion stammt, kleiner als der Selbstversorgungsgrad.
Daniel Erdin, am 19. Februar 2020 um 16:55 Uhr
An A. Stefanoni. Kann mich gerne Ihrer Meinung anschliessen. Habe versucht dem Inhalt auf die Spur zu kommen, indem ich den Artikel Abschnitt für Abschnitt von hinten angefangen habe zu lesen. Suchte ein Fazit. Naja - wie sie sagen zuviele Worte.
Carlos Werner Schenkel, am 21. Februar 2020 um 13:52 Uhr
Der Text enthält vieles, was ich unterschreiben kann, insbesondere die Erwähnung der Tatsachen, dass das Thema Landwirtschaft viel komplexer ist als gemeinhin angenommen, und dass die liberale Marktwirtschaft die meisten Probleme verursacht. Bloss würde ich nicht nur gerne von den Problemen lesen, sondern mich würden vor allem die Lösungsansätze interessieren. Propagieren Sie den Kommunismus? Planwirtschaft? Das ist irgendwie auch nicht die Lösung. Eines der Grundprobleme ist sicher, dass die Preise für Agrarprodukte viel zu tief sind, weil wir mit Billig-Importen überschwemmt werden. Das treibt die Industrialisierung an. Oder die Bauern werden innovativ, was ja gut ist, was aber wie erwähnt nicht alle können. Ein besserer Preisschutz wäre also eine Möglichkeit. Ansonsten bemüht sich die Agrarpolitik ja, ökologischer zu werden, allerdings viel zu mutlos und zu wenig zielorientiert. Das hätte man hier auch schreiben müssen. Noch zur Komplexität des Themas: Ja, es ist komplex. Aber viele Probleme sind bekannt (Ökologie, Strukturwandel), und somit kann man auch über mögliche Lösungen nachdenken. Aktionspläne wie jene zum Insektensterben oder den Pestiziden sind da sehr wertvoll. Schlussendlich müssen sie aber auch noch umgesetzt werden.
Stefan Bachmann, am 25. Februar 2020 um 09:23 Uhr

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