Ueli Maurers Wunsch: Alfred Escher auf der neuen Hunderter-Note © SK

Ueli Maurers Wunsch: Alfred Escher auf der neuen Hunderter-Note

Wenn Ueli Maurer den Banken traut und Farbe bekennt

Christian Müller / 27. Mai 2018 - Steinreich, Geschäftsmann, Politiker, Banker und brillanter «Networker» – so sieht Ueli Maurers Banknoten-Held aus.

Ueli Maurer, Bundesrat und Schweizer Finanzminister, hat anlässlich der «Arena» vom 11. Mai 2018 zum Thema Vollgeld-Initiative auf Schweizer Fernsehen SRF mehrmals ins Mikrofon und damit in die Ohren von Tausenden oder gar Zehntausenden von Zuschauern gesagt, er vertraue den Geschäftsbanken absolut und alles funktioniere im heutigen Finanzsystem bestens.

Es kann einem dabei die Sprache verschlagen oder man kann auch einfach darüber lachen. Die Finanzindustrie, die sich international seit den 1970er Jahren mehr und mehr verselbständigt und sich vom «Diener der Wirtschaft» zum machthungrigsten eigenen Wirtschaftssektor entwickelt hat – nur um ein Beispiel zu nennen – beschäftigt in den USA heute 4 Prozent aller Arbeitnehmer, bestreitet damit 7 Prozent der Wirtschaftsleistung der USA und streicht 25 Prozent aller Unternehmensgewinne ein. Kunststück, wenn diese Industrie das Privileg hat, selber Geld zu produzieren, es als Kredit rauszugeben und dafür Zinsen zu verlangen. Und Kunststück, wenn diese Industrie, um beim Beispiel USA zu bleiben, lediglich noch 15 Prozent der Kredite in die reale Wirtschaft vergibt, 85 Prozent aber ins internationale Finanzkasino. Eine «logische» Folge davon, dass heute mit «Investitionen» in die Finanzindustrie eben deutlich mehr Gewinn gemacht werden kann, als mit Investitionen in die reale Wirtschaft. Blasen wollen schliesslich aufgeblasen werden. Da ist doch tatsächlich nur absolutes Vertrauen in die Banken angesagt …

Welcher Kopf gehört auf die neue 100er-Note?

Stephan Klee, ein mitdenkender, kritischer Leser des Infosperbers, hat uns nach unserer «Arena»-Besprechung den folgenden, echt gut recherchierten Text geschickt:

(Ab hier Stephan Klee:)

Es war ganz am Ende der Sendung: Jonas Projer fragt Bundesrat Ueli Maurer, welche Person er gerne auf der Hunderter-Note sehen würde. Alfred Escher, so die Antwort.

Alfred Escher. Was für ein hervorragendes Beispiel für die Diskussion über Vollgeld. Unter der Headline 'Der Vaterlandsvater' schrieb Markus Somm, Noch-Chefredaktor der Basler Zeitung im Januar 2006 in der Weltwoche: «Seine Gegner schimpften ihn einen Eisenbahnbaron, verspotteten ihn als Plutokraten oder nannten ihn schlicht einen Diktator, der wie Napoleon die absolute Macht anstrebe – für seine Anhänger war er der wichtigste und segensreichste Schweizer Staatsmann seit Wilhelm Tell. Kein Politiker hat die Schweiz je so vollständig beherrscht wie Alfred Escher, keiner hat sie stärker geprägt. Was heute die Schweiz nach wie vor zu einem der reichsten und liberalsten Länder dieser Erde macht, was mehr als hundertfünfzig Jahre lang bestimmte, wie Politik betrieben und Wirtschaft zum Blühen gebracht werden: Alfred Escher hat es entschieden – meistens, oder mit Hilfe seiner Freunde.»

Propagandaminister und ein Meister der Kumpanei

Alfred Escher, Sohn eines Privatiers, der in Amerika 'mit verschiedensten Geschäften – Bodenspekulation, Tabak, Plantagen, vielleicht auch Sklaven' – ein Millionenvermögen machte. Geschichtsprofessor Joseph Jung schrieb, ebenfalls in der Weltwoche: «Doch erfolgsentscheidender für seine weitere politische Karriere auf eidgenössischer Ebene waren die informellen Kontakte, die er im Umfeld der Tagsatzung pflegte. Wenn Alfred Escher in der Blüte des Wirtschaftsliberalismus der 1850er/1860er Jahre als Meister im Knüpfen von Netzwerken von seinen Freunden bewundert und von seinen Gegnern kritisiert wird, so zeigt sich diese Fähigkeit bereits Mitte der 1840er Jahre. Privilegiert durch seine begüterte Herkunft und ausgestattet mit einem prächtigen Anwesen am linken Zürichseeufer, lud Escher die radikal-liberalen Gesandten der Tagsatzung jeweils an einem Abend in der Woche zu sich ins 'Belvoir', wo man den geselligen Kontakt pflegte, wo man aber auch Zeit hatte, unter Gleichgesinnten wichtige Staatsangelegenheiten und politische Geschäfte zu besprechen. Als 'Propagandaminister' der Antijesuitenbewegung bereiste Escher die Schweiz und korrespondierte mit einer wachsenden Zahl von Mitstreitern (*). Regelmässig schrieb er für die Neue Zürcher Zeitung und motivierte Studienfreunde, dasselbe zu tun. Die Korrespondenz illustriert, wie wichtig Netzwerkbildung für Eschers politischen Erfolg war.»

... und dann auch der Banker Alfred Escher

Alfred Escher, der dann auch die Kreditanstalt gründete, weil er für die Finanzierung seiner Bahnprojekte nicht zu stark abhängig von ausländischen Investoren sein wollte. Mayer Amschel von Rothschild und Söhne aus Frankfurt a. M. zum Beispiel investierte 5,78 Millionen in die Gotthardbahn. Man befand sich damals im Eisenbahnfieber. Einmal mehr eine Finanzblase, die natürlich dann auch platzen musste. Alfred Escher war 1853 nicht nur Verwaltungsratspräsident der Zürich-Bodensee-Eisenbahngesellschaft, sondern auch Abgeordneter und Präsident ihrer Direktion und andererseits zweiter Präsident des Zürcher Regierungsrates, so dass zum Beispiel der Konzessionsvertrag für die Strecke Zürich-Dietikon viermal – für vier verschiedene Vertragspartner! – seine Unterschrift trägt. Alfred Escher war oft sein eigener Vertragspartner.

Escher fusionierte dann seine Eisenbahngesellschaft mit der Zürich-Baden Bahn zur Nordostbahn. Das Geschäft boomte und neues Kapital musste beschafft werden, auch wenn in den 1870er-Jahren bereits die Rentabilität pro Bahnkilometer rückläufig war. «Bedrohlich konnte die Situation für eine Gesellschaft auch werden, wenn die zu bezahlenden Schuldzinsen einen im Verhältnis zu den Einkünften grossen Betrag ausmachten. Wie andere Bahnen auch hatte etwa die Nordostbahn die Kapitalisierung zunehmend auf Fremdkapital abgestützt; 1875 standen bei dieser Gesellschaft Aktien mit einem Nennwert von 39 Mio. Franken Anleihen in Höhe von rund 106 Mio. Franken gegenüber. Dieser hohe Fremdkapitalanteil machte die Gesellschaft abhängig von den Schwankungen des Finanzmarktes, so dass sie bei Geldaufnahmen ungünstige Kurse und hohe Zinsen in Kauf nehmen musste. Durch die Zunahme des Fremdkapitals stiegen natürlich auch die Kosten für Zinszahlungen; bei der Nordostbahn betrugen diese im Jahr 1871 2'045'440 Franken (bei einem Überschuss des Bahnbetriebs von 5'540'424 Franken) und wuchsen bis 1878 auf 6'366'036 Franken an (bei einem Überschuss aus dem Bahnbetrieb von 6'241'918 Franken).» Anfang März 1874 war die Aktie der Nordostbahn rund 600 Franken wert, vier Jahre später aber, am 8. Oktober 1878, wurde sie auf ihrem tiefsten Stand zu nur noch 47.50 Franken gehandelt. Anderen Bahnen ging es ähnlich und führte schlussendlich dazu, dass die Bahnen verstaatlicht wurden.

Und damit zurück zu Ueli Maurers Vorschlag

Alfred Escher, tatsächlich ein guter Vorschlag, um auf einer Banknote abgebildet zu werden. Ein Geschäftsmann, gleichzeitig Politiker, Banker, Networker – mit jeder Menge Interessen-Kollisionen. Alfred Escher, als Warnung, was passiert, wenn wir kein Vollgeld haben.

(Ende Text von Stephan Klee)

Nachtrag des Infosperber-Redaktors

Könnte es sein, dass die Vollgeld-Initiative von vielen Politikern bekämpft wird, weil es auch heute die Kumpanei von Business, Banken und Politik gibt? (cm)

– – – – –

* Die Antijesuitenbewegung hat ihren Ursprung im Jahr 1614 und basiert erwiesenermassen auf Fake News, wie wir heute sagen würden, die immer wieder nach den zeitlichen Gegebenheiten aktualisiert wurden. Nach heutigem Polit-Jargon war Alfred Escher also auch ein Verschwörungstheoretiker und durch die Unterstützung von Freischärlern einer, der den Terrorismus finanzierte.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Es gibt keine Interessenkollisionen.

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10 Meinungen

Die Zahlen zum US-Finanzkasino sind beeindruckend. Hat jemand solche Zahlen auch für die Schweiz - wo die Abstimmung stattfindet - zusammengestellt ?
Josef Hunkeler, am 27. Mai 2018 um 09:41 Uhr
Genau.
Ohne Vollgeld und ohne staatliche Geldschöpfung wird die Schweiz zunehmend von der nächsten Generation Escher regiert. Direkte Demokratie ein utopischer Traum.
Ganz abgesehen davon, dass die systemblinden Politiker verkennen, dass das aktuelle Geldsystem in der Konkursverschleppung steckt und bedrohlich wankt.
JA zu Vollgeld, zu krisensicheren Konten und zur direkten Demokratie am 10.6.2018.
Paul Steinmann, am 27. Mai 2018 um 14:49 Uhr
... «er (Ueli Maurer) vertraue den Geschäftsbanken absolut und alles funktioniere im heutigen Finanzsystem bestens."
Ueli Maurer hat wohl bereits vergessen, dass die UBS 2008 vom Schweizer Staat vor dem Untergang gerettet werden musste. Oder er blendet es bewusst aus. Sein Vertrauen ins heutige Finanzsystem ist zudem keineswegs gerechtfertigt, siehe hier: https://www.fuw.ch/article/weshalb-die-rettung-der-ubs-kein-gutes-geschaft-war/
Alois Amrein, am 27. Mai 2018 um 17:13 Uhr
Das Bundesamt für Statistik bietet ein Fülle von Zahlen. Ich kann versuchen die korrespondierenden Daten für die Schweiz herauszufinden. Hier der Link zum BFS:
https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/geld-banken-versicherungen.html
Stephan Klee, am 27. Mai 2018 um 19:54 Uhr
Trotzdem ich seinerzeit Oekonomie studiert habe, verstehe ich die Auswirkungen der Vollgeldinitiative nicht in allen Verästelungen. Aber ich denke die reiche Schweiz könnte durchaus ein Experiment wagen. Und sollten wir nachher etwas weniger reich und etwas weniger bankenabhängig sein, so wäre das keine Katastrophe. Das starke Engagement der Banken- und Bauernpartei SVP samt Blocher + Co. macht misstrauisch und Ueli Maurers Drohungen zur besten Sendezeit im Schweizer Fernsehen haben mich bestärkt, ein JA einzulegen. Martin A. Liechti, Maur, lic.oec.publ.
Martin A. Liechti, am 27. Mai 2018 um 22:08 Uhr
Ständerat Ruedi Noser und mit ihm viele Politgrössen argumentierten beim bedingungslosen Grundeinkommen: es gibt keinen Grund für ein grundloses Einkommen. Damals argumentierte man auch moralisch mit den Schlagworten «Fleiss» und «Faul».
Wenn diese Politiker ihre Linie konsequent verfolgen würden, müssten sie zur Geldschöpfung klipp und klar sagen: es gibt keinen Grund zur grundlosen Vermögensbildung aus dem Nichts! Hier müsste man dann eher mit den Schlagwörtern «Betrug», «ungleiche Spiesslänge»... argumentieren. Wer auf dem sogenannt freien Markt nicht ohne Tricks und Monopolrechte bestehen kann, hat keine Existenzberechtigung. So müsste deren Argumentation lauten!
Patrick Jetzer, am 28. Mai 2018 um 08:05 Uhr
@Klee. Besten Dank für den Link. Die Zahlen der SNB und der Finma sind uns natürlich bestens bekannt.

Die Aussage, wonach 15% Prozent der Kredite an die reale Wirtschaft, 85% aber ans internationale Finanzkasino gehen, kann aber auf dieser Basis, meines Wissens, nicht belegt werden.

Zur Geschichte Eschers und Co möchte ich einmal mehr das Buch von Lorenz Stucki, «Das heimliche Imperium», Ex-Libris, 1968 empfehlen.
Josef Hunkeler, am 28. Mai 2018 um 08:49 Uhr
Vielen Dank für diese Aufklärung, Stephan Klee! Was man lernt daraus: Wer hat, nimmt gerne, richtet gross an, falls Pleite winkt, hilft einem der Staat aus der Patsche. Voraussetzung dazu: Genug Lobbybrüder, die sich als Parlamentarier betätigen.
Albert Amsler
Albert Amsler, am 28. Mai 2018 um 10:25 Uhr
In den Zahlen der Nationalbank machen allein Hypothekarkredite und «andere Forderungen an Kunden» über 50% der gesamten Bilanzsumme der «Banken in der Schweiz» aus, Im «Inlandgeschäft» sind es sogar über 60%.

Da liegt nichts mehr drin für 85% der Finanzkasinos. Forderungen aus «Wertpapierfinanzierung» machen 2016 gerade mal 5% der Bilanzsumme aus. Im Inlandgeschäft sogar nur gerade 1%.

Wie die Phantasiezahlen aus den USA 1 zu 1 auf die Schweiz übertragen werden ist wohl Teil der «wundersamen Brötchenvermehrungen» im politischen Diskurs.
Josef Hunkeler, am 30. Mai 2018 um 08:55 Uhr
Interessanterweise erschien kurz vor der Arena folgender Artikel im Tagesanzeiger (nur für Abonnenten):

https://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/so-viel-bezahlte-die-familie-escher-fuer-ihre-kubanischen-sklaven/story/15841271

Frei zugänglich sind diese beiden Artikel von 2017:

https://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/alfred-eschers-erbe-gruendet-auf-sklavenarbeit/story/19408220

http://static.woz.ch/1728/sklaverei/die-kubanische-plantage-der-familie-escher
Stephan Klee, am 30. Mai 2018 um 12:38 Uhr

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