Alexander Hug (links) im persönlichen SMM-Einsatz im Donbas in der Ostukraine © AH
© privat
Betagte Frau in ihrem zerbombten Haus © OSCE
Zerstörte Brücke in Stanytsia © OSCE

Ostukraine: Im Donbas die Glocke läuten hören

Alexander Hug / 21. Okt 2018 - Der Schweizer Alexander Hug tritt als Stellvertretender Leiter der OSZE-Sondermission Ende Oktober ab. Er ruft auf zum Handeln.

(Red. Der Stellvertretende Leiter der Sonderbeobachtermission der OSZE in der Ostukraine Alexander Hug hat wenige Tage vor seinem Abgang einen Rückblick geschrieben. Darin bringt er auch seine persönliche Haltung zum seit viereinhalb Jahren andauernden Konflikt mit Tausenden von Toten und Verletzten zum Ausdruck. Weitere Infos zu Alexander Hug und zu diesem Artikel siehe unten am Ende des Textes.)

Gerade wieder starben mindestens drei Kinder, und zwei weitere wurden verwundet – direkt als Folge des Versagens der Kriegsparteien, das Feuer einzustellen und die Waffen wegzubringen, wie sie es 2014 versprochen haben.

Diese Kinder sind nur einige der wachsenden Zahl ziviler Opfer in der Ostukraine. Seit Anfang des Jahres hat die Sonderbeobachtermission der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa OSZE (OSCE Special Monitoring Mission to Ukraine SMM) fast 200 Zivilisten als getötet oder verletzt bestätigen müssen. Die SMM hat im Jahr 2018 ausserdem über 200'000 Verstösse gegen den Waffenstillstand und fast 3000 Waffen registriert, deren Position gegen die vereinbarten Rückzugslinien verstossen hat. Und sie hat, auch das eine Aufgabe der SMM, die Instandsetzung der zivilen Infrastruktur in 820 Fällen erleichtert und überwacht.

Von mehr als 700 zivilen Beobachtern und mit Hilfe von Dronen und Kameras werden unbestreitbare Fakten ermittelt. Diese werden jeden Tag in öffentlich zugänglichen OSZE-SMM-Berichten aufgeführt – in englischer, ukrainischer und russischer Sprache. Jeden Tag wird ein schmerzhaftes Bild der Realität aufgezeigt – Schwarz auf Weiss – und also sichtbar für jeden, der bereit ist hinzusehen.

Nicht alle wollen hinsehen

Und doch gibt es diejenigen, die sich immer noch weigern hinzusehen, diejenigen, für die Fakten keine Rolle spielen. Trotz aller schmerzhaften Realität entscheiden sie sich dafür, sich auf die Aktionen der anderen Seite zu konzentrieren. Sie wollen nur wissen, wer zuerst geschossen hat. Alles, was sie tun wollen, ist, mit dem Finger auf die Schuldigen zu zeigen.

Statt die Realität zu sehen, betreiben sie ein Schuldzuweisungsspiel, das Fakten durch historische und politische Narrative filtert und sie in einem selbstgebauten Prisma verzerrt.

Sie fragen – und oft geben sie schon zum voraus selber die Antwort – für wen die Glocke läuten soll. Sie vergessen dabei – oder sie wollen es nicht wahrhaben –, dass dieser Konflikt alle betrifft, alle, in gleichem Masse, unabhängig davon, auf welcher Seite der Fahrleitung sie sich befinden, zu welcher Religion sie sich bekennen, welche Sprache sie sprechen oder welche politischen Ansichten sie vertreten.

Die Kugeln und Bomben, die in den SMM-Aufzeichnungen der OSZE in der Ostukraine Tag und Nacht aufgeführt werden, schonen niemanden. Sie fallen nicht zuletzt auf Zivilisten, unabhängig von Klasse oder Glaube, Alter oder Geschlecht. Viele der Getroffenen sind Kinder. Viele andere sind zu alt, um zu fliehen. Und viele sind zu arm, um zu gehen.

Die Realität ist: Die Glocke läutet für sie alle.

Die Betroffenen erleben das nackte Elend

Die Realität ist der traumatisierte Zivilist – unabhängig von der Seite oder Religion, von der Sprache oder von Ansichten. Der traumatisierte Zivilist, der ununterbrochen drohender Gewalt und unendlichem Leiden ausgesetzt ist.

Die von der OSZE SMM festgestellten Fakten erzählen die Geschichte von Bauern, die auf ihren Feldern ihre Ernte einfahren wollten, und statt dessen nicht explodierte Kampfmittel und Panzerminen vorfanden und von ihnen verletzt oder getötet wurden. Die SMM-Fakten erzählen von Müttern, die beim Einkaufen von Lebensmitteln getötet wurden. Von Kindern – meist kleine Jungen – die mit nur noch einem Bein aufwachsen müssen. Von zufälliger, unvorhersehbarer Gewalt. Von verirrten Kugeln und Granaten, die durch ungeschützte Fenster in die Häuser gelangen und ihre Bewohner treffen.

Zum Bild: Und so sitzt sie in ihrem zerschossenen Haus, zu alt und zu arm, um noch wegzuziehen (Foto: OSCE).

Fakten sind wichtig. Sie erzählen die Geschichte des täglichen, erschütternden Elends, das Millionen von Menschen auferlegt worden ist – von Stunden oder gar Tagen, nur schon um ein Krankenhaus zu erreichen oder um die eigene Rente in Empfang nehmen zu können.

Es ist die Geschichte eines unsicheren, wenn nicht gar inexistenten Rechts- und Justizraums, in dem Recht und Ordnung zusammengebrochen sind und bestenfalls durch illegale Strukturen ersetzt wurden, die rechtliche Legitimität für sich beanspruchen.

Denke daran, was das für dich und deine eigene Familie bedeuten würde, würde dasselbe dir wiederfahren!

Und das in Europa!

Es ist eine aussergewöhnliche Situation, in einem Teil eines europäischen Landes, das unter Schmerzenskrämpfen und Konflikten leidet: Vertreibung, Zerstörung, Tod.

Nach viereinhalb Jahren, in denen Fakten ermittelt und darüber berichtet wurde, nach viereinhalb Jahren mit Hunderten von Beobachtern vor Ort und mit unbemannten Luftfahrzeugen am Himmel, ist klar, was die Geschichte des Donbas ist: Es ist eine Geschichte, in der es nur Verlierer gibt. Eine Geschichte von weitgehend statischen Linien und Gräben, die sich über Hunderte von Kilometern erstrecken. Eine Geschichte der Wiederherstellung von Schlachtfeldern im 21. Jahrhundert, wie sie in Europa seit bald einem Jahrhundert nicht mehr zu sehen waren. Es ist die Geschichte, wie ein Teil Europas in ein Nullsummenspiel verwickelt wurde – wenn denn das Wort «Spiel» hier noch erlaubt ist. Die Fakten, die wir von der SMM jeden Tag präsentieren, so unerbittlich wie der Konflikt selbst, erzählen die Geschichte eines Ortes, der sich in die historische Vergangenheit zurückgezogen hat.

Die Fakten sind unbestreitbar. Sie erzählen von einst pulsierenden Städten – getragen von Stahl und Kohle –, die immer tiefer in wirtschaftliche Not geraten. Wo unmittelbare Abhängigkeit von Hilfe für Hunderttausende von Menschen – wenn nicht gar für Millionen – zur Norm geworden ist. Von Menschen, denen fliessendes Wasser nicht mehr selbstverständlich ist. Von Menschen, denen Gas nur noch beschränkt zur Verfügung steht. Von einem Ort, in dem die Dunkelheit auf jeden fällt – unabhängig von Ansichten, Sprache oder Flagge.

Die OSZE darf nur beobachten …

Die OSZE SMM hat ihre Aufgabe wahrgenommen und nach Möglichkeit erfüllt. Sie hat überwacht. Sie hat Fakten ermittelt. Sie hat jeden Tag auf der OSZE-Website in drei Sprachen – Englisch, Ukrainisch und Russisch – ihre Erkenntnisse veröffentlicht. Sie hat die Geschichte der Krise in und um die Ukraine publik gemacht. Sie hat nach bestem Wissen und Gewissen informiert.

Zum Bild: Das alltägliche Leben wird plötzlich zur Qual: die Einwohner müssen ihre Habseligkeiten mühsam über eine zerstörte Brücke in Staytsia bringen (OSCE).

Aber es gibt Leute, die Macht haben. Manchmal mit, manchmal ohne gesetzliche Legitimität. So oder so sind es Leute, die Entscheidungen treffen: Entscheidungsträger. Und diese Entscheidungsträger wissen es längst: Wenn du Macht hast, trägst du auch Verantwortung. Verantwortung wahrnehmen aber heisst in diesem Fall: Die Gewalt muss aufhören!

Immer mehr Leuten gehen die Augen auf

Ganz im Gegensatz zu diesen Entscheidungsträgern gibt es aber auch eine immer grössere Zahl von Menschen vor Ort, die die Botschaft verstanden haben. Auf lokaler Ebene – ob in Luhansk oder Lwiw (Lemberg) – sind die Augen vieler Menschen offen. Es gibt die Erkenntnis, dass die Menschen mit den Realitäten umgehen müssen. Diese Menschen haben es durchschaut: Die historisch herbeikonstruierten und politisch eingefärbten Erzählungen können nicht die Grundlage für die Findung einer gemeinsamen Zukunft sein.

Überall, in der gesamten Ukraine, wollen die Menschen einen Weg nach vorne finden. Und überall gibt es Menschen, die erkennen, dass es für jeden Dollar, der für Kugeln und Bomben ausgegeben wird, einen Dollar weniger für den Frieden gibt. Menschen, die sich für wirtschaftliche Entwicklung, für Umweltschutz und für soziale Gerechtigkeit und Gleichberechtigung für alle einsetzen, unabhängig von ethnischer Herkunft, von Sprache und Geschlecht. Menschen, die Einsicht in die Realität gefunden haben, die jenseits des Zwei-Seiten-Denkens stehen, jenseits des bisherigen Nullsummenspiels, jenseits von Schwarz und Weiss.

Und wie geht es weiter?

Obwohl zurzeit weitgehend statisch, die Fakten sagen uns auch, dass dieser Konflikt bei weitem nicht eingefroren ist. Eskalation ist genauso wahrscheinlich wie Auflösung. Niemand kann voraussehen.

Aber niemand – am allerwenigsten die Entscheidungsträger – sollte gegenüber den Fakten blind sein. Wir können blind in noch mehr Gewalt taumeln – aber wir können die Gelegenheiten auch nutzen und müssen sie nutzen, die Gewalt zu beenden.

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Dieser Artikel wurde von Alexander Hug in englischer Sprache geschrieben. Er erschien zuerst am 17. Oktober in der Kyiv Post. Die Übersetzung ins Deutsche besorgte Christian Müller, Mitglied der Redaktionsleitung von Infosperber. Auch die Zwischentitel stammen von ihm. Seine Übersetzung wurde von Alexander Hug geprüft und für gut befunden.

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Zum Bild: Alexander Hug wird in nächster Zeit ganz privat auch andere Regionen der Ukraine besuchen, so etwa die Schwarzmeerküste und auch die Berge. Er möchte, wie er Infosperber wissen liess, die Ukraine in einer positiven Erinnerung behalten können.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Informationen zum Autor, hier und hier anklicken. – Es gibt keine Interessenkollisionen.

Weiterführende Informationen

Gespräch mit Alexander Hug im «Echo der Zeit» am 30. Oktober 2018

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Eine Meinung

Unsere Nachfahren werden irgendwann auf das Ende des 20. Jahrhundert und auf das Anfang des 21. Jahrhundert zurück schauen und werden dann alles andere als Stolz sein. Die Menschheit hat aus dem 1. sowie 2. Weltkrieg rein gar nichts gelernt. Der 3. Weltkrieg ist jederzeit möglich was den meisten nicht einmal bewusst ist bzw. nicht bewusst sein will. Man dröhnt sich mit Bachelor, Instagram, Stars und Sternchen solange voll bis kein Platz mehr für Politik und Geschichte mehr da ist. Wenn ich versuche an Mittagstischen auf ein wichtigeres realeres Thema zu lenken werde ich teilweise angeguckt als ob ich aus einem anderen Universum stamme (zugespitzt stimmt das ja im Prinzip) und wehe ich wiederspreche dem allgemein gültigen narrativ, wehe ich versuche uns also dem Westen den Spiegel vorzuhalten. Dann bin ich entweder Nazi, linksversifft, Verschwörungstheoretiker oder sonst irgend ein Label mit dem man jemanden mundtot machen kann.

Ich erinnere mich an Bilder die ich mal gesehen habe vor dem ersten und zweiten Weltkrieg. Die Menschen haben ganz normal in den Strassen in den Cafes gesessen und sind ihrem Leben nachgegangen. Einige Wochen später gab es diese Strasse nicht mehr.
Philipp Schüpbach, am 26. Oktober 2018 um 08:13 Uhr

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