Das Hauptquartier der CIA, des US-amerikanischen Geheimdienstes © cia@gov
Stephen Kinzer: Project Mind Control © riva

So versuchte Chefvergifter Sidney Gottlieb, Menschen zu steuern

Christian Müller / 03. Aug 2020 - Ein neues Buch über die CIA und ihre Experimente mit «entbehrlichen» Menschen dokumentiert grausame Machenschaften.

Wer Angst vor schlaflosen Nächten hat: bitte nicht weiterlesen. Das Buch «Project Mind Control» schildert, wie im Anschluss an den Zweiten Weltkrieg, vor allem in den 1950er und 1960er Jahren, die CIA heimlich grausame Experimente an Menschen machte – mit zwei Zielen: erstens die Menschen mental zu steuern (zum Beispiel, um sie einen Mord begehen zu lassen) oder aber auch sie ohne sichtbare Spuren umzubringen, und zweitens zur Entwicklung biologischer Waffen. Die CIA hatte dazu spezielle Experimentier-Stationen in den USA. Um für diese Experimente mit oft tödlichem Ausgang geeignete Personen zur Verfügung zu haben, nutzte sie aber auch Stationen im Ausland, vor allem in Japan und sogar in Deutschland.

Die führende Rolle bei diesen Experimenten spielte Sidney Gottlieb. Gottlieb, geboren am 3. August 1918, wuchs in einer jüdischen Einwanderungsfamilie in der New Yorker Bronx auf. Er hatte Klumpfüsse und stotterte. Beide Behinderungen konnten mit zunehmenden Lebensjahren medizinisch behoben werden. Sein Drang, Unmögliches möglich zu machen, aber blieb. Nach einem erfolgreichen Studium der Chemie wurde er in der CIA Chef des streng geheimen Programms MK-ULTRA, das ohne Rücksicht auf Verluste nach Giften und anderen Methoden suchte, um Menschen gefügig, vergesslich oder auch aggressiv zu machen. Nach der Entdeckung des LSDs durch den Schweizer Albert Hofmann und die Produktion von LSD ab 1949 durch Sandoz war vor allem diese Droge Gottliebs Hoffnungsträger im Bereich «Mind Control»: mentale Steuerung.

Als Chef der Abteilung MK-ULTRA und des geheimen CIA Camps Fort Detrick in Maryland war Sidney Gottlieb ein absoluter Draufgänger: Er unterhielt über CIA-Mitarbeiter eine Wohnung in San Francisco, wo Prostituierte und ihre Kunden zu Experimenten missbraucht wurden, eine Wohnung in New York, wo Probanden nach der Verabreichung von Giften genau beobachtet werden konnten, und er betreute auch persönlich ein Gefangenenlager in Japan und das geheime Lager der CIA in der Villa Schuster in Kronberg im Taunus in Deutschland, wo vor allem Kriegsgefangene und andere «expendable people» – entbehrliche Leute – für seine Experimente mit LSD und anderen Giften oder auch mit Elektroschocks, selbstverständlich ohne deren Wissen oder gar Zustimmung, benutzt wurden. Und wo man zusätzlich auf das Wissen und die Unterstützung von Wissenschaftlern zurückgreifen konnte, die sich schon als hochstehende und zuverlässige Nazis oder eben adäquate japanische Kriegsverbrecher während des Weltkrieges mit der Entwicklung biologischer Waffen beschäftigt hatten.

Sidney Gottlieb war bei diesen Projekten nicht nur der dirigierende Chef, er scheute sich nicht davor, selber Gift in die Getränke seiner Mitarbeiter zu mischen. Ein enger Mitarbeiter zum Beispiel hatte danach heftige Depressionen und stürzte zwei Wochen später in New York aus einem Hotelfenster zu Tode. Ob Mord oder Selbstmord blieb ungeklärt. Aber auch etwa 1960, als der ehemals Belgische Kongo sich unabhängig erklärte und Patrice Lumumba erster Premierminister wurde und seiner Verbindung zur Sowjetunion wegen von der CIA möglichst heimlich umgelegt werden sollte, flog Sidney Gottlieb höchstpersönlich nach Afrika, um in enger Zusammenarbeit mit dem dortigen US-Botschafter Lumumba so zu vergiften, dass er erst einige Tage später sterben würde – zwecks Verdeckung des Mordes. Nur weil Lumumba dann von anderer Seite entführt und, wie neuste Forschungen es zeigen, von anderer Seite ermordet wurde, kam Gottliebs spezielles Gift dann doch nicht zum Einsatz.

Und warum schlaflose Nächte?

Wäre das Buch über Sidney Gottlieb, den «Poisoner in Chief» (Titel der englischen Originalausgabe) einfach das Portrait eines geisteskranken Einzelgängers, das Buch wäre wohl nur für die Psychiater lesenswert. Gerade das war aber Sidney Gottlieb nicht. Er war eingebettet in die CIA, hatte mitwissende und ihn fördernde Vorgesetzte, befahl über Hunderte ihm unterstellte Wissenschaftler, erhielt von der CIA für Dutzende von Subprojekten fast beliebig viel Geld, war also Teil eines funktionierenden Systems. Und er war so sehr systemrelevant, dass er es schaffte, 1999 in Freiheit zu sterben, ohne je vorher für seine zahlreichen Morde und grauenhaften Folterungen eine Strafe abgesessen zu haben. Das ist es, was schlaflose Nächte verursachen kann: Dass nicht nur einzelne Menschen absolut Unmenschliches in die Realität umzusetzen imstande sind, sondern dass eine staatliche Behörde in einem sogenannt freien und demokratischen Land eine solche Organisation wie MK-ULTRA erlauben, pflegen und sogar bewusst fördern kann. Dass die CIA als staatliches Organ das Ziel hatte, neben biologischen Waffen auch Mittel zu entwickeln, mit denen Menschen gesteuert und zu Kriegsverbrechen missbraucht werden können.

Alles nur Vergangenheit?

Ob das alles «tempi passati» sind – reine Vergangenheit? Zweifel sind angebracht. Aus Polen weiss man, dass die USA dort auch nach 9/11 im Jahr 2001 Gefängnisse unterhielt, um Leute zu foltern, wie es in den USA selbst nicht erlaubt ist. Das musste auch Polens Regierung schliesslich eingestehen. Und es gibt andere Staaten, darunter z.B. die Ukraine, wo es US-militärische Stationen gibt, zu denen niemand Zugang hat, auch die Polizei oder andere staatliche Behörden nicht. Und warum halten die USA noch immer das Gefangenenlager Guantanamo aufrecht? Um mit den Insassen umgehen zu können, wie es in den USA selbst nicht gestattet ist. Die Berichte von freigekommenen Guantanamo-Insassen sind grauenhaft.

Eine echte Dokumentation

Das Buch «Project Mind Control» von Stephen Kinzer ist in jeder Hinsicht nicht nur eine schreckliche Erzählung, sondern eine bis in die letzten Details recherchierte und mit mehreren hundert Quellenbelegen vervollständigte Dokumentation. Alle darin vorkommenden Personen werden mit dem richtigen Namen genannt und ihre Aussagen sind belegt.

Das Buch ist psychologisch hochinteressant: Sidney Gottlieb war zum Beispiel privat und in der Zeit nach seiner Pensionierung ein grosser Freund von Volksmusik – inkl. eigenem Mittanzen –, eine extrem gespaltene Persönlichkeit also. Das Buch ist aber eben auch politisch hochinteressant, um nicht zu sagen ein «Muss» für aktive Politiker, um real zu erfahren, was ein hochgelobtes Land wie die USA im Rahmen ihrer geheimdienstlichen Aktivitäten zu tun willens und imstande ist. Und dies, wie erwähnt, aller Wahrscheinlichkeit nach bis heute.

* * *

Der Rezensent Christian Müller hat die Originalausgabe des Buches in englischer Sprache gelesen: «POISONER IN CHIEF; SIDNEY GOTTLIEB AND THE CIA SEARCH FOR MIND CONTROL» von Stephen Kinzer. Jetzt ist das Buch auch in deutscher Sprache erschienen: «Stephen Kinzer: PROJECT MIND CONTROL. Sidney Gottlieb, die CIA und das LSD – wie der amerikanische Geheimdienst versuchte, das Bewusstsein zu kontrollieren.» riva Verlag München, 2020.

Die Übersetzung ins Deutsche scheint korrekt zu sein, selbst dort, wo es darum geht, dass Sidney Gottlieb ein Jude war. Ein Beispiel sei hier aufgezeigt:

«One especially arresting aspect of Gottlieb’s ethical calculation was his willingness to work with Nazi scientists who he knew were connected to the torture and murder of Jews in concentration camps. Many of the Americans who worked with those scientists had only general or theoretical reasonsto detest Nazism, and easily put their doubts aside as soon as World War II ended and Communism emerged as the new enemy. Gottlieb, though, was not simply Jewish but just one generation removed from the shtetl. If his parents had not left Europe at the beginning of the twentieth century, he might well have been forced into a ghetto as a young man and then arrested, sent to a concentration camp, and killed during a lethal experiment. Nonetheless he worked with the scientists who conducted those experiments.»

In der deutschen Ausgabe: «Ein besonders irritierender Aspekt von Gottliebs ethischem Kalkül war seine Bereitschaft, mit Naziwissenschaftlern zusammenzuarbeiten, die, wie er wusste, für die Folterung und Ermordung von Juden in Konzentrationslagern mitverantwortlich waren. Viele der Amerikaner, die mit diesen Wissenschaftlern arbeiteten, hatten nur generelle oder theoretische Gründe, die Nazis zu verabscheuen, und sie schoben ihre Zweifel schnell beiseite, als der Zweite Weltkrieg endete und der Kommunismus sich als neuer Feind entpuppte. Gottlieb hingegen war nicht einfach nur Jude, er war zudem lediglich eine Generation vom Schtetl entfernt, der jüdischen Welt Osteuropas. Hätten seine Eltern Anfang des 20. Jahrhunderts nicht Europa verlassen, hätte er wohl als junger Mann in einem Ghetto leben müssen und man hätte ihn später festgenommen, in ein KZ gesteckt und während eines Experiments umgebracht. Trotzdem arbeitete er mit den Wissenschaftlern zusammen, die solche Experimente durchgeführt hatten.»

Es darf also davon ausgegangen werden, dass die Übersetzung auch dort, wo es für Deutschland unangenehm ist, einwandfrei ist.

Ein Bild von Sidney Gottlieb und weitere Informationen sind auf der Website der npr.org zu sehen, hier anklicken.

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Zum Autor deutsch und englisch.

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6 Meinungen

Danke für diesen Beitrag. Ich hoffe, das der Infosperber, nun nicht geplagt wird von propagandartigen «Gegenstimmen», den die elitären Kreise mögen es nicht, wenn Schatttenseiten denjenigen zugänglich werden, welche von diesen als entbehrliche «Schafherde» betrachtet werden. Es gibt auch andere Nationen, welche dasselbe getan haben, und/oder noch tun. Man opfert eine Minderheit, von welchen man glaubt sie seien entbehrlich, um das Grosse zu schützen durch Erkenntnisgewinn. Die Nazis haben dies getan, die Chinesen tun es womöglich gegenwärtig, ich befürchte, die meisten grossen Wirtschaftsmächte tun dies. Im Tierreich kann man dasselbe beobachten, eine fliehende Gnuherde welche sich vor den Löwen in Sicherheit bringen möchte, beisst den zwei unbeliebtesten, schwächsten Tieren in den Hinterlauf, damit sie umfallen, den Löwen zum Frass vorgeworfen, geopfert, 10 Minuten später kann die Herde neben den Löwen welche ihre Artgenossen verspeisen, völlig unberührt wieder Weiden. Die gleichen Opfervorgänge finden wir bei den Menschen, auch heute noch. Wir sind leider noch weit entfernt von dem Weltethos, welcher von Hans Küng propagiert wurde, und ebenso weit entfernt sind wir noch vom Gewaltverzicht (Verzicht auf jede Form von Gewalt, welche sich jenseits von Notwehr befindet) welcher von Marshall B. Rosenberg gelernt wurde. Das aber jemand ein Buch darüber schreiben kann, ohne Mundtot gemacht zu werden, das ist immerhin an anderen Orten nicht möglich. Immerhin ein gutes Zeichen.
Beatus Gubler, am 03. August 2020 um 18:30 Uhr
"sondern dass eine staatliche Behörde in einem sogenannt freien und demokratischen Land..."
Ein Zwei-Pateien-System ist garade mal keine Diktatur mehr; aber mit Sicherheit noch lange keine Demokratie. Demokratie ist doch nicht entweder oder; sondern wenn man eine Wahl hat.
In Deutschland kann man sehr schön sehen, wie hart die Geburt einer echten Demokratie aus dem Bauch eines Zwei-Parteien-System ist. Da vereinen sich die zwei Parteien am Ende zu einer Dauer-GroKo und bekämpfen die neue Konkurenz gemeinsam. Mit Mittel wie Ausgrenzung und Diffarmierung.
Da nun seit 30 Jahren die Frage nach Pest oder Cholera wegfällt, sollten wir auch nicht mehr zwischen Pest oder Cholera wählen. Die Niederlande oder Finnland gehen für uns interessante Wege, die wir studieren sollten. Dagegen werden die USA für Dekaden keine brauchbaren Antworten auf unsere Fragen mehr liefern. Hoffentlich bemerkt dies bald auch einmal SRF Tagesschau...
Marc Fischer, am 04. August 2020 um 07:21 Uhr
Leben wir nicht alle mittendrin in solchen Dystopien?
Heute beschimpft man herausfordernde Mitmenschen schon mal als Verschwörungstheoretiker oder lässt diese gar nicht erst an die breitere Öffentlichkeit ran.
Uwe Borck, am 04. August 2020 um 21:43 Uhr
Bitte erlauben Sie einen Hinweis auf eine arte-Dokumentation: >Das Gehirnwäsche-Programm der CIA/Deckname Artischocke< . - Ein ungeklärter Todesfall Dr. Frank Olson und Einbeziehung von SS-Ärzten mit Biowaffenerfahrung durch den CIA , wie z. B. Dr. Kurt Blome - und u. a. seine politische Haltung im Nürnberger Ärzteprozess 1946/1947.
Blome war m. E. etwa 1947 Berater der CIA u. a. bei ersten Sprühflügen zur Vernichtung von Ernten. Das System ist inzwischen auch anderweitig umfassend perfektioniert worden.

https://www.youtube.com/watch?v=fc7MsxiffNw
Gustav - Adolf Siebrasse, am 13. August 2020 um 18:20 Uhr
Psychiatrische Klinik Münsterlingen, Roland Kuhns Medikamententests, die auch an Kindern durchgeführt wurden. Verbrechen, Aufarbeiten, Verbrechen, Aufarbeiten, Verbrechen, Aufarbeiten...
Sich bestenfalls eine Prise Asche auf's Haupt streuen und weiter im Text...
Ursula Lerch, am 16. August 2020 um 18:25 Uhr
Heute habe ich alle Beiträge hier nochmals durchgelesen. Gewalt ist ein Thema welches mich beschäftigt, schon mein Leben lang. Als schwächstes Mitglied einer Familie (Rachitis-Kind) erlebte ich die globale Gewalt, welche auf Regierungsebenen stattfindet, im Rahmen meiner Herkunftsfamilie und in einem katholischen Kinderheim. Wie oben so unten, pflegte Hermes zu sagen. Wo sind die Ursachen für diese grausame Gewaltbereitschaft gegenüber der eigenen Spezies, warum wird der eine ein Verantwortungsbewusster Mensch mit Mitgefühl und der Andere, welcher unter denselben Bedingungen aufgewachsen war, ein grausamer Sadist, ein Massenmörder, finanziert vom Steuerzahler arbeitend für eine Regierung? Was macht den Unterschied aus, das im einen Falle Gefolterte zu Menschen werden, welche sinngebend diese Missstände aufdecken und bekämpfen, während andere Gefolterte selber zu Folterknechten werden, und Menschen wie Gegenstände wahrnehmen, ohne jegliches Mitgefühl, und dabei Nachts noch ruhig schlafen können. Wüssten wir den Grund dafür, wüssten wir wo der «Schalter» zur Psychopathie liegt, könnten wir vielleicht weitere schlimme Exzesse verhindern. Das Menschen welche ein ethisches Leben führen, von einigen heute als «Schwache» oder «Gutmenschen» beschimpft werden, macht mir Sorgen.
Beatus Gubler, am 06. Oktober 2020 um 15:16 Uhr

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