Der Hafen von Triest soll ein wichtiger Knotenpunkt im Handelsnetz der neuen Seidenstrasse werden © mycah/flickr/cc

Der Hafen von Triest soll ein wichtiger Knotenpunkt im Handelsnetz der neuen Seidenstrasse werden

Chinas Neuauflage der antiken Handelsroute

Peter G. Achten / 27. Mär 2019 - China will mit dem Megaprojekt «Neue Seidenstrasse» ein globales Handelsnetz erschliessen. Doch grosse EU-Partner haben Bedenken.

Chinas Staats-, Partei- und Militärchef Xi Jinping hat auf seiner Europareise (Italien, Frankreich, Monaco) mit seinem Entwurf einer «Neuen Seidenstrasse» Politiker, Diplomaten und China-Experten aller Sparten einmal mehr aufgeschreckt. Schon 2013, als der Pragmatiker Xi im Zusammenhang mit seinem «chinesischen Traum» von der «grossen Wiedergeburt der chinesischen Nation» das Seidenstrasse-Projekt lancierte, schrillten von den USA bis nach Europa alle Alarmglocken.

Xi nannte in Anknüpfung an die antike Seidenstrasse sein neues Lieblingsprojekt «Gürtel und Strasse»-Initiative oder auf Neudeutsch «Belt and Road Initiative», kurz BRI. Die chinesische Bezeichnung für das Projekt «Yi Dai Yi Lu» bedeutet «Ein Band» oder «Ein Gürtel» und «Eine Strasse». Damit sind die Seidenstrassen gemeint, über die seit mehr als zweitausend Jahren Güter und Ideen von Ost nach West und von West nach Ost über die eurasische Landmasse und übers Meer transportiert werden. Chinas strategisches Interesse an «Yi Dai Yi Lu» liegt vor allem im Energiesektor – Erdöl, Erdgas, Kohle – und in anderen natürlichen Ressourcen.

Alte und neue Seidenstrassen

Der Begriff «Seidenstrasse» stammt übrigens nicht aus China. Es war der deutsche Geograph und Kartograph Ferdinand Freiherr von Richthofen, der im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts – auf dem Höhepunkt des westlichen Imperialismus und Kolonialismus – den Begriff in seinem monumentalen fünfbändigen Werk «China» geprägt hat. Richthofen verwendete bewusst den Begriff «Seidenstrassen» im Plural und gab ihm die Bedeutung, die er noch heute hat: die Seidenstrassen zu Lande, also auf dem riesigen eurasischen Kontinent, und die Seidenstrassen zu Wasser, also auf dem Meer vom Ostchinesischen Meer über den Indischen Ozean bis hin zum Mittelmeer.

Ins Grossprojekt «Neue Seidenstrasse» sind rund 70 Länder involviert, die 60 Prozent der Weltbevölkerung und 40 Prozent der weltweiten Wirtschaftskraft ausmachen. Entlang der Handelsroute sollen Eisenbahnen, Strassen, Brücken, Tunnels, Häfen, Pipelines, Flughäfen, Kraftwerke oder gar Universitäten gebaut und erneuert werden. Von Peking bis Rom, von Laos bis Marokko, von Chongqing bis Duisburg, von Moskau bis Korea, von der Taklamakan-Wüste in China bis zu den Steppen Zentralasiens und der Wüste Nordafrikas oder von Fuzhou bis Rotterdam. Dank neuer und verbesserter Infrastruktur sollten der Warenaustausch und mithin die Wirtschaft der an der Seidenstrasse liegenden Länder angekurbelt und ausgeweitet werden. Auch die auf der Seidenstrasse seit Hunderten von Jahren in beiden Richtungen ausgetauschten Ideen und Werte könnten wieder mit höherer Intensität geteilt werden. Und anders als in früheren Zeiten könnten im 21. Jahrhundert auch die über die Seidenstrassen verbreiteten Epidemien – im 5. und 14. Jahrhundert zum Beispiel die verheerende Ausbreitung der Beulenpest – effizient verhindert werden.

Reger Austausch von Gütern und Ideen

Die Seidenstrassen hatten seit dem Ende des 2. Jahrhunderts v. Chr. Hoch und Tiefs. Je nach geschichtlicher Konstellation verlief der Handel flüssig oder kam teilweise ganz zum Erliegen. Der Austausch von Gütern und Ideen blühte bis kurz vor dem Ende des Weströmischen Reiches im 4. Jahrhundert und der chinesischen Han-Dynastie (206 v. Chr. bis 220 n. Chr.), dann während der chinesischen Tang-Dynastie (618-907) und der chinesischen Song-Dynastie (960-1279) sowie der chinesisch-mongolischen Yuan-Dynastie (1271-1368). Ein berühmtes Beispiel: Von Indien herkommend, brachten arabische Gelehrte die Zahl Null und ein verfeinertes Dezimalsystem über die Seidenstrasse in den Westen.

Während der chinesischen Ming-Dynastie (1368-1644) wurden die Seefahrten von Admiral Zheng He berühmt. Siebenmal durchpflügten in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts Hunderte von Schiffen mit bis zu 28'000 Mann Besatzung das Ostchinesische, das Südchinesische Meer, die Strasse von Malakka, den Indischen Ozean bis hin zur Ostküste Afrikas. Im Vergleich dazu waren Christoph Columbus' drei Schiffe oder ein Jahrhundert später die spanische Armada Kleinstflotten. Nach der Mitte des 15. Jahrhunderts liess der chinesische Kaiser all die technisch fortschrittlichen Schiffe und deren Baupläne vernichten, riegelte China zum Meer und mithin nach aussen ab und wandte sich mit dem Ausbau der Grossen Mauer gegen Norden, um das Eindringen der Steppenvölker abzuwehren. Eines dieser Steppenvölker – die Mandschuren – lösten 1644 die Ming-Dynastie ab und verhalfen China und den Seidenstrassen zu neuer Blüte.

In den Anfängen der Ost-West-Handelsroute war Seide das meistgehandelte Gut. In Rom, so bemerkte Seneca etwas abschätzig, werde das weiche, «fast durchsichtige» Tuch in «immer grösseren Mengen» gekauft und getragen. Schon bald war Seide nicht nur ein begehrtes Handelsgut, sondern neben Münzen und Getreide auch ein Zahlungsmittel. Über die Jahrhunderte entwickelte sich die Luxusware Seide zur verlässlichsten Währung.

Investitionsvolumen von 1,1 Billionen US-Dollar

Heute werden Handelsrechnungen in harten Dollars, Euros und immer mehr auch in chinesischen Yuan Renminbi beglichen. So auch die Investitionen in die Neue Seidenstrasse. «Yi Dai Yi Lu» ist das grösste Investitionsprojekt seit dem Marshall-Plan in Europa 1948 (900 Milliarden Dollar) – also eine durchaus zukunftsorientierte, positive Initiative. Das chinesische Finanzierungsmodell von rund 1,1 Billionen US-Dollar bis in die Jahre 2030-2040 läuft über den Seidenstrassen-Fonds sowie über die Asiatische Infrastruktur-Investmentbank, die von über 60 Staaten, darunter auch die Schweiz, finanziert wird.

China sorgt dabei diskret, aber kompromisslos dafür, dass Peking das Sagen hat. Deshalb mehren sich in Europa und Amerika die Stimmen, die dem Reich der Mitte zu Unrecht dubiose oder gar unlautere Absichten unterstellen. China handelt jedoch wie Amerika, Frankreich, Deutschland oder auch die Schweiz stets in legitimem Eigeninteresse und bislang immer in Absprache mit der internationalen Gemeinschaft.

Die Skepsis der Europäer

Seit Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping 2013 sein Grossprojekt lancierte, mehren sich besorgte Fragen aus dem Westen: Will China einen weltweiten Machtanspruch ausbauen? China mit der Neuen Seidenstrasse zur globalen Macht? Oder wie «Spiegel Online» vor zwei Jahren schrieb: «Es geht um Chinas Ruhm und Einfluss – also um Geopolitik.» Als Italien als erstes G7-Land mit China eine Absichtserklärung (Neudeutsch Memorandum of Understanding) unterzeichnete, titelten Zeitungen düster: «Italien – Einfallstor der Chinesen in Europa?»

Bislang ist klar, dass chinesische Bau-, Stahl- und Transportunternehmen bei öffentlichen Ausschreibungen von Seidenstrassen-Projekten im Ausland den Löwenanteil ergattern. Einheimische Unternehmen kommen allenfalls beschränkt, internationale Unternehmen kaum zum Zuge. Kommt dazu, das China auch keine neuen Arbeitsplätze in den betreffenden Staaten schafft; chinesische Bauarbeiter übernehmen den Job. Chinas Kredite sind keine Geschenke, nicht einmal Darlehen mit weichen Bedingungen. Es sind vielmehr Kredite mit marktüblichen Zinsen oder gar leicht erhöhten Zinsen.

Neue Seidenstrasse als Schuldenfalle

Deshalb fordert die internationale Gemeinschaft und vorab Europa transparente Ausschreibungen mit Umwelt- und Sozialauflagen sowie eine transparente Finanzierung. Für viele Staaten entlang der Neuen Seidenstrasse ist nämlich das Verschuldungsrisiko hoch. Sri Lanka hat das mit dem Tiefseehafen Hambatota erfahren mit dem Resultat, dass China eine Lizenz auf 99 Jahre gewährt werden musste, weil die Schulden nicht mehr bedient werden konnten. Auch Sri Lankas von China finanzierter internationaler Flughafen Matala ist ein weisser Elefant.

Malaysia hat ein Hochgeschwindigkeitszug-Projekt vorerst abgesagt, weil die veranschlagten Kosten zu hoch waren. Sogar das mit China eng befreundete Pakistan hat den Bau eines Staudamms abgesagt. Vietnam hat sich über den Bau einer Hochgeschwindigkeits-Eisenbahn zwischen Hanoi und Ho-Chi-Minh-Stadt (Saigon) schon gar nicht auf Gespräche eingelassen. Die Schuldenfalle droht bereits jetzt von Pakistan, Dschibuti, Kirgisien über Laos, Malediven, Montenegro oder Tadschikistan bis hin zu Mozambique, Laos und Papua-Neuguinea.

Angst vor chinesischer Konkurrenz

Die Europäer haben beim Besuch von Chinas Staatspräsidenten Xi Jinping die Neue Seidenstrasse grundsätzlich zwar begrüsst, doch einige warnende Worte angebracht. Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron: «Das Zeitalter der europäischen Naivität ist vorbei.» Nach europäischer Auffassung ist China ein Wirtschaftskonkurrent auf der Suche nach technologischer Führerschaft. Die Europäische Union (EU) sieht China jetzt als «Systemrivalen», moniert unfaire Wettbewerbspraktiken und fordert gleichwertigen Marktzugang in China sowie transparente öffentliche Ausschreibungen in China und auf der Neuen Seidentrasse, so wie es in Europa für China üblich sei.

Selbst Schweizer Politiker sind auf den Seidenstrassen-Hype aufgesprungen und verlangen jenseits aller Sachkenntnis grossspurig eine «China-Strategie». In der Freiburger Zeitung «La Liberté» gab der Schweizer Botschafter in Peking, Jean-Jacques de Dardel, schon einmal den Tarif durch: «Wir werden uns nicht servil China andienen. Wir wollen versuchen, China nach unseren Werten, Erkenntnissen und unseren komparativen Vorteilen zu beeinflussen.»

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Eine Meinung

Bedenken sind berechtigt. Die neuen Seidenstrassen sind für Europa eine grosse Chance die es mit bedacht zu nutzen gilt. Wann, wenn nicht jetzt; wer, wenn nicht wir?
Hans Rudolf Knecht, am 27. März 2019 um 11:55 Uhr

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