Von den Schweizer Expats kann man lernen

Christian Müller © aw
Christian Müller / 03. Jun 2012 - Wer im Ausland lebt und arbeitet, sieht die Errungenschaften und Mängel der Schweiz klarer. Reine Nabelschau ist gefährlich.

Karl May, dessen hundertster Todestag in den Medien kürzlich ausgiebig abgefeiert wurde, hatte schon jede Menge Abenteuerbücher geschrieben, deren Inhalt sich in Amerika abspielte, bevor er – endlich! – im Jahr 1908, einmal selber für sechs Wochen in Amerika war. Ja, man muss nicht zwingend alles selber gesehen haben, um es zu kennen und darüber zu schreiben. Man kann auch belesen sein. Doch das ist, erst recht im Zeitalter des im wortwörtlichen Sinne oberflächlichen Fernsehens, doch eher die Ausnahme.

Vor Ort leben öffnet die Augen

Schweizer, die entweder auf eigene Faust oder auch im Auftrag einer Firma im Ausland arbeiten, haben eine nicht zu unterschätzende Chance: Sie lernen nicht nur ein anderes Land kennen, eine andere Kultur, andere Lebensformen, andere Verhaltensmuster, sie gewinnen auch Distanz zur heimatlichen Schweiz und sehen sie aus einer anderen Perspektive – von aussen!

Die Schweiz von aussen

Nichts gegen Menschen, die über sich selber nachdenken. Im Gegenteil. Selbstbesinnung ist wichtig und wertvoll – sofern es nicht zur reinen Nabelschau wird. Das aber ist die grosse Gefahr. Wer etwa meint, wir könnten die Schweiz einfach gegen aussen abriegeln, um unsere Schweizer Idyllen hier aufrechtzuerhalten, hat eben wirklich keine Ahnung, wie sehr wir bereits zum Rädchen in einer Weltmaschine geworden sind.

Um etwas vernünftig beurteilen zu können, muss man dieses «etwas» von mehr als nur einer Seite betrachten. Sonst kennt man nur die Fassade – oder, wenn es um das ICH geht, noch schlimmer: nur den Bauchnabel. Das gilt auch für die Schweiz. Wer die Schweiz realistisch beurteilen will, muss das im Vergleich mit anderen Ländern tun. Man muss vergleichen können! Und wer könnte das besser als jene, die andere Länder nicht nur gesehen, sondern arbeitend bereist haben, im täglichen Kontakt mit den Einheimischen, mit anderen Werktätigen, mit fremden Behörden?

Kürzlich wurde das Abstimmungsverhalten der sogenannten Fünften Schweiz, der Schweizer im Ausland, genauer untersucht. Es ist, dies sei vorweggenommen, nicht ausgeprägt anders als das Abstimmungsverhalten der Schweizer und Schweizerinnen, die in der Schweiz leben. In einem Punkt allerdings ist das Verhalten der Auslandschweizer und -schweizerinnen signifikant anders: sie sind deutlich weltoffener und klar weniger fremdenfeindlich!

Fremde, die weniger «fremd» sind

Vor allem, wenn es um Abstimmungen betreffend die Zuwanderung geht, weichen die Resultate der Auslandschweizer von den Resultaten der «Inlandschweizer» ab. Die Ursache dieser Abweichung ist klar: Wer als Schweizer im Ausland lebt, sieht, dass auch die Ausländer Menschen sind, Menschen die arbeiten, mit guten und weniger guten Seiten, mit Vor- und Nachteilen, und jeder wieder ganz anders. Für die im Ausland lebenden Schweizer sind die Fremden eben nicht mehr so «fremd», sie sind einfach die Menschen eines anderen Landes, einer anderen Kultur, aber sie sind Menschen wie du und ich.

Vor allem aber erleben die Auslandschweizer und -schweizerinnen hautnah auch die – hierzulande oft verkannte – heutige Realität: Die Schweiz kann sich nicht noch mehr einigeln, noch mehr abgrenzen, noch mehr einkapseln. Wir sind schon so stark verflochten, wirtschaftlich vernetzt, auch ganz konkret abhängig von Anderen, dass es gar nicht mehr möglich ist, sich politisch auf die Schweiz zu beschränken, politisch ins sogenannte «Reduit» zu gehen. Wir müssen mit den Anderen kommunizieren, mit ihnen zusammenleben. Es geht gar nicht mehr anders, als gemeinsam am Aufbau einer zukunftsträchtigen Welt zu arbeiten, zusammenzuarbeiten.

Lernen von den Auslandschweizern

Gerade in diesem Punkt aber könnten die Zuhause-Gebliebenen von den Ausgewanderten auch lernen: die Anderen zu akzeptieren, statt sie zu fürchten, statt sie abzulehnen oder gar zu verteufeln. Die Inlandschweizer könnten von der Lebenserfahrung der Auslandschweizer profitieren, indem sie mehr auf sie hören würden.

Mein Vorschlag an die Medien, an Fernsehen, Radio und Zeitungen: Redet vor Sachabstimmungen auch mit den Auslandschweizern, mit Menschen, die in anderen Ländern leben oder zumindest gelebt haben. Fragt auch sie, was sie zu den zur Abstimmung gelangenden Geschäften denken. Sie betreiben keine Nabelschau, wie dies viele Politiker hierzulande tun. Sie sehen andere Länder – und sie sehen die Schweiz von aussen. Von ihren Erfahrungen können wir profitieren. Ihre Stimme sollten wir hören, zum voraus, nicht nur ihre «Stimme» als kaum zählbaren Nebeneffekt in der Urne an «Zahlung» nehmen.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Der Autor arbeitete mehrere Jahre als Medien-Manager im Ausland. Heute lebt er zwischen der Tschechischen Republik, Italien und der Schweiz.

Weiterführende Informationen

Zur SVP und ihrer Monothematik Zuwanderung
Europa Forum Luzern / Symposium zur Zuwanderung (Fakten, Daten, Kommentare)
Fremdenhass bei der SVP
Das politische Profil der Auslandschweizer (aus: Schweizer Revue, Juni 2012)
Die NZZ zum politischen Profil der Auslandschweizer (NZZ 21.5.2012)
Das politische Profil der Auslandschweizer (Grafik NZZ 21.5.2012)

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7 Meinungen

Das ist ja das Widersprüchliche: Es gibt zwei Schweizen, die A-Schweiz und die B-Schweiz, die immer stärker auseinanderdriften.

Die Schweizer Wirtschaft ist in beeindruckender Weise global vernetzt : die Schweiz AG. Die Schweizerische Eidgenossenschaft GmbH hingegen benimmt sich so, als hätte sie mit dieser Welt immer weniger zu tun. Das nimmt bisweilen wahnhafte Züge an.

Wenn eine Partei öffentlich Internierungslager für Asylbewerber fordert (warum nicht gleich KZs?), gibt es kaum Widerspruch. Das ist zwar nur ein hässliches Detail, aber ein symptomatisches.

Natürlich registriert auch das Ausland, was sich im Innern dieses Landes tut und reagiert mit zunehmendem Unverständnis. Der letzten Sonntag in Teilen veröffentlichte Bericht des abtretenden Schweizer Botschafters bei der EU spricht eine überdeutliche Sprache: der fast hilflos wirkende Warnschuss eines Diplomaten, der sich faktische eingesteht, nach aussen nicht mehr vermitteln zu können, wohin diese Schweiz eigentlich will.

Politik und Medien dürfen das Feld nicht den nationalistischen Maulhelden überlassen. Auch wer immer nur schweigt, schadet der Heimat. Es gibt Bundesräte, die sind über Monate nach aussen kaum präsent. Sie schweigen sich drüber weg.

Auch unser Verhältnis zur EU wird in der Oeffentlichkeit in einer Dümmlichkeit, häufig gänzlich unberührt von Fakten, dargestellt - nicht selten auch in den Medien -, dass man sich schon fragt: Was ist aus diesem Land geworden? Sind einschlägeige Blogs und Kommentarsseiten von Medienportalen am Ende doch repräsentativ?

Auch die Medien müssen sich an der Nase nehmen. Journalisten, die mehrere Jahre Auslanderfahrung mitbringen, kann man mit der Lupe suchen. Man ist schon froh, wenn eine/r ein, zwei Auslandsemester mitbringt. Und natürlich sieht man diesen Mangel unsern Medien an, von denen viele einen Horizont offenbaren, der am Uetliberg schon an unüberwindliche Grenzen stösst.
Fred David, am 04. Juni 2012 um 12:53 Uhr
Ein guter Bericht und zum grossen Teil auch richtig.
Nur ist es so, dass wir Auslandschweizer bestimmt nicht noch mehr Ausländer in der Schweiz sehen wollen. Im Klartext: Wir können es nicht ausstehen, dass irgendwelche Auslände oder Asylsuchende in unserem Land in kürzester Zeit mehr Rechte haben, als wir.

Das Idyll vom Auslandschweizer als Ausländerversteher ist grundfalsch ! Das zeigt meine Auslanderfahrung deutlich. Ich verbringe seit vielen Jahren monatlich 10 Tage am Stück in der Schweiz und bin dann drei Wochen auf fünf Kontinenten unterwegs. Somit traue ich mir diesbezüglich eine differenzierte Meinung zu. Ich treffe viele Auslandschweizer, welche permanent im Ausland sind. Also ausgewandert sind. Die regen sich fürchterlich über unsere lasche Ausländerpolitik auf, obwohl es sie ja kaum betrifft.

"Abschotten» hat auch mit Erhalt der hart erarbeiteten Privilegien zu tun. Wenn wir weiterhin unser Land unter dem Preis verkaufen, müssen wir uns dereinst nicht wundern.

Gruss aus Laax.
Renato Stiefenhofer, am 05. Juni 2012 um 12:41 Uhr
Grusss nach Laax: Wie kommen Sie denn darauf, dass «irgendwelche Ausländer und Asysuchende in der Schweiz mehr Rechte haben als wir"? Das gilt höchstens für ausländische Steuerbetrüger. Die haben in der Schweiz tatsächlich mehr Rechte als wir. Sie werden von Staat und Banken geschützt.
Fred David, am 05. Juni 2012 um 13:12 Uhr
Die Ausländer in der Schweiz haben mehr Rechte, als Auslandschweizer im Ausland.
Das mit den vielen Steuerbetrügern in der Schweiz klingt zwar verlockend, um Politik zu machen; ist aber per Saldo bestenfalls ein laues Lüftchen. Der Schweizer Bürger fällt darauf schon lange nicht mehr rein.
Wir müssen unseren Staat verbessern, nicht den Fehler bei ausländichen «Steuerbetrügern» suchen. Diese fliehen vorwiegend zurecht vor dem eigenen Fiskus. Dass wir damit Geld verdienen, ist legitim, ja sogar gesetzlich vorgeschrieben.

Nochmals Gruss aus Laax.
Renato Stiefenhofer, am 05. Juni 2012 um 19:53 Uhr
Gruss nach Laax: Behilfe zu Steuerhinterziehung und -betrug, gar staatliche Beihilfe, ist nirgendwo vorgeschrieben, und auch in der Schweiz nicht mehr konsensfähig. Um diese Veränderung zu erspüren, sollten Sie etwas länger als zehn Tage im Jahr Heimatluft schnuppern.
Fred David, am 05. Juni 2012 um 23:16 Uhr
OK. Werd ich machen.
Gruss aus Laax
Renato Stiefenhofer, am 06. Juni 2012 um 12:54 Uhr
Wir Auslandschweizer sind zum grossen Teil der Meinung, dass wir uns nicht in Richtung EU bewegen sollten. Von aussen haben wir die nötige Distanz und die Perspektive, Dinge im richtigen Licht zu sehen. Durch die von EU-Turbos (fehl)geleitete Schweizer Presse entsteht bewusst und gezielt eine EU-freundliche Haltung. Obwohl sich der Stimmbürger schon x-mal gegen jede Form des Beitrittes ausgesprochen hat, schert sich die tendenziöse Berichterstattung der grossen Blätter, respektive des Schweizer Staatsfernsehens nicht darum. Selbst der Zerfall des Euro wird schöngeredet.

Noch zu Herrn Fred David: Ich darf Sie bitten, meinen Text richtig zu lesen. Ich bin jeden Monat zehn Tage in der Schweiz. Den Rest des Monats verbringe ich auf anderen Kontinenten. Jeden dritten Tag woanders. Ich verbringe jedes Jahr also etwa 140 Tage als Urlauber in der Schweiz und denke somit, dass ich eine sehr aussergewöhnliche Perspektive auf unser Land geniesse. Nicht nur, wenn ich die Schweiz als Pilot auf 11'000 Metern in zwölf Minuten überfliege.
Ausserdem gibt es für uns Auslandschweizer keinen A-Schweizer oder B-Schweizer. Es gibt nur den einen, kleinen, dicken, verwöhnten Schweizer, der glaubt, die ganze Welt bewundere ihn und sein kleines Land. Und wenn wir weiterhin so tun, als müssten wir der Welt erklären wie wichtig wir sind, wird uns das möglicherweise noch Leid tun. Unsere politischen Institutionen und die grosse Sicherheit sind zwar mit keinem anderen Land auch nur ansatzweise vergleichbar. So zu tun, als Europa uns mit ein paar billigen Drohungen sanktionieren könnte, ist nicht nur falsch sondern unklug. Wir sind für die EU sehr, sehr wichtig. Wir haben halt eben nur sehr, sehr schwache Politiker und mit Sicherheit die falschen Botschafter in der EU. Es sind, ja wie soll ich das jetzt sagen um politisch korrekt, aber eben doch treffend zu sein: Es sind Weicheier, welche keine Businesserfahrung, keine Strategie und vor allem keine Verhandlungshärte haben. Im richtigen Leben hätten sie keine Chance. Durch ihr ständiges Bestreben, keinem auf die Füsse zu treten, werden wir als Volk dereinst friedlich von der EU, allen voran Deutschland, überrollt.
Wo sind die starken, coolen Magistraten, welche Führungsstärke, Intelligenz und Weitblick haben? Sind es Leute, die sich mangels Qualifikation mit dem Firmennamen der Ehefrau schmücken? Sind es Musikerinnen, Anwältinnen, KV-Absolventen etc welche unser Land durch diese Zeit führen? Ich bitte sie..

Gruss aus Laax.
Renato Stiefenhofer, am 09. Juni 2012 um 13:21 Uhr

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