Manipulierter Abgastest mit Affen © Netflix

VW missbrauchte Affen für manipulierte Abgasstudie

Urs P. Gasche / 29. Jan 2018 - Nach dem Beispiel der Zigaretten- oder Asbestkonzerne zahlte die Autoindustrie «Studien», um Zweifel zu säen.

Im Auftrag des VW-Konzern wurden zehn Affen stundenlang Abgasen eines mit Diesel betriebenen VW-Beetle ausgesetzt. Zur Beruhigung wurden den Affen Zeichentrickfilme gezeigt. Das gab Jake McDonald in einem gerichtlichen Verhör in den USA zum VW-Skandal zu Protokoll. McDonald hatte den Test 2014 im Auftrag von VW in seinem «Lovelace Respiratory Research Institute» im US-Bundesstaat New Mexico» ausgeführt. VW dementiert nicht.

«Von Manipulation nichts gewusst»

Die Wissenschaftler seines Forschungsinstituts hätten nicht gewusst, dass ihnen VW einen Beetle zur Verfügung gestellt hatte, der absichtlich so manipuliert war, dass er nur wenige schädliche Abgase ausstiess. Der Test sollte beweisen, dass die Diesel-Schadstoffbelastung dank moderner Abgasreinigung erheblich abgenommen hat.

Laut Gerichtsakten hat der VW-Ingenieur James Liang den Testwagen beim Labor persönlich abgeliefert. Damit handelten die Wissenschaftler des beauftragten Testlabors in New Mexico grobfahrlässig. Selbst die «Stiftung Warentest» kauft sämtliche Testobjekte selber in Läden ein.

Offizielle Auftraggeberin des Tests war die «Europäische Forschungsvereinigung für Umwelt und Gesundheit im Transportsektor» EUGT. Der Name trügt. Diese Vereinigung wurde ausschliesslich von den Autokonzernen VW, Daimler und BMW finanziert. Federführender Studienleiter war Jake McDonald von VW, der in den USA in einem Gerichtsverfahren aussagen musste.

*******************************************************

Abgastest auch mit Menschen

Das Institut des Uniklinikums Aachen hat im Auftrag der EUGT 25 junge, gesunde Personen untersucht, nachdem sie jeweils über mehrere Stunden Stickoxiden in unterschiedlichen Konzentrationen eingeatmet hatten. Das Ergebnis war – wie gewünscht – , dass keine Wirkung festgestellt werden konnte. Darüber berichtet die Stuttgarter Zeitung am 28.1.2018 und die Sendung «Rendez-vous» auf Schweizer Radio SRF 1 am 29.1.2018.

*******************************************************

«Namhafte Universitäten und Forschungseinrichtungen»

Vom VW-Affentest haben Daimler und BMW angeblich nichts gewusst: «Daimler unterstützt und toleriert keine unethische Behandlung von Tieren und distanziert sich von der Studie», sagte eine Sprecherin gegenüber der Deutschen Presseagentur. Gleichzeitig weist Daimler darauf hin, dass alle von der EUGT beauftragten Forschungsarbeiten von einem Beirat aus Wissenschaftern von «namhaften Universitäten und Forschungseinrichtungen» begleitet und geprüft werden - von der Auswahl bis zu den Ergebnisdarstellungen.

VW-Mann Michael Spallek, Geschäftsführer der EUGT, forderte das «Respiratory Research Institute» in New Mexico noch im August 2016 – ein Jahr nach dem Auffliegen des VW-Skandals – schriftlich auf, die Affenstudie so schnell wie möglich abzuschliessen.

Befund der WHO in Zweifel ziehen

Die kurz darauf aufgelöste EUGT hatte selber keine Forschung ausgeführt, sondern beauftragte und bezahlte Wissenschaftler und wissenschaftliche Institutionen. Methoden und Designs der Studien «sollten dafür sorgen, dass die Resultate der Studien den Interessen der Autoindustrie dienten», schreibt die New York Times. Insbesondere sollte der Befund der Weltgesundheitsorganisation von 2012 in Frage gestellt werden, dass Dieselabgase krebserregend sind.

So habe die EUGT zwei Studien finanziert, um zu «beweisen», dass die Luft in den Städten nicht besser würde, wenn man Dieselfahrzeuge einschränke. Unter anderem auf diese Studien stützten sich die OECD und nationale Gesundheitsbehörden, um von nötigen Massnahmen gegen die städtische Luftverschmutzung abzusehen.

Erst letztes Jahr kam das deutsche Umweltbundesamt zum Schluss, dass beide Studien «zweifelhafte Methoden» benutzten.

Steuerprivileg für Dieselfahrzeuge erreicht

Der VW-Konzern hat nicht nur jahrelang seine Dieselfahrzeuge mit einer Software ausgestattet, um in den Zulassungstests besser abzuschneiden, sondern hat zudem – wie andere europäische Autohersteller – wissenschaftliche Forschungsinstitute dazu missbraucht, Studien zu seinen Gunsten zu erarbeiten und veröffentlichen. Als Beweis dafür zitiert die «New York Times» Gerichtsunterlagen und Regierungsdokumente. Die Zeitung schreibt von einem «lang anhaltenden, gut finanzierten Einsatz, um mit akademischer Forschung die politische Debatte zu beeinflussen und die Steuervorteile für Diesel zu erhalten».

Tatsächlich war es der Autoindustrie mit solchen Studien gelungen, die Aufsichtsbehörden sowie Politikerinnen und Politiker mit Erfolg zu überzeugen, dass Dieselfahrzeuge viel weniger Schadstoffe emittieren als Benzinfahrzeuge. Aus diesem Grund haben fast alle Staaten Europas die Steuern auf Diesel viel tiefer angesetzt als die Steuern auf Benzin, worauf die Marktanteile der Dieselfahrzeuge stark stiegen.

Kein Einzelfall

VW ist kein Einzelfall. Um gesetzliche Vorgaben gegen Gefahren und Risiken zu vermeiden, zahlen und publizieren Industrien sowie ihre Verbände häufig wissenschaftliche Studien, um den Politikern und der Öffentlichkeit vorzugaukeln, eine Sachlage sei «wissenschaftlich umstritten», weshalb es für Massnahmen viel zu früh sei. «Nahrungsmittel-, Chemie- und Pharmakonzerne unterstützen schon sehr lange Forschungsinstitutionen, die ihren (geschäfts)politischen Zielen dienen», bilanziert die New York Times.

Im Jahr 2012 sind 72'000 Menschen in Europa wegen der Stickoxide vorzeitig gestorben, die hauptsächlich aus Dieselfahrzeugen stammen, heisst es in einem Bericht der zuständigen Kommission des EU-Parlaments. Davon wären rund 25'000 vermeidbar gewesen, wenn die Autokonzerne die Abgasgrenzwerte für Dieselmotoren eingehalten hätten.

Die Politik und das Lobbying von Konzernen, die Wissenschaft zu missbrauchen, um Zweifel zu säen und dann darauf zu pochen, dass zuerst «endgültige» und «zweifelsfreie» Beweise vorliegen müssten, bevor Massnahmen ergriffen würden, war nicht nur bei den Autoabgasen erfolgreich, sondern auch bei tabakhaltigen und bei asbesthaltigen Produkten – und ist es noch heute bei hormonaktiven Substanzen, bei Pestiziden und bei klimarelevanten Faktoren.

Vermeidbares unsägliches Leid ist die Folge.

Die heutigen Spielregeln des freien Marktes sorgen nicht dafür, dass die Verursacher dafür haften und zur Kasse kommen.

-------------------------------------------

Vergleich von industriefinanzierten mit unabhängigen Studien über Risiken des Elektrosmogs

Seit Jahrzehnten werden die Folgen von Mikrowellenstrahlung (z.B. Handys oder gepulste elektromagnetische Felder von Schnurlostelefonen) erforscht. Mobilfunk-Firmen wehrten sich gegen niedrigere Grenzwerte mit dem Argument, dass negative Studien (ohne gefundene Effekte) positive Studien neutralisieren. Eine Zusammenstellung der Studien bis zum Jahr 2006 zeigt deutlich, dass fast alle industrie-gesponserten Studien kein Risiko feststellten. Die meisten von der Industrie unabhängigen Studien dagegen wohl. Hier zum Vergleich.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

Weiterführende Informationen

Elektrosmog-Studien

Meinungen / Ihre Meinung eingeben

Ähnliche Artikel dank Ihrer Spende

Möchten Sie weitere solche Beiträge lesen? Ihre Spende macht es möglich:

Mit Kreditkarte oder Paypal - oder direkt aufs Spendenkonto für Stiftung SSUI, Jurablickstr. 69, 3095 Spiegel BE
IBAN CH0309000000604575581 (SSUI)
BIC/SWIFT POFICHBEXXX, Clearing: 09000

Ihre Spenden können Sie bei den Steuern abziehen.

Einzahlungsschein anfordern: kontakt@infosperber.ch (Postadresse angeben!)

6 Meinungen

Unsere Welt und deren Luxus basiert nicht etwa auf echten Werten wie Zuverlässigkeit, Verlässlichkeit und Ehrlichkeit, sondern Lug, Betrug und Hinterhältigkeit.
Für die Entwicklung der Menschheit sehe ich schwarz.
Peter Müller, am 29. Januar 2018 um 11:51 Uhr
So lange sich Menschen zur Verfügung stellen, braucht es doch keine Affen. Affen sind wohl intelligenter als Menschen.
Beda Düggelin, am 29. Januar 2018 um 12:29 Uhr
Es ist unfassbar. Um Umsatz zu generieren, wird zu JEDEM Mittel gegriffen, auf Kosten von Lebewesen. Das muss aufhören.
Regula Cuche, am 29. Januar 2018 um 13:25 Uhr
Das Gleiche gilt auch für die Mobilfunk-Industrie. Forscher mit unabhängigem Hintergrund finden seit Jahrzehnten deutliche Schädigungen. Forscher der Industrie erstellen (vermutlich absichtlich) mangelhafte Studien und dies in grosser Zahl.
Dann wird das von den Medien 1:1 gegenübergestellt und siehe da: es ist nichts beweisbar.... Eine sehr schöne Darstellung dieser Situation, die uns immense Gesundheitskosten verursacht, liefert die Verbraucherorganisation Diagnose-Funk auf ihrer Seite:

https://www.diagnose-funk.org/themen/grenzwerte-auswirkungen/forschung/forschungslage-bestaetigt-risiken
Hansueli Stettler, am 29. Januar 2018 um 16:47 Uhr
Ein Blick würde sich wohl auch auf die Digital-Wirtschaft lohnen;-)

Wenn man aktuell den Beitrag «Mit dem Tablet lernen die Schüler besser» vom Sonntag 28.01 auf den Wissen's Seiten der NZZso durchgeht; könnte man irritiert sein:
Der Beitrag suggeriert, dass DigitaleMedien im Unterricht wissenschaftlich unbestritten & generell eine gute Sache sei.

Erstaunlich bis erschreckend an diesem (exemplarischen) Beitrag;
Die kritisch bis klar negativen Studien dazu (die die klar erhärtet sind) werden zum einen nicht angesprochen und zum andern haarscharf umschifft, so dass man ihn presse rechtlich nicht als falsch bezeichnen kann. Subjektiv entstand der Eindruck, dass dies ein AuftragsArtikel sein könnte?!

Oder auch erwähnt sei der wissenschaftliche? Artikel der letzte Woche viral ging, betr «PC Spiele fördern die Gewalt nicht». Ein Papier welches die erforderliche Breite/Komplexität nicht hat. Studien die im Themen-Kontext stehen würden, wurden auch dort oft ausgelassen. (akt. Hirnforschung, Psychologie & Soziologie betreffend)
Florian Frey, am 29. Januar 2018 um 19:53 Uhr
http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/vw-skandal-erst-sex-dann-maulkorb-1.890525#redirectedFromLandingpage

«VW-Skandal. Demnächst beginnt der Untreue-Prozess gegen den ehemaligen VW-Betriebsrat Volkert und den Personalmanager Gebauer. Dabei könnten pikante Details ans Licht kommen.»

oder http://www.zeit.de/2017/21/vw-betriebsrat-chef-bernd-osterloh-gehalt «Satte 750.000 Euro. Der Betriebsratschef von Volkswagen verdient wie ein Topmanager. Das ist zu viel.»

«Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt wegen Untreue. Nicht gegen Osterloh selbst, sondern gegen die Personalverantwortlichen bei Volkswagen. Dazu soll auch der frühere Arbeitsdirektor Horst Neumann gehören, der selbst zu sagenhaftem Reichtum im Unternehmen kam.»

http://www.waz-online.de/Wolfsburg/Volkswagen/Neuer-Untersuchungsbericht-belastet-VW-Brasilien-schwer

«Neuer Untersuchungsbericht belastet VW Brasilien schwer

Volkswagen soll sich in der Zeit der brasilianischen Militärdiktatur aktiv an politischer Verfolgung und Unterdrückung beteiligt haben. Ein neuer Untersuchungsbericht belastet den Konzern schwer, berichten NDR und „Süddeutsche Zeitung“.» usw.

Dazu noch der asoziale wirtschaftsfeindliche neoliberale Kahlschlag Hartz 4, benannt nach dem ex. VW Personalvorstand Peter Hartz (vorbestraft).
Dieter Gabriel, am 29. Januar 2018 um 19:54 Uhr

Ihre Meinung

Loggen Sie sich ein. Wir gestatten keine Meinungseinträge anonymer User. Hier können Sie sich registrieren.
Sollten Sie ihr Passwort vergessen haben, können Sie es neu anfordern. Meinungen schalten wir neu 9 Stunden nach Erhalt online. Wir folgen damit einer Empfehlung des Presserats. Die Redaktion behält sich vor, Beiträge, welche andere Personen, Institutionen oder Unternehmen beleidigen oder unnötig herabsetzen, oder sich nicht auf den Inhalt des betreffenden Beitrags beziehen, zu kürzen, nicht zu veröffentlichen oder zu entfernen. Über Entscheide der Redaktion können wir keine Korrespondenz führen. Zwei Meinungseinträge unmittelbar hintereinander sind nicht erlaubt.