«Stoppt den Klimawandel!» © Patrick Chappatte in «The New York Times»

Sagten Sie «zurück zur Normalität»?!

Marc Chesney / 14. Jul 2020 - Verkehrsstaus, Luft voller Ozon, hektisches Leben, endlose Flugreisen ... wie sehr haben wir das alles doch vermisst!

Red. Dieser Gastbeitrag von Marc Chesney, Leiter des «Instituts für Banking und Finance» der Universität Zürich, erschien zuerst in «Le Temps».

Während fast drei Monaten hat Covid-19 die Wirtschaft k.o. geschlagen. Doch jetzt soll es mit der Party wieder losgehen: mit dem grossflächigen Vernichten von Tierarten (etwa zwei Drittel sind bereits verschwunden), mit Entwaldung, Umweltverschmutzung, globaler Erwärmung sowie mit extremen und konfliktträchtigen sozialen Ungleichheiten. Und sollten unsere Bronchien von wiederkehrenden Viren oder von Abgasen des intensiven und verantwortungslosen Gebrauchs fossiler Brennstoffe infiziert werden, nun, es wäre egal, meint der so hervorragende Präsident der Vereinigten Staaten, denn ein paar Dosen Bleichmittel würden ausreichen, um diesen Kollateralschaden zu reparieren.

Der Patient Null wird noch gesucht. Nur der Präsident Null ist leicht auszumachen, auch wenn ihm andere auf der ganzen Welt auf den Fersen sind. Also lasst den Champagner fliessen, während die Erde weiter blutet!

Eine Raubtier-Wirtschaft

Halten wir einen Moment inne und denken wir nach. Viele Experten beschäftigen sich mit der Frage, wie die Weltwirtschaft nach Covid-19 wieder zur Normalität findet. Es wäre allerdings wichtig, umgekehrt zu verstehen, dass es die Wirtschaft in ihrer vermeintlichen Normalität ist, welche das Risiko von Pandemien erheblich erhöht und ihre Ausbreitung erst ermöglicht. Denn in der Tat können Epidemien viel leichter entstehen und sich verbreiten, wenn Urwälder abgeholzt und die biologische Vielfalt dezimiert werden. Und in einer globalisierten Wirtschaft verbreitet sich ein Infektionsherd besonders rasch von einem Land oder Kontinent zum anderen.

Diese Faktoren betreffen nicht nur die Gesundheit. Sie sind auch von politischer, sozialer und wirtschaftlicher Art. So fördern Regierungen in Südamerika und anderswo das Abholzen von Wäldern, um genmanipulierte Sojabohnen mit massivem Pestizideinsatz intensiv zu produzieren. Die Sojabohnen werden dann mit Pestiziden bespritzt nach Europa und anderswohin verschifft und dort Tieren verfüttert, die in Massentierhaltungen gequält, in schrecklichen Schlachthöfen getötet werden und schliesslich auf unseren Tellern landen.

Worum handelt es sich genau?

Um mächtige finanzielle Interessen, die unserem Wohlergehen und unserer Gesundheit entgegenstehen. Um eine krank machende Raubtier-Wirtschaft, die grundlegend überdacht werden muss, wenn wir nicht riskieren wollen, mit ihr in den Abgrund zu stürzen. Um eine Wirtschaft, die mit Stolz und Akribie ihre Produktion jedes Jahr mit dem Massstab des BIP ausweist, sich aber gleichzeitig weigert, ebenso akribisch aufzulisten, was sie alles in grossem Massstab zerstört. Um eine Wirtschaft, die sich rühmt, mit Satelliten im Weltraum nach Wasser oder Leben auf anderen Planeten zu suchen, die jedoch nicht in der Lage ist, auf dem Planeten Erde das Leben so zu erhalten und zu fördern, wie es für uns und künftige Generationen sein sollte.

Eine Rückkehr zum «Anormalen»

Ein Wirtschaftswachstum, das auf der Grundlage der Zerstörung von Leben beruht, ist eine gefährliche Fehlkonstruktion. Eine «Rückkehr zum Normalen» bedeutet eine «Rückkehr zum Anormalen» und wäre der beste Weg, in zukünftige Katastrophen zu schlittern.

Kurzfristig wäre all jenen finanziell zu helfen, die Covid-19 in Bedrängnis gebracht hat. Mit der Einführung einer Mikrosteuer auf allen elektronischen Transaktionen würde dieses Ziel erreicht, ohne die Staatsverschuldung zu erhöhen. Gleichzeitig würde eine solche Mikrosteuer das systemgefährdende Finanzcasino zügeln.

Neben diesen dringlichen Massnahmen wären Lehren aus dieser Pandemie zu ziehen. Sowohl die heutige als auch künftige Generationen haben das Recht, in einer lebenswerten Umwelt würdig zu leben. Dafür müssen die Grundlagen und das Funktionieren des heutigen Wirtschaftens grundsätzlich in Frage gestellt werden.

Wir müssen die tödlichen Merkmale identifizieren und sie, wie ein Arzt es tut, als Krebsgeschwüre behandeln. Das ist ein ehrgeiziges Ziel, aber welches sind die Alternativen? Einfach unsere Augen schliessen? Künftigen Generationen eine bedrohliche Erderwärmung hinterlassen? Eine geschädigte Umwelt, die wiederholte Pandemien begünstigt? Eine entmenschlichte Gesellschaft, die auf einer extremen Überwachung der Bevölkerung beruht, sogar jenseits der Fiktionen, die Jules Verne in seinem Roman «Paris im 20. Jahrhundert» und George Orwell in seinem Buch «1984» beschrieben haben? Das wäre unverantwortlich.

Paradoxerweise musste die wirtschaftliche Produktion praktisch zum Stillstand kommen, damit die Schadstoffbelastung sank, die Menschen leichter atmen konnten und die Natur sich wieder etwas Platz verschaffen konnte. In «normalen» Zeiten sterben infolge der Luftverschmutzung weltweit etwa neun Millionen Menschen vorzeitig an Lungenkrankheiten. Das zeigt, dass eine Rückkehr zur «Normalität der Wirtschaft» gefährlich wäre. Ziel muss es vielmehr sein, die Wirtschaft so umzugestalten, dass sie in Einklang gebracht wird mit dem Leben auf unserem Planeten.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

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9 Meinungen

Bravo! Beruhigend, dass ein Gelehrter der Wirtschaft zu vernünftigen Schlussfolgerungen kommt. Leider lesen die Rendite gierigen bürgerlichen Politiker und Unternehmer solche Beiträge nicht. Ihre Profitsucht kommt vor der Gesundheit der Menschen. Ihnen fehlt bewusst die Vorstellungskraft der endlichen Erde. Und auch die Verantwortung fürs Gemeinwohl. Mit salbungsvollen Worthülsen betören die Politikerinnen ihre Wähler und die Unternehmer prahlen mit den Arbeitsplätzen, die sie schaffen. Genau so lange wie ihre totale Gewinnverschreibung in der Buchhaltung stimmt.
Ruedi Beglinger, am 14. Juli 2020 um 12:14 Uhr
Bravo! Beruhigend, dass ein Gelehrter der Wirtschaft zu vernünftigen Schlussfolgerungen kommt. Leider lesen die Rendite gierigen bürgerlichen Politiker und Unternehmer solche Beiträge nicht. Ihre Profitsucht kommt vor der Gesundheit der Menschen. Ihnen fehlt bewusst die Vorstellungskraft der endlichen Erde. Und auch die Verantwortung fürs Gemeinwohl. Mit salbungsvollen Worthülsen betören die Politikerinnen ihre Wähler und die Unternehmer prahlen mit den Arbeitsplätzen, die sie schaffen. Genau so lange wie ihre totale Gewinnverschreibung in der Buchhaltung stimmt.
Ruedi Beglinger, am 14. Juli 2020 um 12:14 Uhr
Sehr träf formuliert und wie in der Kirche: falls ich dir glauben sollte, was muss ICH tun?
Vor Billateralen zittern, mich dem Erbsenzählerdiktat in Brüssel beugen, Freizügigkeit hochhalten, dass dieser Schrottleerlauf ja nicht versiegt?
Oder bewusst etwas Wohlstand aufs Spiel setzen, sich dem Herdendruck widersetzen, eigenen Weg gehen?
HA
Hans Arnold, am 14. Juli 2020 um 12:27 Uhr
Das Grundproblem ist einfach: Es hat auf der Erde zu viele Menschen. Alle möchten, dass es ihnen wirtschaftlich immer besser geht, das braucht immer mehr Ressourcen. Die beste Lösung ist, die Zahl der Menschen zu begrenzen.
Ecopop ist die einzige Umweltorganisation der Schweiz, die ihren Fokus auf die Bevölkerungszahl, deren Wachstum und Konsumverhalten legt. https://www.ecopop.ch/de/
Hans Geiger, am 14. Juli 2020 um 14:18 Uhr
Es wäre ganz einfach: Die 10 Gebote
Und die Bergpredigt endlich lesen, ernst nehmen und anwenden! So einfach aber effizient.
René Lütold, am 14. Juli 2020 um 15:00 Uhr
Hört, hört, was nun sogar Banking and Finance sagt. Aber: analysiert ist nun genug. Nun kommt die Tat! Welche Tat und wer wird tätig?
Ich wiederhole nur die erste Todsünde der Menschheit nach Konrad Lorenz: Überbevölkerung. Zurück auf vier Milliarden in den nächsten 50 Jahren. Ohne dies ist wohl alles andere hoffnungslos.
Walter Schenk, am 15. Juli 2020 um 10:55 Uhr
Herr Hans Geiger, die Ecopopinitiative bietet keine Lösung an, sondern nur Symptombehandlung. Notabene am meisten bei denen, die pro Person am wenigsten zur Umweltbelastung beitragen. Das Motto: Weniger Menschen, damit wenige weiter klotzen können.
Die erste moderne Bank, die Bank of England, wurde 1694 gegründet und mit ihr das Unding vom zinsasiertem Geldsystem. Und jetzt schauen sie mal, wann das lineare Bevölkerungswachstum durch ein exponentielles abgelöst wurde:
https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:World-pop-hist-de-2.png

Herr Chesney hat recht, wenn er sagt, dass wir die Wirtschaft umgestalten müssen um in Einklang mit dem Leben zu stehen. Meine Lösungsansätze:

- Ein Geldsystem das nicht zwingend zu Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum führt
- Regionale Teilhabe anstatt Globale Investition
- Stärkung der regionalen Demokratie
- Ausbau der regionalen Energieproduktion mit gleichzeitiger Energieeinsparung
- Allgemeinbesitz anstatt Privat- und Staatsbesitz
- Entscheidungskompetenz von unten nach oben, anstatt von oben nach unten

Ich befürchte, dass die Coronakrise leider das Gegenteil bringen wird. Mehr zentralisierte Macht, zentralisierter Privatbesitz und ein neues, noch nie dagewesenes Wirtschaftswachstum unter dem Deckmäntelchen der green economy.
Der einzige Schutz davor, ist eine wache, selbstständige und verantwortungsbewusste Zivilbevölkerung.
Stöckli Marc, am 16. Juli 2020 um 10:46 Uhr
Herr Stöckli schreibt: »... die Bank of England, wurde 1694 gegründet und mit ihr das Unding vom zinsasiertem Geldsystem» ... und seither «exponentielles» Bevölkerungswachstum.

Korrelation belegt keine Kausalität!!!

Aber nicht einmal die Korrelation hält näherer Betrachtung stand: Das Zinsgeschäft reicht doch sprichwörtlich in biblische Zeiten zurück.

Verwerflich ist Ihr Versuch zu insinuieren, dass hier Kausalität gäbe. Das nennt man «Verbreitung von Fake News» (früher: Manipulation, Propaganda, Indoktrination genannt).

In der Zeit Ihres ominösen Jahres (1694) gibt es unzählige Geschehnisse/Entwicklungen, die als mögliche Ursachen für das einsetzende «exponentielle Bevölkerungswachstum» herangezogen werden könnten. Wie wäre es mit:

Kolonialismus (Ausbeutung & folglich Reichtum in Europa)
--> Machtzuwachs bei den Händlern/Bürgertum
--> Loslösung von Kirche (& Krone)
--> Aufklärung resp. Siegeszug der Wissenschaft
--> wodurch die Produktionsmengen «exponentiell» gesteigert werden konnten
--> dadurch die Überlebenschancen der Menschen(kinder).

Also, Mechanisierung, höhere Landwirtschaftserträge, bessere Medizin usw. usf.

Korrelation UND Kausalität bezüglich Wissenschaft? [und nicht des Zinses]

Was den Schluss zuliess: Wenn die Kirche resp. der Aber-/Irrglauben das Zepter in der Hand hielte & das Hinterfragen (der «göttlichen Schöpfung") weiterhin «des Teufels» wäre (Galileo usw.), würde die Weltbevölkerung bei 1-2 Mia. rumdümpeln...
Stephan Kühne, am 18. Juli 2020 um 15:27 Uhr
Bravo - Marc Chesney - Microsteuer ja - und weniger Menschen weltweit! Ja ! - Gibt es ein Problem, das mit noch mehr Menschen kleiner wird?
Markus Ursprung, am 20. Juli 2020 um 16:39 Uhr

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