Zum DirectDay der Schweizerischen Post gehört nicht zuletzt das Networking: DirectDay 2016 © Die Post
DirectDay 2017: Aus dem Programm © Die Post
Einladung für den DirectDay der Post © Die Post

«Fakt oder Fake? Wahr ist, was wir glauben.»

Christian Müller / 13. Jul 2017 - Die Post schliesst Hunderte von Poststellen, aber das Direct Marketing will sie ausbauen. Ein Marketing Event in Bern soll helfen.

«Fakt oder Fake?»

«Wahr ist, was wir glauben.»

Ja, man liest richtig:

«Wahr ist, was wir glauben!»

Es ist nicht irgendeine esoterische Wundertante in der Yellow Press, die das sagt. Die das sagt, ist die Schweizerische Post, mit 8,2 Milliarden Franken Jahresumsatz die stolze Nummer 3 der Eidgenössischen Staatsbetriebe (hinter der Swisscom mit 11 Milliarden und hinter der SBB mit 9 Milliarden Umsatz) und sogar die stolze Nummer 1, was die Anzahl Mitarbeitende betrifft – 43'500!

Wahr ist, was wir glauben.

Sollen wir das der Post glauben?

Die Schweizerische Post scheut keine Kosten, diese These glauben zu machen. Sie lädt zum 21. November 2017 all ihre Business-Kunden in den Berner Kursaal ein – nicht gratis notabene, der Eintritt kostet alleweil 345 Franken. Doch dort, im Berner Kursaal, erfährt man dann Konkretes. Da spricht – immer gemäss gedruckter Einladung – zum Beispiel der «Psychometrie-Experte Michal Kosinski», bekannt geworden durch seine Thesen, wie man übers Internet Wahlen gewinnen kann – sogar die US-Wahlen. Und er hat's mit diesen seinen Thesen immerhin in die CNN-Talkshow von Fareed Zakaria gebracht: ein Meister des Missbrauchs unserer digitalen Fussabdrücke! Und da tritt Prof. Dr. Clemens Koob auf, ein Content-Marketing- und Strategie-Experte («Dem Content Marketing gehört die Zukunft»). Und unter der Moderation von Stephan Klapproth diskutieren, gemäss gedruckter Ankündigung, die «Vollblutpolitikerin» Natalie Rickli, der «Medienguru» Peter Rothenbühler und der «Querdenker» Philipp Tingler.

Wahr ist, was wir glauben.

Wer ob der gedruckten Einladung zu dieser Top-Veranstaltung neugierig wird, geht ins Internet. Pech gehabt: Dort ist die «Politikerin und Medienfachfrau» Natalie Rickli nur noch «Die Kämpferin». Peter Rothenbühler dagegen ist dort sogar «Die graue Eminenz». Und der «Querdenker und Vielschreiber Philipp Tingler» ist dort schlicht «Der Philosoph». Was stimmt jetzt?

Wahr ist, was wir glauben.

Da habe ich jetzt echt Mühe. Peter Rothenbühler, mein langjähriger Kollege zu meinen seit Langem vergangenen Ringier-Zeiten, gilt in der Branche als Erfinder des People-Journalismus und war tatsächlich Intendant Hunderter von Home-Storys in der «Schweizer Illustrierten». Aber ein «Guru»? Oder gar eine «Graue Eminenz»? «Dass er auch anders kann, bewies er als langjähriger Chefredaktor der journalistisch integren Blätter 'LeMatin' und 'LeMatin Dimanche'», steht da geschrieben. Bravo, lieber Peter, dass Du auch «journalistisch integren» Blättern vorgestanden bist!

Schwieriger wird es bei Natalie Rickli. Als Präsidentin der «Aktion für Medienfreiheit» und SVP-Nationalrätin ist sie die prominenteste Gegnerin der SRG, des öffentlich-rechtlichen Radios und Fernsehens, dem man, im Zeitalter dramatisch schwindender Werbe-Einnahmen, immerhin noch deutlich mehr Vertrauen schenken darf als den vier privatwirtschaftlichen Schweizer Medienkonzernen Ringier, Tamedia, NZZ und AZ Medien. Sie verdienen ihr Geld immer weniger mit Journalismus und immer mehr mit «Content Marketing» – mit bezahlten Informationen in journalistischer Form – und nicht zuletzt mit der Verquickung von Leser-Daten und personalisierter Werbung. Journalismus ade! Auch Natalie Rickli verkauft ja TV-Werbung – für private ausländische TV-Sendeanstalten zum Beispiel. Sie ist ein Muster an «unabhängiger» Polit-Kämpferin …

Doch zurück zur Post. Sie hat im eigenen Betrieb die Menschen – den persönlichen Kontakt mit der Frau am Postschalter und mit dem traditionellen Briefträger – mit Erfolg weitestgehend abgeschafft. Man versuche einmal, auf eine Poststelle zu telefonieren, um etwas zu fragen. Sie werden scheitern! Es gibt in der ganzen Schweiz nur noch genau eine Telefon-Nummer, nur noch die Telefon-Verbindung in die Zentrale in Bern: 0848 888 888. Und: Die Post experimentiert an vorderster Stelle mit selbststeuernden Transport-Mobilen – dank eines Unfalles im Moment zurückgestellt – und mit Drohnen für die Postzustellung in abgelegenere Gebiete. Menschen im Postbetrieb? Aber bitte! Das sind Kosten-Faktoren, sie gehören wo immer möglich durch billigere Maschinen und Roboter ersetzt.

Aber jetzt das: Am sogenannten DirectDay im Berner Kursaal präsentiert ausgerechnet die Post, wie man – werbetechnisch – Menschen erreicht: mit Direct Marketing, mit missbrauchten Internet-User-Profilen, mit Content Marketing – bezahlter Werbung, in Journalismus verpackt.

Wahr ist, was wir glauben.

Kleiner Exkurs: Im Internet steht zu Moderator Stephan Klapproth wörtlich – nein, sagen wir lieber buchstäblich: »Seit jeher ist der wortgewandte Moderator dem Qualitätsjournalismus verpflichtet ist. Es gibt es absolut keinen Grund, den Wahrheitsgehalt seiner Storys und philosophischen Exkurse in Zweifel zu ziehen.» Ausgerechnet bei der Ankündigung des DirectDay im Internet ein besserer Analphabet am Texten, ein schludriger Werbe-Heini, einer, dem es auf ein paar Wörter zu viel nicht ankommt? Ende Exkurs.

Wahr ist, was wir glauben.

Wir glauben, weil wir es schon fast täglich miterleben, dass die Post mit ihrem massiven Abbau der Poststellen, mit dem Kappen jeden persönlichen Kontakts zwischen der Postangestellten und dem – manchmal rat- oder gar hilfesuchenden – Kunden am Postschalter, mit der zunehmenden Entmenschlichung des ganzen Postbetriebes – wir glauben, dass die Post damit dem ursprünglichen Prinzip des Service Public extrem zuwiderläuft, dass sie, im Gegenteil, dem blanken Profit einer AG zuliebe, alles tut, um noch mehr ins Geschäft mit dem Direct Marketing zu kommen, im Interesse vor allem der Grossen und Grössten. (Schicken Sie einmal als kleiner Privater Ihrem Göttibub ein Buch in die USA. Unter 44 Franken Porto läuft da auch für ein Taschenbuch gar nichts! Oder ein Buch Ihrem Göttibub nach Österreich. Da lohnt es sich, selber hinzufahren …) Und nicht zu vergessen: So ein Top-Event ist für die Post auch eine gute Gelegenheit, der SVP, die schon mehrmals ihre gesamtschweizerische Polit-Propaganda vor Abstimmungen in Form von Extrablättern in einer Auflage von 4 Millionen Stück (!) durch die Post hat verteilen lassen – eine gute Gelegenheit, dieser postfreundlichen SVP einmal ein bisschen zu hofieren: mit dem Auftritt von SVP-Nationalrätin Natalie Rickli – ohne Vertreter von Schweizer Radio und Fernsehen SRF auf der Bühne und deshalb zum Nachteil des Service Public, zum Nachteil von uns allen.

Wahr ist, was wir glauben.

Noch einmal: Ich glaube, dass die Post auf dem falschen Weg ist. Und Achtung: Wahr ist, was ich glaube.

PS:

Wer sich übrigens die 345 Franken nicht leisten kann oder will, der kann den Digital-Footprint-Guru Michal Kosinski auch im Internet sehen und hören, zum Beispiel seinen Vortrag am Big Techday in München im Juni 2017, also vor wenigen Wochen. Über eine Stunde lang. Einfach anklicken. (In Englisch zwar, aber auch im Kursaal in Bern wird Michal Kosinski nur englisch referieren.)

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine.

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3 Meinungen

Die Bundesbetriebe wurden ausgelagert, um sie von der Politik unabhängig zu machen. Ich glaube (s.o.), dass sie politisch abhängiger sind denn je. Die Politik braucht ihre Gewinnablieferungen dringend, um Finanzierungslücken zu stopfen und zwingt sie deshalb zu Rationalisierungen auf Teufel komm raus. Auf den Poststellenabbau folgt nun ab Ende 2017 die Reduktion der Fernverkehrsverbindungen zu Sparzwecken.
Christoph Wydler, am 13. Juli 2017 um 12:12 Uhr
Das ist aber nun wirklich nichts neues. Es ist schlicht unmöglich all die vielen Informationen und insbesonder das was wir individuell dafür halten auf ihren Wahrheitsgehalt zu verifizieren. Der Anteil unserer täglicher Informationen die als Tatsache, Wahrheit hingenommen werdennkann liegt im unteren einstelligen % Bereich... der Rest ist nun mal das Glauben.

Das wirklich gute daran ist, das dieses natürliche System an Effizienz nicht zu schlagen ist weil es Fehler zulässt. Viel effizienter als alles von Menschen gemachte...

Das schlechte daran ist, das wir als Menschen deswegen auch einfach in die Irre geführt werden können (Tiere und Pflanzen tun dies genau so) so Gott will. Davon gibt es ja einige denen Wir uns alle Opfern, meist ein ganzes Leben lang.
Uwe Borck, am 13. Juli 2017 um 21:41 Uhr
Es scheint das die Menschen nicht am Mainstream zweifeln dürfen, geschweige denn ihre Meinungsdominanz zu hinterfragen. Wer und welche Interessen stecken hinter den Nachrichten die wir erfahren dürfen? Mainstream = Macht und wirtschaftliche Interessen. Was wir brauchen sind mündige Bürger.
Michele D'Aloia, am 14. Juli 2017 um 10:09 Uhr

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