In einer künftigen Finanzkrise kann auch die UBS wieder zusammenbrechen. © UBS

In einer künftigen Finanzkrise kann auch die UBS wieder zusammenbrechen.

Finanzkrise – auch für die UBS? «Die Gefahr ist reell.»

Christian Müller / 23. Nov 2018 - Der Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann warnt: Das Finanzsystem ist krisenanfällig. Auch die UBS ist nicht sicherer geworden.

«Die wesentlichen systemischen Ursachen, die (im Jahr 2008, Red.) zur Krise der UBS geführt haben, sind also keineswegs verschwunden», und «Die Gefahr einer Wiederholung dieses Versagens ist durchaus reell».

Das steht, man staune, auf NZZ-Papier. Nein, nicht auf dem billigen Papier der täglichen Ausgabe, das man so oder so schnell wieder entsorgt, weil, wie ein deutsches Sprichwort es besagt, «nichts so alt ist wie die Zeitung von gestern». Die beiden hier zitierten Sätze stehen auf dem deutlich festeren Papier der NZZ-Zweimonats-Zeitschrift «NZZ Geschichte» – und sie dürften damit in vielen Haushaltungen ins Büchergestell kommen.

Ein Fauxpas wird ausgebügelt

Infosperber-Leserinnen und Leser mögen sich vielleicht erinnern: Im Vorlauf der Abstimmung über die Vollgeld-Initiative vom 10. Juni 2018 wurde darüber berichtet, dass alle grossen Schweizer Medien-Häuser klar gegen die Initiative ankämpften. Wer wagt es in der Schweiz denn schon, gegen die Interessen der Banken anzutreten? Und dabei wurde auf Infosperber erwähnt, dass sogar «NZZ Geschichte», die Zweimonats-Zeitschrift aus dem Hause NZZ, im Editorial ein Nein zur Initiative empfahl. Ein Fauxpas.

Tempi passati: Zwei Ausgaben später bringt «NZZ Geschichte» einen mehrseitigen Bericht über den Kollaps der UBS im Herbst 2008 und wie diese Grossbank vom Staat Schweiz mit über 60 Milliarden Franken Einsatz gerettet werden musste. Es sind jetzt zehn Jahre her seit dieser dramatischen Rettungsaktion, ein gutes Thema also für einen Beitrag in einer Zeitschrift, die sich um die Geschichte bemüht. Auch um die Geschichte des Geldes.

Der Autor des geschichtlichen Beitrages, Tobias Straumann, Professor für Wirtschaftsgeschichte an den Universitäten Zürich und Basel – ja, der gleiche Tobias Straumann, der auch für die «NZZ am Sonntag» schreibt – geht am Schluss seiner interessanten Ausführungen richtigerweise auch noch auf die Frage ein, ob man denn bei den Grossbanken auch etwas aus dem Debakel von 2008 gelernt habe, um eine Wiederholung eines solchen Crashs zu vermeiden. Dazu Tobias Straumann wörtlich:

«Trotz all den Bemühungen wäre es fahrlässig, zu behaupten, dass die Schweizer Grossbanken bei einer zukünftigen Finanzkrise vollständig wetterfest sein werden. Die Eigenkapitalquote beträgt heute nur knapp 5 Prozent im Verhältnis zur Bilanzsumme. Das ist historisch gesehen immer noch wenig, wenn man daran denkt, dass die Grossbanken früher eine Eigenmittelquote von 10 bis 20 Prozent aufwiesen, um unvorhersehbare Verluste zu absorbieren. Des Weiteren spielen quantitative Modelle bei der Erfassung der Risiken immer noch eine wesentliche Rolle, obwohl sie bei der letzten Finanzkrise versagt haben. Die Gefahr einer Wiederholung dieses Versagens ist durchaus reell.»

Und weiter: «Auch das globale Finanzsystem ist keineswegs so stark umgebaut worden, dass es nicht mehr krisenanfällig wäre. So halten die Rating Agenturen, die mit ihren allzu positiven Bewertungen der verbrieften Subprime-Kredite entscheidend zur Krise beigetragen haben, weiterhin an einem Geschäftsmodell fest, das auf einem grossen Fehlanreiz beruht: Sie werden von den Kunden für ihre Bewertungen bezahlt. Die Wahrscheinlichkeit, dass falsche Bewertungen zu fatalen Anlageentscheiden führen, ist hoch. Zudem ist das sogenannte Schattenbankensystem, das heisst alle Finanzinstitutionen und Zweckgesellschaften, die wie Banken funktionieren, aber nicht von der Bankenregulierung erfasst werden, immer noch gross. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) schätzt ihr Volumen auf rund 45'000 Milliarden Dollar. Das Schattenbankensystem hat 2007/08 die amerikanische Immobilienkrise auf den globalen Finanzsektor übertragen und dürfte auch bei einer künftigen Krise destabilisierend wirken. Schliesslich haben sich als Folge der langen Tiefzinsphase neue Verschuldungspyramiden aufgetürmt, die heute höher sind als vor der letzten Finanzkrise. So ist zum Beispiel der Markt für sogenannte Junk Bonds, also Obligationen für schlecht bewertete Schuldner, in den letzten Jahren förmlich explodiert.»

Und weiter: «Die wesentlichen systemischen Ursachen, die zur Krise der UBS geführt haben, sind also keineswegs verschwunden. Die Erinnerung an die Ereignisse vor zehn Jahren ist deshalb äusserst wichtig. Es gibt noch viel zu tun.»

Wenn Kritik fällig ist, soll kritisiert werden dürfen. Das hat Infosperber damals getan. Aber es soll auch gelobt werden dürfen, wo es angebracht ist. Zur Lektüre empfohlen sei der Artikel von Professor Tobias Straumann vor allem auch den Politikern, die offensichtlich noch immer keine Neigung zeigen, etwas gegen das Finanz-Casino der Grossbanken zu unternehmen.

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