Günther Moewes: «Es geht um künftige Klimakatastrophen, Flüchtlingswellen und Pandemien» © nomen

Günther Moewes: «Es geht um künftige Klimakatastrophen, Flüchtlingswellen und Pandemien»

Moewes: Nach Corona nie wieder wie früher

Günther Moewes / 24. Sep 2020 - Es geht jetzt nicht darum, um jeden Preis Arbeitsplätze zu schaffen. Wir sollten die Chance nutzen, um die Wirtschaft umzukrempeln.

Die derzeitige Reaktion von Politik und Unternehmen auf die Wirtschaftseinbrüche infolge der Pandemie lautet: «Wir müssen so viele Arbeitsplätze erhalten wie irgend möglich!» Ist das wirklich die richtige Reaktion? Sieht man einmal von den «grünen» Arbeitsplätzen im Bereich der unmittelbaren Erzeugung des Lebensbedarfs, bei der Produktion alternativer Energien und Antriebe sowie im Natur- und Landschaftsschutz ab, so heisst das praktisch: Wir wollen um jeden Preis weiter so viel Natur und Klima kaputt machen wie bisher.

Wäre es da nicht richtiger, die Coronakrise als einmalige Chance zu begreifen, den genau gegenteiligen Ansatz zu entwickeln und unter anderem zu fragen:

  • Wie viel unnötiger Welthandel über grosse Entfernungen lässt sich durch regionale Autarkie und Verkürzung der Lieferwege einsparen?
  • Wie viele Tagungen, Übernachtungen, Flug- und Bahnreisen lassen sich durch Videokonferenzen einsparen?
  • Wie viele sinnlose Hin- und Rückfahrten zur Arbeitsstätte lassen sich durch Homeoffice einsparen? (Ein entsprechender Vorschlag von Arbeitsminister Heil stiess sofort auf heftigen Protest der Wirtschaft.)
  • Wie viel Frieden liesse sich durch Diplomatie und Abrüstung erreichen statt durch Rüstung, Waffenkäufe und Nationen-Bashing?

Man müsste weiter fragen: Welche Urlaubsfernreisen und Kreuzfahrten sind tatsächlich ein Indiz für Wohlstand? Ist die jetzige Praxis wirklich vernünftig, bei der man zuerst die Agrar- und Textilwirtschaften ärmerer Länder durch subventionierte Exporte aus reichen Ländern zerstört, dann das eingenommene Geld unter anderem an betuchte Kreuzfahrer und Fernflieger reicher Länder verteilt? Die dann schliesslich einen kleinen Teil davon in den ärmeren Ländern wieder ausgeben und so deren ursprüngliche bescheidene Autarkie in Abhängigkeit vom Tourismus reicher Länder verwandeln. Was dann auch noch als Beitrag für deren Wiederaufbau gefeiert wird.

Man könnte auch fragen: Was macht glücklicher? Sich auf Erdbeeren im Juni und Weintrauben im Herbst zu freuen oder ganzjährig über solche aus Südafrika?

Natürlich gäbe das alles zu Recht einen Aufschrei aller Beschäftigten im Bereich von Autoproduktion, Reise-, Transport- und Übernachtungsunternehmen. Diesen Aufschrei könnte man sich ersparen, würde man die jetzt zur Krisenbewältigung herausgehauenen Billionen zuerst und direkt an alle betroffenen Nicht-mehr-Beschäftigten verteilen und nicht ohne jede Kontrolle und Gewinnbeteiligung an fossile Fluglinien und Autoindustrien sowie an Steuervermeidungskonzerne, die damit spekulieren oder verbotene Gifte in andere Länder exportieren.

Natürlich wäre das alles nur möglich im Zuge eines langfristigen Umbaus der gesamten Wirtschaft. Mit einer sukzessiv, aber total veränderten Verteilungs- und Beschäftigungspolitik. Und natürlich ist das nicht einfach. Denn die Kapitalseite wusste sehr genau, warum sie ihre Verflechtungen mit der Globalisierung so unumkehrbar festgezurrt hat. Doch nur mit einem solchen Totalumbau lassen sich künftige Klimakatastrophen, Flüchtlingswellen und Pandemien wirklich bremsen, wenn auch nicht mehr völlig aufhalten.

Eine solche Chance, wie sie die Natur jetzt mit ihrem Corona-Vorwarnreflex liefert, kommt so schnell nicht wieder.

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Obiger Text ist dem Buch von Günther Moewes entnommen (Zwischentitel von der Redaktion): «Arbeit ruiniert die Welt – Warum wir eine andere Wirtschaft brauchen», Nomen-Verlag, Frankfurt a.M.
In Deutschland bestellen für 12.00 Euro; in der Schweiz bestellen für 19.90 CHF. Das Buch enthält Kolumnen, die Günther Moewes in der «Frankfurter Rundschau» publizierte.
Aus dem Verlagsprospekt: «Wie viele Viren, Dürren, Hassmails, Fluten und Orkane muss es noch geben, bis die Unverantwortlichen begreifen, dass ihre Wirtschafts- und Arbeitsideologie die Ursache ist? Das Mantra grosser Teile von Politik und Wirtschaft sind Wachstum und Arbeitsplätze, egal ob nützlich oder schädlich. Und die «Thinktanks» der neuen reichen «Superklasse» wollen uns durch allerlei Theorien weismachen, dass ohne eine ungleiche Vermögensverteilung nicht das Überleben der Menschheit gesichert werden kann.»

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

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5 Meinungen

Lob der Freizeitgesellschaft!

„Unser Produktionssystem begründet eine anonyme Diktatur der Produktionszwecke; Leistungsforderung reduziert den Menschen zum homo faber, zum Arbeitswesen, das ganz nach aussen orientiert und nur für seine Funktion gedrillt und fit erhalten wird; die gesellschaftliche Kooperation verliert den menschlichen Gehalt und versachlicht sich; sie wird durch diese Objektivierung zwanghaft… Das Ergebnis lautet: es gibt in dieser Gesellschaft zu wenig Freiheit und zu wenig Glück…“ (Wort und Wahrheit, 1968/3, S. 195f., Autor unbekannt).

„Wenn diese Diagnose zutrifft, so ist die Freizeit jener Ort, in den der Mensch vor der Monotonie und vor allem dem Zwangscharakter der Arbeit flüchten kann; die Freizeit ist gerade wegen der inhumanen Produktionsbedingungen notwendig, um einen Ausgleich zu schaffen, einen Zeitraum, in dem – ähnlich wie in der Krankheit – niemand von ihm eine Leistung verlangen darf.

Es ist möglich, dass von dieser sozialpsychologischen Begründung her ein wesentlicher Anstoss zur Freizeitverlängerung ausgeht. Die Leistungsgesellschaft kann letztlich nur Erholungs- oder allenfalls Bildungsurlaube zugestehen, eine Freizeitgesellschaft hätte aber eine neue Wertordnung zur Voraussetzung: eine neue Wohlfahrtsfunktion müsste geschaffen werden, die die Rangordnung von Einkommen, Freizeit, Macht, Selbstbestimmung und anderen, möglicherweise erst zu erfindenden Kriterien festsetzt.“ (Clemens A. Andreae, Ökonomik der Freizeit, S. 221-222, 1970
Alex Schneider, am 24. September 2020 um 13:57 Uhr
"Natürlich wäre das alles nur möglich im Zuge eines langfristigen Umbaus der gesamten Wirtschaft. Mit einer sukzessiv, aber total veränderten Verteilungs- und Beschäftigungspolitik."
Ja genau, da liegt der Hase im Pfeffer.
Wie sollte das geschehen, da» die Kapitalseite.... ihre Verflechtungen so unumkehrbar festgezurrt» hat?
Bernd Mensing, am 24. September 2020 um 16:41 Uhr
Ein sehr sinnvoller und schon lange überfälliger Ansatz von Herr Günther Moewes. Als praktisches umsetzbares Beispiel, im Bereich Landwirtschaft, welche hierbei eine zentrale Rolle einnimmt, verweise ich auf meine Broschüre „Kultur-Landwirtschaft - Und was sie uns wert ist“, unter: www.kulturlandwirtschaft.ch. Es ist an der Zeit wirklich umzudenken und konkret und realistisch zu handeln.

Mit freundlichen Grüßen, Andreas Beers
Andreas Beers, am 24. September 2020 um 18:47 Uhr
Und wieder:"Niemand kann zwei Herren dienen; entweder wird er den einen hassen und den andern lieben; oder er wird jenem anhängen und den andern verachten. Ihr könnet nicht Gott dienen und dem Mamon.» Mt.6,24.
Das gilt heute wie gestern.
René Lütold, am 25. September 2020 um 11:29 Uhr
Noice one!
Burcu Parilti, am 30. September 2020 um 19:42 Uhr

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