Monokultur Ananas in Costa Rica © MakeFruitFair/Flickr/CC

Monokultur Ananas in Costa Rica

Migros und Coop waschen ihre Hände in Unschuld

Urs P. Gasche / 29. Nov 2012 - Billige frische Ananas aus Costa Rica haben ihren Preis: Vergiftetes Trinkwasser, kranke Landarbeiter und miserable Löhne.

Der mittelamerikanische Staat Costa Rica hat seine Ananas-Monokulturen in den letzten zwölf Jahren von 10'000 auf 40'000 Hektaren ausgeweitet. Europäische Supermärkte bieten die tropische Frucht zuweilen für nur zwei Euro an. Dieser Preis erlaubt keine menschenwürdigen Produktionsbedingungen. Das ZDF-Magazin Plusminus hat eine Ananas-Region in Costa Rica besucht, deren Bevölkerung das Leitungswasser nicht mehr trinken darf, weil es viel zu viele Pestizid-Rückstände enthält.

Solche Zustände kennen Migros und Coop nicht. Sie erklären gleich wie die vielen angefragten Grossverteiler in Deutschland, dass sie von den Lieferanten «verlangen», die lokalen Gesetze über den Pestizid-Einsatz, die Löhne und Arbeitszeiten einzuhalten. Sie verstecken sich auch hinter Zertifizierungen Dritter. Zudem würden ihre Labors Pestizid-Rückstände messen. Deren Resultate geben sie allerdings nicht bekannt. Selbst Schweizer Gesetze schreiben in der Regel nur Höchstmengen für einzelne Pestizide vor. Produzenten verwenden deshalb seit langem eine Vielfalt von Pestiziden, von denen die einzelnen ihre Höchstwerte meistens einhalten. Eine Grenze für das ganze Pestizid-Cocktail gibt es nicht. Würde man den Beteuerungen der Grossverteiler glauben, könnte es die von Plusminus aufgedeckten Missstände gar nicht geben.

Auszüge aus dem Plusminus-Bericht vor Ort

Mit geschätzten 52 Kilo Pestiziden pro Hektar (!) ist Costa Rica das Land mit dem weltweit höchsten Pestizideinsatz. Das zeigen Studien des «Instituto Regional de Estudios en Sustancias Tóxicas» (IRET) der Nationaluniversität Costa Ricas.

Die Monokulturen sind anfällig für Schädlinge und Pflanzenkrankheiten, weil natürliche Feinde fehlen. Deshalb sprühen Farmer und Landarbeiter intensiv Chemikalien wie Pestizide. Wenn diese im Boden versickern, ist auch das Grundwasser gefährdet. Ausserdem wäscht sie der subtropische Regen auch in umliegende Bäche und Flüsse.

Warnung vor dem Trinkwasser

Die Orte Milano, Cairo, Francia und Lousiana sind umgeben von Ananasplantagen. Erst kürzlich warnte das Gesundheitsministerium die Bewohner auf Flugblättern erneut, «kein Wasser aus der Wasserleitung zu trinken, da es kontaminiert ist. Es darf nur zum Waschen der Kleidung und für die Sanitäranlagen genutzt werden».

Für Trinkwasser sorgt schon seit 2007 ein Tankwagen, der die Menschen zweimal pro Woche mit Trinkwasser beliefert. Das Problem des verunreinigten Trinkwassers war bereits seit 2003 bekannt. Wie viele Einwohner krank wurden, ist in keiner Statistik erfasst.

Hohe Konzentrationen

Clemens Ruepert vom Toxikologischen Institut der Nationaluniversität Costa Ricas in Heredia hatte bereits 2003 Wasserproben in der Region um Milano genommen und unter anderem das von der Environmental Protection Agency (EPA) als «möglicherweise krebserregend» eingestufte Pestizid Bromacil in einer Konzentration von bis zu 5,25 Mikrogramm pro Liter nachgewiesen. Zum Vergleich: In der Europäischen Union sind maximal 0,1 Mikrogramm pro Liter zugelassen.

Xinia Briceno lebt seit sechs Jahren in Milano. Seitdem kämpft sie für ihr Recht auf sauberes Trinkwasser und suchte immer wieder das Gespräch mit Del Monte, einem der Betreiber der benachbarten Plantagen. [Del Monte beliefert auch die Migros und verfügt laut Migros über eigene Pestizid-Richtlinien mit dem Ziel, deren Einsatz zu reduzieren.] Doch Del Monte gab Xinia Briceno in all den Jahren nie eine Antwort. Auch gegenüber dem ZDF-Magazin Plusminus war Del Monte zu keiner Stellungnahme bereit.

Bei den Dreharbeiten erhielt Plusminus auch Einblick in eine Studie, die ein renommiertes europäisches Institut Ende 2011 erstellt hat. Tanja Hübner von Plusminus wollte mit den Wissenschaftlern darüber reden, doch das wurde abgelehnt. Nicht einmal den Auftraggeber der Studie wollte man nennen. Fakt ist allerdings: Im Wasser in und um Milano ist Bromacil auch 2011 noch nachgewiesen worden - mit Konzentrationen von bis zu 6,5 Mikrogramm.

Harte Produktionsbedingungen

Die Zustände auf den Plantagen sind hart, erzählten viele Arbeiter vor Ort. Einer von ihnen, der jahrelang Vorarbeiter bei Del Monte war, sagte sogar, dass sie ohne Schutzkleidung arbeiteten und im ständigen Kontakt mit Pestiziden seien. Auch hierzu erhielt Plusminus von Del Monte keine Stellungnahme.

Der Preis der Ananas

Plusminus wollte von den sechs wichtigsten deutschen Handelsunternehmen wissen, welche Rolle die Produktionsumstände beim Einkauf von Ananas spielen. Alle verwiesen – wie die Migros und die Coop in der Schweiz – darauf, keine eigenen Plantagen zu haben, auf denen sie Ananas anbauen. Bezüglich der Arbeitsbedingungen und dem Umgang mit Chemikalien beim Anbau der Früchte würden sie von ihren Zulieferern die Einhaltung von Sozial- und Umweltstandards fordern.

Gütezeichen «Max Havelaar»

Die Konsumentinnen und Konsumenten können Ananas mit dem Gütezeichen «Max Havelaar» zu einem etwas teureren Preis kaufen. Die Migros schreibt Infosperber dazu: «Die Max Havelaar Stiftung setzt sich für fairen Handel und bessere Arbeitsbedingungen ein. Der Schutz der Arbeiterinnen und Arbeiter vor negativen gesundheitlichen Beeinträchtigungen am Arbeitsplatz, zum Beispiel durch Pestizide, ist in den Max Havelaar-Richtlinien vorgeschrieben.»

Allerdings: Die Migros verkauft nach eigenen Angaben 4000 Tonnen konventionelle Ananas aus Costa Rica und nur 50 Tonnen Max Havelaar aus dem gleichen Land.

Bei Coop liegt der Max Havelaar-Anteil bei den Ananas nach eigenen Angaben bei rund 20 Prozent. Über die Tonnen will Coop keine Auskunft geben.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

Weiterführende Informationen

ZDF-Reportage in der Sendung «Plusminus» aus Costa Rica

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Eine Meinung

Beim «Allerdings: Die Migros verkauft [...] 4000 Tonnen konventionelle Ananas [...] und nur 50 Tonnen Max Havelaar [...]» muss man schon etwas schmunzeln. Die Migros verkauft natürlich einfach genau soviel konventionelle Ananas, wie die Kunden wollen. Wenn Migros nur noch die teuren Ananas hat, kaufen Kunden Ananas halt beim Aldi oder sonstwo. Somit wäre es viel naheliegender und sinnvoller, allenfalls die Kunden - also viele von uns - zu schelten, als den einfachen Zwischenhändler Migros. Aber natürlich ist es gemütlicher, dem grossen Unternehmen die Schuld zuzuschieben..
Florian Habermacher, am 03. Dezember 2012 um 13:27 Uhr

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