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Zwei Schweizer Insider über die Macht der Konzerne

Urs P. Gasche / 26. Nov 2015 - Sie arbeiteten für Novartis und Shell. Professor Ueli Mäder zitiert sie im neuen Buch «macht+ch – Geld und Macht in der Schweiz».

Internationale Konzerne können nationalen Kontrollen ausweichen und die einen Länder gegen andere ausspielen. Das ist eine Quintessenz des neuen Buchs, das der Basler Soziologieprofessor Ueli Mäder soeben herausgegeben hat.

Daniel Vasella mit wenig Empathie

Wo Konzerne in der Schweiz viel investiert haben, sorgen sie für Rahmenbedingungen, die ihnen günstig sind. Der Pharmakonzern Novartis beispielsweise verfüge in Basel über «sehr direkte Kontakte zu Verwaltung und Regierung», zitiert Mäder den Basler Publizisten Martin Forter. Dieser erinnert daran, dass Regierungsrat Sebastian Dürr vorher in der Pharmaindustrie Kommunikationsberater war.

Früher seien die obersten Manager Jahrzehnte in Basel geblieben und hätten noch eher einmal auf lokale Verhältnisse Rücksicht genommen. Heute dagegen herrsche in den Konzernspitzen eine hohe Fluktuation: «Heutige Kader planen vornehmlich ihre Karriere – nach fünf Jahren sind sie oft wieder weg».

Die frühere Chefredaktorin des Tages-Anzeigers, Esther Girsberger, gab ihren neuen Job als Kommunikationschefin bei Novartis bereits nach einem Monat wieder auf (Mäder schreibt fälschlicherweise von zwei Jahren). Ihr Urteil über die obersten Manager ist vernichtend: «In der Wirtschaft sind mehrheitlich Leute am Drücker, denen es an Empathie fehlt.» Novartis-Chef Daniel Vasella zum Beispiel habe an Sitzungen «nicht von 'human beings', sondern von 'performers' und 'non-performers'» gesprochen: «Die Empathie ist da eliminiert.» Das sei heute verbreitet, erklärt Girsberger. Im Vordergrund stehe die «persönliche Gewinnmaximierung» – und dies auch noch nach der Annahme der Abzockerinitiative.

Shell-Manager: «Gewinnmaximierung verleitet zu Fehlurteilen»

Als Zeugen zitiert Mäder auch Paul Bieri, der von 1971 bis 2000 für den Ölkonzern Shell tätig war und viele Raffinerie- sowie Verladeterminals-Projekte geleitet hatte. Bieri kritisiert, dass Shell «viele Arbeiten alle ein bis drei Jahre ausschrieb» und bei den Vergaben «der Preis entscheidend war und nicht die Qualität». An den Löhnen sei so viel gespart worden, dass der soziale Frieden gefährdet war. Verallgemeinernd wird Bieri zitiert: «Es wird alles unmenschlicher. Vor allem in Grossfirmen setzt sich das amerikanische System durch, bei dem nur noch die kurzfristige Gewinnmaximierung steht. Das verleitet das Management oft zu krassen Fehlurteilen.»

Mäder wollte Bieris Meinung auch zur Gesamtwirtschaft wissen. Die Druckerpressen der Nationalbanken würden «die Bevölkerung enteignen». Er befürchte Inflation und politische Spannungen, die Demokratie «bleibt dabei oft auf der Strecke». Soweit Bieris nicht näher erläuterte Einschätzungen.

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Dass die Meinung des früheren Shell-Managers zu Nationalbanken und Demokratie zitiert wird, ist für den ersten Teil dieses Buch typisch. Auch an andern Stellen kommen «Experten» zu Wort, ohne dass die Auswahlkriterien klar werden. Es wird viel Bekanntes zusammengetragen und verschafft einen Überblick über Machtverhältnisse in der Schweiz. Seine «persönliche sozialistische Grundhaltung» spiele wohl mit, meint Mäder, doch versuche er, «kritische Distanz auf alle Seiten» zu wahren.

«Geld und Macht in der Schweiz» ist im ersten Teil das Werk eines Soziologen, der die Realität weniger analysieren als beschreiben will. Er veröffentlicht Aussagen aus über 200 Interviews, ohne die zitierten Darstellungen zu hinterfragen oder auf Faktentreue zu überprüfen.

Besonders lesenswert sind die Fallstudien im zweiten Teil: Gian Trepp fragt nach der künftigen Politik der Schweizerischen Nationalbank. Ganga Jey Aratnam durchleuchtet mit der Rohstoffbranche einen Sektor, in dem die Schweiz global eine Schlüsselrolle spielt. Markus Bossert analysiert einen zentralen Akteur auf der politischen Bühne des Landes: den Gewerbeverband.

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Keine

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2 Meinungen

Die NZZ ist, naturgemäss, nicht sehr amused...
http://www.nzz.ch/wirtschaft/wirtschaftspolitik/auf-einem-auge-blind-1.18652156
Henri Leuzinger, am 27. November 2015 um 13:48 Uhr
Die NZZ - Rezension endet mit
» ...Wesentlich sachlicher sind die im letzten Buchdrittel publizierten Fremdtexte"
mit «Fremdtexte» sind die Fallstudien der Mitarbeiter Peter Streckeisen, Markus Bossert, Ganga Jey Aratnam und Gian Trepp gemeint.
Wenn man täglich NZZ-Scheuklappen ertragen muss ist allerdings das ganze Buch eine einzige Erholung.
Man kann es neben die Schweizergeschichte von Jakob Tanner stellen, dem die NZZ-Ideen-Normer letzthin in ihrer TV-Pressendung ultimativ ein Bekenntnis zum ERFOLGSMODELL SCHWEIZ abverlangten.

MfG
Werner T. Meyer
Werner Meyer, am 27. November 2015 um 15:29 Uhr

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