Kurt Schiltknecht: Ehemaliger Chefökonom der Nationalbank und Direktionspräsident der Bank Leu © srf

«Der nächsten Krise sind wir ausgeliefert»

Red. / 16. Okt 2017 - Meldungen über Wachstumszahlen und weniger Arbeitslose sollten uns nicht beruhigen, warnt Kurt Schiltknecht, ex-Chefökonom der SNB.

Die Nationalbanken müssen ihre Politik der Geldschwemme und der Null-Zinsen schleunigst aufgeben. Das fordert Kurt Schiltknecht, früher Chefökonom der Nationalbank, Direktionspräsident der Bank Leu, Ökonom bei der OECD und der KOF, in einem NZZ-Gastbeitrag.

Schiltknecht: «Ein Zuwarten begünstigt nur die Verschuldung und macht damit die Wirtschaft anfälliger auf wirtschaftliche und politische Schocks.» Solange die Notenbanken ihre Bilanzsummen nicht herunterfahren und die Situation auf den Finanzmärkten normalisieren, werden sie «nicht in der Lage sein, der nächsten Krise die Stirn zu bieten».

Bald alle Staatsschulden in den Händen der Notenbanken

Bei einem Wiederaufflammen der Banken-, Schulden- oder Euro-Krise müssten die Notenbanken ihre überdimensionierten Bilanzen durch Interventionen auf den Finanzmärkten noch weiter ausbauen, erklärt Schiltknecht. «Dann wäre der Zeitpunkt nicht mehr fern, in dem fast alle Staatsschulden und ein beträchtlicher Teil der kotierten Wertpapiere in den Händen der Notenbanken lägen.»

Die Europäische Zentralbank EZB kauft jeden Monat für 60 Milliarden Euro überwiegend Staatsanleihen von Ländern der Euro-Zone. Die EZB sagt, sie wolle bis zu einem Drittel aller Staatsanleihen, also der Staatsschulden eines Landes erwerben.

Die Aussage der Notenbanken, mit ihrer Geldschwemmen-Politik so lange fortzufahren, bis die Inflation zwei Prozent erreiche, bezeichnet Schiltknecht als «lächerlich». Denn es bestehe nicht die geringste Gefahr einer Deflation.

Den wahren Grund der Geldschwemme- und Nullzinsen-Politik ortet der frühere Chefökonom der Nationalbank darin, dass der «Staatsbankrott einiger Euro-Länder vermieden werden» soll. Die extrem tiefen Zinsen sollen diesen hoch verschuldeten Ländern erlauben, für ihre Schulden fast keine Zinsen zu zahlen und sich sogar noch weiter zu verschulden.

Verzerrungen auf Kosten der Sparer und Pensionskassen

Die «wirtschaftlich nicht zu rechtfertigenden» tiefen, auch langfristigen Zinsen würden «vor allem Sparer, Pensionskassen und Unternehmen mit einer hohen Liquidität belasten». Wenn Unternehmen ihre flüssigen Mittel nicht mehr zinstragend anlegen können, würden sie zum Rückkauf eigener Aktien neigen oder zur Übernahme anderer Unternehmen, selbst wenn deren Preise eigentlich zu hoch sind.

Beides führe wenigstens kurzfristig zu einer höheren Rendite auf dem Eigenkapital – allerdings auf Kosten einer grösseren Verschuldung. Es komme sogar vor, dass Unternehmen extrem günstige Kredite aufnehmen, um eigene Aktien oder ein anderes Unternehmen zu kaufen. Profitieren würde das Management, wenn deren Boni von der Eigenkapitalrendite abhängen.

Kurt Schiltknecht warnt: «Was ein zu hoher Verschuldungsgrad für Folgen haben kann, hat die letzte Bankenkrise eindrücklich vor Augen geführt.» Die zunehmende Verschuldung der privaten Haushalte (Hypotheken!), der Unternehmen und Staaten werde «als Damoklesschwert noch lange über der Wirtschaft hängen und das langfristige Wachstum dämpfen».

Grossbanken sollten grösseres Eigenkapital haben

Einen Fast-Zusammenbruch der Finanzmärkte nach 2007/2008 konnten die Notenbanken mit dem Öffnen der Geldschleusen verhindern. Seither aber hätte man von den Grossbanken das Halten von viel mehr Eigenkapital verlangen müssen, denn nach der Stabilisierung des Bankensystems sei «die Eigenkapitalausstattung der meisten Banken ungenügend» gewesen, sagt Schiltknecht. «Hinzu kommt, dass vor allem die Banken in den überschuldeten Ländern Südeuropas nicht nur keine neuen Kredite aus den bessergestellten Ländern erhielten, sondern alte Kredite an die Banken dieser (bessergestellten) Staaten zurückzahlen mussten.»

Der ehemalige Chefökonom der Schweizerischen Nationalbank kritisiert die Politik der Notenbanken: «Das Denken vieler Notenbanken wird von den geldpolitischen Ideen geprägt, die zwar an den führenden englischsprachigen Hochschulen gelehrt werden, sich aber in der Praxis nicht bewährt haben.» Auch in den Medien würden diese untauglichen geldpolitischen Ideen dominierend verbreitet.

Offensichtlich müssten zuerst «die Fehlentwicklungen auf den Finanzmärkten oder in der Wirtschaft unübersehbar sein». Erst dann, wenn es möglicherweise zu spät ist, würden die Notenbanken einen Paradigmawechsel vollziehen.

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Gastbeitrag von Kurt Schiltknecht in der NZZ vom 7. Oktober 2017 (kostenpflichtig).

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4 Meinungen

Was die Schweiz braucht ist die Vollgeld-Initiative, und deren Lösung für TooBigToFail - unser Erspartes verschwindet nicht einfach wenn eine Bank pleite geht, und Unternehmen sind dadurch nicht automatisch ruiniert.
Globale Krisen mögen kommen, aber unsere Jobs und unsere Konten -unser Geldsystem!- wäre dann endlich sicher.
Cris Schmid, am 16. Oktober 2017 um 12:15 Uhr
Dazu auch google Liste der Länder nach Staatsschuldenquote
Vergleiche EU inklusive Deutschland mit Laos, Vietnam und Simbabwe !
Simbabwe gilt als Inbegriff bodenloser Schlamperei, steht aber besser Deutschland da !
Dazu kommen noch verdeckte Schulden durch PPP/ ÖPP ( siehe u.a. A2 Pleite ).
Weiterhin sind noch 3.000 Milliarden Euro fauler Kredite in der EU, für die hauptsächlich der deutsche Steuerzahler bürgt ( Quelle Manager Magazin ).

Gute Nachricht, die EU gerät nicht in die nächste Krise.
Schlechte Nachricht, die EU ist noch voll in der Krise 2008/ 2009.
siehe dazu BIP Entwicklung
Etliche Länder wie Frakreich und Italien liegen im BBIP noch weit unter 2008.

Hinzu kommt ein Produktivitätsrückgang in Deutschland seit 4 Jahren. Stieg vorher langjährig um 1,7 % pro Jahr.
siehe u.a Die Welt
"Die rätselhafte Stagnation der deutschen Wirtschaft"


Dazu passt die Aussage von George Soros, das Festhalten am Marktfundamentalismus seit Thatcher und Reagan, führte zu einer Superblase, die nun zu platzen droht. Der Markfundamentalismus basiert auf einen Irrtum, Finanzmärkte streben kein Gleichgewicht an ( Quelle Wikiepedia unter George Soros ).

2008/ 2009 wurde die Blase nur angepickt, der große Knall steht noch bevor.
Dieter Gabriel, am 16. Oktober 2017 um 12:25 Uhr
Wieso sollen Nullzinsen oder Negativzinsen «wirtschaftlich nicht zu rechtfertigen» sein? Umgekehrt gefragt, wie ist denn zu rechtfertigen, dass sich Geld automatisch vermehrt (risikolos!)?
Eine stabile Realwirtschaft kann sehr wohl mit Negativzinsen der Zentralbank funktionieren. Es braucht nicht einen Zinsanstieg, sondern vernünftig hohe Steuern auf Realwerte (Immobilien, Wertpapiere, Boden, Ressourcen; dafür liesse sich Arbeit steuerlich entlasten). So liessen sich die Finanzmärkte gesundschrumpfen, und die irrwitzigen Unterschiede zwischen Arm und Reich zumindest dämpfen.

Wer positive Zinsen ernten will, soll für sein verliehenes Geld ein hohes Verlust-Risiko eingehen müssen (auch die Banken, daher braucht's mehr Eigenkapital) und von niemandem gerettet werden. Dann sind hohe Schulden nicht mehr ein grosses Problem.

Klar, wenn sich das System auf diese Art gesundschrumpft, werden wir lernen müssen, dass man die Altersvorsorge nicht auf ein Schneeballsystem à la 2. Säule stellen kann. Das zu korrigieren, wird schmerzhaft sein, aber unumgänglich.
Manuel Buser, am 16. Oktober 2017 um 15:12 Uhr
Man sollte sich einmal fragen, wo denn das Geld für die Zinsen herkommt. Der Zins ist wie alles andere (z.B AHV) im Produkt (unsichtbar) einkalkuliert. Bei einem Kauf ist nur die MwSt sichtbar. Somit bezahlt meist der Zinsempfänger sich die Zinsen unbewusst selbst ausser er hat so viel Geld auf dem Konto, dass er die unwissentlich bezahlten Zinsen kompensieren oder gar überschreiten kann. Lesenswert das Buch von Margrit Kennedy «Geld ohne Zinsen und Inflation» http://www.kennedy-bibliothek.info/cx-content/uploads/bibliothek/GeldbuchDeutsch2006.pdf. Man sollte sich auch fragen, warum ein Staat überhaupt Schulden hat und bei wem? Der Staat sollte zukünftig das Geld selbst bedarfsgerecht schöpfen können und es zins- und schuldenfrei in Umlauf setzen, dann bräuchte es auch kein Vollgeld.
Edgar Huber, am 27. Oktober 2017 um 12:52 Uhr

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