Aktivistinnen erinnern vor einer H&M-Filiale an das Versprechen des Modekonzerns © Clean Clothes Campaign
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H&M: Existenzlöhne versprechen – Hungerlöhne zahlen

Red. / 26. Sep 2018 - Missstände bei H&M-Zulieferern: Fabrikpersonal in Bulgarien verdient ohne Überstunden nicht einmal ein Zehntel des Existenzlohns.

Mit Billig-Kleidern macht der schwedische Modekonzern H&M Milliardengewinne. Unter dem Strich blieb im vergangenen Jahr ein Überschuss von rund 1,63 Milliarden Euro. Doch die Angestellten in der Produktion spüren davon nichts. Sie arbeiten für einen Hungerlohn und müssen exzessive Überstunden leisten, um überhaupt zu überleben.

Neue Recherchen von Public Eye und der internationalen Kampagne «Clean Clothes» zeigen, dass viele Beschäftigte in Zulieferfabriken von H&M weit unter der Armutsgrenze leben – und das, obwohl ihnen der Modekonzern für 2018 existenzsichernde Löhne versprochen hatte. In keinem der untersuchten Betriebe verdienen die befragten Angestellten auch nur annähernd genug, um Essen, Kleidung, Wohnung, Medikamente und Bildung für die Familie zu bezahlen.

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So bekommen die ArbeiterInnen in Kambodscha weniger als die Hälfte des Lohnes, der als existenzsichernd gilt. In Indien und der Türkei ist es rund ein Drittel. Katastrophal sieht es in Bulgarien aus: Da hat eine Arbeiterin nach einer vollen Arbeitswoche nicht einmal ein Zehntel von dem eingenommen, was sie zum Überleben bräuchte.

Für die aktuelle Studie wurden ArbeiterInnen befragt, die in Bulgarien, der Türkei, Indien und Kambodscha für H&M Kleider herstellen. Alle Angestellten arbeiten in Vorzeige-Betrieben, die der Konzern selber als «strategisch und bevorzugte Lieferanten» mit Gold- oder Platinum-Status bezeichnet.

44 Überstunden pro Woche

Für die Angestellten muss das wie ein Hohn klingen. Damit es für das Nötigste reicht, müssen sie übermässig viele Überstunden leisten, wie eine Mitarbeiterin einer H&M «Gold»-Zulieferfabrik in Indien erzählt: «Die Löhne sind so niedrig, dass wir Überstunden machen müssen, um zumindest unsere Grundbedürfnisse zu decken.» In drei der sechs untersuchten Fabriken überschreiten die Überstunden häufig das gesetzlich zulässige Höchstmass. Sonntagsarbeit ist in allen untersuchten Betrieben der Normalfall. «Wir betreten die Fabrik um 8 Uhr früh, aber wir wissen nie, wann wir gehen dürfen. Manchmal wird es 4 Uhr morgens», berichtet eine bulgarische Näherin der Fabrik «Koush Moda» – ebenfalls ein strategischer «Gold»-Zulieferer von H&M.

Trotz vielen Überstunden erhalten mehrere Befragte in Indien nicht den gesetzlichen Mindestlohn – der sowieso kaum zum Leben reicht. In der bulgarischen Textilfabrik «Koush Moda» leisteten die ArbeiterInnen zur Zeit der Recherche durchschnittlich 44 Überstunden pro Woche. Manchmal arbeiteten sie sogar 24 Stunden am Stück. Ohne diese Überstunden würden sie im Monat nur knapp 100 Euro Lohn erhalten – rund die Hälfte des gesetzlichen Mindestlohns. Doch auch bei einem Arbeitspensum von 84 Stunden pro Woche schaut nicht mehr als ein Hungerlohn heraus: im Durchschnitt 259 Euro – ein Monatsgehalt unterhalb der Armutsgrenze in Bulgarien.

H&Ms Versprechen, bis 2018 in allen Gold- und Platin-Fabriken «faire Existenzlöhne» für 850‘000 Beschäftigte zu ermöglichen, sah unter anderem vor, Gewerkschaften in den Fabriken zu stärken, sodass diese selbst für bessere Löhne eintreten könnten. Allerdings – auch das zeigen die aktuellen Befragungen vor Ort –, wird in manchen Fabriken Gewerkschaftsarbeit noch immer abgeblockt. In der Türkei, Bulgarien und Kambodscha hatten die ArbeiterInnen Angst, Fragen zu ihrer Arbeit zu beantworten, weil sie Entlassungen oder andere Repressalien fürchteten.

Nicht die TextilarbeiterInnen, die Gewerkschaften und die Regierungen der Produktionsländer müssen dafür sorgen, dass in den Kleiderfabriken faire, existenzsichernde Löhne bezahlt werden. Hier ist H&M als Auftraggeber in der Pflicht. Clean Clothes Campaign fordert zusammen mit Public Eye von H&M, «statt der ewig gleichen Marketing-Versprechen endlich eine reale Steigerungen der Hungerlöhne in seinen Lieferketten.» Dazu brauche der Konzern einen verbindlichen Massnahmenplan mit zeitlich festgelegten Zielen, bis wann die Löhne um wieviel erhöht sein müssen.

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Siehe dazu auch:

«H&M verbietet ‹NZZ am Sonntag› den Fabrik-Zugang»
Infosperber vom 9.10.2017

«Fair Trade und Bio»
Infosperber-DOSSIER

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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine.

Weiterführende Informationen

H&M-Report der Clean Clothes Campaign
Fair Fashion – Firmen-Check von Public Eye / Clean Clothes Campaign
Label Guide von Public Eye
Orientierungshilfe für fairen Kleiderkauf

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3 Meinungen

Der wievielte Bericht über unmenschliche Arbeitsbedingungen und Ausbeutung ist das wohl, der fünf millionste? Was soll es bringen, die 100'000ste Beschwerde an einen globalen Konzern zu schreiben? Oder Labels und Gesetze zu erlassen? Oder versprechen annehmen, abwarten und erkenne, dass sich wiedereinmal nichts getan hat. Wohin hat das geführt, was hat sich in den letzen zwanzig Jahren geändert? Es hat sich massiv verschlechtert. Die Situation ist so prekär, wie seit langem nicht mehr.

Liebe Redaktion: Die Forderungen im letzten Abschnitt werden nichts ändern. Solange H+M am Markt erfolgreich sein kann, indem Sie möglichst günstig produzieren, werden sie das auch tun. Public Eye kann fordern, der Infosperber darüber Berichten und in zwei Jahren dann erkennen, dass sich einmal mehr nichts geändert hat oder die Situation noch schlimmer ist.

Wir kommen um die Systemfrage nicht mehr herum. Auch wenn wir uns davor fürchten. Schauen sie, der Keynesianismus hat eine wesentliche Verbesserung der Ungleichheit bewirkt. Und das, obwohl nur kleine systemische Veränderungen gemacht wurden. Was kann wohl ein Systemwandel bewirken, der komplett andere Ziele als die Kapitalakkumulation bezwecken will? Das rote Tuch ist nicht mehr angebracht. Wir müssen endlich alternativen Diskutieren. Vorschlag: Gemeinwohlökonomie von Christian Felber. Weitere Vorschläge?
Stöckli Marc, am 27. September 2018 um 11:47 Uhr
Vielelicht können Public Eye und «Clean Clothes» uns Kauf-Empfehlungen geben?
Ekkehard Blomeyer, am 27. September 2018 um 13:40 Uhr
@Ekkehard Blomeyer: Danke für den Hinweis. Die Redaktion hat unter «Weiterführende Informationen» noch einige Links zum fairen Kleiderkauf angefügt.
Barbara Jud, am 28. September 2018 um 10:32 Uhr

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