Versucht, die Stadt sicherer zu machen – mit Unterstützung der Jugend: Allan Ramos © GN
Im Collegio von Puerto Cortés © GN
«Buenos Aires» in Puerto Cortés © GN

Honduras: Zwischen Aufbruch und Ohnmacht

Gabriela Neuhaus / 13. Apr 2019 - Honduras gehört zu den Ländern mit der höchsten Mordrate. Viele ziehen weg, andere kämpfen vor Ort für eine bessere Zukunft.

Buntes Treiben in der weiten Bucht der Hafenstadt Puerto Cortés: Kinder vergnügen sich im seichten Wasser, ein Vater versorgt seine Familie am Glacéstand mit Eis, Jugendliche flanieren am Strand. In der Ferne orange leuchtend der riesige neue Kran, der im letzten Herbst in Betrieb genommen wurde. Er lädt Container um Container auf ein Schiff, das am Dock angelegt hat, während ein weiterer Ozeanriese vom offenen Meer her den Karibikhafen ansteuert.

«Es geht aufwärts mit Puerto Cortés», sagt ein zufriedener Allan Ramos. Er wurde bei den Wahlen von 2017 zum vierten Mal zum Bürgermeister gewählt. Als er 2006 seine erste Amtszeit antrat, gehörte die Hafenstadt am Atlantik mit ihren rund 120'000 Einwohnern und Einwohnerinnen zu den gefährlichsten Städten des Landes. Um den Teufelskreis von wachsenden sozialen Problemen und der zunehmenden Gewalt zu durchbrechen, schlossen sich damals VertreterInnen aus Politik, Verwaltung, Privatwirtschaft, Kirchen und sozialen Organisationen zusammen und gründeten ein Sicherheitskomitee.

Mit finanzieller Unterstützung der Weltbank wurden an Schlüsselstellen in der Stadt Überwachungskameras aufgestellt und eine Notrufzentrale eingerichtet, die über die Telefonnummer 100 rund um die Uhr Hilfe anbietet – bis heute. Zum Beweis wählt Bürgermeister Ramos auf seinem Handy gleich selber die Nummer 100. «Centro de Emergencia de Puerto Cortés» meldet sich eine Frauenstimme und fragt, wie sie helfen könne. «Guten Tag, Allan Ramos am Apparat», antwortet ihr Chef und fragt nach den aktuellen Vorkommnissen. Die Frauenstimme rapportiert, eben sei eine Anzeige wegen eines Reparaturproblems mit der städtischen Wasserversorgung eingegangen und um 3.40 Uhr in der Früh habe es einen Raubüberfall auf einen Bankwächter gegeben. Eine Kamera habe aufgezeichnet, wie ihm die Pistole entrissen wurde. Alan Ramos bedankt sich für die Auskunft und räumt ein: «Wir haben immer noch viele Diebstähle, Raubüberfälle und Probleme mit Drogen und Gewalt. Auch in unserer Stadt gibt es Quartiere, die wir meiden...»

Engagement für Kinder und Jugendliche

Das weitläufige Barrio Buenos Aires ist so ein Quartier. Viele Häuser, oft mehr Hütten oder blosse Verschläge, wurden von NeuzuzügerInnen ohne Bewilligung auf Staatsland erstellt. Wer hier aufwächst, hat schwierige Startbedingungen. «In unserem Barrio leben 6000 Menschen, es gibt keinen einzigen Arbeitsplatz und der Weg in die Stadt ist weit – zu Fuss eine Stunde», fasst Mirian Rodriguez, die gewählte Quartiervorsteherin, zusammen. «Die Jugendlichen von Buenos Aires sind nicht schlechter als andere, aber sie haben keine Beschäftigung und keine Perspektive.» Die Folge: Viel Kleinkriminalität, Drogenprobleme. «Wenn die Situation weiter eskaliert, besteht die Gefahr, dass wir plötzlich auch hier mordende Jugendbanden, die berüchtigten Maras haben», sagt Karen Cruz, Leiterin des Programms für Kinder und Jugendliche PMIAJ bei der Stadt. Gemeinsam mit den Quartierverantwortlichen will sie dazu beitragen, dass es nicht soweit kommt: In den kommenden Wochen und Monaten organisieren städtische SozialarbeiterInnen zusammen mit ausgewählten Jugendlichen, die als «Leader» geschult werden, Film- und Spielnachmittage im Quartier und ermutigen die Bevölkerung, die zahlreichen städtischen Angebote im Sozial- und Bildungsbereich zu nutzen. Das ist ebenfalls Teil des breit aufgestellten Präventionsprogramms gegen Gewalt in Puerto Cortés.

Typisch für Lateinamerika: Auch im Armenviertel Barrio Buenos Aires legen die Frauen Wert auf Sauberkeit (Alle Fotos Gabriela Neuhaus).

In den letzten Jahren wurden die sozialen Dienstleistungen im Bereich Kinder- und Jugendschutz laufend ausgebaut: Ein breites Freizeitangebot steht allen Kindern gratis zur Verfügung. Es reicht von zahlreichen Sportdisziplinen über Musik, Tanz, Kunst bis zum wöchentlichen Workshop einer Gruppe von Jung-ReporterInnen. Die zahlreichen Animatorinnen und Animatoren engagieren sich mit viel Enthusiasmus, ihre Angebote werden denn auch rege genutzt. Vielen Kindern aus abgelegenen Barrios sind sie allerdings nicht zugänglich, weil sie keine Transportmöglichkeiten haben.

Das Gleiche gilt für den Mittagstisch, wo Kinder aus armen Familien gratis verpflegt werden, und für die Tagesstätte für Kleinkinder von berufstätigen Alleinerziehenden. Ein dezentraleres Angebot wäre unbedingt nötig. Dafür fehlen der Stadt aber die finanziellen Mittel: Bereits die bestehenden Dienstleistungen sind nur dank Spenden von Organisationen und Privaten sowie viel Freiwilligenarbeit möglich.

Die jungen Menschen möchten geschult werden. Was aber machen, wenn auf 1000 Studentinnen und Studenten gerade mal 1 PC zur Verfügung steht?

Profit fliesst ins Ausland

Wären die Mittel vorhanden, könnte viel mehr getan werden. Der Bedarf ist riesig. Im Collegio Franklin D. Roosevelt zum Beispiel, der einzigen öffentlichen Oberstufenschule in Puerto Cortés, stehen für 3000 Schüler und Schülerinnen gerade mal drei Computer zur Verfügung. Auch dies nur dank einem Unterstützungsprogramm durch eine internationale Organisation. Fast trotzig klingt die Aussage des Schuldirektors Juan Carlos Zuniga, wenn er sagt: «Eigentlich sind wir kein armes Land!» Trotzdem schaffen es nur ganz wenige seiner Schüler an die Universität – aus finanziellen Gründen. Die meisten fänden Arbeit im Hafen, sagt Zuniga. Beschäftigungsmöglichkeiten böten auch die internationalen Callcenters, von denen sich einige in der Region niedergelassen hätten – und neuerdings auch wieder Maquilas.

Maquilas sind steuerbefreite Fabriken in zollfreien Zonen, die für den Weltmarkt produzieren. Als 2009 die Mindestlöhne leicht angehoben wurden, wanderten sie von Puerto Cortés sofort ins billigere Nicaragua ab. Jetzt hat der Wind gedreht: Die erste Maquila ist zurückgekehrt und hat im Januar auf dem Gelände gleich neben dem Collegio Franklin D. Roosevelt eine neue Textil-Produktion gestartet. Der südkoreanische Besitzer habe ihm erzählt, sagt Bürgermeister Allan Ramos, dass die Fabrik in Nicaragua das ganze letzte Jahr stillgestanden habe wegen der dortigen politischen Schwierigkeiten. Deshalb seien die Südkoreaner nach Puerto Cortés zurückgekommen. «So war es in unserer Region schon immer: Die Probleme des einen Nachbarn sind das Glück des anderen», fügt der Bürgermeister trocken an. Weitere Investoren sollen folgen. Ramos spricht von Verhandlungen mit einem chinesischen Investor für eine Fabrik zur Herstellung von Bestandteilen für Mototaxis. Weitere Billigarbeitsplätze für die globale Produktion, deren Profit ohne Steuerabzug in die Taschen ausländischer Investoren fliessen wird, dürften folgen.

Ähnlich verhält es sich mit dem Hafen von Puerto Cortés, der 2013 mit der Vergabe der Betriebslizenz an die philippinische Gesellschaft International Container Terminal Services Inc. (ICTSI) privatisiert wurde: Die Gewinne des grössten Hafens Zentralamerikas fliessen in die Taschen privater, ausländischer Investoren – für die örtliche Bevölkerung fallen nur Brosamen ab: 2018 ging ein neues Dock in Betrieb, bis 2021 sollen Produktivität und Effizienz der Cargo-Terminals weiter gesteigert werden. «Der Ausbau des Hafens hat neue Perspektiven eröffnet», sagt Allan Ramos. Rund um den Containertransport hätten sich zahlreiche Gewerbebetriebe etabliert – weitere sollen noch hinzukommen. Bereits heute profitierten rund 1000 Leute bei der Ankunft von Schiffen von Gelegenheitsjobs. «Es sind keine Festanstellungen, sie arbeiten zum Beispiel von Mittwoch bis Montag und verdienen in dieser Zeit 4000 Lempiras, etwa 160 US-Dollar. Danach haben sie vielleicht eine Woche keine Arbeit, dann kommt das nächste Schiff und es gibt wieder einen Zahltag.» Es seien prekäre Jobs, aber immerhin Jobs, gibt der Bürgermeister zu bedenken: «In Puerto Cortés haben wir eine Arbeitslosenquote von 18 bis 20 Prozent.» Damit liege man deutlich unter dem Landesdurchschnitt von 32 Prozent. Und weil die Leute hier ein Auskommen sowie vielfältige soziale Unterstützung erhielten, sei die Abwanderung aus Puerto Cortés Richtung USA viel kleiner als aus anderen Regionen des Landes.

Schwieriges Umfeld

Seit bald 14 Jahren engagiert sich Bürgermeister Allan Ramos für die Entwicklung seiner Stadt. Unterstützt wird er von einem engagierten Team von Gemeinde-Angestellten und Freiwilligen. Zu den neusten Errungenschaften der Stadtverwaltung gehört, dass sich Bürgerinnen und Bürger auf der Website, die laufend über die Geschäfte und Angebote der Stadt informiert, direkt selber einbringen können. Grosser Wert wird dabei auf «Transparencia» gelegt. Dies ist besonders bemerkenswert in einem Land, dessen Staatspräsident Juan Orlando Hernández nachgesagt wird, mit der Drogenmafia unter einer Decke zu stecken.

Seit den letzten Präsidentschaftswahlen in Honduras, die Juan Orlando Hernández hauchdünn gewann und deren Ergebnis umstritten ist, hat sich die Situation für die Stadtverwaltung von Puerto Cortés zugespitzt: Die nationalistische Zentralregierung in der Hauptstadt Tegucigalpa hält jene Städte, die wie Puerto Cortés von der liberalen Oppositionspartei regiert werden, an kurzer Leine: Immer wieder werden Gelder von der Regierung zurückbehalten, so dass die Stadt Kredite aufnehmen muss, um Löhne bezahlen und weiter funktionieren zu können. Aktuell herrscht in Puerto Cortés zudem eine politische Pattsituation: Seit über einem Jahr verhindern die Vertreter der Nationalen Partei des Staatspräsidenten zusammen mit ihren Verbündeten jegliche Sitzungen der Stadtregierung, indem sie stets von neuem die Traktandenliste ablehnen. Dies führte zu einer politischen Blockade, die wichtige Entscheide verhindert. Auf die Situation angesprochen zuckt Allan Ramos nur die Schultern. Ja, es sei schwierig. Man müsse halt immer wieder nach neuen Auswegen suchen, bis jetzt habe es geklappt. Mehr will er dazu nicht sagen, er ist nichts anderes gewohnt.

Ausbeutungs-Industrie

Der Maquila-Sektor basiert auf der Ausbeutung billiger Arbeitskräfte: Die globalen Player betreiben ihre Fabriken in Sonderwirtschaftszo-nen, wo sie für den Import des Rohmaterials keine Zölle bezahlen und darüber hinaus weitgehend steuerbefreit sind. Trotz mieser Ar-beitsbedingungen und tiefer Löhne sind die Arbeitsplätze in der Maquila-Industrie begehrt – mangels Alternativen.

Da die beträchtlichen Gewinne der Maquilas praktisch vollständig ins Ausland abfliessen, gibt es weder für die Arbeitenden noch für Ge-meinden wie Puerto Cortés ein Entkommen aus dem Teufelskreis des Prekariats. Laut Angaben der Honduranischen Vereinigung der Maquila-Industrie beschäftigte der Sektor Ende 2018 rund 160‘000 Arbeiter- und Arbeiterinnen, vornehmlich in der Textilindustrie. Der Sektor wird aktuell weiter ausgebaut – Ziel der Regierung ist es, weitere 100‘000 Arbeitsplätze in der exportorientierten Textil- und Bekleidungsindustrie zu schaffen. Der Mindestlohn in den Maquilas beträgt aktuell 7‘652 Lempiras (CHF 312) im Monat – auch für honduranische Verhältnisse ein magerer Lohn, von dem es sich kaum leben lässt.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

© Gabriela Neuhaus, März 2019. Dieser Artikel darf nicht ohne Bewilligung für andere Publikationen übernommen werden.

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2 Meinungen

Vielen Dank für den Hondurasbericht, es wird viel zu selten aus dieser Region berichtet, und noch seltener über positive lokale Engagements. Allerdings ist die Legende zum Foto mit Wäsche wirklich beschämend, was soll das denn?? Wieso typisch LA, wieso ist das für die Autorin speziell, dass auch ärmere Leute auf Hygiene achten?? Ausserdem ist das Foto thematisch eh völlig unpassend... Bref, ich staune über diesen Niveauabfall.
Christina Aebischer, am 13. April 2019 um 13:17 Uhr
@Aebischer: Guten Tag Frau Aebischer. Die Bildlegende habe ich geschrieben, nicht Frau Neuhaus. Zum «Niveauabfall»: Ich habe die ganze Welt bereist, von Neuseeland bis Alaska und von Argentinien bis China und von Cape Town bis zum Nordkapp in Norwegen. Und als Journalist habe ich immer auch geschaut, wie es den Armen geht und unter welchen Umständen sie ihr Leben fristen müssen. Und da sind die Kulturen tatsächlich unterschiedlich. Es gibt Länder, wo Armenviertel aussehen wie Mülldeponien (ich verzichte bewusst auf Namensnennung). Ich den lateinamerikanischen Armenvierteln fällt es aber eben auf, dass immer Wäsche aufgehängt ist, selbst da, wo kaum genug zu essen ist. Haben auch Sie schon in einer brasilianischen Favela ein paar Tage gelebt, inkl. gemeinsames Essen und Übernachtung? Warum darf man solche Beobachtungen nicht erwähnen. Das ist keine Beleidigung, das ist im Gegenteil ein Kompliment für die dortigen Frauen. Es tut mir leid, wenn das falsch verstanden wird. Mit freundlichen Grüssen, Christian Müller, Mitglied der Redaktionsleitung.
Christian Müller, am 13. April 2019 um 14:36 Uhr

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