Protest gegen Monsanto und Gen-Soja in Cordoba © Madres de Ituzaingo
Protest gegen Monsanto und Gen-Soja in Cordoba © La Voz del Interior
Information der Bäuerinnen und der Bevölkerung © Madres de Ituzaingo

Grünes Gold benebelt Argentinien

Romano Paganini / 07. Okt 2012 - Grossgrundbesitzer setzen auf Anbau und Vermarktung von Gensoja. Die Schäden für Pflanzen, Tiere und Menschen nehmen sie in Kauf.

An argentinischen Schulen gilt Manuel Belgrano (1770–1820) als einer der Unabhängigkeitskämpfer Südamerikas. Was vom ehemaligen General, der die argentinische Flagge schuf, kaum bekannt ist, sind seine Vorstellungen von Landwirtschaft. Man sollte, sagte der gelernte Anwalt einst, die Samen einer Pflanze nur alle drei bis vier Jahre an derselben Stelle pflanzen. Durch das Rotationsprinzip wird der Boden fruchtbar gehalten.

So simpel und naheliegend seine Worte von damals, so kompliziert und technisiert präsentiert sich die Realität in der argentinischen Landwirtschaft 200 Jahre nach Belgrano. Dutzende internationale Grosskonzerne haben sich am Rio de la Plata eingenistet und dem Land Stück für Stück genommen, was es bis dahin ausgezeichnet hatte: die Ernährungssouveränität. In den 1970er Jahren wurde im Namen der »grünen Revolution« zunächst die Landwirtschaft industrialisiert. Das bedeutete: mehr Maschinen, mehr Düngemittel, schnellere Produktion, höhere Exportgewinne. Vor sechzehn Jahren folgte mit der Erlaubnis zur Freisetzung von gentechnisch veränderten Organismen (GVO) der nächste Industrialisierungsschub. Polykulturen wichen Monokulturen. Das von Belgrano zitierte Rotationsprinzip wurde durch das Wachstumsprinzip neoliberaler Ideologen erdrückt.

Ernte zurückgehalten

Neben Genmais dominiert in Argentinien vor allem der Anbau von ebenso manipulierter Soja. Sie wächst auf der Hälfte der bewirtschafteten Fläche und steht für mehr als 50 Prozent der Exporteinnahmen. Fast die gesamte Sojaernte landet in Frachtschiffen, die Richtung Europa oder Asien ablegen. Entsprechend abhängig ist die argentinische Wachstumspolitik vom Verkauf des »grünen Goldes«. Wenn der Preis für Soja nicht derart hoch wäre, liess der ehemalige Wirtschaftsminister Roberto Lavagne kürzlich im Radio verlauten, wäre Argentinien wie 2001 längst kollabiert. Die aktuelle Politik funktioniere durch Kontrolle, Restriktion und Soja.

Der frühere Weggefährte des verstorbenen Expräsidenten Nestor Kirchner sprach damit die von der amtierenden Präsidentin Cristina Kirchner verhängten Import- und Exportbeschränkungen sowie die zusätzlichen Steuererhöhungen an. Diese haben bereits mehrmals zu Protesten geführt. Im Juni legten Produzenten den wichtigsten Exporthafen in Rosario eine Woche lang lahm. El País zufolge halten sie zudem Teile ihrer Ernte zurück. Nach Angaben der Zeitung rechneten sie mit einer weiteren Abwertung des Peso und spekulierten darauf, Mais und Soja teurer verkaufen zu können. Solche Manöver treiben den Dollarpreis für die Produkte künstlich hoch – ähnlich wie es Händler täglich mit anderen Rohstoffen weltweit tun.

Während sich die Regierung einmal mehr im Konflikt mit den grossen Landbesitzern sieht, wächst zugleich der Druck aus der Bevölkerung. Es ist ein allgemeines Unbehagen, das Anfang September Tausende Menschen in verschiedenen Städten auf die Strasse trieb. Die Stichworte lauten »Korruption«, »Sicherheit« und »Inflation«. Die Produktionsmethoden der Landwirtschaft werden von der Mehrheit indes nicht als problematisch wahrgenommen.

Tage später folgten die nächsten Proteste, allerdings mit anderen Pro¬tagonisten. Zum Jahrestag der Occupy-Bewegung versammelten sich weltweit Tausende vor den Filialen des Agrochemiekonzerns Monsanto und forderten dessen Abzug aus dem jeweiligen Land. In Cordoba, der zweitgrössten Stadt Argentiniens, kamen 10’000 Demonstranten zusammen.

Unter Monsantos Einfluss

Der Einfluss Monsantos, aber auch der der anderer globaler Agrokonzerne wie die Schweizer Syngenta, DowChemical, Bayer oder BASF auf die Landwirtschaftspolitik in weiten Teilen Lateinamerikas, ist unübersehbar. Sie arbeiten mit ihrem herbizidresistenten Saatgut an der Aufrechterhaltung eines Produktionssystems, das an das Wachstumsprinzip für die Firmen gekoppelt ist – mit fatalen Folgen. Monokulturen entziehen nicht nur den Kleinbauern die Existenzgrundlage. Sie sind auch Anlass eines grossflächigen Einsatzes von Chemikalien und bedrohen so nicht zuletzt die Nachbarn der Felder, auf denen genmanipulierte Pflanzen kultiviert werden. Die Folgen sind eine erhöhte Krebsrate, Fehlgeburten oder Kinder, die mit Missbildungen zur Welt kommen. Die Betroffenenvereinigung »Pueblo fumigado« spricht von «verstecktem Genozid».

Jahrelange lokale Proteste und die Studien unabhängiger Forscher, die wegen dem Verschweigen in den grossen Medien wenig bekannt sind, zeigen inzwischen Wirkung. So wurden im August zum ersten Mal überhaupt in Lateinamerika ein Sojaproduzent und ein Pilot zu drei Jahren Gefängnis auf Bewährung verurteilt. In der Anklageschrift hiess es, dass von den Angeklagten gesundheitliche Schäden billigend in Kauf genommen worden seien (Siehe unser Bericht vom 18. September «Gen-Soja von Monsanto ist schuld».

Ein Sprecher des Sekretariats für Menschenrechte lobte den Entscheid, bemerkte jedoch lapidar: »Agrarchemikalien können immer eingesetzt werden, solange man sie richtig anwendet und die Bewohner nicht gefährdet.«

Hunger und Mangelernährung, das wird angesichts der Propaganda der Agrolobby gerne vergessen, sind trotz Versprechungen aus Politik und Wirtschaft durch Gensoja nicht gelindert worden. Die Kinder der Argentinien-Krise 2001 blicken allmählich hinter die Kulissen und beginnen sich vermehrt in Kommunen zu organisieren. Sie wollen die Ernährungssouveränität zurückgewinnen – mit eigenem, biologischem Saatgut und bewährten Methoden wie dem Rotationsprinzip.

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Dieser Beitrag erschien zuerst in «Die Tageszeitung – jungeWelt»

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Der Journalist Romano Paganini lebt und arbeitet in Argentinien.

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