Wird kriminalisiert: Gewerkschafter Jorge Acosta, hier während eines Interviews in Quito, 2019. © Josep Vecino/Tecla-R
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Ecuadors Bananenplantagen, ein Nest der Sklaverei

Romano Paganini / 28. Feb 2020 - Ein Gewerkschafter wird mit dem Tod bedroht und innerhalb weniger Monate zweimal vor Gericht gezerrt.

Die Geschichte von Jorge Acosta könnte einem Roman von Mario Puzo entspringen, dem Autor von El Padrino. Doch beim Bananengewerkschafter handelt es sich nicht um eine Mafia-Fiktion, bei Acosta geht es um nichts weniger als um sein Leben. Denn wenn jemand in den ecuadorianischen Bananenplantagen die Rechte der ArbeiterInnen verteidigt und sich wie Jorge Acosta erlaubt, die Eliten und ihre Machtstrukturen in Frage zu stellen, dann riskiert er sein Leben. «Die Bananenproduktion ist schmutzig wie der Drogenhandel», hatte der 59-Jährige unlängst festgestellt und damit den Unmut jener auf sich gezogen, die ihre PflückerInnen, PestizidsprüherInnen, WäscherInnen und VerpackerInnen zu unmenschlichen Bedingungen anstellen – also einen Grossteil der Industrie.

Die Konsequenzen hat Acosta schon mehrfach zu spüren bekommen. Vor zwei Jahren erhielt er eine Morddrohung per Telefon, im April 2019 wurde er angeklagt, weil er angeblich für «wirtschaftliche Panik» sorge, und Anfang Februar 2020 hatte ihn ein lokaler Richter kurzerhand ins Gefängnis sperren lassen.

Waschanlage einer Bio-Bananenplantage in Ecuador. Arbeiterinnen und Arbeiter werden ausgebeutet und sind unterbezahlt. Bild: mutantia.ch

Acosta ist Gründer und Koordinator der Bananengewerkschaft ASTAC (Asociación Sindical de Trabajadores Agrícolas Bananeros y Campesinos) und hatte bei der Rechtsabteilung der Gemeinde Babahoyo, eines der Zentren der ecuadorianischen Bananenproduktion, um Kopien eines Dokuments gebeten. Das Schriftstück ist die Grundlage, um 46 PlantagenarbeiterInnen rechtlich verteidigen zu können; sie waren 2019 von einem Tag auf den anderen entlassen worden, nachdem sie sich gewerkschaftlich organisieren wollten.

Das Dokument ist eigentlich öffentlich, doch die Verwaltung wollte es nicht rausrücken. Inzwischen war ein Richter in den Raum getreten, und Acosta – aufgebracht über die Situation – wies ihn darauf hin, dass am Vortag bereits ein Mitglied der regionalen Anti-Korruptionsbehörde dasselbe Dokument schriftlich eingefordert habe. Ab diesen Worten ist der Richter gemäss ASTAC wütend geworden und habe die Polizei rufen lassen. Der Gewerkschafter zückte sein Handy und begann die Situation zu filmen. Das reichte offenbar, um ihn nun der «Verletzung der Intimsphäre» anzuklagen. Bei einer Verurteilung drohen Acosta ein bis drei Jahre Haft. Ob es soweit kommt, ist allerdings fraglich. «Die Beweislage ist viel zu schwach», sagt sein Anwalt. 

EU-Parlamentarier meldet sich zu Wort 

Kaum war Jorge Acosta wieder auf freiem Fuss, liefen die Drähte zwischen Ecuador und Europa heiss. Denn der Mann, der bis weit in die 2000er Jahre als Pilot von Pestizid-Sprühflugzeugen arbeitete, hatte sich seit der Gründung von ASTAC 2009 intensiv mit NGOs und PolitikerInnen auf der anderen Seite des Atlantiks vernetzt. «Genauso wie sich der Markt globalisierte, müssen wir den Arbeitskampf globalisieren», betont Acosta. Und so reist er regelmässig nach Europa, besucht lokale Gewerkschafter, Supermärkte und internationale Agrarausstellungen. 2018 wurde er gar ins EU-Parlament eingeladen.

Bananen aus Ecuador vor der Verschiffung. Europa ist ein wichtiger Absatzmarkt. Bild: mutantia.ch

Europa zählt zu den wichtigsten Absatzmärkten ecuadorianischer Bananen. Das Interesse an einer funktionierenden Produktion ist gross, genauso wie die Sensibilität für Menschenrechtsverletzungen. Dazu hat Acosta mit seinen zahlreichen Reisen ordentlich beigetragen. Deshalb dauerte es nur wenige Stunden, bis sich die Sozialpartner in Europa nach den Ereignissen in Babahoyo zu Wort meldeten. «Mit grosser Sorge haben wir die Nachricht von der (vorübergehenden) Festnahme Jorge Acostas erhalten», schreibt zum Beispiel die Schweizer NGO PublicEye. Für Oxfam Deutschland scheint die Verhaftung Acostas ein Vorwand zu sein, um einen Verteidiger der BananenarbeiterInnen zu sanktionieren. Und Helmut Scholz, der Acosta persönlich kennt, hat in seiner Funktion als EU-Abgeordneter von Die Linke sein Schreiben direkt an die ecuadorianische Staatsanwaltschaft, die Präsidentin des Justizrates sowie an den Ombudsmann der Regierung geschickt. Auf Grund der Ereignisse, schreibt Scholz, «fordern wir sie auf, die Schikanen einzustellen und dafür zu sorgen, dass die Gewerkschafter im Bananensektor ihre Gewerkschaftsarbeit ausüben können, ohne Opfer von Verfolgung zu werden».

Sukkurs von Menschenrechtsanwalt

Für die auf vergangenen Montag angesetzte Verhandlung in Babahoyo war sogar ein Vertreter der American Bar Association (ABA) aus Chicago angereist, des weltweit grössten Anwaltsverbandes mit rund 400.000 Mitgliedern. Er habe sich nach den Anschuldigungen 2019 ein Bild vor Ort machen wollen, erklärt der Mann*, der innerhalb von ABA für Menschenrechtsverletzungen in Lateinamerika zuständig ist. Die Vorwürfe seien in beiden Gerichtsfällen höchst konfus und es sähe nach einem Muster aus, das auf die Kriminalisierung eines Gewerkschafters deute. «Die Ereignisse der vergangenen Monate scheinen mir jedenfalls kein Zufall.» Und als ob dies nicht genug wäre, liess der zuständige Staatsanwalt die Verhandlung auf Grund einer Dringlichkeit verschieben. «Ich bin besorgt über diese Situation», sagt der Beobachter aus Chicago. «Dieser Fall muss so schnell wie möglich ad acta gelegt werden, um Acostas Freiheiten als Gewerkschafter zu garantieren, sodass die Arbeitsrechte in der ecuadorianischen Bananenindustrie gestärkt werden können.»

Doch das ist alles andere als einfach, wie ein Blick in den Bericht des Instituto Estudios Ecuatorianos (IEE) zeigt. Dieses hat zusammen mit der Friedrich-Ebert-Stiftung eine Statistik erarbeitet, die die Arbeitsbedingungen von BananenarbeiterInnen dokumentiert. Achtzig Prozent der Befragten gaben an, dass es in ihren Firmen keine gewerkschaftliche Organisation gäbe. Nur vier Prozent sagten, dass gewerkschaftliche Aktivitäten in ihren Betrieben erlaubt seien.

Kinderarbeit ist nach wie vor ein Thema

Gemäss Informationen von ASTAC sind in den vergangenen zwei Jahren mindestens 150 ArbeiterInnen entlassen worden, weil sie sich gewerkschaftlich organisieren wollten. «Die Bananenfirmen haben im Laufe der Jahre diverse Mechanismen entworfen, damit sich die ArbeiterInnen nicht organisieren», sagt Stalin Herrera, der den Bericht fürs IEE mitverfasst hat. Der Druck auf die kritischen ArbeiterInnen äussere sich zunächst subtil, etwa durch Verlängerung der Arbeitszeiten bei gleichbleibendem Lohn, durch verspätete Lohnzahlungen oder der gegenseitigen Aufwiegelungen unter den Arbeitern selbst.  

Eines der dunkelsten Kapitel, sagt Herrera, seien jedoch die «Schwarzen Listen», bekannt seit den 1980er Jahren. Darauf stehen die Namen jener ArbeiterInnen, die ihre Rechte einfordern, sich bei ihren Chefs beschweren oder sich organisieren wollen. Sie zirkulieren unter den verschiedenen Produzenten in der Region, die dadurch sicherstellen, dass die aufgeschriebenen Personen fortan keine Arbeit mehr in der Bananenindustrie finden. Angesichts der wenigen Alternativen auf dem Arbeitsmarkt bedeuten die Listen für viele Betroffene den Ruin – entsprechend gross ist die Angst, überhaupt den Mund zu öffnen. «Da die Bananenproduzenten eine Monopolstellung haben, definieren sie die Länger der Arbeitstage, den Lohn und alle weiteren Bedingungen», sagt Stalin Herrera. Eine dieser Bedingungen ist es, sich von ASTAC fernzuhalten.

«Moderne Sklaverei»

Ein Sonderberichterstatter der UNO hatte die Arbeitsbedingungen in den ecuadorianischen Bananenplantagen bereits vor zehn Jahren mit der modernen Sklaverei verglichen. Der Ombudsmann der damaligen Regierung liess zwei Jahre später eine Resolution verabschieden, die sowohl auf die Verletzung der Naturrechte als auch auf jene der Arbeiter verwies.

Viel verändert hat sich seither nicht, wie Stalin Herrera sagt. Der Soziologe weiss, warum: wegen der lokalen Eliten. «Diese kontrollieren den Arbeitsmarkt, die Geschäftswelt – und die Politik». Gemeinde- und StadtpräsidentInnen, ProvinzvorsteherInnen und Parlamentsabgeordnete, und selbst die Ministerien seien mit VertreterInnen der Bananenindustrie gespickt. Der heutige Vorsteher des Umweltministeriums beispielsweise ist Sohn des Präsidenten des landesweit grössten Bananenverbandes. Er hatte während seiner Zeit als Arbeitsminister mehrere Reformen durchgebracht, um die Arbeitsbedingungen in den Plantagen zu flexibilisieren. Ausserdem zählt der Landwirtschaftsminister zu den wichtigsten Repräsentanten der Bio-Bananen-Produktion. «Jene, die eigentlich für die Rechte der ArbeiterInnen verantwortlich sind», sagt Herrera, «sind Teil der ecuadorianischen Elite. Und das erzeugt ein enormes Niveau an Straflosigkeit.»

Von Mafia möchte der Wissenschaftler allerdings nicht sprechen. «Ich denke, im Laufe der Zeit ist eine Dynamik entstanden, die nicht von jemandem orchestriert werden muss. Falls dies so wäre, hätten sie Jorge Acosta längst verschwinden lassen.»

Keine schriftlichen Verträge, kein Mindestlohn

Es ist eine Dynamik, die an die Kolonialzeit erinnert, als die Haciendas noch samt Personal den Besitzer gewechselt hatten. Bis in die 1970er Jahre hiess es in Zeitungsinseraten, vendo hacienda, indios inclusive – verkaufe Landgut, inklusive Indianer. Das Selbstverständnis, zu den Unterdrückten zu gehören, gepaart mit der Angst, entlassen zu werden, führt bis heute dazu, dass ein Grossteil der PlantagenarbeiterInnen keine schriftlichen Verträge hat und oft weniger als den Mindestlohn von 400 Franken pro Monat verdient. Ausserdem sind Vergiftungen durch Pestizide genauso Teil des Alltags, wie die sexuelle Belästigung im Falle der Arbeiterinnen. Auch Kinderarbeit ist nach wie vor ein Thema. Erst anfangs Jahr sind eine 18-jährige Frau und ein 17-jähriger Mann bei einem Verkehrsunfall zur Arbeit ums Leben gekommen. Sie arbeiteten bereits seit vier Jahren in den Plantagen.

Beschwerde bei der EU, Sukkurs von Trump

ASTAC, das trotz seiner rund 1400 Mitglieder von der Regierung in Quito nach wie vor nicht als Gewerkschaft anerkannt wurde, hatte vergangenes Jahr Beschwerde bei der europäischen Union eingereicht, weil die im Freihandelsabkommen festgehaltenen Arbeits- und Umweltstandards nicht eingehalten werden. Auch die Regierung kennt dieses Papier. Doch in absehbarer Zeit, dürfte sich an den herrschenden Methoden in den Bananenplantagen nicht viel ändern. Präsident Lenin Moreno war vergangene Woche zu Besuch im Weissen Haus – als erster Präsident Ecuadors seit siebzehn Jahren – und hat sich dem Wirtschaftsprogramm America crece (Amerika wächst) angeschlossen, will heissen: Arbeitsrechte dürften auch in Zukunft eine untergeordnete Rolle spielen – auch, weil das Programm auf Geheiss des Multimillionärs Donald Trump lanciert wurde. Und dieser ist nicht gerade bekannt für soziale Anliegen. 

Staatsanwaltschaft garantiert «ordnungsgemässen Prozess»

Jorge Acosta wartet nach wie vor auf die Gerichtsverhandlung. Diese wurde nun auf kommenden Freitag angesetzt. Auffällig: In beiden Fällen sind sowohl Auszüge von Acostas Sozialversicherung als auch vom Steueramt eingefordert worden. «Diese Dokumente haben überhaupt nichts mit dem Fall zu tun», sagt sein Anwalt Leonardo Jiménez Vergara. «Deshalb denken wir, dass hinter diesen absurden Forderungen die gleiche Person oder eine Gruppe von Personen steckt.» Für die Staatsanwaltschaft der Provinz Los Rios, wo die Verhandlungen stattfinden werden, kein Grund, den Prozess fallen zu lassen – obwohl sie dies auf Grund fehlender Indizien tun könnte. «Wir bitten um Gelassenheit», lässt der Chef auf Anfrage ausrichten, «wir werden einen ordnungsgemässen Prozess garantieren.»

Die Anschuldigungen im Fall der «wirtschaftlichen Panik» lesen sich übrigens wie aus dem oben erwähnten Roman: Er werde beschuldigt, sagt Jorge Acosta, durch seine Tätigkeit als Verteidiger der PlantagenarbeiterInnen die Konkurrenz in anderen Ländern zu bevorteilen. Indirekt werde ihm vorgeworfen, Geld von Bananenproduzenten aus Mittelamerika zu erhalten, damit er als Gewerkschafter sicherstelle, die Produktionsbedingungen in Ecuador zu erschweren.   

*Um den Vertreter der American Bar Association beim Namen nennen zu können, bräuchte es die Zustimmung der Kommunikationsabteilung. Doch diese antwortet in der Regel erst innerhalb mehrere Wochen. Aus Aktualitätsgründen haben wir deshalb beschlossen, auf die Nennung seines Namens zu verzichten.

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Dieser Artikel erschien zuerst auf mutantia.ch

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Keine. Der Autor lebt in Lateinamerika und betreibt von dort aus unter anderem die Website mutantia.ch.

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Eine Meinung

Sio weit brauchen wir gar nicht zu gehen

siehe
https://www.buzzfeed.com/de/pascalemueller/die-unsichtbaren-ukraine-arbeiter-logistik
Dieter Gabriel, am 12. März 2020 um 17:05 Uhr

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