Die verkappten Gegner der dualen Berufslehre

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Rudolf Strahm / 14. Feb 2013 - Das Jahr 2013 ist ein Schicksalsjahr: Es geht um die Aufwertung der höheren Berufsbildung.

«Ich hätte lieber etwas weniger, dafür bessere Maturanden.» Mit diesem holzschnittartig formulierten Satz hat Bundesrat Johann Schneider-Ammann als Bildungs- und Wirtschaftsminister zweifellos die Grundhaltung in der schweizerischen Wirtschaft wiedergegeben und bei der deutschschweizerischen Bevölkerung breite Unterstützung gefunden. Doch aus den Universitäten und von Westschweizer Bildungsdirektoren erntete er Kritik, Häme und aggressive Reaktionen. Philipp Sarasin, Geschichtsprofessor an der Universität Zürich trug mit seiner Häme gegen Schneider-Ammann den Akademikerdünkel erneut zur Schau und der Soziologe Daniel Oesch von der Universität Lausanne versuchte mit hanebüchenen Argumenten die Notwendigkeit höherer Maturitätsquoten zu «beweisen».

Solche Stimmen aus der Universität vermögen die arbeitsmarktliche und wirtschaftliche Überlegenheit der dualen Berufslehre kaum zu erschüttern. Zumal gerade die geisteswissenschaftlichen Fakultäten an den Universitäten immer grössere Mühe haben, eine berufsbefähigende und arbeitsmarktlich gefragte Ausbildung anzubieten.

Ideologiefabrik ‚Avenir Suisse’ macht duale Berufsbildung schlecht

Viel subtiler und verkappter, aber auch gefährlicher für die Berufsbildung, sind jene Kritiken, die mit angeblich wirtschaftlichen Argumenten die duale Lehre in Frage stellen. Ich denke vor allem an die Herabminderung der Berufslehre durch die vorwiegend von Konzernen finanzierte, neoliberale Ideologiefabrik «Avenir Suisse», die mit ihrer provokativen Publikation über «Die Zukunft der Lehre» die duale Berufsbildung auf viel subtilere Art in Frage stellt und ihre Kritik landauf-landab an eigens organisierten öffentlichen Bildungsanlässen weiter verbreitet. Der Hauptverfasser, Patrik Schellenbauer, der zuvor als Bankökonom gearbeitet hatte und seine Unkenntnis über das Berufsbildungssystems mitbrachte, spricht verschleiernd von einer «gewissen Idealisierung» der Berufslehre. Man «dürfe die Berufslehre nicht verabsolutieren». Er fordert eine «Berufslehre auf Tertiärniveau», also eine Art Lehre für Studenten, die eine Hochschule besuchen.

In Basel hat diese Forderung des Ideologie-Tanks grosse Verwirrung gestiftet, weil plötzlich unbedarfte Konzernvertreter aufgrund von Avenir-Suisse-Empfehlungen vom Kanton eine neue Bildungsstruktur für eine «Tertiär-Lehre» forderten. Dabei gibt es mit der Berufs- und Fachmaturität und mit einem strukturierten Praktikumsjahr für Gymnasiasten bereits einen Fachhochschulzugang.

Treibende Kraft dieser verkappten Kritik an der Berufslehre ist allerdings nicht der Bankökonom Schellenbauer – der wurde einfach für diesen Job bei Avenir Suisse beauftragt – sondern nach seinem eigenem Bekunden Ernst Buschor, der bei ‚Avenir’ eine Beraterrolle ausübt. Buschor war immer schon Gegner der Berufslehre (ich hatte schon in den Neunziger Jahren mit ihm gestritten). Als Zürcher Bildungsdirektor strebte er eine Vereinheitlichung und Zusammenlegung von Gymnasium und Berufsfachschulen an. Und im übrigen stiftete er mit seiner technokratischen Reformwut ein heilloses Bildungsdurcheinander mit einer Polarisierung, von der sich der Kanton Zürich bis heute nicht erholt hat.

Die Berufsbildung hat viele verkappte Gegner oder Verächter. In der Romandie besteht geradezu eine Ignoranz. Die betriebliche Lehre gilt in manchen elitären Kreisen der Westschweiz links und rechts bloss als eine Art «Arme-Leute-Job».

Reformen der Berufsbildung nötig

Wir müssen allerdings in der Berufsbildung dem Strukturwandel und den veränderten arbeitsmarktlichen Bedürfnissen Rechnung tragen. Die branchenmässige Verteilung der Lehrstellen hinkt dem Strukturwandel in der Schweizer Wirtschaft hintennach und entspricht jener Branchenstruktur, wie sie vor einem Jahrzehnt geherrscht hatte. In neueren Berufen und Dienstleistungsbranchen hatte man die Einführung oder Stärkung der dualen Berufslehre verpasst – oder die Mängel durch Rekrutierung von Ausländern im Zeichen der Personenfreizügigkeit zugedeckt. Zum Beispiel bei den Pflegeberufen mit Fachangestellten Gesundheit (FAGE) und Fachangestellten Betreuung (FABE), oder bei den Informatiker-Lehrstellen. Die Berufslehre ist nicht auf die Handwerks- und niederschwelligen Berufe beschränkt – wie manche sich dies clichéhaft vorstellen. Der bildungsmässige Abstand zur Mittelschule und zum Gymnasium darf nicht zu gross werden, wenn die Berufslehre weiterhin als Einstieg für die wirtschaftliche Elite der KMU-Wirtschaft gelten soll.

Drei Forderungen

Erstens müssen bei höherschwelligen, wissensbasierten Mangelberufen wie Informatikern vermehrt Basisjahre in Berufsfachschulen angeboten werden: Lehrlinge, die bereits einen Lehrvertrag mit einer Firma im Sack haben, verbringen das erste (für Betriebe teuerste) Lehrjahr in der Berufsfachschule, wo sie Basis-Knowhow wie Digitalkenntnisse, technisches Englisch, Informatik-Grundkenntnisse vermittelt erhalten.

Zweitens sind in höherschwelligen Berufen zwei, drei zusätzliche Wochenstunden Berufsschulunterricht – nicht eine Verschulung – nötig, zum Beispiel für technisches Englisch und Schlüsselkompetenzen. Bei allen Berufen ist eine zweite Wochenstunde Deutsch vonnöten. Eine obligatorische Einführung einer Fremdsprache für alle ist abzulehnen, weil Fremdsprachunterricht auch ausgrenzend wirkt. In technischen Berufen ist heute technisches Englisch unabdingbar. Doch eine zweite Deutschstunde pro Woche ist für alle nützlich und auch für die Wirtschaft gewinnbringend, besonders auch bei Secondo-Lernenden.

Drittens ist – dies ist die entscheidendste Schicksalsfrage für die Zukunft des Berufsbildungssystems – die höhere Berufsbildung aufzuwerten. Die eidgenössische Berufsprüfung, die höhere eidgenössische Fachprüfung und die Höhere Fachschule sind die natürlichen und anerkannten Karriereschritte der mittleren Kader und der Elite der KMU-Wirtschaft. Diese Bildungsgänge sind bei der Verbreitung neuer Technologien in der KMU- Wirtschaft absolut vorrangig. Der Schweizerische Gewerbeverband hat zum Glück diesen Knackpunkt der gesamten Berufsbildungspolitik erkannt und fordert zu Recht mehr Bundesmittel für die höhere Berufsbildung und eine Titelaufwertung.

Es braucht eine Aufwertung der höheren Berufsbildung

Es braucht eine prestigemässige Aufwertung der Titel der höheren Berufsbildung im Vergleich zu den vollschulischen und akademischen Abschlüssen. Die Behandlung der Motion Aebischer im Nationalrat, die für Absolventen der höheren Berufsbildung zusätzlich zur bisherigen Diplombezeichnung auch eine höhere Einstufung mit dem Titel des «Professional Bachelor» fordert, ist bildungspolitisch und prestigebezogen ein entscheidender Tatbeweis. Doch entgegen seinen verbalen Bekenntnissen zur dualen Ausbildung lehnt der Bundesrat diese Motion ab. Und der Präsident der Fachhochschulvereinigung, Nationalrat Christian Wasserfallen, bekämpft aus rein standespolitischen Interessen seiner FH-Absolventen die Aufwertung der Höheren Berufsbildung. Er schädigt damit auch die KMU-Wirtschaft, für die dieser Bildungsweg ein Rückgrat darstellt.

In diesem Jahr fallen einige wichtige, lange hinausgeschobene Entscheide. Es ist ein Schicksalsjahr für die höhere Berufsbildung, ja für die Zukunft des dualen Bildungssystems überhaupt.

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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Der Autor ist seit 2008 Präsident des Schweizerischen Verbands für Weiterbildung (SVEB), dem Dachverband von rund 600 Bildungsanbietern. Dieser Beitrag erschien am 11.1.2013 in der Schweizerischen Gewerbezeitung.

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4 Meinungen

Herr Rudolf Strahm gehört - leider - nicht zu meiner Partei. Leider deshalb, weil
er unter dem Titel «duale Berufslehre» voll und ganz meine Meinung wiedergibt.
Fähige Praktiker sind in jeder Branche eine unabdingbare Notwendigkeit. Akademiker
braucht es zwar auch aber nur insoweit, als sie ihr theoretisches Wissen auch
praktisch umsetzen können. Dass dem bei weitem nicht immer so ist, zeigt -
um nur ein Besipiel zu nennen - ein kritischer Rückblick in die diversen Bankaffären.
Einem «Nurbuchhalter» hätte kaum viel Schlimmeres passieren können.
P. Spätig, Ligerz
Paul Spätig, am 14. Februar 2013 um 19:42 Uhr
Grundsätzlich kann ich den Aussagen Strahms zustimmen, kenne ich doch beide Seiten. Ich bin als Geisteswissenschafter nebenberuflich in der Erwachsenenbildung tätig. Aber - wer hat denn diese Verakademisierung der Bildungslandschaft primär zu verantworten? Hohe Abiturientenquoten im sozialdemokratischen Skandinavien sind hauptsächlich dafür verantwortlich, dass vom WEF über die OECD bis hin zu PISA die Schweiz für ihre tiefe Akademikerquote kritisieren. Sozialdemokratische Bildungspolitik zielte immer auf eine Akademisierung hin: vom Lehrerseminar zur PH, vom Technikum zur FH usw. usf. Auch die Motion Aebischer lief ja schlussendlich auf eine «akademische Aufwertung» (Professional Bachelor) hinaus. Das Problem ist hausgemacht, Herr Strahm. Und ja, ich hege als Akademiker Standesdünkel, gerade als Geisteswissenschafter. Denn ein universitäres Studium hat eben nicht «berufsbefähigende und arbeitsmarktlich gefragte Ausbildung» zu sein, sondern Wissenschaft. Aber auch hier ist ja mit Bologna bereits der Zug abgefahren (nur so am Rande, um das Bild zu vervollständigen: wer hat 1998 die «Sorbonne-Deklaration» für die Schweiz unterzeichnet? BR Ruth Dreifuss).

Bitte, Herr Strahm, reden Sie Ihren Genossinnen und Genossen ebenso ins Gewissen wie den Wirtschaftsverbänden.
Michael Gisiger, am 14. Februar 2013 um 19:52 Uhr
Als HR-Verantwortlicher einer KMU mit etwas über 200 Mitarbeitenden kenne ich primär ein Problem in der Rekrutierung - qualifizierte Handwerker zu finden. Und einige davon mussten wir in Deutschland rekrutieren. Ach ja, Akademiker-Stellen konnte ich bisher jeweils innert kürzester Zeit besetzen.
Leopold Loretan, am 14. Februar 2013 um 20:21 Uhr
Es braucht nicht nur eine Aufwertung der Titel, sondern eine Aufwertung in den Köpfen der Akademiker. Der Mittelstand zeichnet sich statistisch überwiegend durch Mitarbeiter mit Lehrabschluss und Weiterbildung aus. Es muss folglich auch diese Gruppe sein, welche für den Hauptanteil am BIP verantwortlich ist.
Für einmal gebe ich BR Schneider recht. Was von den verschiedenen kantonalen Gymnasien in die Unis und Hochschulen gespült wird, verdient den Ausdruck Matura nicht mehr.
Die Qualität der Gymnasien in der Schweiz hat offenbar dramatisch abgenommen. In persönlichen Gesprächen mit Universitätsprofessoren (Zürich und Lausanne) erfuhr ich, dass die ersten zwei Semester zunehmend damit vertrödelt werden, die „Maturi“ auf Matura-Niveau zu bringen.
Das streiten die Bildungsverantwortlichen gerne ab. Unter den Talaren… Ihr elitäres Benehmen gegenüber der Berufslehre und den Fachhochschulen ist ja hinlänglich bekannt. Die Schweizer Duale Berufslehre ist ein Erfolgsmodell, welches Österreich und Deutschland gerne kopieren würden. Das Resteuropa tut sich schwer damit. Von der Restwelt reden wir diesbezüglich gar nicht, weil es dort kaum so etwas gibt, wie eine Berufslehre.
Fakt ist, dass es heute viel zu einfach ist, eine Maturität zu erlangen. Das spült zwangsläufig ungeeignete Kandidaten in die Unis und Hochschulen. Hauptsache, die Bildungsdirektoren können „gute“ Zahlen an Gymnasiums-Absolventen vorweisen.
Es ist höchste Zeit, dass vermehrt Gelder für die Berufsschulen und Fachhochschulen gesprochen werden. Der Eintritt an die Unis und Hochschulen sollte zwingend mit einer Prüfung erlangt werden. Die kantonalen Unterschiede der Maturität, vermischt mit der Anerkennung zweifelhafter, ausländischer „Abis und Maturas“ produziert logischerweise eine schlechte Abschlussquote. Die Ehrenrunden häufen sich und zahlen muss der Staat. Was eine gute Überleitung zum Thema „Bildungskosten“ ist. Dass man für ein Studium eine angemessene Studiengebühr bezahlen sollte (etwa Fr. 100`000.- pro Studium, zinsloses Darlehen, rückzahlbar in zehn Jahren) ist für mich klar. Dann reisst man sich auch etwas mehr zusammen! Dass dann wieder nur die Söhne und Töchter reicher Leute studieren dürften, greift zu kurz...
Dass ein Ernst Buschor immer noch seine Finger im Spiel hat, spricht Bände. Dieser Herr Buschor hat damals so viel kaputtgemacht, und versucht nun seine damalige Unfähigkeit mit einer „Beratertätigkeit“ für die rührige Avenir-Suisse zu legitimieren.
Es gibt viel zu tun in diesem Bereich. Ich hoffe, dass Rudolf Strahm nicht alleine ist.
Renato Stiefenhofer, am 20. Februar 2013 um 10:46 Uhr

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