Die unheimliche Bedrohung: Crash oder Krieg

Ernst Wolff © cc
Ernst Wolff / 25. Apr 2015 - Gibt es einen Zusammenhang zwischen Finanz- und Wirtschaftskrisen einerseits und militärischer Stärke andererseits? Die These: Ja.

Ernst Wolf, der Autor des Buches Weltmacht IWF. Chronik eines Raubzuges (erschienen im Tectum Wissenschaftsverlag), kennt die USA, Asien und Europa aus eigener Anschauung und Lebenserfahrung. Er versucht, meist separat diskutierte Themen interdisziplinär in einen Zusammenhang zu bringen. Diese Sicht verdient gerade auch in der Schweiz höhere Beachtung. (Red.Anm.cm)

Zur Analyse von Ernst Wolff:

Zwei Entwicklungen beunruhigen die arbeitenden Menschen in aller Welt derzeit besonders – die zunehmende Wahrscheinlichkeit eines globalen Finanzcrashs und die steigende Kriegsgefahr. Die Mainstream-Medien ziehen in ihrer Berichterstattung eine klare Trennungslinie zwischen beiden Themen und schwanken ständig zwischen Beschwichtigung und Panikmache. Damit stiften sie nicht nur Verwirrung, sondern lenken vor allem von der wichtigsten Tatsache ab: Dass es nämlich eine direkte Beziehung gibt zwischen der tiefen Krise des Finanzsystems und den unübersehbaren Kriegsvorbereitungen.

Die globalen Spannungen haben in den vergangenen Jahren erheblich zugenommen, die Anzahl von Krisengebieten und Kriegsherden ist gestiegen, die Rüstungsausgaben wurden weltweit erhöht. (Die offiziellen Statistiken vermitteln häufig ein falsches Bild, da Bilanzfälschung und Privatisierung auch auf dem Militärsektor Einzug gehalten haben. Wo früher Soldaten nationaler Armeen gekämpft haben, sind heute oft verdeckt arbeitende Söldnerfirmen im Einsatz, die in keinem Verteidigungshaushalt der Welt auftauchen.)

Grösster Waffenproduzent und aktivster Kriegsherr der Welt sind nach wie vor die USA, deren Militärpolitik sich neben dem Dauereinsatz im Nahen Osten strategisch vor allem gegen die Nummer zwei und die Nummer drei bei den weltweiten Rüstungsausgaben richtet – China und Russland. Was aber bewegt die USA, gerade diese beiden Staaten ins Fadenkreuz ihrer militärischen Planungen zu rücken? Dazu ein Blick auf die jüngere wirtschaftliche Entwicklung und die Bedeutung, die die drei Länder füreinander haben:

Nach dem Crash von 2007 / 2008 zwang die US-Finanzindustrie die Regierung in Washington, ihre grössten Institutionen mit Steuergeldern zu retten und das System so zu stabilisieren. Anschliessend schlug sie sogar noch Gewinn aus der entstandenen Situation, indem sie die mehrfache Senkung der Zinsen und das angeblich zur Förderung der Realwirtschaft eingeleitete Gelddrucken («quantitative easing») der US-Zentralbank Federal Reserve nutzte, um in noch grösserem Umfang als zuvor an den Finanzmärkten zu spekulieren.

Das Ergebnis: Die Staatsverschuldung der USA beläuft sich mittlerweile auf über 18 Billionen US-Dollar (mehr als 57'000 Dollar pro Einwohner), es sind riesige Blasen im Immobiliensektor, an den Börsen und vor allem bei den Staatsanleihen entstanden. Gerade im letzteren Bereich zeigt sich, wie weit das System mittlerweile ausser Kontrolle geraten ist: Es werden in riesigem Stil Staatsanleihen zu Negativzinsen eingekauft, die sich nur über einen Weiterverkauf rentabilisieren lassen. Dieser wiederum setzt voraus, dass die Zinsen nicht erhöht und weiter frisches Geld in den Markt gepumpt werden – ein sich selbst verstärkender Mechanismus, der unweigerlich zum Crash führen muss.

Russland und China schlafen nicht

Natürlich ist diese Entwicklung auch den Finanzexperten in Peking und Moskau nicht entgangen und hat sie veranlasst, sich auf den Tag X vorzubereiten. So hat China, das bis vor kurzem der grösste Halter von US-Staatsanleihen war, diesen Rang inzwischen an Japan abgegeben und seinen Bestand von einst 2 Billionen US-Dollar auf mittlerweile etwa 1,2 Billionen reduziert. Dazu hat es riesige Mengen an Gold gekauft, mit denen es die eigene Währung im Falle eines Dollar-Crashs decken könnte.

Auch Russland hat in den vergangenen Jahren erhebliche Mengen an Gold gekauft und im Mai 2014 mit China den bisher grössten internationalen Energiedeal ausserhalb des US-Dollars abgeschlossen. Darüber hinaus hat es mit den anderen vier BRICS-Staaten zusammen im Juli 2014 einen eigenen Währungsfond als Gegenorganisation zum IWF gegründet. Den bisher wichtigsten Schritt zur Vorbereitung auf das Ende des Dollars dürfte aber die in diesen Tagen anstehende offizielle Gründung der Asiatischen Infrastruktur- und Investment-Bank (AIIB) markieren.

Dabei übertrifft die politische Brisanz des Ereignisses seine wirtschaftliche Bedeutung bei weitem. Dass sich neben Deutschland, Frankreich und Italien auch engste Verbündete wie Grossbritannien und Australien der AIIB gegen den ausdrücklichen Willen der USA gewandt haben, zeigt, wie rasant das westliche Bündnis – seit dem Zweiten Weltkrieg einer der wichtigsten Grundpfeiler der Weltpolitik – derzeit zerfällt. Das hastig ausgesprochene Angebot des IWF, den Yuan neben US-Dollar, Euro, Yen und Schweizer Franken in den Währungskorb der Sonderziehungsrechte (eine Art «Notwährung» des IWF) aufzunehmen (was jahrelang abgelehnt wurde), ist ein deutliches Anzeichen dafür, dass auch die USA die Zeichen der Zeit erkannt haben und auf die Veränderung der Machtverhältnisse reagieren.

Doch diese Massnahmen kommen zu spät. Zu der von einigen US-Experten vorgeschlagenen Ersetzung des US-Dollars durch die Sonderziehungsrechte des IWF wird es nicht kommen, denn auch die Macht des IWF stützt sich auf die uneingeschränkte weltweite Akzeptanz des US-Dollars und die treibt unaufhaltsam ihrem Ende entgegen. Was aber bleibt einem Land, dessen Realwirtschaft sich im Niedergang befindet, dessen Finanzwirtschaft auf einen Crash und das Ende seiner Währung zusteuert und von dem sich die politischen Verbündeten einer nach dem anderen abwenden...?

Washington baut auf militärische Stärke

Die Antwort gibt die Geschichte: Das Land wird sich auf seine grösste Stärke besinnen und versuchen, diese zur Selbstrettung einzusetzen. Im Fall der USA heisst das: Washington wird auf seine militärische Überlegenheit zurückgreifen. Es wird versuchen, seine wichtigsten Konkurrenten auf dem Weltmarkt unter seine Kontrolle zu bringen, um dem US-Finanzsektor bisher verschlossene Investitionsmöglichkeiten zu erschliessen. Zu diesen Konkurrenten zählen an erster Stelle die mit schier endlosen natürlichen Ressourcen, Milliarden von billigen Arbeitskräften und riesigen Binnenmärkten ausgestatteten Energieriesen Russland und China.

Konkretes Ziel ist in beiden Fällen ein Regimewechsel, d.h. die Einsetzung einer den USA hörigen Regierung, die das gesamte Land für das US-Finanzkapital öffnet – so wie gerade in der Ukraine geschehen. Genau diesem Zweck dienen die gegen China gerichtete US-Strategie des «Pivot to Asia» («Schwenk nach Asien»), das ständige Beschwören Nordkoreas als nukleare Bedrohung für die westliche Welt, sowie die Dämonisierung Wladimir Putins und die gegen sein Regime gerichtete aggressive Politik der USA und der NATO in der Ukraine und den baltischen Staaten.

Zwar würde auch das Erreichen dieses Ziels den finalen Crash des Dollar-Systems nicht auf Dauer abwenden. Es könnte ihn aber um einige Jahre hinauszögern und den Hunger der Wall Street zumindest vorübergehend stillen. Historischer Präzedenzfall ist der Zusammenbruch der Sowjetunion, der dazu geführt hat, dass sich das Ende der Achtzigerjahre bereits stark angeschlagene globale Finanzsystem durch die Plünderung der GUS-Staaten und des Ostblocks zumindest zeitweise erholen konnte.

Der Krieg – eine nicht unwahrscheinliche «Lösung» der Probleme

Sollte der Crash des Finanzsystems allerdings schlagartig eintreten und Politik und Militärs weltweit überraschen, würden die Gefahren durch das entstehende Chaos ins Unendliche wachsen. Dann würde ein Krieg vermutlich nicht mehr einem Regimewechsel dienen, sondern zum Selbstzweck werden und die Worte des Ökonomen Ernst Winkler aus dem Jahr 1952 bestätigen:

«Der Krieg ist die grosszügigste und wirkungsvollste ‹Reinigungskrise zur Beseitigung der Überinvestition›, die es gibt. Er eröffnet gewaltige Möglichkeiten neuer zusätzlicher Kapitalinvestitionen und sorgt für gründlichen Verbrauch und Verschleiss der angesammelten Vorräte an Waren und Kapitalien, wesentlich rascher und durchgreifender, als es in den gewöhnlichen Depressionsperioden auch bei stärkster künstlicher Nachhilfe möglich ist. So ist (...) der Krieg das beste Mittel, um die endgültige Katastrophe des ganzen kapitalistischen Wirtschaftssystems immer wieder hinauszuschieben.»

Dass die Mainstream-Medien ihren Teil dazu beitragen, diese Zusammenhänge zu verschleiern und darüber hinaus alles daran setzen, die Stimmung der Öffentlichkeit durch gezielte Desinformation gegen zukünftige Kriegsgegner zu lenken, ist ein historisches Verbrechen. Es verwundert allerdings nicht, denn schliesslich haben Mainstream-Medien, Politik und Militär eines gemeinsam: Sie alle dienen derzeit dem gleichen Herrn – einer ultrareichen Minderheit, die das bestehende System global beherrscht, die von einem Krieg profitieren würde und die daher nicht das geringste Interesse daran hat, die Menschheit vor der mit Abstand gefährlichsten Entwicklung auf unserem Planeten zu warnen.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Ernst Wolff, 1950 geboren, wuchs in Südostasien auf, ging in Deutschland zur Schule und studierte in den USA. Er arbeitete als Journalist, Dolmetscher und Drehbuchautor. Die Wechselbeziehung von Wirtschaft und Politik, mit der er sich seit vier Jahrzehnten beschäftigt, ist für ihn gerade auch heute wieder von höchster Bedeutung.

Weiterführende Informationen

Zur Bestellung des Buches von Ernst Wolff: Weltmacht IWF

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5 Meinungen

Dieser umfassenden und kompetenten Darstellung der Akteure, der Politik und der Medien ist nichts anzufügen, ausser, dass auch Israel zum Kreis der Kriegshetzer gehört. Das Szenario ist sehr bedrohlich und erschreckend. Auch die hochgejubelte neutrale Schweiz macht wacker mit und kann sich wie gewohnt auf die Mainstreammedien und die Politik verlassen. Nebst diesen düsteren Aussichten kommt noch TTIP, TISA und CETA dazu, womit das Ganze apokalyptische Ausmasse annimmt. Eigentlich fehlen mir die Worte für dieses unglaubliche Geschehen.

Lieber Infosperber, herzlichen Dank für diesen Beitrag. Chapeau!

Xaver Schmidlin, Birsfelden
Xaver Schmidlin, am 25. April 2015 um 12:11 Uhr
Chapeau an Infosperber und Xaver Schmidlin!
Ganz herzlichen Dank auch meinerseits.

Für Interessierte hier das Interview von Ken Jebsen mit Ernst Wolff:

„KenFM im Gespräch mit: Ernst Wolff – „Weltmacht IWF“
https://www.youtube.com/watch?v=GCkKxITTKYw
Beat Wick, am 25. April 2015 um 18:40 Uhr
Die Analyse ist interessant und besorgniserregend. Für mich hat sie allerdings auch etwas den Geruch von Verschwörungstheorie.
Die Gestaltungsmacht der USA ist viel geringer, als unterstellt wird. Die USA sind schon bei viel kleineren Missionen gescheitert, man denke zum Beispiel an Afghanistan oder Irak. Sie können sehr viel zerstören und zerschlagen, aber nicht sehr viel im eigenen Sinne gestalten.
Gegen eine ernsthafte Atommacht wie Russland oder China würden die USA auch kaum je eine direkte Agression wagen. Nur schon Nordkorea wird deutlich vorsichtiger angefasst, obwohl dessen Atomwaffenprogramm klein ist und seine Raketen vermutlich die USA nicht erreichen können.
Daniel Heierli, am 26. April 2015 um 15:20 Uhr
Herr Heierli, ich kann Sie verstehen, aber ich empfehle Ihnen das «Gespräch von KenFM mit Ernst Wolff» in youtube. Vielleicht kann das Ihre Sicht erweitern. Ich wünschte, es wäre eine Verschwörungstheorie, übrigens ein geläufiges Totschlagargument gegen Unbequemes. Aber ich denke, wir müssen beginnen, das Undenkbare zu denken, um mehr sehen und erkennen zu können (Aussage von Prof. Dürr, Quantenphysiker). Möglicherweise sind die massiven Zerstörungen das Ziel. Sadam und Ghadaffi wollten im Ölgeschäft weg vom Dollar.
Xaver Schmidlin
Xaver Schmidlin, am 26. April 2015 um 16:38 Uhr
Interessante Analyse. Dass sie nicht abwegig ist, kann man sehen, wenn man Zbigniew Brzezinski liest: The Grand Chessboard: American Primacy and its Geostrategic Imperatives. Der grosse US-Strategie-Zampano spricht darin auch klar aus, dass die Ukraine eine entscheidende Rolle spielt im Macht-Game gegen Russland.
Helmut Scheben, am 03. Mai 2015 um 13:24 Uhr

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