Hier spricht der Chef

René Zeyer © R.Z. Foto Rolf Edelmann
René Zeyer / 13. Feb 2019 - Zur Vorbereitung des Gipfeltreffens mit US-Präsident Trump interviewte die Parteizeitung «Rodong Sinmun» Herrscher Kim Jong-un.

Red. Der Autor war viele Jahre Journalist für FAZ, NZZ und andere. Heute berät er als «strategischer Kommunikationsberater» Persönlichkeiten der Finanzbranche.

Das Interview wurde bisher bei uns noch nicht veröffentlicht, aber von einem Mitarbeiter der staatlichen Nachrichtenagentur KCNA in den Westen geschmuggelt. Hier die Übersetzung. Die unterwürfige Art der Einleitung und der Fragen versteht sich in einer Diktatur von selbst.

Fast 150 Jahre alt ist das Hauptgebäude der Partei der Arbeit Nordkoreas am Revolutionsplatz von Pjöngjang. Die ehrwürdigen Räume strahlen Zeitlosigkeit und Schwere aus. Damit kontrastiert die leichtfüssige Art, mit der sich der oberste Führer Kim Jong-un bewegt.

Oh grosser Führer, wie konnten Sie die Stürme der letzten Zeit überstehen?

Es stimmt, dass wir ziemlich stürmische Zeiten erlebt haben. Der Umbau der Partei der Arbeit, der Jahre beanspruchte, war intensiv. Und wenn er abgeschlossen ist, heisst es nicht, dass jetzt alles gut ist und so bleibt.

Ständiger Wandel in der Kontinuität Ihrer weisen Führung, wo wollen Sie in Zukunft Schwerpunkte setzen, unfehlbarer Steuermann?

Wir sind technologisch sehr weit. Beispielsweise im Bereich der künstlichen Intelligenz versprechen wir uns ein enormes Innovationspotenzial.

Und was bedeutet das für die Parteifunktionäre?

Ich denke, dass die Digitalisierung zu einer weiteren Reduktion heutiger Stellen führen wird – auf der anderen Seite wird sie auch neue Jobs schaffen.

Unverschämte imperialistische Kritiker behaupten – wir zitieren das mit Abscheu –, dass die führenden Kader der Partei zu viel verdienen.

Gewiss zahlen wir vergleichsweise hohe Gehälter, allerdings sind sie in der Spitze wohl 50 Prozent tiefer als vor der Finanzkrise. Wichtig scheint mir, dass das Entschädigungssystem transparent und nachvollziehbar ist. Die grossen Ausreisser von früher gibt es nicht mehr.

Und was sagen Sie, oh unfehlbarer Lenker, zur doch auch schlechten Presse, die das Verhalten Nordkoreas im imperialistischen Ausland bekommt?

Sie ist natürlich unerfreulich. Wir können uns aber dem Markttrend nicht entziehen ... Wir müssen nun zeigen, dass wir die Ziele erreichen, die wir für unsere Bevölkerung in Aussicht gestellt haben.

Das wird unter Ihrer Führung bestimmt gelingen, davon sind wir überzeugt. Werden Sie bei Ihrem nächsten Treffen mit dem US-Präsidenten die atomare Abrüstung weiter vorantreiben?

Grundsätzlich ja. Verbesserungen sind wünschenswert, falls sie noch möglich sind.

Gestatten Sie uns am Schluss einen Blick in die Zukunft. Wie lange können wir noch mit ihrem unersetzlichen Ratschlag rechnen, was machen Sie zum Beispiel nach 2021?

Darüber mache ich mir heute noch keine Gedanken. Aber ich weiss, was ich ganz sicher nicht machen werde: Das Leben eines Pensionärs führen.

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Hoppla, ich sehe gerade, dass mir etwas durcheinandergeraten ist. Die Antworten stammen nicht vom nordkoreanischen Diktator, sondern vom Verwaltungsratspräsidenten der Credit Suisse, Urs Rohner.

Der Wortlaut der Antworten ist allerdings original. Nur die Wörter «CS» oder «Banken» wurden durch «Partei der Arbeit» oder durch «wir» ersetzt, das Wort «Aktionäre» durch «Bevölkerung», «Mitarbeiter» durch «Parteifunktionäre». Bei Rohner ging es um das Hauptgebäude der CS am Paradeplatz, den Umbau der Bank, ihre Mitarbeiter und das Rahmenabkommen.

Die Fragen, welche die «Schweiz am Wochenende» dem CS-Präsidenten stellte, waren andere, aber der unterwürfige, nicht nachfragende Ton des Gefälligkeits-Interviews blieb erhalten.

Zahlen und Fakten zur Credit Suisse

Über die katastrophalen Wirtschaftszahlen Nordkoreas ist nicht viel Verlässliches bekannt. Bei der CS ist das anders. Unter der Ägide von Präsident Rohner stürzte die CS-Aktie von über 45 Franken auf rund 10 Franken ab. Unter der Ägide des juristischen Oberaufsehers Rohner machte sich die CS alleine im Steuerstreit mit den USA derart schuldig, dass sie mit 2,8 Milliarden Dollar für «kriminelle Aktivitäten» die grösste Busse aller Schweizer Banken zahlen musste.

2015 holte Rohner den Manager Tidjane Thiam als neuen CEO, nachdem dessen Vorgänger Brady Dougan mit dem grössten Jahresbonus aller Zeiten abgezwitschert war, in einem Jahr hatte er sagenhafte fast 90 Millionen verdient. Seit dem Stellenantritt von Thiam produzierte die CS kumulierte Verluste von 6,3 Milliarden Franken, die Aktie brach um 38 Prozent ein. Für diese «Leistung» dürfte der CEO bislang rund 40 Millionen eingesackt haben. Und auch für 2018 sieht es eher düster aus. Nach Schätzungen dürfte nur die Schweizer Division der Bank mit 2,2 Milliarden Franken das Gewinnziel knapp erreicht haben. Die Handelsdivision (Global Markets) könnte statt den angepeilten 2,9 Milliarden nur schlappe 400 Millionen abwerfen.

Schlimmer noch, eine der wichtigsten Kennzahlen im Banking ist die Cost-Income-Ratio. Also wie viel muss ausgegeben werden, um einen Franken zu verdienen. In der Schweiz sind das 58 Rappen, ein guter Wert. Bei Global Markets sind es hingegen 90 Rappen; die Kosten fressen die Erträge beinahe weg.

Und schliesslich kassiert Rohner, der sich selbst im Steuerstreit eine «weisse Weste» bescheinigte, Jahr für Jahr Millionen, die er sich, sicher ist sicher, zum grössten Teil in cash auszahlen lässt. Er ist der oberste Verantwortliche für die Strategie der Bank. Und obwohl er im liebedienerischen Interview in der «Schweiz am Wochenende» behauptet, die Bank sei «sehr, sehr schweizerisch», sind die grössten Aktionäre der Bank zwei ausländische Hedgefonds und zwei Fonds aus Saudi-Arabien und Katar. Diese verdienten zudem an Contingent Convertible Bonds, das sind Zwangswandelanleihen, die während der Finanzkrise ausgegeben wurden, bis zu 9,5 Prozent Zinsen.

Im Vergleich zu dieser Bilanz steht das Ergebnis der Regierungskünste des nordkoreanischen Diktators geradezu als leuchtendes Vorbild da.

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  • Siehe dazu auch «Wieviel zahlen Sie pro Tag für Ihr Essen, Herr Ermotti», eine Medienkritik zur devoten Interview-Praxis von CH-Media-Chefredaktor Patrik Müller, der auch das im oben stehenden Artikel von René Zeyer erwähnte Interview mit CS-VRP Urs Rohner gemacht hat. Hier anklicken.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. René Zeyer ist Autor des Bestsellers «Bank, Banker, Bankrott» (2010). Er arbeitete als Journalist für den «Stern», «Geo», «FAZ», «Das Magazin», «Schweizer Illustrierte» und war mehrere Jahre Auslandkorrespondent der «Neuen Zürcher Zeitung». Heute berät er als «strategischer Kommunikationsberater» Persönlichkeiten der Finanzbranche. Zu seinen Kunden gehören keine Banker der vier Grossbanken.

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Eine Meinung

Grosse Tragik-Komödie, innovative literarische Idee
Die Banken basteln ja auch an Massenvernichtungswaffen, mit all den Massen von unverständlichen Finanzderivaten, die sie sich wechselseitig verkaufen, die Risiken des globalen Finanzmarkts wechselseitig versichern. Gegen die Grossmächte BlackRock, Goldman Sachs od. HSBC haben die keine Chance mehr. Die global tätigen Firmen mit steuerlichem Sitz in der Schweiz finden bei denen bessere Ansprechpartner mit besseren Beziehungen.
Mit der CS-Bevölkerung, zu über 90% grosse regulierte od. unregulierte Kapital-Gesellschaften und dem überbezahlten, gesellschaftlich unproduktiven Personal muss man auch kein Mitleid haben.
Sozialhilfe in Form von Steuerdumping ohne Bedürftigkeitsprüfung geht gar nicht.
Paul Meyer, am 13. Februar 2019 um 14:41 Uhr

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