Weltweit steigen die Schulden schneller als die Wirtschaft wächst © N8Waechter

Die Wirtschaft wächst weltweit nur auf Pump

Red. / 28. Aug 2017 - Finanzprofessor Marc Chesney hält Schuldenschnitte für unvermeidlich und befürwortet eine Mikrosteuer auf Finanztransaktionen.

Red. Die Trump-Administration will die Regulierung des Finanzmarkts lockern: Weniger Eigenkapital soll vorgeschrieben sein und der Eigenhandel wieder teilweise zugelassen – zur Freude von Grossbanken wie JP Morgan, Morgan Stanley und Goldman Sachs (vgl. NZZ: «US-Banken reiben sich bereits die Hände»). Das Gegenteil fordert der Zürcher Finanzprofessor Marc Chesney, um «die gefährliche Dynamik des Finanzcasinos einzudämmen». Interview von Timo Kirez auf RTdeutsch.
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Timo Kirez: Allein im zweiten Quartal dieses Jahres stiegen die Kreditkarten-Schulden in den USA um 18 Milliarden US-Dollar. Ist das so dramatisch wie es klingt?

Marc Chesney: Ja, das ist eine riesige Summe, aber trotzdem nur eine Dimension des Schuldenproblems. Die weltweiten, globalen Schulden, private und öffentliche zusammengenommen, entsprechen ungefähr 217 Billionen US-Dollar, das heisst 327 Prozent des weltweiten Bruttoinlandprodukts (BIP). Und die Schulden steigen sogar schneller als das BIP. Die Finanzlage ist unstabil.

Es ist ein Teufelskreis:

  • Immer mehr Schulden wären hilfreich, um das Wachstum zu fördern;
  • Wachstum wäre wiederum hilfreich, um einen Teil der Schulden zu bezahlen.

Doch das funktioniert nicht. Die Schulden werden immer grösser, und das Wachstum ist nicht stark genug, um die Schulden zu tilgen. Wir brauchen neue Paradigmen in der Finanz- und Wirtschaftspolitik.

Was hat sich seit der Finanzkrise 2008 verändert? Im Positiven? Im Negativen?

Im Positiven: Die Finanzprobleme scheinen weniger akut als noch im Jahr 2008. Im Negativen: Die Finanzlobbys sind noch einflussreicher geworden.

Was genau meinen Sie damit, dass die Finanzlobbys einflussreicher geworden sind?

Die Finanzlobbys sind in der Lage, ihre Interessen der Gesellschaft aufzuzwingen. In Europa oder in Nordamerika ist es ganz gleich, ob man links oder rechts wählt – am Ende des Tages gibt es nur eine Finanzpolitik, und zwar diejenige, welche die Finanzmärkte befriedigt. Das ist gefährlich für die Demokratie.

Müssen wir mit einer neuen, vermutlich noch schlimmeren Krise rechnen?

Eine neue akute Phase der Finanzkrise ist leider nicht ausgeschlossen, da nicht nur die Schulden, sondern auch die Derivate riesig sind. Ihr Nennwert entspricht ungefähr dem Zehnfachen des weltweiten BIPs. Mit Derivaten kann man Wetten auf den Bankrott von Ländern und Unternehmen abschliessen. Sie fördern die Entwicklung des Finanzcasinos.

Gäbe es eine Möglichkeit, die Schuldenkrise zu lösen?

Ein Schuldenschnitt ist wahrscheinlich unvermeidlich. Eine Mikrosteuer auf sämtliche elektronische Finanztransaktionen wäre ausserdem positiv, um die gefährliche Dynamik des Finanzcasinos einzudämmen. Diese Dynamik ist sowohl für die Wirtschaft als auch für die Gesellschaft gefährlich.

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10 Meinungen

Eine Mikrosteuer ist überfällig ist aber weltweit gefordert auch wenn Donald Trump die Erträge zum Bau einer Mauer und nicht zur Sanierung
des Staatshaushaltes verwenden könnte.
Beda Düggelin, am 28. August 2017 um 13:17 Uhr
Es ist ein Teufelskreis:
"Immer mehr Schulden wären hilfreich, um das Wachstum zu fördern;
Wachstum wäre wiederum hilfreich, um einen Teil der Schulden zu bezahlen..."
Vor Jahren hat Urs P. Gasche ein Buch geschrieben: «Das Geschwätz vom Wachstum». Nun kommen Finanzprofessoren und predigen «Wachstum» zur Beseitigung wachsender Schulden! infosperber, quo vadis? Wachstum des höheren Blödsinns!
Walter Schenk, am 28. August 2017 um 15:43 Uhr
Wer predigt denn hier Wachstum? Dass mehr Schulden gemacht werden und mehr Geld in Umlauf gebracht wird mit dem Ziel, das Wirtschaftswachstum anzukurbeln, ist eine Tatsache. Das Ziel wird jedoch kaum erreicht.
Dass 5 Prozent Wachstum pro Jahr es erleichtern würden, angehäufte Schulden zu verzinsen und zurückzuzahlen, ist ebenfalls eine Tatsache.
Auch das wird aber nicht erreicht.
Die Aussagen von Professor Chesney zeigen, dass diese Politik eben nicht funktioniert und erst noch hohe Risiken birgt. Deshalb hält er Schuldenschnitte für «wahrscheinlich unvermeidlich» und plädiert für eine Mikrosteuer auf sämtlichen elektronischen Finanztransaktionen.
Urs P. Gasche, am 28. August 2017 um 18:03 Uhr
Warum sich diesem alle und alles beherrschenden Thema, dank einer extrem kapitalfreundlichen dafür gesellschaftsverachtenden Globalisierung, betreffend einer einzigen Branche immer noch nur Insider und Ökonomen annehmen dürfen anstatt Koriphäen aus allen anderen wichtigeren Bereichen unseres Zusammenlebens.

Die Finanzbranche wie auch Ökomomen, Menschen die dafür bezahlt werden Armut und Ungleichheit zu rechtfertigen und legalisieren.

Bis heute jeglicher gesellschaftlicher Regulierung entzogen und die Einkünfte und Vermögen der Reichsten auf neue Höchststände seit der Branchenkrise im Jahre 2008 gebracht hat.
Uwe Borck, am 29. August 2017 um 18:33 Uhr
Eine Mikrosteuer fände ich gut - mit Trennbanken gekoppelt - leider wird langfristig damit trotzdem eher das bisherige Finanz-System-Problem auf die lange Bank geschoben. Nur ein Systemwechsel zu Vollgeld wird das Schuldenvergrössern als Lösung nicht mehr unterstützen. Informiert Euch etwas breiter darüber.
Meine Frage an die Politik lautet: Weshalb soll das Geldschöpfen weiterhin den privaten Geschäftsbanken überlassen werden, wenn diese damit die Wirtschaft in den Ruin fahren.
1891 wurde (zumindest in der Schweiz) geregelt dass nur der Staat die Hoheit des Geldschöpfens hat und damit fuhr die Wirtschaft eine Weile lang gut, bis die Banken mit dem Erzeugen von elektronischem Geld wieder einen Weg gefunden hatten, um diese Regelung zu umgehen.
Es ist offensichtlich und ethisch eigentlich jedem klar, dass Private nicht Geld herstellen dürfen sollten, sonst würde man der Mafia ja auch nicht das Drucken von Blüten bei Strafe verbieten.
Also liebe Staatspolitiker werdet ethisch und ehrlich anstatt darauf zu sperbern, dass ihr dereinst nach dem Amt noch gut bezahlte Jöblis in der Finanzbranche einnehmen könnt. Löst das Problem und holt Euch endlich die Hoheit des Geldschöpfens auch fürs Buchgeld wieder zurück. Führt Vollgeld ein.
Ausserdem hättet ihr sonst auch bei Abschaffung des Bargeldes ein Problem, weil dann alles Geld von den privaten Geschäftsbanken hergestellt würde. Wo bleibt dann die Währungs / Inflations-Kontrolle?
Carlos Werner Schenkel, am 30. August 2017 um 08:50 Uhr
Eine Steuer auf Finanztransaktionen wäre sicher gut. Otto Normalverbraucher bezahlt für seine Transaktionen seit je Bankgebühren, die um ein Vielfaches höher sind als die vorgeschlagene Mikrosteuer. Das hat die Banklobbyisten nie gestört. Wenn es die Banken selbst treffen soll, ist das Gezeter hingegen gross. Ich befürchte aber, dass noch einige Finanzkrisen nötig sind, bis eine Transaktionssteuer politische Chancen hat.

Ich befürchte, dass dies auch für das Wachstum auf Pump gilt: Es braucht wohl noch ein paar weitere handfeste Krisen, bis eine Mehrheit endlich glaubt, dass «Wachstum um jeden Preis» nicht die Lösung aller wirtschaftlichen Probleme bringt.

P.S.: Mich irritiert, wie Vollgeld als Mittel gegen alles mögliche und unmögliche angeboten wird. Was soll das mit Vollgeld zu tun haben, wenn Privathaushalte sich übermässig verschulden? Wie sollen unseriöse strukturierte Anlageprodukte durch Vollgeld verhindert werden?
Daniel Heierli, am 04. September 2017 um 17:28 Uhr
Die weltweiten globalen Schulden betragen 217 Billionen US- Dollar!!
Fage: Bei wen hat diese wunderbare Welt, in der wir alle leben solch einen unfassbaren Betrag Schulden angehäuft, anhäufen können ?
Wir sind doch alle fleissig und arbeiten.

Und wieso konnte das geschehen ?
Helmut Flöter, am 05. September 2017 um 19:55 Uhr
@D.Heierli. Mögen Sie ein Buch lesen, welches Ihnen die Antworten gibt? Ich empfehle Ihnen «das nächste Geld» von Christoph Pfluger oder «Vollgeld, das Geld der Zukunft» von Thomas Mayer. Darin steht, weshalb solche Hoffnungen entstehen, aber auch was Vollgeld nicht leisten kann. Beim ersten Buch beginnen Sie besser bei Kapitel 11, weil die vorausgehend total deprimierend sind - darüber was alles verkehrt läuft.
@H.Flöter . Die Deregulierung der Finanzflüsse in den 70er Jahren plus die Hilfsbereitschaft der Politik, den Banken das Geldschöpfen zu überlassen, anstatt zB anstelle von Staatsanleihen (welche die privaten Geschäftsbanken mit Geld aus dem NICHTS erwerben durften und mit Zinsen sich zahlen liessen) hätte der Staat selber für seine Infrastruktur-Arbeiten das Geld über die Zentralbanken zinsfrei herstellen lassen können, denn er hätte die Hoheit dazu. Frankreich hat es noch eine Weile bis Mitte 70er Jahre gemacht für ihre staatliche Autofirmen. Das hatte gut funktioniert. Wieso die das aufgegeben haben, ist eigentlich unverständlich, aber dem Druck der FED und den Goldverkäufen von damals geschuldet.
Carlos Werner Schenkel, am 05. September 2017 um 20:38 Uhr
Den privaten Grossbanken muss das Recht entzogen werden Geld aus dem Nichts zu schöpfen !!!
-Eine Eins mit vielen Nullen dran (ohne die geringste Deckung), einfach erfunden mit einem Knöpchendruck am PC.
Und obenderein dieses Geld mit Zinsen zu belasten (nur die Zinsen sind reales Geld),das zurück gezahlt werden muss.
-Und das geht seit 250 Jahren schon so.
Ellen Brown hat das beschrieben in ihrem Buch «Der Dollarcrash"

Warum ist es nicht so, dass einfach die Zentralbanken das Geld schöpfen ??
Was sind das für Politiker, die nichts tun ?
Helmut Flöter, am 06. September 2017 um 18:40 Uhr
@Helmut Flöter, späte Einsicht. Ich gehe davon aus, dass der Markt das ganz von alleine richten wird. Sie haben nicht ganz Unrecht. Wer lange schläft, steht spät auf. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!.... Passen Sie auf, das Finanzsystem wird alsbald explodieren, gehen Sie in Deckung!
Beda Düggelin, am 06. September 2017 um 21:44 Uhr

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