«Wir atmen ständig Rauch ein»

Jürg Müller-Muralt © cc
Jürg Müller-Muralt / 27. Jun 2020 - Die Waldbrände haben nicht nur Auswirkungen auf Klima und Ökosysteme, sondern auch weltweit auf die Gesundheit.

Wer an Sibirien denkt, denkt an Kälte. Doch jüngst sollen dort 38 Grad Celsius gemessen worden sein. Starke Temperaturschwankungen sind in dieser Region zwar nichts Neues, so hoch ist das Thermometer aber noch nie gestiegen. Über die Ursachen, die dramatischen ökologischen Konsequenzen und die seit Wochen andauernden Waldbrände wird in verschiedenen Medien ausführlich berichtet. Doch ein Aspekt wird kaum je erörtert: die langfristigen Folgen der enormen Rauchentwicklung – nicht nur der Waldbrände in Sibirien, sondern auch jener in anderen Weltgegenden.

Enorme Rauchmengen

Grosse Waldbrände erzeugen enorme Rauchmengen, die wochenlang in der Atmosphäre hängen bleiben. Der Rauch beeinflusst wegen der Interaktion mit dem Sonnenlicht auch die Wolkenbildung und das Klima. Kommt dazu, dass die Auswirkungen des Rauches nicht nur in der Nähe der Brandherde zu spüren sind, sondern auch in weit entfernten Gebieten, wo sich die Partikel verdünnt haben und optisch nicht mehr wahrnehmbar sind.

Selbst wenn man den Rauch gar nicht sieht, hat das Auswirkungen auf das Klima – und vor allem auch auf die menschliche Gesundheit. Das sagt Athanasios Nenes in einem Interview auf Sciena, der Plattform der Institutionen des ETH-Bereichs. Professor Nenes ist Leiter des Labors für atmosphärische Prozesse an der EPFL, der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Lausanne. Er gilt als einer der weltweit führenden Experten für atmosphärische Prozesse und Schwebeteilchen (Aerosole). Er forscht derzeit über die Auswirkungen von Aerosolen aus der Verbrennung von Biomasse, also vor allem Waldbränden, auf die Gesundheit und das Klima.

Rauchpartikel begünstigen Covid-19

Waldbrände schleudern unter anderem auch eine grosse Menge Feinstaub in die Atmosphäre. Diese Partikel verteilen sich über die ganze Welt und beeinträchtigen die Luftqualität in weiten Regionen. «In Europa zum Beispiel kann manchmal die Hälfte oder mehr der Partikelmasse, die wir einatmen, auf Brände zurückgeführt werden – entweder Waldbrände im Sommer oder Holzverbrennung im Winter. Mit anderen Worten: Wir atmen ständig Rauch ein», sagt Athanasios Nenes. Je mehr Walbrände es gebe, desto ungesünder die Luft.

Nenes stellt gar einen Zusammenhang mit dem Coronavirus her. Auf die Interview-Frage, ob die gefährliche Rauchpartikel-Konzentration die Menschen anfälliger für Covid-19 mache, antwortet er: «Auf jeden Fall. Die Bevölkerungen in städtischer Umgebung und an anderen Orten, die hohen Schadstoffkonzentrationen ausgesetzt sind, haben mit grösserer Wahrscheinlichkeit eine Beeinträchtigung der Atemwege, des Herz- und Immunsystems und sogar Krankheiten wie Demenz und Diabetes – und sind daher anfälliger für Infektionen durch das Coronavirus. Besonders giftig ist der Rauch aus der Verbrennung von Biomasse, der eine grosse Zahl von Karzinogenen sowie Verbindungen enthält, die beim Einatmen oxidativen Stress verursachen.»

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2 Meinungen

Atemberaubend! Aber vielleicht gibt es da noch mehr, liest man doch in Hugh Raffles Insectopedia von schwebenden Insekten aller Grössen:
"They (die Forscher in den 1930ern) told each other about tiny insects, some of them wingless, all with large surface-area-to-weight ratios, plucked from their earthly tethers by a sharp gust of wind, picked up on air currents and thrust high into the convection streams without volition or capacity for resistance, some terrible accident, carried great distances across oceans and continents, then dropped with the same fateful arbitrariness in a downdraft on some distant mountaintop or valley plain. They estimated that at any given time on any given day throughout the year, the air column rising from 50 to 14,000 feet above one square mile of Louisiana countryside contained an average of 25 million insects and perhaps as many as 36 million.» Vielleicht sind es ja heute weniger ... Tief Luft holen.
Armin Grossenbacher, am 28. Juni 2020 um 18:37 Uhr
Waldbrände hat es schon immer gegeben, aber ...
Vor lauter Bäumen sieht man den Wald nicht, sagt der Volksmund.
Zu dem was man vor lauter Bäumen nicht sieht, ist der Waldboden, Selbst die sogenannten Schläge sind nicht nachhaltig, alle 20 Jahre das rausschlagen, was auf einem Schlag von 20 Schlägen nachwächst. Heutiger Waldboden gibt Bäumen bei Starksturm-Ereignissen immer weniger Halt. Waldböden in weiten Teilen Europas sind zu trocken. In D gibt es derzeit schon 160 Mio. sogenanntes Totholz, bei einem jährlichen Schlag von 50 Mio. Festmetern. Viele Waldbewirtschafter lassen nicht mehr nachpflanzen, zu teuer bei dem Risiko dass die Anpflanzungen füher oder später auf den Böden, bei der dem Klima mit Zeiten zu langer Trockenheit und dann Sturzbächen die viel vom Waldboden wegschwemmen.
Auch die meisten Ackkerböden werden immer unfruchtbarer, weil da durch Pestizide und Überdüngung die natürlichen Biotop zerstört werden.
Viel übler für menschliche Atemwege als brennende Bäume sind die Fein- u. Feins-Stäube, sowie Aerosole von diesen kranken Böden.
Stickoxid, die mit Luftfeuchtigkeit auf Staubpartikeln zu Ammoniak reagieren, schädigen die Atemwege.
Siehe der «Great Smog» von London 1952 oder dieser Artikel leider nur in Englisch :
http://www.pnas.org/content/early/2016/11/09/1616540113
Ludwig Pirkl, am 29. Juni 2020 um 18:55 Uhr

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