Transformative Wirtschaftswissenschaft © Metropolis

Verantwortung der Wissenschaft

Hans Steiger / 01. Dez 2017 - Die aktuelle ökonomisch-ökologische Krise verlangt nach einem «neuen Vertrag zwischen Wirtschaftswissenschaft und Gesellschaft».

Je von den Spiekerooger Klimagesprächen gehört? Deren letzte Ausgabe wollte die Positionen engagierter Fachleute zu einem zuvor publizierten Manifest präzisieren. Es postuliert «einen neuen Vertrag zwischen Wirtschaftswissenschaft und Gesellschaft». Angesichts der ökologischen Zerstörungen und ökonomischen Krisen seien gängige Lehren des Fachs meist nicht mehr haltbar, andere Ansätze gefragt. Ein neugieriges Eintauchen in diese Materie lohnt sich auch für interessierte Laien. Eigentlich war nur «eine eher schmale Publikation für die dokumentarische Aufarbeitung der 8. Spiekerooger Klimagespräche» geplant – dem letzten Treffen, dem eine Badeinsel ein gutes Ambiente bot. Dies zeigen zwischen strenge Grafiken gestreute Fotos. In die Texte flossen unstrukturierte Dialoge und spontane Äusserungen mit ein. Zusammen mit ausgebauten Referaten führte das am Ende zu einem mehr als 600 Seiten starken, über weite Strecken anregenden Wälzer. Im aktuellen Umfeld der Bonner UN-Konferenz war der Einblick in eine mir eigentlich ziemlich fremde Welt doppelt aufschlussreich. Wie die globalen Grossanlässe werden übrigens auch die kleinen Klimagespräche weitergeführt, künftig jedoch nicht mehr an der Nordsee, sondern «im Bergischen Land», einer «Region der Frühindustrialisierung, seit der einerseits viel Wohlstandsvermehrung, andererseits aber Probleme wie der Klimawandel in die Welt kamen».

Für mehr Vielfalt in der Lehre

Womit wir bei den zentralen Themen wären: Den ökonomischen wie ökologischen Krisen der Gegenwart. Der sperrige und gerade darum passende Titel des Buches verweist auf die komplex verknüpfte Lage: «Transformative Wirtschaftswissenschaft im Kontext nachhaltiger Entwicklung». Es ist ermutigend, dass und wie entschieden derzeit auch Stimmen aus diesem Fach laut werden, die eine Neuorientierung fordern. Vertreter und (selten) Vertreterinnen der mit Einfluss wie Geldern gut ausgestatteten etablierten «Standardökonomie» sollen zu selbstkritischer Diskussion herausgefordert werden, denn an ihrer Kompetenz wird gezweifelt. Nach dem Ausbruch der Finanzkrise sorgten 2008 vorab Studierende an den Unis für Unruhe und verlangten mehr Vielfalt im Lehrbetrieb. Später wurde dann von mehreren Initiativen im deutschsprachigen Raum ein Netzwerk «Plurale Ökonomik» gebildet, und in Siegen begann im Wintersemester 2017/2018 ein Masterstudiengang unter diesem Titel. Motto: «Die ökonomische Welt ist in Bewegung, die ökonomische Ausbildung nicht. Wir wollen das ändern.» Einer jungen Generation soll der Weg zum aktiven Mitwirken ihrer Wissenschaft beim Problemlösen in der Praxis geebnet werden. Auch wie dieses Zusammenspiel aussehen könnte, ist skizziert.

Das an der Tagung vorgestellte Modell macht die Zielrichtung deutlich. In den letzten Jahren habe «die Vielfalt der Krisenerscheinungen» auch eine neue Vielfalt alternativer gesellschaftspolitischer wie ökonomischer Konzeptionen erzeugt, die trotz Differenzen «einen gemeinsamen Wärmestrom für eine bessere Zukunft von Mensch und Natur» aufweisen. Diese frischen Ansätze wären durch engagierte Wissenschaft fachlich zu unterstützen, zusammen- und voranzubringen. Mit dem Pariser Klimagipfel sowie den UN-Nachhaltigkeitszielen wurden auf globaler Ebene schwer zu bewältigende Aufgaben formuliert: Gegen steigende soziale Verwerfungen auch in ökonomisch früh entwickelten Ländern braucht es neue Wohlfahrtskonzepte. Die «immer leerer laufende Maschine einzelwirtschaftlicher Produktivitätssteigerung» müsste durch «eine Ökonomie des Genug» abgelöst werden. Dafür gibt es keine bequemen Patentrezepte.

Antikapitalismus genügt nicht

Nach einem eher schwer lesbaren Gang durch klassische und neoklassische «Schulen» eröffnet Lars Hochmann den dritten Teil mit recht massiver Kritik an einer «Ökonomik, die das, was ist, nur zu beschwören vermag». Aber auch eine alternative Einseitigkeit würde der heutigen Lage nicht gerecht: «Die Welt ist widerspruchsvoll und gefährdet.» Sie veränderte sich früher schon ständig, nun aber mit technologisch wie ökonomisch unheimlich beförderter Rasanz. Auch der Umgang mit unserem Leben und allem Lebendigen radikalisiert sich. «Menschenzeit ist Transformation im Superlativ. Nur wohin?» Zwar war wohl die durchschnittliche Lebenserwartung für den Homo sapiens noch nie derart hoch, doch es bleibe fraglich, «wie nah uns diese Entwicklungen einem guten Leben gebracht haben». Und der Preis ist erheblich. Bezahlt hat ihn zum Teil die nicht-menschliche Natur. Zudem gibt es weiterhin Unter-, aber auch Überversorgung mit Nahrungsmitteln. Generell ist Reichtum ungleich verteilt, und zumindest ein Muster lässt sich dabei leicht erkennen: «Wer über Stimme und Verhandlungsmacht verfügt, streicht die Gewinne ein, wer nicht, trägt die Verluste.» Spätestens da kommen dann auch die Wirtschaftswissenschaften in den Blick, «denn den einen leihen sie ihre Stimme, die anderen lassen sie verstummen». Effizienzgerede fällt leicht. Verteilungs- und Gerechtigkeitsfragen werden stiefmütterlich behandelt.

Noch klarer wird die Kapitalismuskritik bei Reinhard Pfriem, einem der Initianten des erwähnten Manifests und Mitherausgeber dieses Debattenbandes. Für ihn war und ist das enge Zusammenwirken der politisch und ökonomisch Mächtigen kein Ausdruck «parasitärer Deformationen» des Kapitalismus, «sondern chronologisch und logisch» ein Prägemerkmal dieses Systems. Trotzdem reicht Kapitalismuskritik nicht. Die postulierte «Ko-Evolution von Wissenschaft und Gesellschaft» muss nach tief greifender Analyse des modernen ökonomischen Denkens wieder «Lebensklugheit auf den Weg bringen» – so der Titel dieses Beitrags. Ulrich Petschow sichtet anschliessend Ansätze «alternativer Ökonomien», die «sowohl sozial als auch ökologisch eine Neuordnung» schaffen, global dominierende Wirtschaftsstrukturen im Kern überwinden wollen. Dafür wären andere kulturelle Voraussetzungen notwendig, Das hat eine «alternative Wirtschaftsforschung» mit einzubeziehen. Sie darf keinen «quasi ingenieurmässigen Blick auf die Gesellschaft richten», hat sich interdisziplinär zu öffnen, muss Theorie mit Praxis verbinden, selbst praktisch sein. Dass das im akademischen Betrieb nicht einfach ist, machen später Überlegungen zur «Institutionalisierung» klar.

Unterstützung für den Umbau

Doch davor geht eine ganze Abteilung auf die ökonomischen und sozialen Tücken der «Postwachstumsperspektive» ein. Irmi Seidel, die an der Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft in Birmensdorf bei Zürich für den Bereich der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften verantwortlich ist, zeigt mit ihrer deutschen Kollegin Angelika Zahrnt auf, dass es auch bei den Befürwortenden von mehr oder minder geplanter Schrumpfung verschiedene Strömungen gibt. Aber es seien meist jüngere Menschen, die bei der «Gestaltung wachstumsunabhängiger Strukturen» mitwirkten, und sie können an «immer mehr dissidente Forschung» anknüpfen. Zudem ist bekanntlich der «Trend zu rückläufigem Wachstum» zäher als es die Mehrheit gern hätte.

Ein «wachstumskritischer Zwischenruf» von Niko Paech nimmt eine andere Art von Mainstream ins Visier, jenen vermeintlich progressiv grünen, der sich vornehmlich auf «symbolischer Ebene» bewegt. Damit ist nicht nur unternehmerisches «Greenwashing» gemeint. Auch auf der Konsumseite gibt es eklatante Unterschiede zwischen Erkenntnis und Einsicht. Erstere sei allein nicht handlungswirksam, und so werde «das Modell des vielfliegenden Ökostrom-Veganers» mit modischen Konstruktionen befördert, deren Grundlogik jener der katholischen von einst in vielem ähnelt. Nur legt im Unterschied zum mittelalterlichen Ablasshandel keine autoritäre Instanz den Preis einer bequemen moralischen Entlastung fest.

Eingegangen wird im Weiteren etwa auf Tradition und Zukunft der Genossenschaften, auf die feministischen Erinnerungen an Subsistenzwirtschaft und anderes. Angesichts allgemeiner Orientierungslosigkeit und einer ökonomischen Praxis, «die vermeidbares Leid und Zerstörung hervorbringt», hätte verantwortliche Wissenschaft all das neu zu sichten, um zu einer «Neuerzählung» beizutragen, welche mit positiven Visionen einen überzeugenden Rahmen setzt. Sie könnte Ermöglichungs-, Veränderungs- und damit Zukunftswissenschaft sein. Was dafür in den Bildungs- und Forschungseinrichtungen auf welche Weise zu tun wäre, ist Thema des nochmals gewichtigen vorletzten Teils. Den satirischen Schlusspunkt in Anlehnung an Goethes Faust-Drama hätte es nicht unbedingt gebraucht. Doch der Verleger, dessen Flexibilität weit mehr Platz für «drei spannende Tage» mit Folgen einräumte als geplant, hat den im Vorwort ausgesprochenen Dank der Herausgeber verdient.

Transformative Wirtschaftswissenschaft im Kontext nachhaltiger Entwicklung. Hrsg. von Reinhard Pfriem u.a. Metropolis, Marbach 2017, 625 Seiten, 48 Euro

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Dieser Text wird heute auch in der Buchbeilage des «P. S.» veröffentlicht.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

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Eine Meinung

Wenn in einem Artikel für die Erweiterung der Wirtschaftswissenschaften geworben wird, ohne dass die Marx'sche Politökonomie erwähnt wird, dann ist das ein schwerer Mangel. Der Marxismus ist eine conditio sine qua non, wenn man aus dieser Wissenschaftskrise heraus kommen will. » Wer über Stimme und Verhandlungsmacht verfügt, streicht die Gewinne ein, wer nicht, trägt die Verluste.» Einverstanden, aber woher kommt die Macht und die Stimme? Weder von Gott noch vom Volk, sondern allein vom Kapitalbesitz. Daran muss man etwas ändern, und dann kann man sich wieder auf Spiekeroog treffen.
Paul Jud, am 01. Dezember 2017 um 12:55 Uhr

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