Meeresschildkröte, Schildkröte, Aussterben, Artensterben, Klimawandel, infosperber © pixabay

Meeresschildkröten haben die Dinosaurier überlebt. Ohne die Hilfe des Menschen werden sie aussterben

Meeresschildkröten sterben in rasantem Tempo

Tobias Tscherrig / 29. Jan 2020 - Nach Millionen von Jahren läuft die Zeit für Meeresschildkröten ab. Schuld sind der Plastikmüll, die Fischerei und die Klimakrise.

Seit über 100 Millionen Jahren durchqueren Schildkröten die Weltmeere und besetzen eine entscheidende Nische innerhalb des marinen Ökosystems. Stets vermochten es die Tiere in der Vergangenheit, sich an veränderte Lebensbedingungen anzupassen: Was auch geschah, Meeresschildkröten überdauerten. Doch damit ist Schluss.

Heute stehen sechs der sieben Meeresschildkrötenarten zusammen mit 30'178 Tier- und Pflanzenarten auf der roten Liste der «International Union for Conservation of Nature» (IUCN) und sind vom Aussterben bedroht. Die gemächlichen Tiere, die in einer Vielzahl von Lebensräumen existieren können und auf ihrer Reise zwischen Niststränden, Paarungs- und Futtergebieten Tausende Kilometer hinter sich lassen, fallen dem Menschen zum Opfer: Die Bejagung der Tiere lässt die Population seit 500 Jahren drastisch sinken. Auch die industrielle Fischerei, die Verschmutzung der Meere durch Plastik und der menschengemachte Klimawandel haben die Tiere an den Rand der Auslöschung gebracht.

Das ist wenig erstaunlich. Bereits 2011 kam eine Studie zum Schluss, dass zum Beispiel die pazifische Lederrücken-Population seit den 1980er-Jahren um 78 Prozent zurückgegangen ist.

Studie mit alarmierenden Ergebnissen

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace kommt in der kürzlich veröffentlichten Studie «Turtles under threat» zu alarmierenden Ergebnissen. Die Forscherinnen und Forscher markierten weibliche Lederschildkröten, die an Stränden in Französisch-Guyana nisteten, mit Etiketten, um so ihre Reisen zu dokumentieren. Die Schildkröten reisten zu weit entfernten Futterstellen nach Neuschottland in Kanada und nach Frankreich. Damit schwammen die Tiere rund zweimal so weit, als sie dies bei früheren Beobachtungen getan hatten.

Gemäss der Greenpeace-Studie ist das ein Alarmzeichen, das darauf hindeute, dass sich das Verhalten der Tiere geändert hat, um mit den neuen Meeresströmungen und den steigenden Temperaturen der Weltmeere fertigzuwerden. Problematisch ist das, weil der zusätzliche Aufwand für die Suche nach Nahrung «wahrscheinlich die Anzahl der gelegten Eier pro Saison reduziert».

Todesurteil: Industrieller Fischfang

Schildkröten verfangen sich hauptsächlich in Kiemennetzen, Langleinen und Schleppnetzen. Diese werden eingesetzt, um eine grosse Anzahl von «wirtschaftlich wertvollen» Fischen, wie zum Beispiel Thun- oder Schwertfische, zu fangen. Als ungewollter Beifang landen aber auch Schildkröten in den Netzen.

Sobald Schildkröten in Kontakt mit Fischfanggeräten kommen, sind sie akut vom Tod bedroht: In Kiemennetzen bleiben sie mit ihren Hälsen und Flossen hängen und ertrinken. Beim Fischen mit Langleinen werden Hunderte und manchmal gar Tausende Köder angebracht. Da manche Schildkrötenarten die Köder fressen und sich anschliessend in den Leinen verheddern, ertrinken sie. Nicht selten verletzen sie sich an den Köderhaken und sterben einen langsamen und qualvollen Tod. Auch in Schleppnetzen bleiben Schildkröten hängen und ertrinken. Zusätzlich besteht die Gefahr von traumatischen Verletzungen und von der Dekompressionskrankheit.

2010 kam eine Studie über die globalen Beifangraten von Meeresschildkröten zum Schluss, dass zwischen den Jahren 1990 und 2000 insgesamt 85'000 Schildkröten als Beifang in den Netzen von Fischern landeten. Greenpeace lässt diese Zahl allerdings nicht gelten. Die Überwachung der globalen Fischerei sei lückenhaft und die Dunkelziffer betreffend Beifangraten entsprechend hoch. Die Organisation spricht von fast einer Million Schildkröten, die jedes Jahr aus dem Wasser gezogen werden.

Todesurteil: Plastikverschmutzung

Die Weltwirtschaft produziert eine immense und stetig wachsende Menge an Kunststoff. Jedes Jahr gelangen davon zwischen 4,8 und 12,7 Millionen Tonnen in die Ozeane. Heute werden die Plastikabfälle in den entlegensten Winkeln der Ozeane gefunden. Als riesige Müllberge schwimmen sie auf dem Wasser: Selbst in der Antarktis und im Marianengraben, in einer Tiefe von mehr als zehn Kilometer unter dem Wasserspiegel, wurde Plastikmüll entdeckt.

Der Plastikmüll hat eine katastrophale Wirkung auf Meeresorganismen. Sie verschlucken den zersetzten Mikroplastik und sterben daran. Sie verfangen sich mit ihren Körpern im Plastik und ersticken qualvoll. Von diesen Risiken sind besonders Meeresschildkröten betroffen. So stellte eine kürzlich veröffentlichte Studie fest, dass eine Schildkröte, die 14 Stück Plastik frisst, eine 50-prozentige Sterblichkeitsrate aufweist. Besonders gefährdet sind Lederschildkröten: Ihre Hauptbeute sind Quallen, die Plastikeinkaufstaschen ähneln, die heute in ungezählter Anzahl auf den Ozeanen treiben.

Eine Schätzung geht davon aus, dass heute 52 Prozent aller Meeresschildkröten Plastik verschluckt haben. Bei einigen Schildkrötenarten, wie etwa der Grünen Meeresschildkröte, ist die Rate bedeutend höher und liegt bei neunzig Prozent. Fachleute gehen davon aus, dass Meeresorganismen in Zukunft noch stärker durch Plastikabfälle bedroht werden.

Todesurteil: Klimawandel

Eine weitere Gefahr für Schildkröten ist die Erwärmung des Wassers. Seit dem Jahr 1970 hat sich der Ozean kontinuierlich erwärmt, seit 1993 beschleunigt sich die Erwärmung. Das stellt die Meeresbewohner vor vielfältige Probleme. Bei den Schildkröten leidet besonders die Echte Karettschildkröte, die sich hauptsächlich von Korallenriffen ernährt. Denn bei steigenden Wassertemperaturen kommt es vermehrt zu Korallenbleichen. Ganze Korallengebiete sterben ab, Futterplätze verschwinden.

Mit zunehmenden Wassertemperaturen steigen auch die Gefahren von extremen Wetterereignissen: Tropische Stürme zerstören die Seegraswiesen, die die Grüne Meeresschildkröte als hauptsächliche Nahrungsquelle nutzt. Lederschildkröten legen während der Jagd riesige Entfernungen zurück und tauchen dabei oft auch in Tiefen von bis zu 1200 Meter ab. Allerdings kommt eine Studie zum Schluss, dass der Lebensraum von Lederschildkröten im östlichen Pazifik während den nächsten 100 Jahren noch einmal um 15 Prozent schrumpfen wird.

Verhältnismässige Überpopulation von weiblichen Schildkröten

Von derartigen und vielen weiteren Gefahren, die durch den Klimawandel entstehen, sind beinahe alle Meeresbewohner betroffen. Bei Meeresschildkröten existiert aber noch eine weitere Problematik: Das Geschlecht der Tiere wird nicht bei der Befruchtung, sondern während der Zeit, in der das Ei im Nest liegt, bestimmt. Die Mischung der Geschlechter hängt dabei von der Temperatur des Sandes ab. Hohe Sandtemperaturen machen weibliche Tiere wahrscheinlicher, bei tieferen Temperaturen entstehen männliche Tiere.

Es gibt Forschungen, die den Schluss zulassen, dass die steigenden Temperaturen zu einer verhältnismässigen Überpopulation von weiblichen Schildkröten führen. Sie wurde zum Beispiel bei einer australischen Population der Grünen Meeresschildkröte festgestellt: Das Verhältnis zwischen weiblichen und männlichen Tieren lag bei 116 zu 1. Diese Verzerrung des Geschlechterverhältnisses stellt den Fortbestand der gesamten Population in Frage.

Es braucht mehr Schutzmassnahmen

Im Jahr 2017 haben Forscher Daten zu allen sieben Arten der Meeresschildkröten analysiert und untersucht, wie sich jahrzehntelange Schutzbemühungen auf die Populationen auswirkten. Die Ergebnisse können vorsichtig optimistisch interpretiert werden: Die Forscherinnen und Forscher untersuchten 299 geschützte Populationen. Bei 95 Populationen stieg die Zahl der Tiere deutlich, bei 35 sank sie deutlich. Beim Rest blieb die Anzahl der Tiere in etwa gleich. Allerdings verweisen Greenpeace und andere Naturschutzorganisationen auf die niedrigen Ausgangspopulationen und auf die stetig steigenden Gefahren, denen Meerestiere durch den Menschen ausgesetzt sind. Es brauche ein Netzwerk von Schutzgebieten, das Meeresschildkröten von ihrer Brutzeit am Niststrand bis hin zur Reife und Paarung über ihren gesamten Lebenszyklus und während ihrer langen Reisen schütze.

Meeresschildkröten sind Überlebende der Urzeit. Sie haben sich wahrscheinlich vor etwa 110 Millionen Jahren aus landlebenden Schildkröten entwickelt und bewohnen seitdem den Planeten. Sie haben die Dinosaurier überlebt. Den Menschen werden sie nicht überleben – wenn der Mensch ihnen nicht dabei hilft und die Schäden repariert, die er angerichtet hat.

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4 Meinungen

Erdgeschichtlich befinden wir uns mitten in der 6. Massenauslöschungsphase.

Wie lange dauert es noch, bis eine Mehrheit von Menschen erkennt, dass unser Geld- und Wirtschaftssystem dafür verantwortlich ist?
Ist diese Erkenntnis wirklich so schwierig?

Die Instrumente für die alternativlose Umwälzung sind vorhanden.
Wir sollten dringend ins Tun kommen.
Leider ist dafür eine Milliarde im Klimafonds von BR Sommaruga nicht ausreichend.
Ein Verzicht auf neue Kampfjets wäre schon hilfreicher.

Erfolgversprechender wird der Climate Action Plan der Klimastreik-Bewegung ausfallen. Wir dürfen gespannt sein.

Eine Alternative mit Potenzial ist die Humane Marktwirtschaft.

https://www.friedenskraft.ch/
Dr. med. Paul Steinmann, am 29. Januar 2020 um 12:56 Uhr
Man kann nur ausrufen : Was hat der Mensch SCHLUSSendlich für eine Sch ....ss- Zivilisation geschaffen, die auf tausend Art und Weisen die Natur und ihre Kreaturen zuerst langsam und jetzt immer schneller auslöscht ! .... Es soll mir keiner mehr mit «Fortschritt» - Floskeln kommen ...
bernhard sartorius, am 29. Januar 2020 um 14:27 Uhr
Die Kräfte der Natur werden extrem unterschätzt.
Nachdem die Menschheit ausgestorben ist, wird sich die Natur wieder erholen - ist der normale Lauf der Dinge.
Peter Herzog, am 31. Januar 2020 um 07:16 Uhr
Was für ein stupides Wesen der Mensch doch ist! Im Moment vermehrt er sich noch um 80 Millionen pro Jahr, und niemand tut etwas dagegen, während das Artensterben sich beschleunigt. Nur eine Frage der Zeit, bis auch der Mensch auf die rote Liste kommt!
Und auf die Frage: Wie kann der Mensch davon überzeugt werden, in sein eigenes Überleben einzuwilligen?», gibt es leider keine Antwort.
Anton Suter, am 01. Februar 2020 um 21:54 Uhr

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