Der Aktivist Rob Greenfield 2014 mit Lebensmitteln, die er in einer US-Stadt im Müll gefunden hatte. © CC
Wo Lebensmittel verloren gehen. Die FAO unterscheidet dabei zwischen Foodloss (Verlust) und Foodwaste (Verschwendung). © FAO 2016
Foodwaste in der Schweiz © Foodwaste.ch

Foodwaste: Ein Viertel aller Lebensmittel ist für die Tonne

Daniela Gschweng / 30. Aug 2020 - Ein Viertel bis ein Drittel aller weltweit produzierten Lebensmittel wird nicht gegessen. Die Hälfte verdirbt in Privathaushalten.

Ein Viertel bis ein Drittel aller weltweit produzieren Lebensmittel landet im Müll. Entweder, weil sie verderben, bevor sie den Konsumenten überhaupt erreichen, oder weil sie dennoch weggeworfen werden. Eine gigantische Verschwendung. Schlecht fürs Klima ist sie obendrein.

Nahrungsproduktion verursacht etwa ein Viertel der globalen Treibhausgasemissionen, schreibt das Datenportal «Our World in Data» in einem aktuellen Artikel. Andere Publikationen wie die «BBC» gehen unter Bezug auf die FAO von einem Drittel aus.

Bis zu acht Prozent der Klimagase könnten wir uns sparen

Warum auch nicht? Der Mensch muss essen. Nahrung muss angebaut, bewässert, gedüngt, geerntet, transportiert und verpackt werden. Oder sie wird in Form von tierischen Produkten weiter «veredelt», gemästet, geschlachtet, portioniert und gekühlt. All das verbraucht Ressourcen, die sich in CO2-Äquivalente umrechnen lassen.

Wer nachrechnet oder nachsieht, stellt fest: Je nach Quelle stammen zwischen sechs und zehn Prozent der global produzierten Treibhausgase aus jährlich ungefähr 1,8 Milliarden Tonnen weggeworfenem Essen.

Eine «Nation Foodwaste» wäre ein grosser Klimaverschmutzer

Gäbe es eine «Nation Foodwaste», wäre sie nach den USA und China der drittgrösste Treibhausgas-Verschmutzer der Welt. Das stellte die Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) schon 2013 fest. Nicht alles davon könnten wir uns sparen, aber vieles.

Dass von vielen Äpfeln auf einem Baum einer verfault, ein anderer bei der Ernte kaputtgeht, beim Transport aus der Kiste fällt, beim Verpacken beschädigt wird und noch einer bei der Lagerung verdirbt, lässt sich kaum ändern. Was geschält, gemahlen oder anders weiterverarbeitet wird, produziert zusätzlich Müll. Das ist optimierbar, ganz vermeiden lässt es sich nicht. Und ein Detailhändler, der Peperoni in drei Farben vorrätig haben muss, verkauft nie alle davon. Das stimmt alles, aber….

Wo gehen Lebensmittel verloren?

Wo Lebensmittel verloren gehen, ist global unterschiedlich. In Ländern mit niedrigem Durchschnittseinkommen gehen Lebensmittel vor allem auf dem Weg von der Ernte zum Konsumenten verloren, grösstenteils wegen mangelnder Infrastruktur, analysiert die FAO. Im wohlhabenderen Teil der Welt aber werden vor allem viele Lebensmittel in den privaten Haushalten weggeworfen. Schätzungen gehen davon aus, dass Foodwaste in Europa und Kanada zur Hälfte beim Konsumenten entsteht.

Wo Lebensmittel verloren gehen

- bei der Ernte
- bei Transport und Verteilung
- bei der Lagerung
- beim Verpacken
- bei der Verarbeitung und Veredelung
- im Handel
- beim Konsumenten

Wo Lebensmittel verloren gehen. Die FAO unterscheidet dabei zwischen Foodloss (Verlust) und Foodwaste (Verschwendung). (FAO 2016, grössere Auflösung)

Die Schweiz wirft mehr Lebensmittel weg, als sie selbst produzieren könnte

In der Schweiz, rechnet «Foodwaste.ch» vor, werden 28 Prozent aller Lebensmittel in den Haushalten weggeworfen, 35 Prozent bei der Verarbeitung, 20 Prozent in der Landwirtschaft. Gastronomie und Handel werfen zusammen nur 17 Prozent weg. Für den Import bestimmte Lebensmittel, die schon im Herkunftsland aussortiert werden, hat Foodwaste dabei allerdings mitgezählt. Ein Drittel aller Lebensmittel in der Schweiz sind in der Summe für die Tonne.

Laut «Foodwaste.ch» und dem Bundesamt für Umwelt (BAFU) werden 2,8 Millionen Tonnen Lebensmittel pro Jahr oder 330 Kilogramm pro Kopf der Schweizer Bevölkerung weggeworfen Zwei Drittel davon wären laut BAFU noch geniessbar - ein Gegenwert von 600 Franken pro Jahr und Kopf. Das ist mehr, als die Schweiz auf eigenem Boden selbst produzieren könnte.

Foodwaste in der Schweiz (Foodwaste.ch, Daten: BAFU 2019, Grafik: foodwastech)

Zum Guten geändert hat sich daran in den letzten Jahren wenig bis nichts. 2013 wurde der Schweizer Foodwaste von Claudio Beretta (ETH Zürich bis Ende 2019) für das BAFU noch auf ungefähr zwei Millionen Tonnen jährlich geschätzt, inzwischen sind es fast drei Millionen Tonnen im Jahr. Medien und Verbraucher schimpfen regelmässig über Gemüse, das zu gross, zu klein oder zu krumm ist, um in den Handel zu gelangen. So musste ein Thurgauer Bauer kürzlich 20 Tonnen Knoblauch verschenken, weil dieser sich violett verfärbt hatte. Den Qualitätsanforderungen des Handels genügte er damit nicht mehr. Kartoffeln, Karotten, Kirschen und Gurken ereilt manchmal dasselbe Schicksal.

Was die perfekte Hausfrau mit Foodwaste zu tun hat

Ob der Kunde das nun wollte oder nicht: Das Grundproblem ist unser Konsum. Beziehungsweise die Art, wie wir konsumieren. Das sagt auch Mattias Eriksson, der an der Schwedischen Universität für Agrarwissenschaften in Uppsala an Foodwaste forscht. «Ich glaube nicht, dass sich die Menschen [der Klimaauswirkungen von Lebensmittelabfällen] vollständig bewusst sind (…) die meisten Menschen verschwenden nach eigener Aussage keine Lebensmittel», sagt er zur «BBC».

Änderungsvorschläge für Konsumenten klingen oft langweilig, bieder und passen nicht zu unserem Lebensstil. Weniger Essbares wegwerfen sei ganz einfach, sagen dagegen Aktivisten wie Web-Ratgeber. Vieles davon klingt wie aus dem Handbuch einer Hausfrau der 1950er-Jahre.

Kostprobe? «Schreib‘ immer einen Einkaufszettel und halte dich daran. Plane, was du essen willst und wieviel du essen kannst, bevor es verdirbt. Iss zuerst das auf, was im Kühlschrank ist, bevor du einkaufen gehst». Oder «Bevor du ein neues Rezept ausprobierst, überlege, wie viele neue Zutaten du dafür kaufen musst. Und wie viel davon geöffnet im Schrank liegt, bis du es im Müll versenkst, weil du es nie wieder benutzt».

«Kauf' lokal und iss nicht soviel Fleisch»

Die «perfekte Hausfrau» von damals dachte bei solchen Sätzen eher ans Budget und weniger an die Umwelt, die Forschung gibt ihr dennoch recht. Und nicht alles lässt sich auf die Gegenwart übertragen. So sind klimaschädlichere Lebensmittel wie zum Beispiel Pouletbrüstchen im Vergleich zum Gemüse zu günstig, um ihren wahren «Klimawert» abzubilden.

Andere Ratschläge klingen nach der bereits umweltbewussteren Elterngeneration wie «Kauf möglichst lokale, unverarbeitete Lebensmittel. Lern‘ kochen. Und iss nicht so viel Fleisch.» Auch das stimmt. Von Schweizer Haushalten weggeworfene Lebensmittel machen weniger als ein Drittel der Foodwaste-Menge aus, verursachen aber die Hälfte der Umweltbelastung. Das liegt daran, dass Lebensmittel wie Käse, Butter und vor allem Fleisch einen grösseren ökologischen Fussabdruck haben als Obst und Gemüse.

Wenn es ganz schlimm kommt, liefert das Netz obendrauf noch den wohl grausigsten weil generationenübergreifenden Satz aus der Zeit der schwarzen Pädagogik: «Iss deinen Teller leer!». So manchen treibt das alles zusammen aus Protest in die nächste Burger-Bude. Und mehr Reste in den Müll.

«Nose to tail» und «Leaf to root»

Zum Glück hört sich nicht alles, was mit Nachhaltigkeit zu tun hat, eintönig, unflexibel und unsexy an. Ein Teil der oben aufgeführten Ratschläge stammt von einer Zero-Waste-Köchin. «Zero Waste» wie «gar kein Müll», eine Bewegung, die bereits mehrere Kochbücher hervorgebracht hat.

Die neue Strömung in der Küche heisst «Nose to tail» (Von der Nase bis zum Schwanz) oder «Leaf to root» (Vom Blatt bis zur Wurzel). Statt sich nur die Spargel- und Filetspitzen herauszupicken, beschäftigt sie sich damit, möglichst das ganze Tier und die ganze Pflanze zu essen, ohne dass Rüstabfälle und Reste entstehen. Das klingt doch schon bedeutend moderner.

Nicht zuletzt: Fleisch und Milchprodukte haben einen viel grösseren ökologischen Fussabdruck als Obst und Gemüse. Konsumentinnen und Konsumenten sollten sie dementsprechend vorsichtig dosieren – also lieber viel Spargel als Filet.

Und den Rest in die (Kompost-)Tonne

Und natürlich macht es einen Unterschied, ob der Müll, den Köche und Esserinnen auch bei aller Vorsicht nicht vermeiden können, verbrannt, deponiert oder kompostiert wird.

Wenn weltweit mehr kompostiert würde, könnte die Welt Milliarden Tonnen CO2 einsparen. Das «Project Drawdown», das sich mit Ideen zur Bekämpfung des Klimawandels beschäftigt, gibt an, dass die Welt 2,1 bis 3,1 Milliarden Tonnen CO2 vermeiden könnte.

Dazu müssten alle ärmeren Länder so viel kompostieren wie die USA (38 Prozent der Lebensmittelabfälle) und alle reichen Nationen so viel wie die EU (57 Prozent) – beide Zahlen bezogen auf das Niveau von 2015. Es sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass Kompostierung aus klimatischen Gründen nicht überall so gut funktioniert wie bei uns.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

Weiterführende Informationen

«How cutting your food waste can help the climate», BBC
«Food waste is responsible for 6 percent of global greenhouse gas emissions», Our World in Data
Homepage von «Foodwaste.ch»

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Eine Meinung

Das Thema «Lebensmittelverschwenung» jst ja recht aber der nicht ersichtliche Kontext stört enorm.

Die systematische Vernichtung von Lebensmitteln um erwünscbte Marktpreise aufrechterhalten zu können, aus dem einzigen Grund Investitionen und folgend Profite schützen zu können. Dies erscheint womöglich den meisten noch als ein irgendwie natürlicher unabdingbarer Vorgangdoch das ist natürlich irreführend.

Mein Eindruck ist der das mit dem Thema Lebensmkttelverschedndung eine grosse Anzahl sich kümmernder Menschen von Kapital und Profitinteressen vereinnahmt und über den Tisch gezogen wird. Obzön zudem das es hier um rein oft viruelle Verfalldaten von meist intensiv industriell hergestellten Produkten geht deren Wert als Lebensmittel schon in Frage gestellt wird.

Das nun eben diese Profitinteressen, die durch den neoliberal bürgerlichen Staat hervorragend geschützt sind (Abfall hat einen Eigentümer) , sich auch noch mit seltsamer Werbung damit hervortun muss in der Tat von einer rein privaten Thematik zu einer umfassend Gesellschaftlichen werden.

Warum? Weil auch hier einmal mehr der Einsatz von Kapital rein zu Profitzwecken beweist, das es zur Lösung von gesellschaflichen Herausforderungen nicht geeiegnet ist und reguliert werden muss.
Uwe Borck, am 31. August 2020 um 05:35 Uhr

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