Der Golf von Gökova in der Türkischen Ägäis © Nadja Soest
Ranger patroullieren entlang der Küste © opri.com

Meeresschutzgebiete: So funktioniert's!

Billo Heinzpeter Studer / 14. Aug 2017 - Lokale Fischer arbeiten Hand in Hand mit Meeresschützern. Ein erfolgreiches Projekt aus der Türkei zeigt, wie's geht.

Eigentlich hatte der Ingenieur Zafer Kizilkaya bloss ein verwaistes Mönchsrobben-Baby retten wollen. Als es gross genug war, um in die Freiheit entlassen zu werden, suchte er nach einem geeigneten Ort. Er entschied sich für den Golf von Gökova im Südwesten der Türkei – und lernte dadurch das Gebiet über und unter Wasser kennen. Nachdem ihm die desolate Lage von Fauna und Flora im schwer überfischten Golf klar geworden war, entschloss er sich, zu handeln. Sein Ziel: Der Golf von Gökova soll zum Meeresschutzgebiet werden, zu einer MPA (Marine Protected Aera).

Zunächst waren die lokalen Fischer skeptisch. Doch Zafer erklärte ihnen den Sinn des Projekts am Beispiel eines Bankkontos: Wenn Geld auf dem Konto ist, kannst du jedes Jahr etwas Zins ernten; wenn nichts auf dem Konto ist, gibt's auch keinen Zins. So gewann er die Fischer, und gemeinsam gewannen sie die Zustimmung der Behörden. Heute ist die Fischerei mit Schleppnetzen im ganzen Golf verboten, und in kleineren Schutzgebieten entlang der Küste darf überhaupt nicht gefischt werden, damit sich der Fischbestand erholen kann. Sogar das Tauchen ist hier verboten, um dem illegalen Harpunen-Fischen einen Riegel zu schieben.

Lokale Fischer werden zu Meeresschützern

Die lokale Küstenwache besitzt nur ein Boot und muss sich heute vor allem um Flüchtlinge kümmern. Deshalb haben Zafer und seine Mitstreiter eine eigene Rangertruppe auf die Beine gestellt. Das verschafft Fischern zusätzliche Arbeit und entlastet die Behörden. Die Hauptaufgabe der Ranger besteht darin, ortsfremde Touristen und Fischer darüber aufzuklären, was in den Schutzzonen erlaubt ist und was nicht. Erst bei wiederholtem Verstoss werden Fehlbare den Behörden angezeigt.

Ranger patroullieren entlang der Küste im Golf von Gökova (Quelle: Ocean Policy Research Institute)

Zusätzliche Arbeit gab es für die lokalen Fischer zudem im Öko-Tourismus. Auf einer Bootstour konnten Gäste die Natur und die Fischerei im Golf von Gökova kennenlernen. Das Boot für die Ausflüge hatte eine Küstengemeinde zur Verfügung gestellt, doch nach der Fusion der Gemeinde wollte die neue Körperschaft nichts mehr davon wissen und konfiszierte das Boot. Für die Fischer war das jedoch kein grosses Unglück; inzwischen haben sich die Fischbestände nämlich wieder soweit erholt, dass wieder bessere Fangerträge möglich sind.

Damit eine Meeresschutzzone funktioniert, braucht es viel Beobachtung und Fantasie. Zum Beispiel gilt es, klug mit dem Klimawandel umzugehen. Die Erwärmung des Mittelmeers bringt neue invasive Arten auch im Gökova-Golf. Zum Teil sind es Fischarten wie Scheinschnapper (Nemipterus randalli) mit sehr gutem Fleisch, die aber auf dem lokalen Markt unbekannt waren. Also organisierte das Team um Zafer zusammen mit Chefköchen eine Kampagne mit Degustationen und Rezepten. Laut Zafer war das eines der erfolgreichsten Projekte zur Anpassung an den Klimwandel.

Andere invasive Arten können zur Plage werden, wie etwa der giftige Pufferfisch (Lagocephalus sceleratuie), der Köder von den Angeln frisst und Netze zerbeisst, oder die Seekatze (Chimaera monstrosa), die algenbewachsene Felsen kahl frisst und damit anderen Fischarten Versteck- und Laichplätze wegnimmt. Im Rahmen eines EU-finanzierten Projekts versucht man nun, auch dieses Problem in den Griff zu bekommen.

Eine weitere «invasive Art» besteht aus zum Teil kilometerlangen Resten von Schleppnetzen. Sie gingen irgendwann im Lauf der letzten fünfzig Jahre verloren, treiben seither als «Geisternetze» im Golf und fangen sinnlos Fische. Wo immer ein solches Netz auftaucht, wird es geborgen.

Spezielle Kurse für Fischerinnen

Zafer und sein Team sorgen auch mit sozialen Massnahmen für eine Stärkung der lokalen Fischer und damit des Meeresschutzes. Ein besonderes Programm entstand für die Fischerinnen. Tatsächlich gibt es im Golf rund 120 Frauen, die täglich zum Fang hinausfahren. Die Frauen wussten allerdings wenig Bescheid über ihre Rechte, über soziale Absicherung, Arbeitssicherheit und über nachhaltiges Fischen. In Kursen erhalten sie jetzt eine Ausbildung. Und da sie die herkömmlichen Schwimmwesten nicht tragen mochten, weil sie bei der Arbeit eng und unbequem waren, kaufte Zafer Westen, die auf den weiblichen Körper zugeschnitten sind und sich erst im Wasser von selbst aufblasen.

Die Anstrengungen zum Schutz des Meeres tragen bereits Früchte: Im Gökova-Golf schwimmen wieder deutlich mehr Tiere: Fische aller Art, Mönchsrobben, Sandbankhaie, Meeresschildkröten… Und auch für die lokalen Fischer geht es wieder aufwärts.

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Dieser Artikel ist zuerst auf der Website von fair-fish Schweiz erschienen.

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Billo Heinzpeter Studer ist Mitgründer und Präsident von «fair-fish international» und Co-Präsident von fair-fish Schweiz.

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Eine Meinung

Danke für diese gute und informative Nachricht, und erst noch aus der Türkei!
Gertrud Bernoulli, am 16. August 2017 um 21:30 Uhr

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