Zu den extremsten Energie-Sündern gehört die Blockchain-Technologie © Blockchain-hero

Zu den extremsten Energie-Sündern gehört die Blockchain-Technologie

Digitalisierungsschub mit ökologischen Fragezeichen

Jürg Müller-Muralt / 04. Jun 2020 - Die ICT-Branche bemüht sich um ein umweltverträgliches Image. Doch Selbstwahrnehmung und Realität sind auch hier zwei Paar Schuhe.

Home-Office, Home-Schooling, Fernunterricht, Videokonferenzen, Onlinehandel, virtuelle Familientreffen: Ohne die Segnungen der Digitalisierung wäre es noch schwieriger gewesen, der bundesrätlichen Bleiben-Sie-zu-Hause-Regel nachzuleben. Die Digitalisierung aller Lebensbereiche hat in Corona-Zeiten einen weiteren Schub erlebt. Aus ökologischer Warte sind das aber nicht zwingend gute Nachrichten.

Insgesamt negativer Effekt auf die Umwelt

Eine im Auftrag des Bundesamtes für Umwelt (Bafu) erstellte Studie der Berner Fachhochschule (BFH) vom April 2020 kommt jedenfalls zum Schluss: Die Digitalisierung führt «unter dem Strich bisher zu einem negativen Effekt auf die Umwelt».

Dieser Befund wird mit drei Trends untermauert: Erstens können dank dem Einsatz von ICT mehr Daten gesammelt, Systeme ausgeklügelter gesteuert, neue Erkenntnisse gewonnen und neuartige Dienstleistungen erbracht werden. Das führt aber in vielen Fällen auch zu einem hohen Energieverbrauch, etwa in der Blockchain-Technologie. Zweitens verbessern die «Entmaterialisierung von Wertschöpfungsprozessen» und der Einsatz erneuerbarer Energien die Ökobilanz. Allerdings ziehen Effizienzgewinne oft auch eine verstärkte Nachfrage nach sich, was wiederum zu vermehrtem Rohstoff- und Energieverbrauch, zu Emissionen und zu mehr Elektroschrott führt. Diese Rückkoppelungseffekte werden als ‘Rebound-Effekte’ bezeichnet. Drittens beschleunigt die Digitalisierung das gesamte Wirtschaftssystem. Damit spitzt sich die ohnehin angespannte Ressourcensituation weiter zu, «und überregionale bzw. weltumspannende Ökosysteme laufen Gefahr zu ‘kippen’», heisst es in der BFH-Studie.

Unterschätzter ICT-Energieverbrauch

«Wie das Internet zum Klimakiller wird» hat Infosperber schon einmal aufgezeigt. Nun veröffentlicht auch die Zeitschrift Computerworld in der Ausgabe vom 22.05.2020 eine bemerkenswert kritische Titelgeschichte* zum Thema Nachhaltigkeit und Digitalisierung. Bemerkenswert auch deshalb, weil dieses Fachorgan aus Zürich zu Themen rund um Informatik und Digitalisierung mit diesem Artikel Fakten ins Bewusstsein ruft, die die Treiber der Digitalisierung vielfach gern etwas ausblenden. Computerworld informiert nach eigener Darstellung «Schweizer IT-Entscheider gezielt über aktuelle Themen, analysiert die wichtigsten Trends und bietet praktische Hilfe bei strategischen Entscheidungen». Es ist zudem das offizielle Organ des Verbandes Wirtschaftsinformatik Schweiz (VIW) und des Information Center und IT-Services Managers Forum Schweiz (ICMF). Der Autor des Computerworld-Beitrags, Rüdiger Sellin, ist Fachjournalist mit den Schwerpunkten Informations- und Kommunikationstechnologien (ICT) und Elektrotechnik. Er schreibt, die ICT-Branche sei stets um ein umweltverträgliches Image bemüht und setze auf Nachhaltigkeit. Doch der Energieverbrauch von ICT werde oft unterschätzt, «weil er nicht unmittelbar sichtbar und nicht gesondert erfasst wird».

Massives Wachstum des Datenverkehrs

Natürlich: Auf der privaten Stromrechnung kann man die Auswirkung einer Google-Recherche kaum dingfest machen. Doch gesamthaft wächst der Datenberg gewaltig. Die Daten- und Energiemengen wachsen in astronomische Höhen. Die grossen Treiber sind einerseits die stark zunehmende private und betriebliche Nutzung von Smartphones, Tablets, PC etc., anderseits die totale globale Vernetzung, das «Internet der Dinge» (IoT), das Cloud-Computing, das Video-Streaming. Zudem ist jeder kleinste Klick im Internet nur dank einer massiven Infrastruktur möglich: Router, Übertragungsnetze, Antennen, Rechenzentren und riesige Serverfarmen.

Allein schon die Gewinnung und der Transport der nötigen Rohstoffe für elektronische Bauteile wie Displays und Akkus benötigen sehr viel Energie, «wobei die Rohstoffe in Südamerika, Afrika und Asien mehrheitlich ohne Rücksicht auf die Ökosysteme gewonnen werden», heisst es in Computerworld. Der Ausbau der 5G-Netze werde zu einem erneuten Wachstum in der Mobilfunktelefonie führen. Der Datenverkehr auf den Mobilfunknetzen werde sich in der Schweiz je nach Provider alle 12 bis 16 Monate verdoppeln.

YouTube: zehn Millionen Tonnen CO2

Rüdiger Sellin verweist in seinem Computerworld-Beitrag auf einige weitere denkwürdige Fakten. So benötigen selbstlernende Maschinen, wie sie für Übersetzungsprogramme verwendet werden, allein in der Trainingsphase fünfmal so viel Energie wie ein Durchschnittsauto über dessen gesamten Lebenszyklus. Eine einfache Suchanfrage braucht auf Google etwa 20-mal soviel Energie wie auf dem Smartphone selbst. Jede Minute werden auf YouTube 400 Stunden Videomaterial hochgeladen, jeden Tag über eine Milliarde Stunden Videos angesehen, dies zu 70 Prozent über mobile Geräte. Allein YouTube verursacht jährlich zehn Millionen Tonnen CO2, was etwa den jährlichen Emissionen von Frankfurt am Main entspricht. Dabei, so schreibt Sellin, sei der Energieverbrauch sozialer Netzwerke noch gar nicht untersucht worden.

Zahlen nicht im öffentlichen Bewusstsein

Der Anteil der ICT-Branche an den globalen CO2-Emissionen wird auf 3,7 Prozent geschätzt, also deutlich mehr als derjenige aus der zivilen Luftfahrt (zwei bis drei Prozent) oder halb so viel wie der Schadstoffausstoss aller Personenfahrzeuge und Motorräder (acht Prozent). «Steigt das Datenvolumen im Internet und in den Rechenzentren weiterhin um rund 30 Prozent pro Jahr, wäre die ICT-Branche 2025 bereits für 8 Prozent aller weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich», schreibt Rüdiger Sellin und beschliesst seinen Artikel leicht resigniert mit dem Satz: «Es erstaunt, dass solche Zahlen im Bewusstsein meistens ausgeblendet werden – aber der Strom kommt ja bekanntlich aus der Steckdose.»

Wie wenig das Problembewusstsein in der Öffentlichkeit verankert ist, zeigt auch die oben erwähnte Studie der Berner Fachhochschule. Aus einer Online-Umfrage mit rund 800 Teilnehmenden geht hervor, dass die Befragten die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Umwelt überwiegend optimistisch einschätzen. Die grössten Chancen der Digitalisierung für die Umwelt sehen sie in der Dezentralisierung der Energieproduktion, in einer effizienteren Energienutzung, in der Einsparung von Materialien und in einem effizienteren Umgang mit Schadstoffen. Diese Einschätzung eines breiteren Publikums deckt sich allerdings nur teilweise mit den Erkenntnissen der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.

*Der Artikel ist auch online nur für Abonnentinnen und Abonnenten von Computerworld verfügbar.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

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Eine Meinung

Hier ein weiterführender Link zu diesem Thema:
https://www.rubikon.news/artikel/digitale-schock-strategie
René Lütold, am 04. Juni 2020 um 10:24 Uhr

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