Am umweltfreundlichsten ist der Stubenhocker: Carl Spitzweg, 1808-1885, Der arme Poet © Pinakothek

Am umweltfreundlichsten ist der Stubenhocker: Carl Spitzweg, 1808-1885, Der arme Poet

Wann kommt der Aufstand der Stubenhocker?

Hanspeter Guggenbühl / 20. Sep 2017 - Wer ein Elektroauto kauft oder pendelt, erhält Umwelt-Subventionen. Höchste Zeit für einen Aufstand der Stubenhockerinnen.

Nehmen wir an: Ein Mann verhökert seinen fünf Jahre alten Mercedes mit Dieselmotor auf dem Occasionsmarkt und kauft ein neues Elektroauto der Marke Tesla. Dafür erhält er in Horgen am Zürichsee seit 1. September einen Umweltbonus von 3000 Franken. Das sieht das revidierte «Förderreglement energieeffizientes Bauen, erneuerbare Energie und Mobilität» vor.

Die Folge dieser scheinbar «grünen» Subvention: Der Tesla fährt neu auf die Strasse, während das alte Dieselauto mit seinem neuen Besitzer weiterhin Öl verbrennt und die Umwelt belastet. Insgesamt steigt damit der Energiekonsum; er steige aber etwas weniger stark, so betonen Anhänger dieser Boni, als wenn der Mercedesverkäufer auf ein Benzinauto der Energieklasse B bis G umgestiegen wäre. Zudem mehren der Verkauf des alten Mercedes und der Kauf des neuen Teslas den Umsatz der Autobranche. Und sie tun dies doppelt und obendrein dauerhafter als eine Verschrottungsprämie, wie sie Deutschland temporär einführte, um nach der Finanzkrise von 2008 die Konjunktur anzukurbeln.

Umweltboni steigern den Umsatz

Ökologisch etikettierte Förderbeiträge in unterschiedlicher Höhe gewährt die Gemeinde Horgen schon seit Jahren an Minergiebauten, energetische Gebäudesanierungen, Heizungen sowie Solaranlagen. Damit stützt sie auch das Bau- und Installationsgewerbe. Der erwähnte Bonus für neue Elektroautos und – in abgestufter Form – für alle neuen Personenwagen der Energieklasse A ist neu und gilt seit diesem Monat. «Bisher profitierten vor allem Hausbesitzer von unseren ökologischen Förderbeiträgen. Mit dem Beitrag an speziell energieeffiziente Fahrzeuge wollen wir jetzt auch andern Einwohnern etwas bieten», begründet Marco Gradenecker, Leiter des kommunalen Energie- und Umweltamtes.

Allerdings profitieren in Horgen nicht alle Käufer und Käuferinnen von angeblich umweltfreundlichen Fahrzeugen. Wer etwa vom Dieselauto aufs Velo mit Elektroantrieb umsteigt, das nur einen Bruchteil so viel Strom frisst wie ein Tesla, geht leer aus. Das Gleiche gilt für Leute, die sich ersatzlos vom Auto befreien. Wer zu Fuss geht oder zu Hause sitzt und über den Sinn von Umweltboni nachdenkt, erhält keine Subventionen.

Umweltboni: Hier profitieren, dort zahlen

Das Beispiel von Horgen ist nur eines unter vielen. Die Stadt St. Gallen etwa fördert den Erwerb von neuen Elektro- und Hybridautos, wenn diese weniger als 50 Gramm CO2/km ausstossen und weniger als 60'000 Franken kosten, ebenfalls mit abgestuften Kaufprämien zwischen 2500 bis 5000 Franken. In vielen Kantonen erhalten BesitzerInnen von Elektroautos überdies Rabatt von 40 bis 100 Prozent auf den Motorfahrzeugsteuern. Und der Bund überlässt allen elektrisch betriebenen Fahrzeugen die Strassen gratis, indem er bislang keine Treibstoffsteuer auf Strom erhebt. Wer heute Kohle-, Atom- oder Solarstrom einsetzt, um 2,5 Tonnen in Form von Blech und Batterien von A nach B zu transportieren, profitiert damit mehrheitlich von einer Subventions-Kumulation.

Indirekt belohnt werden auch jene Leute, die den «umweltfreundlichen» respektive weniger umweltbelastenden öffentlichen Verkehr benutzen. So bezahlen Bahnfahrende mit den Tarifen auf ihren Billetten und Abonnements im Schnitt weniger als die Hälfte der von ihnen verursachten Verkehrskosten. Und alle, die zur Arbeit pendeln, ob mit öffentlichen oder privaten Verkehrsmitteln, können dafür 3000 Franken von den Bundessteuern und in den meisten Kantonen noch höhere Beträge von den Staats- und Gemeindesteuern abziehen.

Wer hingegen daheim arbeitet, Reisemuffel ist und am Strassenverkehr nur passiv via halbstündliche Staumeldungen im gebührenfinanzierten Staatsradio partizipiert, muss auf all diese Mobilitäts-Boni verzichten. Da fragt sich denn: Wo bleibt der Aufstand der Stubenhockerinnen und Stubenhocker, welche die Umwelt tendenziell am wenigsten belasten?

An dieser Stelle ist allerdings einzuschränken: Auch die im Haus Hockenden können von ökologisch motivierten Subventionen profitieren – sofern ihnen das Haus selber gehört, und sofern sie es nicht schon früher auf eigene Kosten saniert haben. So zahlen Bund sowie viele Kantone und Gemeinden Beiträge an energetische Gebäudesanierungen oder an Solaranlagen, die erneuerbare Energie ernten. Zudem belohnen sie solche Investitionen ebenfalls mit Steuerabzügen. Finanziert werden diese Umweltboni teilweise durch Förderabgaben, die auf CO2-Emissionen oder Strom (Netzzuschlag) erhoben werden, teilweise wie etwa in Horgen durch allgemeine Steuermittel. Die Geprellten sind damit die Mieterinnen und Mieter, die wenig herumfahren und auch andere umweltbelastende Tätigkeiten unterlassen. Sie zahlen die Umweltboni via Steuern oder Förderabgaben, ohne solche zu erhalten.

Wer unterlässt, hemmt das Wachstum

Mit Umweltboni belohnt wird also nur, wer etwas tut, in etwas investiert oder etwas konsumiert, was die Umwelt möglicherweise etwas weniger stark belastet als andere Taten. Jede ökologisch motivierte Subvention fördert damit automatisch das Wachstum der Wirtschaft. Gleichzeitig aber fördert das Wachstum der Wirtschaft tendenziell auch die Umweltbelastung. Da beissen sich die Anhänger von Umweltboni in den eigenen vermeintlich grünen Schwanz

Wirkungsvoller wäre es, jene zu belohnen, die umweltbelastendes Tun unterlassen. Statt positive Anreize wie Umweltboni brauchte es dazu negative Anreize in Form von Lenkungsabgaben auf nicht erneuerbaren Naturgütern, deren Ertrag pro Kopf an die Bevölkerung zurückerstattet wird. Damit würden unter dem Strich jene belohnt, welche weniger Energie und andere Naturgüter verbrauchen als der Durchschnitt und mehr umweltbelastende Tätigkeiten unterlassen. Doch Unterlassungen hemmen das Wachstum der Wirtschaft. Darum unterstützen Branchenverbände der Wirtschaft, Regierungen und Parlamente Förderbeiträge aller Art und bekämpfen die ökologisch wirkungsvolleren Lenkungsabgaben.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine.

Weiterführende Informationen

Warum die Lenkungsabgabe ein Papiertiger blieb (auf Infosperber)
Variable Lenkungsabgabe kann den Ölpreis stützen (auf Infosperber)
Energiekonsum umlenken – aber wie? (auf Infosperber)

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6 Meinungen

Lieber Herr Guggenbuehl,wenn ich richtig verstanden habe,Kriegen Sie nichts für diese journalistische Arbeit.Wie muss ich vorgehen,wenn ich Sie für Ihre Arbeit «direkt» entlohnen will.
PS: Bin nicht immer Stubenhocker,gehe jetzt zu Fuße los.

Herzlichen Dank für Ihre Arbeit
Andreas Willy Rothenbühler, am 20. September 2017 um 12:14 Uhr
Peter Vogelsanger: «Aber so einfach ist die Antwort auf die Frage, wann der Aufstand komme, nicht. Es gibt auch einen Wunsch nach Fairness und Gleichbehandlung. Und es gibt einen Widerwillen gegen die Zerstörung des Ökosystems Erde. Die Citizens Climate Lobby in den USA habe bereits 70'000 Mitglieder, heisst es. Wann gibt es eine analoge Bewegung bei uns? Die Zeit drängt und konkrete Kampagnenziele gäbe es trotz der geleisteten Vorarbeit in dem Bereich auch in der Schweiz genug (http://bit.ly/lenkung)."
Willi Herrmann, am 20. September 2017 um 12:38 Uhr
Guten Tag, eine Möglichkeit wäre meiner Meinung das bedingungslose Grundeinkommen einzuführen. Stubenhocker, die sich mit wenig zufrieden geben und daher auch die Umwelt weniger belasten, würden so entschädigt. Sehe aber, so weit das Auge reicht, keine politische Kraft in der heutigen Konsumgesellschaft, die einem solchen Konzept zum Durchbruch verhelfen könnte. Besten Dank für den Artikel, sehe aber in nützlicher Frist keine Revolution der Stubenhocker am Horizont.
Guido Besmer, am 21. September 2017 um 07:10 Uhr
Gute Analyse!
Es stellt sich allerdings die Frage, welche Voraussetzungen die Menschen zu Stubenhockern macht? Ob sie freiwillig oder gezwungenermaßen aus der Teilhabe an der ökonomischen Dynamik ausgeschlossen werden/sind?

Das Belohnungssystem würde nur dort greifen, wo ein Zwang
(z. B. Arbeitslosigkeit, Krankheit etc.) die Ursache für das Stubenhocken wäre. Zum anderen kann ich mir nicht vorstellen, dass ein Mensch freiwillig zum Stubenhocker wird, weil er als natürliches und soziales Wesen auf soziale Interkommunikation und Interaktion und auf Kontakt und Kooperation mit der natürlichen Umwelt angewiesen ist.

Der Kontakt und das lebenserhaltende Verhältnis zur Natur, gehören m. M. nach zu den elementaren Menschen- und Lebensrechten und ist nicht einer ökonomischen Beliebigkeit oder Maxime unterzuordnen.

Fakt ist allerdings, dass der Stubenhocker, mehr oder weniger zur Untätigkeit «gezwungen» wird und dadurch Naturressourcen einspart.
Ein Aufstand der Stubenhocker bestünde demnach darin, die Verzichtserfahrungen zu einer ökonomischen Maxime und einer gesellschaftlichen Tugend umzuwandeln im Dienst der Erhaltung des irdischen Ökosystems.

Doch leider steht dem der religiös-bedingte, biblische Herrschafts- und Arbeits-Imperativ entgegen. Demzufolge wird der Mensch erst zum Menschen, wenn er sich die Welt (Umwelt) «untertan» macht.

Wir müssen uns entscheiden, ob wir im Namen des Herrn «weiter so» machen oder im Namen der Erde endlich umdenken zum Schutz des Lebens
Gisela Weber, am 22. September 2017 um 10:16 Uhr
Guten Abend Frau Weber, danke für Ihren Hinweis. Stimmt, dass heute viele Menschen zum Stubenhocker gewissermassen verurteilt werden, ist mir gar nicht in den Sinn gekommen. In der Tat darf man sich auch fragen, ob Religionen im Sinne der ewigen Profiteure ausgelegt wurden und immer noch ausgelegt werden. Ich denke mal, die Natur kommt ganz gut ohne die von Menschen ausgedachten Religionen über die Runden.
Guido Besmer, am 22. September 2017 um 18:27 Uhr
Ja lieber Herr Besmer, dem stimme ich zu. Die Natur käme ohne uns zurecht, wenn wir sie nicht vollends zerstören würden. Der Mensch ist und bleibt nun mal abhängig von der Natur und nicht umgekehrt.
Mir geht es ja auch darum unsere Art (Mensch) zu erhalten und zwar in Kooperation mit der Natur und nicht gegen sie.
Ich merke nur, dass uns kein Gott hilft unsere Welt zu erhalten.
Im Gegenteil, das müssen wir schon selbst erledigen.
Der rücksichtslose Ressourcen- und Energieverbrauch zwecks Umwandlung in tote Waren ist irreversibel.
Man kann tote Waren nicht in lebendige Natur zurückverwandeln.
Deshalb müssen wir die menschliche Aktivität von Grund auf neudefinieren. Es muss endlich um die Erhaltung der Natur gehen und nicht um ihre Beherrschung und Zerstörung.
Gisela Weber, am 22. September 2017 um 19:10 Uhr

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