AKW Mühleberg: Je länger ein Kraftwerk läuft, desto länger kann man es melken © ensi

AKW Mühleberg: Je länger ein Kraftwerk läuft, desto länger kann man es melken

Die Lichter brennen auch ohne AKW Mühleberg

Hanspeter Guggenbühl / 30. Okt 2013 - Die Lichter gehen nicht aus, auch wenn das AKW Mühleberg schon heute abgeschaltet wird. Denn Strom gibt es zurzeit mehr als genug.

(Red) Die Bernischen Kraftwerke (BKW) haben heute bekannt gegeben, dass das AKW Mühleberg im Jahr 2019 abgeschaltet wird. Sechs Jahre soll also das AKW Mühleberg noch weiterlaufen, obwohl es gravierende Sicherheitsmängel aufweist. Aus aktuellem Anlass bringt Infosperber einen Artikel, den Hanspeter Guggenbühl bereits am 23. März 2012 in der «Südostschweiz» veröffentlicht hat.

Die ökonomische Logik ist einfach: Je länger ein Kraftwerk läuft, desto länger kann man es melken, und desto besser rentiert es. Das AKW Mühleberg läuft seit 41 Jahren mit wenig Unterbrüchen. Zwar gab es Kosten für periodische Nachrüstungen. Trotzdem war «Mühleberg» für ihre Besitzerin BKW und ihren Hauptaktionär, den Kanton Bern, in den letzten Jahrzehnten eine Goldgrube. Denn seine Produktionskosten waren tiefer als die Stromtarife im Raum Bern und meist auch tiefer als die Preise auf dem europäischen Strommarkt.

Kalkulation mit vier Unbekannten

Ob das so bleibt, hängt primär von der Antwort auf folgende Fragen ab: Wie umfassend ist das «Instandhaltungskonzept», welches das Bundesverwaltungsgericht verlangt? Was kostet dessen Vollzug? Wie lang kann das Kraftwerk danach noch Strom produzieren? Und wie entwickeln sich die Marktpreise?

Das ist eine Gleichung mit vier Unbekannten. Doch eines ist klar: Bei Investitionskosten von 400 bis 500 Millionen Franken, die allein ein Ersatz des rissigen Kernmantels verschlänge, würde sich eine Sanierung kaum rechnen. Die Wahrscheinlichkeit ist darum gross, dass die BKW ihren Reaktor in Mühleberg allein schon wegen fehlender Rentabilität abschalten muss. Was dann?

Kein Strommangel in Sicht

«Kurzfristig müssten wir auf Importe ausweichen und uns mittelfristig um Ersatz kümmern», antwortet BKW-Sprecher Antonio Sommavilla auf Anfrage. Ein Engpass in der Stromversorgung hingegen ist nicht in Sicht, weder in der Schweiz noch im Kanton Bern. Das belegen folgende Fakten und Zahlen:

  • Das AKW Mühleberg produziert pro Jahr – je nach Revisionszeiten und Pannen – zwischen 2,6 und 3,1 Milliarden Kilowattstunden (kWh) Strom. Das entspricht einem Anteil von vier bis fünf Prozent am Stromverbrauch in der Schweiz. Dieser Anteil ist kleiner als die jährlichen Schwankungen der Produktion aus Schweizer Wasserkraftwerken.

  • Die Schweiz ist die Stromdrehscheibe von Europa und verfügt damit über grosse Import- und Exportkapazität. In Mitteleuropa gibt es seit 2009 Strom im Überfluss. Auch in den nächsten Jahren dürften die Kapazitäten der Kraftwerke den Strombedarf noch um 10 bis 20 Prozent überschreiten. Die Schweiz und mit ihr auch die BKW können also auf dem europäischen Markt genügend Strom zu günstigen Preisen zukaufen. Die tiefen Marktpreise wiederum machen teure Sanierungen von maroden Kraftwerken zusätzlich unrentabel.

  • Im BKW-Versorgungsgebiet allein, das grosse Teile des Kantons Bern und angrenzende Gebiete umfasst, belief sich der Stromkonsum im Jahr 2010 auf 8,2 Milliarden kWh. Im gleichen Jahr produzierte die BKW mit ihren Kraftwerken und Kraftwerkbeteiligungen im In- und Ausland total 10,5 Milliarden kWh. Der Wegfall von Mühleberg würde den heutigen Produktionssaldo der BKW zwar in einen kleinen Verbrauchsüberschuss umwandeln. Doch dieser liesse sich wie erwähnt mit Zukäufen decken – oder besser noch mit Stromsparen.

Wirtschaftlicher Verlust

Die sofortige Stilllegung von Mühleberg statt wie geplant im Jahr 2019 wäre also weniger ein Mengen- als ein Wirtschaftlichkeits-Problem: Eine 41jährige Betriebszeit rentiert weniger als eine 50 jährige. Die BKW als Besitzerin verlöre nicht nur eine rentable Eigenproduktion. Sie könnte auch weniger Geld in den Stilllegungs- und Entsorgungsfonds zurücklegen. Um die Entsorgungskosten zu decken, müsste die BKW ihre Jahresrechung wohl mit massiven Rückstellungen belasten. Zudem dürfte die Beschaffung von Ersatzstrom zumindest langfristig teurer sein als die heutigen Produktionskosten in Mühleberg.

Wirtschaftliche Einbussen kann die BKW ausgleichen, indem sie diese auf die Strompreise überwälzt, oder indem sie tiefere Gewinne oder Verluste in Kauf nimmt. Die Folgen tragen in beiden Fällen die Bernerinnen und Berner. Entweder zahlen sie als Konsumierende höhere Stromtarife oder als Bürger und Bürgerinnen höhere Steuern. Denn die BKW befindet sich mehrheitlich im Eigentum des Kantons Bern.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

Weiterführende Informationen

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