Aktion von Extinction Rebellion Ecuador, vor den Büros von Lundin Gold in der Hauptstadt Quito. © Extinction Rebellion Ecuador

Aktion von Extinction Rebellion Ecuador, vor den Büros von Lundin Gold in der Hauptstadt Quito.

Das Goldfieber ist stärker als die Covid-19-Pandemie

Andrea Sempértegui und Romano Paganini / 11. Jun 2020 - Trotz Ausgangssperren und Ausnahmezustand: Der Bergbausektor geniesst in Ecuador Sonderregeln - unter Schutz der Armee.

Rene Ortiz Duran muss in einem früheren Leben Goldhändler in Kalifornien gewesen sein oder Banquier in der Schweiz. Nur so lässt sich erklären, wie der Vorsteher des ecuadorianischen Energieministeriums stramm die Linie der Regierung vertritt, die den Bergbau als strategisch wichtigen Wirtschaftszweig des Landes betrachtet. Infiziert mit dem Goldfieber hob der 79-Jährige während einer Gesprächsrunde im Medium The Business Year  die Wichtigkeit des Bergbaus zur Reaktivierung der ecuadorianischen Wirtschaft nach der Covid-19-Pandemie hervor. An der Runde teilgenommen hatten auch der neoliberale Wirtschaftswissenschaftler Walter Spurrier sowie die Chefs der Bergbauunternehmen Solgold aus Australien und Lundin Gold aus Kanada, Nicholas Mather und Ron Hochstein.

Letzterer lässt seit rund einem Jahr mit seinen Maschinen die Gold- und Kupferreserven in Zamora Chinchipe ausbeuten. Die Provinz grenzt an Peru und liegt mitten in der Bergkette Cordillera del Condor. Durch die Pandemie, rechnete Ron Hochstein vor, verliere Zamora Chinchipe monatlich vier Prozent seines Bruttoinlandsprodukts, und die Gegend um Yantzaza, also dort wo das Projekt Fruta del Norte steht und seit einem Jahr Gold und Kupfer abgebaut werden, verliere gar 37 Prozent ihrer Einkommen. Obwohl der Chef von Lundin Gold die Ausfälle für seine Aktionäre unerwähnt liess, war klar: Der Mann ist unzufrieden, dass seit dem 22. März kein Gramm Gold abgebaut werden konnte. So überraschte es nicht, dass Hochstein im Laufe des Gesprächs den «corredor logístico» ins Spiel brachte: ein logistischer Durchgang bis zum Hafen von Guayaquil, um von dort aus die Metalle in die Welt zu exportieren. 

Genauso wenig überraschend war die Antwort von Rene Ortiz, also jenem Mann, der während der Regierung von Jamil Mahuad (1998-2000) bereits demselben Ministerium vorstand, in den 1980er Jahren Sekretär der Organisation Erdölexportierender Länder (OPEC) war und in Sachen Rohstoffausbeutung mit allen Wassern gewaschen ist: «I am working on it, and I will get it», sagte er in sauberem Englisch. «Ich arbeite daran, und ich werde es erreichen.»

Für den Bergbau ist alles erlaubt

Nur neun Tage nach der öffentlichen Online-Sitzung sollte Ecuadors Energieminister sein Versprechen an die Geschäftsleute aus dem globalen Norden einlösen und den Präsidenten des Andenstaates dazu bringen, ein entsprechendes Dekret zu unterzeichnen. Dort heisst es unter anderem, dass für die strategischen Sektoren der Transport und die normalen Aktivitäten in all ihren Phasen sichergestellt und ein entsprechender Korridor für den Export geöffnet werde. Um sicherzustellen, dass die Metalle auch tatsächlich verschifft werden, fügte er hinzu, dass Polizei und Militär sich aktiv daran beteiligen werden.

Kaum war die Tinte des Dekrets getrocknet, rollten auch schon die ersten Lastwagen durch Zamora Chinchipe in Richtung Bergbau-Mine Fruta del Norte (Frucht des Nordens). Nach Angaben der örtlichen Behörden ignorierten die Fahrer die vom regionalen Krisenstab festgelegten Sicherheits-Protokolle. Einer der Fahrer soll gemäss Augenzeugen sogar aus seinem Lkw ausgestiegen sein, um sich in einem örtlichen Geschäft zu verpflegen. Das hat die lokalen BewohnerInnen deswegen in Aufruhr gebracht, weil Chauffeure und Lkw direkt aus Guayaquil kommen, das von Covid-19 besonders betroffen ist. Der regionale Krisenstab hat bereits in der zweiten Woche der Quarantäne beschlossen, dass sämtliche Fahrzeuge, die ins Gebiet vordringen, mit einem Desinfektionsmittel und die FahrerInnen mit einem Gemisch aus Alkohol und Chlor desinfiziert werden. Darüber hinaus verlangte der zuständige Bürgermeister von Zamora, Manuel González Salinas, dass die Lastwagen von Bergbauprojekten vorläufig nicht zirkulieren dürften.

Lokale Behörden machtlos, Nacht im Gefängnis

Als Manuel González erfuhr, dass die Sicherheitsmassnahmen von Lundin Gold ignoriert werden, ging er persönlich zur Desinfektionsstelle am Stadtrand, um die Einhaltung der Vorschriften zu verlangen. Doch die fünf mit Edelmetallen beladenen Lastwagen wurden von staatlichen Streitkräften begleitet; Augenzeugen berichteten von rund hundert Polizisten und Soldaten. «Sie sind ebenfalls ein Mensch, genauso wie wir es sind», versuchte der Bürgermeister mit blauer Maske den Chefpolizisten mit der schwarzer Maske zur Vernunft zu bringen, «durch unsere Massnahmen schützen wir auch Ihre Familien.» Doch der Mann in Uniform sagte lediglich, dass sich das Virus nicht durch Strassensperrungen aufhalten lasse und die Anwesenden, darunter andere Lokalpolitiker, das Gesetz brechen würden; in weiten Teilen Ecuadors herrscht seit dem 17. März ab 14 Uhr eine strikte Ausgangssperre.

Kurz darauf räumte die Polizei die Strasse mit Schlagstöcken und Tränengas. Zudem wurden die Zuständigen der Desinfektionsstelle – ein Gemeindepolizist, ein Feuerwehrmann und der Vorsteher der regionalen Behörde für nachhaltige Entwicklung – vorübergehend festgenommen. Sie verbrachten die Nacht im Gefängnis.

«Sie werden nicht Hunger leiden»

Über die Wirksamkeit sowie die gesundheitlichen Folgen der in weiten Teilen Ecuadors angewandten Desinfektionsmethoden für Fahrzeuge und Menschen lässt sich streiten. Dies rechtfertigt allerdings nicht, dass sich Bergbaufirmen über die Sicherheitsvorschriften lokaler Behörden hinwegsetzen, die überdies von der Zentralregierung beauftragt wurden, solche einzuführen und einzuhalten. «Das Nicht-Einhalten dieser Regeln hat Unruhe in unsere Bevölkerung gebracht», sagt Manuel González ein paar Tage später am Telefon. Der Bürgermeister von Zamora ist auch Präsident des regionalen Krisenstabes und besteht darauf, dass die festgelegten Protokolle berücksichtigt werden. «Es geht nicht an, dass sich Lundin Gold über die Zamoranos lustig macht.»

Das Unternehmen selbst hielt nur einen Tag nach den Vorkommnissen in einem Communiqué fest, dass sich Lundin an «internationale Protokolle» halte und die Fahrzeuge auf dem Weg von und nach Guayaquil an verschiedenen Stellen desinfiziert würden. Eine Darstellung, an der die lokalen Behörden zweifeln. «Wir kennen die Details dieser Protokolle nicht», sagt der Bürgermeister. «Ausserdem verfügt das Unternehmen über eine 25-jährige Bergbau-Konzession und wird nicht Hunger leiden, wenn es für ein paar Wochen das Material nicht exportieren kann.»

Der Goldpreis steigt weiter an

Einer der Gründe für die Ungeduld von Lundin Gold und Co. dürfte an den Börsen von New York, Toronto, London und Zürich zu finden sein. Dort wird das Gold von Zamora Chinchipe gehandelt – Gold, das gemäss Informationen der NGO Mining Watch in seiner physischen Form in der Raffinerie Harjavalta in Finnland verarbeitet wird. Im Gegensatz zum Erdöl, dessen Preis in den vergangenen Wochen massiv zusammengebrochen ist, hat der Goldpreis seit Anfang Jahr um 36 Prozent zugelegt.

Der Goldrausch scheint also stärker als das Covid-19-Fieber, und zwar nicht nur im Süden Ecuadors. So sind Mitte März Mineure und Lastwagen ohne Bewilligung in Pacto eingedrungen, einem kleinen Dorf nördlich von Quito, um dort nach Gold zu schürfen. Und nur drei Wochen später prangerten die BewohnerInnen von San Lorenzo, an der Grenze zu Kolumbien, die Verseuchung ihrer Flüsse an – ihrer einzigen Wasserquelle –, offenbar durch verstärkte Bergbauaktivitäten; auch da geht es um Gold. Dabei ist der Bergbau in dieser Gegend seit August 2018 offiziell verboten.

Sicherheit für Firmen, nicht für Mitarbeitende

Ereignisse wie jene in Zamora wiederholen sich derzeit auch in anderen Teilen des Kontinents. Man beobachte mit Besorgnis, dass Regierungen trotz Quarantäne den Bergbau als vorrangige Aktivität deklariert haben, schrieb die Beobachtungsstelle für Bergbaukonflikte in Lateinamerika in einem kürzlich veröffentlichten Bericht. Ausserdem würden Sicherheitsprotokolle genehmigt, die in erster Linie den Firmen dienten, ohne jedoch Virus-Tests für die Mineure in Betracht zu ziehen. In Bezug auf Polizei und Armee hat die Beobachtungsstelle ein ähnliches Verhalten wie in Zamora festgestellt. Die Streitkräfte würden die Transporte der Edelmetalle unter dem Vorwand verteidigen, dass dies auf Grund des Ausnahmezustandes unerlässlich sei.

Ivonne Ramos von der NGO Acción Ecológica in Quito teilt diese Kritik. «Der Staat muss dieselben Massnahmen durchsetzen, die er für die übrige Bevölkerung anwendet», betont Ramos. Andernorts in Lateinamerika gibt es bereits bestätigte Fälle von Covid-19-Ansteckungen, die in Zusammenhang mit Bergbauaktivitäten stehen. In Peru beispielsweise hatten sich bis Anfang Monat über 500 Bergbau-Leute mit Covid-19 angesteckt. «Wir dürfen nicht vergessen, dass die Menschen, die in der Nähe von Bergbauprojekten leben, aufgrund der Verschmutzung ihrer Gewässer und ihres Landes bereits über ein schwächeres Immunsystem verfügen.»

Der nationale Krisenstab hat auf die Geschehnisse reagiert. Er hat den Bürgermeister von Zamora «nachdrücklich» darauf aufmerksam gemacht, den Transport aus der Mine Fruta del Norte nicht weiter zu behindern. Gegen ihn ist eine Untersuchung eingeleitet worden. Der Bürgermeister selbst, Manuel González Solís, bleibt gelassen. «Ich fürchte nichts, was nicht brennt. Ich will lediglich die Menschen in unserer Region schützen.» González ist die Unterstützung der Vizepräfektin sicher. Und auch das Bündnis der Amazonas-Orte sowie jene Galapagos, bestehend aus 46 Gemeinden, hat sich hinter González stellen. Ausserdem ist Acción Ecológica von der Hauptstadt aus daran, eine Beschwerde beim nationalen Ombudsmann vorzubereiten, dem Bindeglied zwischen Regierung und Gesellschaft.

Mitarbeit: Vicky Novillo Rameix und Katharina Hohenstein

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine / Der gesamte Text ist bereits auf der Online-Plattform mutantia.ch erschienen.

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