Massentourismus, Fussabdruck, infosperber © pixabay

Der weltweite Tourismus belastet das Klima stärker als ältere Studien zeigten.

CO2-Fussabdruck von Touristen deutlich grösser als angenommen

Tobias Tscherrig / 29. Mai 2018 - Weltweit entstehen acht Prozent aller Treibhausgase durch Reisen. Das Klimaschutzabkommen von Paris hinkt hinterher.

In den letzten Jahren hat der weltweite Tourismus stark zugenommen: Nach Angaben der Weltorganisation für Tourismus (UNWTO) wurden im Jahr 1950 25 Millionen grenzüberschreitende Reiseankünfte gezählt. 66 Jahre später waren es bereits 1,23 Milliarden. Dieser rasante Anstieg beschert der Tourismusindustrie satte Einnahmen, er sichert Arbeitsplätze und Wohlstand.

Obwohl der Massentourismus in der Vergangenheit stets an Bedeutung gewonnen hatte, konnte sich die Wissenschaft nicht darüber einigen, für wie viel Prozent der weltweit ausgestossenen Treibhausgase Reisende verantwortlich sind. Die ungefähre Schätzung der Experten: Reisende produzieren rund drei Prozent der weltweiten CO2-Emissionen. Kaum ausgesprochen, wurde diese Schätzung kritisiert. Sie sei zu ungenau und lasse die indirekten Emissionen aus der Zuliefererkette aussen vor, hiess es. Selbst mehrere UN-Organisationen mussten gemäss der «Zeit» eingestehen, dass «die Summe aller (Tourismus-)Emissionen höher liegt».

Die Folge dieser Verwirrung: Noch im Jahr 2008 lagen keine spezifischen Daten für den weltweiten Tourismus vor.

«Weltweit erster Blick auf die wahren Kosten des Tourismus»

Anfang Mai veröffentlichte ein Forschungsteam aus Australien, Taiwan und Indonesien im «nature climate change» ihre neuen Erkenntnisse. Die Analyse sei ein erster weltweiter Blick auf die wahren Kosten des Tourismus, wird eine der beteiligten Forscherinnen in der «Zeit» zitiert.

Statt den bisher geschätzten rund drei Prozent, soll der Anteil des Tourismus an den weltweiten Treibhausgas-Emissionen acht Prozent betragen. Das internationale Forscherteam bezog bei ihrer Arbeit auch diejenigen Emissionen mit ein, die indirekt mit dem Tourismus zusammenhängen. Emissionen, die zum Beispiel beim Bau von Flugzeugen und anderen Transportmitteln entstehen. Oder bei der Viehwirtschaft, welche Hotels und Restaurants mit ihren Produkten beliefert.

«Grundsätzlich ist die Studie sehr gut, um aufzuzeigen, welche Effekte Tourismus hat», sagt Emissionsspezialist Niklas Höhne vom New Climate Institute in Bonn gegenüber der «Zeit». Er lobt die Vielfalt der berücksichtigten Faktoren, weist aber gleichzeitig darauf hin, das es eine «methodische Frage ist, was man alles dazu zählt».

«Tourismus ist emissionsintensiv»

Die Forscher, welche die Daten während eineinhalb Jahren zusammentrugen, weisen in ihrer Studie selber darauf hin. So hätten die Touristen natürlich auch zuhause essen müssen, ausserdem konnten Geschäfts- und Urlaubsreisen nicht unterschieden werden. Weiter behelfen sich die Autoren mit Zahlen aus dem Jahr 2013 – neuere Angaben waren nicht verfügbar. Trotz dieser Unschärfen: Experten schätzen die neuen Erkenntnisse als weit präziser ein, als dies bei früheren Schätzungen der Fall gewesen war.

Die Studienautoren räumen zudem mit falschen Meinungen auf. So widersprechen sie der weit verbreiteten Ansicht, Tourismus sei eine schonende Enwicklungsmöglichkeit. Genau das Gegenteil sei der Fall: Ein Prozent Wachstum erzeugt demnach mehr zusätzlichen Klimagas-Ausstoss als dasselbe Wachstum in vielen anderen Branchen. Die Einsparungen – etwa durch neue Technik – werde durch die steigende Nachfrage aufgefressen. Der Tourismus wachse sogar schneller als der Welthandel.

So sei der Treibhausgasausstoss durch den Tourismus zwischen 2009 und 2013 von 3,9 auf 4,5 Milliarden CO2-Äquivalente angestiegen, was eine jährlichen Steigerungsrate von 3,3 Prozent bedeute. Wenn sich der Reisetrend nicht ändere, werde der klimaschädliche Ausstoss des Tourismus bereits in sieben Jahren auf 6,5 Milliarden Tonnen CO2-Äquivalente steigen.

«Reiseindustrie wird nicht in die Pflicht genommen»

Die Studienautoren weisen auch darauf hin, dass die globale Reiseindustrie nur teilweise für den Schutz des Klimas verantwortlich gemacht werde. «Mindestens 15 Prozent der weltweiten tourismusbedingten Emissionen unterliegen gegenwärtig keinem bindenden Reduktionsziel», schreiben die Forscher in ihrer Studie. Schuld sei auch das Pariser Klimaschutzabkommen, das weder den wachsenden internationalen Flugverkehr noch die globale Schifffahrt erfasse.

Das mit dem Tourismus auch der Luftverkehr und damit die Emissionen steigen, ist längst kein Geheimnis mehr. Allein in der europäischen Union nahm der Ausstoss von Treibhausgasen in der Luftfahrt zwischen den Jahren 1990 und 2000 um 58 Prozent zu. Trotzdem ist die Besteuerung des billigen Kerosins noch immer kein Thema – auch nicht in der Schweiz.

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Weitere Artikel zum Thema:

- Flugverkehr: Wachstum vor Klimaschutz

- Schweizer Wettbewerbsvorteil auf Kosten der Umwelt

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

Weiterführende Informationen

o Dossier: Klimapolitik kritisch hinterfragt
Dossier: Flugverkehr

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Eine Meinung

Und der Sport? Wird auch mal untersucht, was das weltweite Wachstum der Sport-Unterhaltungsindustrie für eine Auswirkung auf die CO2-Emission hat? Oder laufen die enormen weltweiten Mobilitäts-Ströme von Einzelsportlern, Mannschaften, Funktionären und Fans in Freizeit- und Profisport unter dem Titel «Tourismus"?

Nur ein Beispiel: Die FIFA stockt für die WM 2026 die Mannschaften von heute 32 auf 48 auf, die Zahl der Spiele steigt von heute 64 auf 80. Das kann man wohl bis zwei Stellen nach dem Komma ausrechnen, was das für einen grösseren CO2-Ausstoss für die künftige WM bedeutet. Wenn die FIFA ihren Teil zum Pariser Klimaabkommen beitragen wollte, müsste sie die Zahl der Turniermannschaften verkleinern und nicht erhöhen...!

Jetzt haben wir nur von einem einzigen Wettbewerb in einer einzigen Sportart gesprochen. Man halte kurz die Augen zu und stelle sich vor, welche Mobilität bei allen Sportarten ausgelöst wird, angefangen bei den regionalen bis hin zu den weltweiten Wettbewerben.
Peter Brotschi, am 29. Mai 2018 um 14:32 Uhr

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